Forum für Philosophie und Politik
Von Luisa Muraro

Andere brauchen jedoch Argumente, um die These akzeptieren oder zurückweisen zu können bzw. um später allein die notwendige Arbeit zu machen, bei der sie erkennen, ob die These stimmt und für sie annehmbar ist. Es gibt keinen anderen Weg als eine solche innere Akzeptanz. Folglich bringe ich keine Argumente vor, um nachzuweisen, dass die These wahr ist, weil es eine These von der Art ist, die entweder von innen heraus akzeptiert wird oder bei der es nichts nützt, sie von außen als wahr bewiesen zu haben. Meine Argumente werden deshalb die These nur illustrieren. Ich finde sie bei zwei großen Denkerinnen: Jane Austen und Melanie Klein. Diese haben im Grunde eine gewisse Verwandtschaft mit den beiden Denkerinnen, an die hier schon erinnert wurde, mit Carla Lonzi und Luce Irigaray.
Das literarische Werk von Jane Austen, der Autorin von “Stolz und Vorurteil”, hat schon Eingang in die politische Kultur der Frauen gefunden. (Ich beziehe mich auf den gelben Katalog des Frauenbuchladens der Bibliothek von Parma “Die Mütter von uns allen”, deutsch hrsgg. v. Andrea Günter und Veronika Mariaux in: Papierne Mädchen, Dichtende Mütter, Frankfurt 1994). Austens Werk wurde damit schon in die politische Thematik von uns allen eingebracht und dorthin übertragen. Meiner Kenntnis nach fehlt aber noch eine an der weiblichen Freiheit ausgerichtete literarische Kritik und ihre pädagogische Umsetzung. Und ich bilde mir ein, dass ich hier etwas genau in diesem Sinne herausarbeiten kann, was den Intentionen von Jane Austen als Schriftstellerin gegenüber absolut treu bleibt.
Kurz gesagt, können wir behaupten, dass sie schreibt, um einen Ort zu schaffen für die symbolische Ordnung der Mutter, und dass sie auch von diesem Ort aus schreibt. Bei ihr fand ich jene Wahrheit, die ich letztes Jahr in dem Artikel “Freiheit lehren” zu formulieren versucht habe, bei einer ähnlichen Gelegenheit wie dieser hier. So sehr eine Frau sich auch einen Mann herbeisehnen und in manchen Fällen auch gezwungen sein kann, auf einen Mann zu warten, für das tägliche Brot bis hin zur Liebe, für eine Wohnung bis hin zur Lebensbegleitung, nicht zu sprechen von Söhnen und Töchtern (es ist eine strukturelle, biologische Tatsache, dass Kinder nicht allein gezeugt werden können, dass es dafür einen anderen braucht) und natürlich auch für konkrete Güter; also wegen welcher Vorteile auch immer eine Frau auf einen Mann warten muss oder will, so lehrt es uns Jane Austen, sollte sie wissen, dass sie sich von einem Mann nicht abhängig machen kann in Bezug auf jenes wesentliche Gut, das Bewusstsein ihrer selbst, verbunden mit der Fähigkeit, selbst über alles zu urteilen, was sie in erster Person betrifft, also in einem Wort, in Bezug auf das Selbstbewusstsein.
Nochmals möchte ich betonen, dass es hier nicht um Ich-Psychologie oder Ähnliches geht, sondern um eine symbolische und soziale Ordnung, wie sich unter anderem aus einem kurzen Abschnitt von “Überredung” (persuasion) herauslesen lässt. Ich behaupte, dass das ganze literarische Werk von Jane Austen in diesem Licht gesehen werden muss, dass es genau am Ort jener symbolischen Ordnung geschrieben wurde, und um diesen Ort zu schaffen. Dem vorletzten Kapitel von “Überredung” habe ich einen kurzen Abschnitt entnommen. Ich weiß nicht, ob es ein Zufall ist, dass jener Abschnitt das Letzte ist, was sie schrieb, bevor sie der Krankheit erlag. Er stammt nicht aus dem letzten, sondern aus dem vorletzten Kapitel ihres letzten Romans, das letzte Kapitel wurde später angefügt. Also sind es wirklich die letzten Worte, die sie geschrieben hat.
Ihr kennt wahrscheinlich die Handlung von “Überredung”, ich fasse sie nochmals kurz zusammen. Es ist eine Geschichte mit einer ähnlichen Struktur wie “Die Brautleute” (I Promessi Sposi), einem nicht wirklich zeitgenössischen Roman, der aber zur selben Kultur gehört, dem Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa. Und es ist wie in “Die Brautleute” die Geschichte eines jungen Mannes und einer jungen Frau, die sich wirklich lieben, deren Liebe jedoch eine Reihe von schwierigen Umständen entgegenstehen. Am Ende siegt jedoch ihre Liebe über alles, was sie verhindert hat, und es kommt schließlich zur Heirat. Genau wie Renzo und Lucia in “Die Brautleute” kommentieren beide ihre Geschichte, das heißt, dass der Autor (Manzoni) die Moral des Ganzen seinen Lieblingsfiguren in den Mund legt. Dieselbe Sache findet also in zwei Romanen statt, die völlig unabhängig voneinander sind. Auf jeden Fall schreibt Jane Austen vor Manzoni, falls es also einen Einfluss gab, dann von Jane Austen auf Manzoni.
In “Überredung”, das nicht der bekannteste Roman von Jane Austen ist, ist die Heldin Anna Helliot eine junge Aristokratin, Waise mütterlicherseits, viel klüger als ihre Eltern und andere Verwandte. Sie verliebt sich in einen Hauptmann der Kriegsmarine, was von ihm erwidert wird. Er ist ein schöner, großzügiger und intelligenter Mann, ihr gesellschaftlich jedoch nicht ebenbürtig. Auf den Rat von Lady Russel hin, welche bei ihr Mutterstelle vertritt, löst Anna unter großen Schmerzen ihre Verlobung. Trotz ihrer guten Absichten war der Rat von Lady Russel falsch und die junge Anna wird sich dessen vollständig bewusst, als sie, noch immer ledig und jetzt beinahe 30 Jahre alt, den Hauptmann zehn Jahre später wiedertrifft, der zum Glück auch noch unverheiratet ist, und merkt, dass sie nie aufgehört hat, ihn zu lieben. Alles endet bestens, und die beiden endlich vereinten Liebenden kommentieren ihre Geschichte. Es sind Annas Worte, die uns hier interessieren: “Ich habe die Vergangenheit überdacht und versucht, Vernunft und Unrecht objektiv zu unterscheiden. Was mich betrifft, meine ich. Und ich kann nicht umhin, fest zu glauben, dass ich, wie sehr ich auch darunter gelitten habe, Recht daran tat, mich von meiner Freundin (Lady Russel) leiten zu lassen, die du in Zukunft auch mehr lieben wirst als jetzt.”
Lasst mich eine kleine Klammer einfügen: Ihr seht, mit welcher Geschicklichkeit Jane Austen eine Frau lehrt, entsprechend ihrer eigenen Interessen zu leiten und sich leiten zu lassen. Anna ist Lady Russels Freundin geblieben, die natürlich vom Verlobten gehasst wird, der seine große Liebe von jener Störenfriedin in Gefahr gebracht sah. Und seine Verlobte sagt, als Befehl und als Vorhersage: “…, die du in Zukunft auch mehr lieben wirst als jetzt.”
Zurück zu Anna Helliots Aussage: “(…) Für mich war sie wie eine Mutter. Kurzum, damit du mich nicht missverstehst, ich sage nicht, dass sie sich nicht geirrt hätte, als sie mir diesen Rat gab. Ich persönlich würde niemals, unter keinen Umständen, in auch nur teilweise ähnlichen Fällen einen derartigen Rat geben, dessen bin ich gewiss. Ich meine, dass ich Recht tat, mich ihr zu fügen, und dass ich, wenn ich mich anders verhalten hätte, mehr unter der Fortsetzung der Verlobung gelitten hätte, als ich …, ja, als ich durch den Verzicht darauf gelitten habe, denn innerlich, in meinem Bewusstsein, hätte ich darunter gelitten”.
Hierzu gibt es vieles zu sagen, ich beschränke mich auf das Wichtigste. Die junge Frau kann urteilen, und sie urteilt in Wirklichkeit nicht über die Mutter oder ihre Stellvertreterin, sondern sie beurteilt das Verhalten der Figur der Mutter. Und sie urteilt ganz objektiv und ohne nach mildernden Umständen zu suchen. Hier verhält sie sich anders als Jane Austens andere Heldinnen, die kritische Urteile immer abschwächen, wenn es nötig ist, in diesem Fall jedoch nicht. Hier will die Autorin nämlich einen Kontrast hervorheben, oder besser, eine zweifache Ebene: die des besonderen Urteils, das negativ ist in Bezug auf Lady Russels Verhalten, von dem sie sich ganz klar distanziert: “Ich persönlich würde niemals, unter keinen Umständen, in auch nur teilweise ähnlichen Fällen” mich verhalten wie sie. Die andere Ebene ist die der Regeln des Verhaltens, also die symbolische Ebene. Hier gilt dagegen die Beurteilung, dass es richtig war, dem Rat der Mutter zu folgen, dass es vernünftig und gut war, auf eine klare Weise gut, nicht weil der Rat von Lady Russel nützlich oder gut oder gut gemeint war. Dass er falsch war, hat sie ja schon gesagt. Gut war Annas Entscheidung, weil es ein Gesetz gibt, das Gesetz der Dankbarkeit gegenüber der Mutter, das verlangt, ihr Wort ernst zu nehmen, bei Strafe von Gewissensnöten und einem Leiden, das schlimmer ist als der Verlust des geliebten Mannes. Ich muss hinzufügen, (wobei ich nicht ganz sicher bin, ob Jane Austen das auch so sehen würde), dass das Wort der Mutter in Betracht zu ziehen nicht dasselbe ist wie ihr zu gehorchen. Aus dieser Geschichte geht jedoch hervor, dass es auch für Jane Austen wahrscheinlich nicht dasselbe ist. Das erste Berücksichtigen des mütterlichen Worts mit achtzehn Jahren führte für Anna Helliot zur Auflösung ihrer Verlobung, doch nicht mit achtundzwanzig Jahren. Nach zehn Jahren hat Lady Russel immer noch dieselbe Meinung, doch Anna entscheidet sich nun auf ihre Weise. Mit achtundzwanzig Jahren führt das In-Betracht-Ziehen des “mütterlichen” Worts zwar nicht mehr zum Gehorchen, aber dazu, befreundet zu bleiben und dafür zu sorgen, dass auch der Verlobte ein Freund jener Frau, der Mutter, wird.
Auch wenn ich von einer Norm, einer Regel spreche, wir könnten es auch “Gesetz” nennen, wie ich es auch schon getan habe, geht es nicht um eine inhaltliche Norm oder ein inhaltliches Gesetz. Sein Inhalt wird sich nämlich frei entfalten auf der Grundlage der akzeptierten Notwendigkeit von Dankbarkeit. Es gibt jene Bindung der Dankbarkeit, die keine konkreten Inhalte hat. Diese ergeben sich aus dem Kontext, von Mal zu Mal. Im Extremfall kann das auch Ungehorsam sein, aber nicht Auflehnung, Empörung und Feindseligkeit. Immer wird es das In-Betracht-Ziehen geben und den unüberschreitbaren Horizont der Beziehung, die eine Frau mit der Figur der Mutter hat, das heißt, dass etwas, das nicht in Zahlen gefasst werden kann, in Rechnung gestellt wird: das Leben empfangen zu haben.
Zu diesem Thema hat sich zehn Jahre nach Jane Austen in einer anderen Sprache und unter anderen Blickwinkeln Melanie Klein geäußert, besonders in einem kurzen Essay mit dem bedeutsamen Titel “Neid und Dankbarkeit“. Es ist ein sehr schöner Text, der vom Verlag Martinelli hier in Florenz herausgegeben wurde. Bei der ersten Lektüre kann es euch so vorkommen, als würde Melanie Klein nicht zwischen weiblichen und männlichen Personen in der Beziehung zur Mutter unterscheiden. Ihr müsst jedoch berücksichtigen, dass sie sich in diesem Essay wie in einem großen Teil ihres Werks auf die duale Beziehung zwischen Mutter und Tochter oder Sohn vor dem Auftauchen des Vaters konzentrierte, zu dem hin das männliche Kind eine Verschiebung im Einklang mit seiner geschlechtlichen Identität vornehmen wird, die für das weibliche Kind nicht möglich ist. Wenn also der Vater in Erscheinung tritt, nimmt das männliche Kind eine Verschiebung vor, um sich mit ihm in Bezug auf die Geschlechtlichkeit zu identifizieren. Dies tut die Tochter nicht, da sie eine Identifikation mit der Figur der Mutter vollbringt. Daher gilt all das, was Melanie Klein über die Beziehung zur Mutter schreibt, einmal für männliche Personen und zweimal für weibliche, wenn ich mich so ausdrücken darf. Zweitens müssen wir berücksichtigen, dass sie eine Frau ist, die sowohl Mutter von männlichen als auch weiblichen Kindern ist, besonders von ihrer Tochter Melitta, die sich in der Rivalität mit der Mutter buchstäblich aufreiben wird. Die Kompetenz Melanie Kleins in Bezug auf diese Materie, “Neid und Dankbarkeit”, gewann sie also aus der Aufarbeitung eines Leidens, das sicherlich auf beiden Seiten erlebt wurde. Ich wiederhole nochmals, dass die Quelle und die Ursache jenes Leidens die patriarchale Gesellschaft ist, weil darin symbolische Strukturen für die Beziehung zwischen Mutter und Tochter fehlen. Tatsächlich hat sich Melanie Klein besonders für die symbolische Ordnung der Mutter eingesetzt, indem sie das Leiden herausgearbeitet hat, das sicher auf beiden Seiten durchlebt wurde und das für sie, die Mutter, doppelt schwer wog, weil sie die Angriffe der Tochter ertragen musste und darunter litt, ebenso wie unter dem Schmerz, die Tochter, ihre Tochter, eingekerkert in negative Gefühle zu sehen. (Die Tochter hatte übrigens denselben Beruf, sie war Psychoanalytikerin wie sie, und sie arbeitete auch in London).
Ich drücke mich, wie ihr sicher gemerkt habt, nicht in der wissenschaftlichen Sprache der Psychoanalyse aus, ich will nichts Populärwissenschaftliches schreiben, außerdem ist das Buch von Melanie Klein auch für Nicht-Expert:innen gut lesbar. Ich drücke mich so aus, weil ich die Sprache verwende, die ich immer dann nehme, wenn ich Probleme der Politik der Frauen, wie dieses, auslege. In Bezug auf das Denken von Melanie Klein verweise ich auf die Lektüre ihres Essays.
Das Gefühl der Dankbarkeit, so sagte ich am Anfang, kann auch nicht vorhanden sein, es ist nicht wesentlich, wir müssen über diese Dinge nachdenken können ohne ein solches Dankbarkeitsgefühl. Aber wenn es entsteht, ist das einfach wunderschön. In “Neid und Dankbarkeit” gibt es eine Stelle, wo Melanie Klein von der Geburt eines solchen Dankbarkeitsgefühls in der Beziehung mit einer Patientin erzählt, von dem außerordentlichen Glück bis hin zur tiefen Rührung, die ihre Patientin durchströmen, als sich schließlich der Knoten in der Beziehung zur Mutter in der Übertragung zu ihrer Psychoanalytikerin auflöst.
Ich habe gesagt, dass ich eine Sprache benutze, die ich normalerweise spreche, wenn es um Probleme der Politik der Frauen geht, und unsere Sprache ist eine politische Sprache, alle, die Frauenpolitik machen, werden sie wiedererkennen, es ist unsere Sprache.
Luisa Muraro, Universitá di Verona, Per il senso di sé: Piacere – Libertà – Azione, in: Inviolabilità del Corpo femminile, a cura di Associazione Donne Insegnanti di Firenze, Atti del corso di Aggiornamento 2 marzo – 11 maggio 1990, S. 15-32
Übersetzung: Dorothee Markert