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Rubrik denken

Durch Selbstbewusstsein zu Wohlbehagen, Freiheit und Handeln, 3 

Von Luisa Muraro

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Ich komme nun zum letzten Abschnitt meiner Abhandlung, die nicht mehr sehr viel länger werden soll. 

Während ich mir für diesen Vortrag Notizen machte, hatte ich immer im Kopf, dass er sich überwiegend an Lehrende richtet, also an Frauen, die es mit jungen oder ganz jungen Menschen zu tun haben, mit jungen Frauen oder mit kleinen Mädchen. Auch ich bin eine Lehrerin junger Frauen, ich arbeite an der Universität mit einem Forschungsauftrag, daher habe ich keine institutionelle Beziehung zu den Studentinnen, sondern eine freiwillige. Ich weiß, dass es schwierig ist, Dankbarkeit gegenüber der Mutter zu lehren, und zwar aus zwei Gründen, die miteinander verflochten sind. Es ist an sich schon schwierig, weil die Gesellschaft nur Modelle für männliche Personen ausgearbeitet hat. Und deren Situation unterscheidet sich strukturell von der Situation weiblicher Personen aufgrund der Verschiebung, die männliche Personen zum Vater hin vornehmen. Eine Verschiebung findet auch für weibliche Personen statt, jedoch weiterhin zur Figur der Mutter hin. Die Mutter ist ja für die Tochter diejenige, die ihr das Leben geschenkt hat, und sie ist gleichzeitig der Weg zur persönlichen Autonomie oder das Hindernis auf diesem Weg. Die Mutter vereinigt in sich diese beiden Dinge, für das männliche Kind sind sie jedoch auf Vater und Mutter verteilt. Wegen dieser Situation, also dass unsere Gesellschaft nur Modelle und Theorien für die Beziehung des männlichen Kindes zu seinen Eltern, zu Mutter und Vater, ausgearbeitet hat und nicht für die strukturell andere Beziehung der Tochter, tendieren wir oft zu falschen Annahmen. Der häufigste Fehler ist der, per Analogie vorzugehen. Argumentiert nie über Frauen in Analogie zu Männern. Wenn ihr wollt, dann überprüft das, aber bildet keine Analogien. 

Manche Frauen glauben, dass sie, um gegenüber der mütterlichen Figur autonom zu werden, diese attackieren müssen. Das kann das männliche Kind gegenüber dem Vater tun, dessen Platz es einmal einnehmen wird, denn es greift damit nicht den Ursprung seines Lebens an. Für eine Frau ist ein solches Verhalten falsch, denn es erzeugt Schuldgefühle, Angst vor mütterlicher Vergeltung, Vorwürfe, Ressentiments und Groll und es eröffnet einen Kreislauf der Unfreiheit. Die Antwort ist stattdessen Dankbarkeit. 

Dankbar zu sein, ist das, was für weibliche Autonomie in der Beziehung zur Mutter getan werden kann. Also ist Dankbarkeit auch die erste Schwierigkeit in der Beziehung zu jungen Frauen und Mädchen. Für unsere Arbeit, Freiheit und Dankbarkeit gegenüber der Mutter zu lehren, fehlen uns die Grundlagen, aber nicht alle. Zum Beispiel ist es schwierig, weil die Gesellschaft dafür keine Modelle anbietet. Sie bietet stattdessen dem Mädchen oder der jungen Frau eine falsche Befreiung von der notwendigen Dankbarkeit gegenüber der Mutter an. Unsere Gesellschaft sagt nämlich der jungen Frau, dass sie sich an den Mann wenden kann, um Freiheit und die Befreiung von der Dankbarkeit gegenüber der Mutter zu bekommen. Diese Befreiung, ich wiederhole es nochmals, ist falsch, weil die Frau ihr ganzes Leben lang mit Elementen von Unfreiheit für jene fehlende Dankbarkeit bezahlen wird. Sie kann sich jedoch Illusionen machen und daran glauben, dass das eine Lösung sein könnte. 

Denn der Weg zur Dankbarkeit ist ja nicht einfach. Der Weg zur Freiheit ist nicht einfach. Und daher macht jenes Angebot einer Befreiung, auch wenn diese falsch ist, die Arbeit der Mutter, der Lehrerin, der Erzieherin oder der Meisterin sehr schwer. Und obendrein können auch wir innerlich belastet sein durch das Problem der fehlenden Dankbarkeit. Und folglich kann in der pädagogischen Beziehung das Hindernis wieder aufleben, das aus der fehlenden Dankbarkeit entstanden ist. Wir haben Schülerinnen, die gegen uns als mütterliche Figuren revoltieren, und gleichzeitig sind wir Frauen, die gegen ihre Mutter revoltiert haben. Der Ausweg, den ich sehe, ist politisch, weil wir, solange wir in dieser Situation verbleiben, nichts anderes tun, als das Problem zu reproduzieren. Anders ausgedrückt können wir uns nicht darauf beschränken, nach psychologischen oder pädagogischen Lösungen zu suchen, denn bei diesem Problem ist alles verschwendete Mühe, was sonst auf der psychologischen und pädagogischen Ebene wirkungsvoll ist. Alles wird vergegenwärtigt und ans Licht gebracht werden durch eine pädagogische Praxis, die explizit dem weiblichen Begehren Raum gibt.

Ich bezeichne als politischen Ort für eine Frau einen realen, gesellschaftlichen Ort, an dem die Befreiung ihres Begehrens Wirklichkeit werden kann. Das führt allerdings ganz und gar nicht zur Lösung aller Probleme. Denn die Befreiung des weiblichen Begehrens im Kontext der gesellschaftlichen Realität provoziert selbst sehr viele Probleme. Doch sind das alles gute politische Probleme, die angegangen werden können. Diese politische Sichtweise ermöglicht es, dass der Reichtum an Kompetenzen und Erfahrungen aus der Arbeit sehr vieler Erzieherinnen und Lehrerinnen zurückgewonnen werden kann, von den Universitäten bis zu den Schulen und bis hin zu den Kindergärten für die kleinen Mädchen. Ein Ort weiblicher Freiheit wird geschaffen, das heißt, ein Ort der weiblichen Autorisierung des Begehrens, von welchem auch immer. Unter weiblicher Freiheit im gesellschaftlichen Sinn verstehe ich einen Ort, an dem das Begehren einer Frau, egal, was es ist, von anderen Frauen zugelassen wird, eine weibliche Autorisierung bekommt. Autorisierung heißt nicht notwendigerweise, dass dieses Begehren gut ist, es heißt, dass es ein Begehren ist, das ausgesprochen werden kann, auch wenn es möglicherweise ein Begehren nach übelster Politik, Karriere oder Karrierismus ist. Autorisierung bedeutet Sagbarkeit, Erlaubtsein, kein Moralismus, keine Beschämung, keine Interpretation nach männlichem Modell, keine Aussage wie: “Du bist ein Mensch, dann handle wie ein Mensch”. Das ist die Autorisierung, später muss dann natürlich auch ein Maßstab hinzukommen und danach dann auch eine Beschränkung, eine Beurteilung.

Ich spreche hier zu Frauen, die teilweise Erfahrung mit der Politik der Frauen haben, also auch mit der Frage, auf die ich hier anspiele. Wenn nämlich ein Ort weiblicher Freiheit geschaffen wird, dann wird eine Frau an diesem Ort auch fähig, selbst zu urteilen. Ich denke zum Beispiel an eine Begegnung, die ich mit Studentinnen an den besetzten Fakultäten für Architektur und für Politikwissenschaften in Mailand hatte. Sie hatten mich eingeladen, also nur die Frauen, obwohl die männlichen Mitbesetzer darum baten, die Bindung zwischen Männern und Frauen, die während der Besetzung gewachsen war, nicht zu zerstören. Heute wird die weibliche Präsenz als viel wichtiger empfunden als damals, vor zwanzig Jahren. An diesem, wenn auch nur vorübergehenden Ort weiblicher Freiheit hörte ich jenes Thema der Mutter, und das Schöne war, dass auch einige Mütter anwesend waren. Die Studentinnen begannen folgendermaßen zu sprechen: “Ich als Frau” und “Ich als Person”, weil sie gelernt hatten, so zu sprechen, ich weiß nicht von wem. Und am Ende sprachen sie darüber, was für sie sexuelle Freiheit bedeutete, was ihnen die Mutter bedeutete und was ihnen ihre Sexualität bedeutete. Das heißt, sie hatten keinen Horror mehr vor der Figur der Mutter in ihrer Geschichte der Beziehung zur anderen Frau. Ich bin überzeugt (und das sage ich als Arbeitshypothese für unsere Beziehung zur Tradition weiblicher Pädagogik, einschließlich der familiären von Schwestern, Müttern usw.), dass jedes Mal, wenn es weibliche Lehrfähigkeiten gibt, diese mit einer Wiedererweckung der Dankbarkeit gegenüber der Mutter verbunden sind. Eine Wiedererweckung, die gleichzeitig Wirkung und Ursache der guten Ergebnisse dieser Lehre ist, in einer Art Circulus Virtuosus, der durch die Versöhnung zwischen dem Mädchen oder der jungen Frau und der Figur der Mutter eröffnet wird.

Diese Versöhnung ist das Herzstück der Freude am Lernen, des Wunsches zu verstehen, des Dranbleibens an äußerst schwierigen Aufgaben und des Vertrauens gegenüber dem, was die Lehrerin sagt und tut. 

Ihr wisst ja schon, dass wir in einem historischen Moment leben, in dem unsere patriarchale Gesellschaft im Niedergang begriffen ist. Eine freie weibliche Gesellschaft ist schon entstanden, und auf jeden Fall bekommt die gemischte männliche Gesellschaft weibliche Stärke und Mobilisierung zu spüren, die das weibliche Begehren fördert, wobei sogar Männer sich bemühen, ihm Raum zu geben. Eine solche männliche Autorisierung halte ich aber für falsch, das heißt, für nicht wirklich frei, weil darin der Maßstab fehlt. Denn der Mann hat nicht das Interesse und die symbolische Position, um dem weiblichen Begehren den Maßstab zu geben, der diesem Begehren entspricht.

Daher die Notwendigkeit von Politik. Dankbarkeit ist der Name für eine symbolische Beziehung, die nicht auf das Zeigen von Gefühlen reduziert werden kann. Sie kommt vor dem Wort und nicht aus dem Wort. Sie gehört zu jener grundlegenden Sprache, die der Trennung zwischen Dingen und Worten vorausgeht.

Und so, nur so, indem wir diese Sprache sprechen, die aus Worten, Gesten und aus dem Handeln und seinen praktischen Folgen gemacht ist, nur so können wir die Dankbarkeit geschehen lassen. Wenn wir also die Sprache sprechen, die ich Politik nenne. 

Luisa Muraro, Universitá di Verona, Per il senso di sé: Piacere – Libertà – Azione, in: Inviolabilità del Corpo femminile, a cura di Associazione Donne Insegnanti di Firenze, Atti del corso di Aggiornamento 2 marzo – 11 maggio 1990, S. 15-32

Übersetzung: Dorothee Markert

Autorin: Luisa Muraro
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 01.10.2026
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne Newball Duke sagt:

    Ich verstehe Luisas Dankbarkeit ein bisschen so, wie ich auch angefangen habe, über Liebe nachzudenken: als Fähigkeit, nicht so sehr als Gefühl (hier https://annenewballduke.substack.com/p/16-politik-und-liebe-in-zeiten-rechter habe ich erst vor Kurzem darüber geschrieben). Zuvor habe ich Luisas Dankbareit oft als etwas „Zementiertes“ verstanden: geh nicht zurück in negative Ansätze und such nicht den Widerspruch, wenn du dich auf deine Mutter beziehst: zementier einfach das Fundament der Dankbarkeit ein und gut ist! Jetzt verstehe ich, dass die Dankbarkeit als Fähigkeit verstanden, gerade die Möglichkeit eröffnet, in die Abgründe (also der Blick ist gerade nicht zuzementiert) dessen zu schauen, was auch unsere Mütter an patriarchaler Overdosis erfahren mussten und unweigerlich in sich tragen, ob für sich selbst bewusst gemacht oder nicht, und egal auch, ob sie sich dagegen auf ihre Art auflehnten. In welcher je konkreten Form auch immer wird ihre patriarchale Erfahrung in ihrer Erziehung an uns Töchter weitergegeben.
    Die Dankbarkeit als Fähigkeit verstanden, schützt im Grunde vor der Psychologisierung. Ich mag die Vorstellung einer Genealogie „unter mir“, also viele Generationen in die Vergangenheit hineinreichend, in der nicht nur die Verletzungen durch das System, sondern auch all die Freiheiten aufschimmern, die jede Frau für sich und sicher auch gemeinsam mit anderen in freudige und einfach gute Gefühle versetzt haben. Wenn ich gedanklich dieser Spur und Energie der guten Gefühle folge, dann erhöht sich auch wiederum meine Fähigkeit zur Dankbarkeit.

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