beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Von der Weiberwirtschaft zur Care-zentrierten Ökonomie

Von Ina Praetorius

Ina Praetorius (rechts) beim Jubiläumstreffen zu 30 Jahre Europäische Frauensynode in Österreich. Neben ihr die schwedische Theologin Anna Karin Hammar, die ebenfalls vor 30 Jahren und heute einen Vortrag hielt. Foto: Antje Schrupp

Vor dreißig Jahren, vom 21. bis zum 28. Juli 1996, kamen im Kongresszentrum Gmunden am Traunsee in Österreich ungefähr tausend Frauen aus 45 Ländern zur «Ersten Europäischen Frauensynode» zusammen. Am Dienstag, 23. Juli 1996, stand der «Tag der Wirtschaft» auf dem Programm. Ina Praetorius hat an diesem Tag einen Vortrag zum Thema «Ökonomie denken jenseits der androzentrischen Ordnung» gehalten.[1] Zum 30. Jubiläum hat sie am 23. Juli 2026 wieder einen Vortrag am Traunsee gehalten. Die Organisatorinnen der Ersten Europäischen Frauensynode hatten zu einem Treffen «Frauensynode Reloaded» eingeladen. Ungefähr siebzig Frauen kamen, um darüber nachzudenken, wie sich die Welt in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert hat und wo wir heute stehen. Wir publizieren den Vortrag vom 23. Juli 2026 leicht gekürzt und überarbeitet.      


Rückblick 1: Ökonomie denken jenseits der androzentrischen Ordnung in Gmunden am 23. Juli 1996

Vom 4. bis 15. September 1995 fand in Bejing die Vierte Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen statt. Zwischen ihr und der Ersten Europäischen Frauensynode liegt also nicht einmal ein Jahr. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass die Ergebnisse von Bejing damals viel diskutiert wurden, und dass auch ich mich in meinem Referat auf sie bezogen habe. Genauer gesagt: Auf den Punkt F der Aktionsplattform von Bejing mit dem Titel «Die Frau in der Wirtschaft».[1]

«Die Frau» im Singular – das kommt uns inzwischen zum Glück seltsam vor. Wer hat denn heute noch nicht verstanden, dass sich die Vielfalt der Frauen* nicht auf eine einheitliche Essenz reduzieren lässt?

In meinem Referat 1996 habe ich dieses Kapitel F als in sich widersprüchlich kritisiert: Einerseits hat Bejing viel dazu beigetragen, dass die unbezahlte Arbeit der Frauen sichtbar wurde, andererseits hält der Text am gängigen markt- und erwerbszentrierten Wirtschaftsbegriff fest. Das führt dazu, dass die unbezahlte Haushaltsproduktion zwar als tragende Basis des Wirtschaftens erkennbar wird, dass Frauen dann aber dennoch als rand- und rückständig, als diskriminiert, schwach, als aufholendes Geschlecht gerahmt werden, das in die Wirtschaft erst integriert werden muss. Mit anderen Worten: Die unbezahlte Haushaltsproduktion erscheint in der Aktionsplattform von Bejing nach wie vor als ein Bereich außerhalb der «eigentlichen» Wirtschaft, und Frauen werden folgerichtig aufgefordert, noch mehr Arbeit, nämlich endlich genug Erwerbsarbeit zu leisten, um sich wirtschaftlich zu emanzipieren.

Von dieser widersprüchlichen Doppelstruktur habe ich mich damals in Gmunden abgegrenzt, indem ich dem gängigen Muster der ordnungsimmanenten Forderungen ein Modell der ordnungstranszendierenden Neusetzungen gegenübergestellt habe. Letzteres nannte ich das «Modell Weiberwirtschaft», denn im Jahr 1994 war der Sammelband «Weiberwirtschaft. Frauen – Ökonomie – Ethik»[2] erschienen. In diesem Buch haben wir, die Projektgruppe Weiberwirtschaft, die im Sommer 1991 aus der Gruppe Ethik im Feminismus entstanden war,[3] den Positionswechsel von den ordnungsimmanenten Forderungen zu den ordnungstranszendierenden Neusetzungen vollzogen: Frauen rücken dadurch konzeptionell vom Rand in die Mitte der Ökonomie, wo sie – inzwischen erwiesenermaßen – den Großteil der systemrelevanten Arbeit leisten. Dadurch kommt das vermeintliche Zentrum der Wirtschaft, «Markt und Staat», auf eine sekundäre Position zu stehen. Da gehören Markt und Staat hin, denn sie sind Institutionen, die dem guten Leben aller zu dienen haben.

Nach der Kritik am Bejing-Text habe ich von der Arbeit der Gruppe Weiberwirtschaft erzählt. In fünf Punkten habe ich über Hindernisse und Lösungsstrategien[4] auf dem Weg in eine nicht-androzentrische, heute würde ich sagen postpatriarchale politische Ökonomie nachgedacht. Ich zitiere den letzten, den resümierenden Satz:

«Weibliche Autorität meint, … loszukommen von der Bittstellermentalität, sich selbst zur Mitte zu machen, eigene Wörter zu benutzen, die eigene Leistung und die anderer Frauen zu achten. Wir sind die Ökonomie, und von diesem Standpunkt aus werden wir in Zukunft denken und handeln.»[5]

Es ist gut, hier und heute am Traunsee, exakt dreißig Jahre nach dem «Tag der Wirtschaft» der Ersten Europäischen Frauensynode, darüber nachzudenken, was sich in den vergangenen dreißig Jahren bewegt hat. Mein Rückblick ist selbstverständlich subjektiv gefärbt. Ich freue mich auf den Open Space, mit dem wir den morgigen Tag verbringen werden und in dem jede die Möglichkeit haben wird, ihre Sicht der Dinge einzubringen.

Rückblick 2: Die Jahre 1996 bis 2026

Erstens: Statistik

Im Jahr 1997, ein Jahr nach der Synode, führte das Schweizerische Bundesamt für Statistik die erste Zeitverwendungserhebung zur unbezahlten Arbeit durch. In den darauffolgenden Jahren wurden die Daten ausgeweitet zum «Satellitenkonto Haushaltsproduktion» (2004), das auch eine monetäre Bewertung der unbezahlten Arbeit umfasst. Seither werden die Erhebungen alle drei bis vier Jahre wiederholt.

Erwähnenswert hier und heute ist, dass die Erste Schweizer Frauensynode 1995 in St. Gallen[6] ein wichtiger Treiber für diese neue Art der Datenerhebung war. Es gab damals eine gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen der Frauenkirchenbewegung, anderen Teilen der feministischen Zivilgesellschaft und Parlamentarierinnen.[7]

Die Bedeutung der verbesserten Datenlage nicht nur in der Schweiz, sondern in vielen Ländern ist groß: Die wichtige «Feministische Hausarbeitsdebatte» der 1980er Jahre, die den Skandal des systematischen Ausschlusses der unbezahlten Arbeit (wieder)entdeckt und ins Gespräch gebracht hat, konnte nur auf rudimentäre Datensätze bauen. Erst seit den späten 1990er Jahren hat sich die Lage verbessert, auch dank Organisationen wie Oxfam[8] oder ILO.[9] Heute können wir belegen, dass es sich bei der unbezahlten Arbeit in Privathaushalten weltweit um den größten Wirtschaftssektor handelt.

Zweitens: Zögerliche Bewegung in den Wirtschaftswissenschaften und in der Politikberatung

Ungefähr seit der Jahrtausendwende gibt es vermehrt kritische Initiativen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften. Sie nennen sich zum Beispiel Plurale Ökonomik, Feministische Ökonomie, Rethinking Economics, Economists for Future…

Zwar befassen sich in dieser wachsenden Community noch nicht alle intensiv genug mit den systematisch ausgeschlossenen Sphären, allen voran der unbezahlten Sorgearbeit, aber auch den Vorgaben der natürlichen Mitwelt und dem postkolonialen Nord-Süd-Gefälle. Aber die Aufmerksamkeit wächst, und dass die Wirtschaftswissenschaften, wie noch 1996, von Männern dominiert sind, stimmt nur noch bedingt. Zum Beispiel gibt es immer mehr «Star-Ökonominnen»: Nancy Folbre, Jayati Ghosh, Stephanie Kelton, Mariana Mazzucato, Kate Raworth, Isabella Weber und viele andere. Diese einflussreichen Wissenschaftlerinnen entwickeln Denkansätze, die allesamt dem neoliberalen Mainstream kritisch gegenübertreten, sie sind in der Politikberatung tätig und postpatriarchalem Denken zumindest nicht abgeneigt.

Drittens: Neubestimmungen der Zielgröße

Wohl alle kritischen Ökonom*innen beschäftigt die Frage, wie das Ziel, genannt zum Beispiel «Wohlstand» oder «Prosperity» oder «Wellbeing», definiert werden kann, auf das sich Volkswirtschaften zubewegen sollen. In dieser Hinsicht ist zwischen 1996 und heute einiges in Bewegung gekommen:

Die Debatte reicht zwar bis in die 1960er Jahre zurück, fand aber breitere Aufmerksamkeit in Europa erst im Jahr 2008, als der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy eine internationale Kommission zur Messung der Wirtschaftsleistung einschließlich sozialer Indikatoren einsetzte.[10] An einer deutsch-französischen Folgestudie[11] waren dann im Jahr 2010 auch die deutschen Wirtschaftsweisen beteiligt. Inzwischen gibt es eine Menge von Indikatorensystemen, die die immer noch dominante Messgröße Bruttoinlandsprodukt hinter sich lassen mit dem Argument, dass das «BIP» Wohlstand allein auf monetär bewertete Marktaktivitäten reduziert. Und es gibt auch schon einige Länder, die offiziell mit erweiterten Dashboards zur Wohlstandsmessung arbeiten. Im Jahr 2018 haben sich einige von ihnen zur Wellbeing Economy Governments Partnership (WeGo)[12] zusammengeschlossen. Im Jahr 2021 hat die Siebte Schweizer Frauen*synode[13] als eine von vier Forderungen den Vorschlag formuliert, dass die Schweiz diesem Bündnis beitreten soll.[14] Heute würden wir wahrscheinlich den Compromiso de Tlatelolco (vgl. Punkt 6) als globalen Referenzpunkt vorschlagen.

Viertens: Das ABC des guten Lebens und sein Umfeld

Am 1. August 2012 erschien im Christel Göttert Verlag erstmals das ABC des guten Lebens. Es folgten eine zweite und im Jahr 2015 eine dritte, neu bearbeitete Auflage. Dieses Buch setzt den Anspruch, den ich im letzten Satz meines Gmundener Referats formuliert habe, ansatzweise um:

«Weibliche Autorität meint, … eigene Wörter zu benutzen…»[15]

Auf der postpatriarchalen Begriffsarbeit, die wir im ABC geleistet haben, bauen wichtige Weiterentwicklungen auf: So taucht in der Einleitung des ABC der Begriff des postpatriarchalen Durcheinanders auf, der seither eine Art Leitbegriff in Teilen der Bewegung für eine Care-zentrierte Gesellschaft bildet. Drei Treffen in den Jahren 2013, 2019 und 2024, die sich Denkumenta[16] nannten, beruhen auf der Textarbeit des ABC. Der ABC-Artikel zum Begriff Care von Michaela Moser ist bis heute der Referenztext der Denkwerkstatt Wirtschaft ist Care (WiC), die wir im Dezember 2015 gegründet haben, und damit auch der Siebten Schweizer Frauen*synode. Was das «ABC» sonst noch alles in Bewegung gesetzt hat, ist nicht zu überschauen oder gar zu kontrollieren. Aber eins ist sicher: Es ist viel.

Fünftens: Die Pandemie

Corona hat die gesamte Menschheit betroffen, drei Jahre lang, wenn auch in ganz verschiedenem Ausmaß. Ich stimme Angela Merkel zu, die einmal gesagt hat, dass Corona auch die geopolitischen Turbulenzen, in denen wir uns heute befinden, stark beeinflusst hat und immer noch prägt. Diese Wirkungen sind noch längst nicht verstanden oder gar aufgearbeitet.

Sicher scheint mir, auf der positiven Seite, dass sich in den Jahren 2020 bis 2022 die Wahrnehmung der elementaren Tätigkeiten, die das Leben aufrechterhalten, verschoben hat. Geblieben, wenn auch zurzeit kaum diskutiert, ist das Bild vom Applaus auf den Balkonen. Geblieben ist auch der Begriff der Systemrelevanz, wobei eine Debatte, welches System da gemeint ist oder gemeint sein soll, noch aussteht.

Meine These ist, dass wir uns derzeit in einer Phase befinden, in der wir die Pandemie verdrängen. Mir geht es jedenfalls so, dass ich darüber nicht wirklich nachdenken will. Aber das lässt sich ändern: Vielleicht können wir bald ein Gespräch darüber beginnen, wie sich die Corona-Erfahrungen aus dem Schweigen erlösen und fruchtbar in Beziehung setzen lassen zur Arbeit an einer Zukunft, die die ins Abseits gedrängten systemrelevanten Tätigkeiten in die Mitte nimmt.

Sechstens: Gründungen und Vernetzungen

Im Jahr 2023 ist der Sammelband «Wirtschaft neu ausrichten. Care-Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz»[17] erschienen. Er zeigt, wie viele Organisationen für eine Care-zentrierte Gesellschaft es im deutschsprachigen Raum schon gibt – seit etwa dreißig Jahren. Die erste im Buch vorgestellte Initiative, das Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften[18] wurde drei Jahre vor Gmunden gegründet, im selben Jahr wie die International Association for Feminist Economics (IAFFE).[19]

In und nach der Pandemie nehmen die Gründungen zu. Seit das Buch erschienen ist, sind weitere gewichtige Organisationen hinzugekommen: Die LUA (Liga für unbezahlte Arbeit)[20] zum Beispiel, oder das von Franziska Büschelberger im April 2024 gegründete fiktive Unternehmen Unpaid Care Work[21] auf LinkedIn.

Ein Meilenstein der globalen Care-Bewegung ist die Global Alliance for Care (GAC).[22] Sie wurde im Jahr 2021 gegründet und hat ihren Sitz nicht zufällig in Mexico City. Lateinamerika und die Karibik haben insgesamt die Nase vorn, wenn es darum geht, koordinierte Care-Politiken zu entwickeln. In Tlatelolco, einem Stadtteil von Mexico City, haben am 15. August 2025 dreiunddreißig Staaten Lateinamerikas und der Karibik, die Mitgliedsstaaten der CEPAL (Comisión Económica para América Latina y el Caribe), eine Dekade der Aktion für tatsächliche Geschlechtergleichheit und eine Care-Gesellschaft (2025-2035) ausgerufen, ziemlich genau fünfzig Jahre nach der ersten UNO-Frauenkonferenz, die im Jahr 1975 ebenfalls in Mexico stattfand.[23] Ein paar Tage vorher hat der lateinamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte Cuidado, Fürsorge, Care als eigenständiges Grundrecht anerkannt, und zwar in einem dreiteiligen Verständnis: als Recht, Sorgearbeit zu leisten, als Recht, Care in Anspruch zu nehmen, und als Recht auf Selbstfürsorge. Und pünktlich zum Beginn der Dekade hat die CEPAL ein etwa 150 Seiten starkes Grundsatzpapier herausgegeben, das The Care Society (Sociedad del Cuidado)[24] heißt.

Siebtens: Vermischte Meldungen

Ich schließe meinen unvollständigen Tour d’horizon ab mit ein paar vermischten Meldungen, die mir für die Entwicklung einer Ökonomie jenseits der androzentrischen Ordnung in den vergangenen drei Jahrzehnten wichtig sind:

– Wahrscheinlich warten einige von euch schon darauf, dass ich auf die desolate geopolitische Lage zu sprechen komme, in der wir uns befinden. Hiermit komme ich darauf zu sprechen – und höre auch schon wieder auf damit. Denn ich will meine Zeit nicht damit zubringen, über das offensichtlich Fürchterliche zu klagen.

Social Media gab es im Jahr 1996 noch nicht. Inzwischen blicken wir auf ungefähr zwanzig Jahre rasante Ausdehnung dieses neuen Macht- und Meinungsbildungsfaktors zurück. Gern würde ich darüber ins Gespräch kommen, was wir in und mit Social Media gelernt haben, und wie sich diese Erfahrungen nutzen lassen.

– Erfreuliches trug sich im Jahr 2018 zu: David Graeber publizierte sein Buch «Bullshit Jobs. A Theory».[25] Seither kann jede, die evidenzbasiert sagen will, dass bezahlte Jobs nicht per se Sinn machen, sondern überflüssig, sinnlos oder sogar schädlich, also Bullshit sein können, auf dieses Buch verweisen. Das erweist sich in Gesprächen über reale Wertschöpfung immer wieder als hilfreich.

– Bei der Lektüre des Dokumentationsbandes zur Ersten Europäischen Frauensynode[26] ist mir aufgefallen, wie umstandslos wir im Jahr 1996 noch den Begriff Frau benutzt haben, ganz ohne Sternchen, ganz ohne komplizierte Buchstabenreihen. Diese Differenz zum Heute löst in mir widersprüchliche Gefühle aus: Einerseits Heimweh nach einem unmittelbaren Zugehörigkeitsgefühl, andererseits Erleichterung darüber, dass sich die binäre Grundordnung, die wir damals einfach vorausgesetzt haben, auflöst. David Graeber macht in «Bullshit Jobs» den bedenkenswerten Vorschlag, den Begriff der Caring Class(es) einzuführen, statt weiterhin implizit daran festzuhalten, dass Care ein «Frauenthema» ist. Außerdem befürwortet er die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommen. Über beide Vorschläge möchte ich gern ins Gespräch kommen.

– In den Jahren 2008, 2010, 2013 und 2015 war ich jeweils für einige Zeit in der Demokratischen Republik Kongo. Im Jahr 2010 haben wir, Theologinnen aus mehreren afrikanischen und europäischen Ländern das Dialogforum «Tsena Malalaka» gegründet.[27] Im Jahr 2015 ist unser Buch «Nous Avons un Désir – There is Something We Long For» in Kinshasa erschienen.[28] An diese Zeit, dieses Buch und die Freundinnenschaft mit afrikanischen Theologinnen würde ich heute gern anknüpfen, wenn es darum geht, jetzt etwas zu tun, das mir dringend notwendig erscheint: Ökonomie, Theologie und mystische Macht postpatriarchal neu zu verknüpfen.

– Denn: Bei der Relektüre der Texte von Gmunden 1996 ist mir aufgefallen, wie anders als heute sich im Jahr 1996 für mich Kirche und Theologie angefühlt haben. Damals bedeutete Frauenkirche für mich Vollmacht im biblischen Sinne, oder ich hielt es zumindest für möglich, dass wir als feministisch-theologisch engagierte und gebildete Frauen zu einer wirklichen positiv weltgestaltenden Macht werden können. Heute ist Frauenkirche für mich verschwunden, als Begleiterscheinung eines insgesamt massiven Bedeutungsverlusts der prophetischen Kirche, die ich damals liebte und die mir in den Synode-Referaten von Anna Karin Hammar und Mary Grey[29] neu entgegengekommen ist. Ich frage mich: Können wir an diese Art des zukunftsschwangeren Transzendenzbezugs heute doch neu anschliessen?   

Ausblick: Wie weiter?

Damit wäre ich bei meinem dritten Punkt angekommen: Wo stehen wir heute?[30]

Ich fange an mit einem großen Dank an die Organisatorinnen dieses Treffens Frauensynode Reloaded: Ohne euch hätten wir jetzt nicht diese wunderbare sommerliche Möglichkeit, anknüpfend ans Gestern in ausführliche Live-Gespräche über das Heute und das Morgen einzutreten.

Als Motto über unsere Weiterarbeit setze ich einen Satz von Brigitte Aulenbacher, der mir, seit er in der Welt ist, zu einem wichtigen Anker geworden ist:

«Ich wage die These, dass wir gegenwärtig eine große Transformation des Sorgens beobachten können, in der gesellschaftliche Sorgezuständigkeiten im Sinne einer Polanyi’schen ‘Doppelbewegung’ neu geordnet werden. Im Zuge wirtschaftsliberaler ‘Bewegungen’ werden Sorge und Sorgearbeit einerseits verstärkt […] zur Ware gemacht […], Sorgenotstände … haben andererseits gesellschaftliche ‘Gegenbewegungen’ hervorgerufen […]»[31]

Vor einiger Zeit habe ich eine KI gefragt, ob Care im Trend liege. Die Antwort hieß, Care sei sogar ein Megatrend.

Nun kann das natürlich alles Mögliche bedeuten. Ich erinnere mich an die beiden Workshops, die Caroline Krüger und ich an der dritten Denkumenta 2024 zum Begriff Care veranstaltet haben: An den Wänden hingen eine Menge Kopien von Bildern und Texten aus einer Stichwortsuche zum Begriff Care: Von Sonnencreme bis Hundefutter, von Coaching bis Haarspray. Aber auch dieser inflationäre Gebrauch des Begriffs im Marketing zeigt ja: Es muss da ein starkes Bedürfnis geben, umsorgt zu werden. Vielleicht ist dieses Verlangen nach Zuwendung, Berührtwerden, Zufriedenheit, weltoffener Sesshaftigkeit, Sicherheit, mystischer Corpo-Realität tatsächlich ein Megatrend, der in der Pflegeproduktwerbung vielfach zum Vorschein kommt, aber auch in einer allgemeinen Richtung des Denkens der Bezogenheit[32] und grundlegend erneuerter Narrative über unser Sein in der Welt.[33] Und vielleicht gibt es im postpatriarchalen DurcheinANDER doch die Möglichkeit, unsere religiöse Matrix neu fruchtbar zu machen?[34] Ich wünsche es mir.

Abschließen möchte ich mit einem Satz, den ich ausdrücklich als Großmutter sage: Ich stelle mir nicht vor, dass meine Enkelin und mein Enkel, wenn sie dann mal siebzig sind wie ich heute, ein “besseres Leben” im Sinn von mehr Supermarktprodukten, mehr Flugkilometern und mehr Malediven-Urlaub haben werden. Ich stelle mir vielmehr vor, dass sie verlässliche Beziehungen haben werden, eine weltoffene Lokalkultur des Genug und viel Ruhe zum Nachdenken. Für eine solche Zukunft kann ich jetzt schon arbeiten. Zum Beispiel habe ich vor ein paar Wochen angefangen, an einem größeren Essay zu schreiben. Der Arbeitstitel heißt Wirtschaftsweisheit.


[1] https://www.un.org/german/sites/default/files/2025-11/a-conf.177-20.pdf

[2] Heidi Bernhard Filli u.a. (1994), Weiberwirtschaft. Frauen – Ökonomie – Ethik, Luzern: Edition Exodus.

[3] Andrea Günter und Ina Praetorius, Nachdenken, diskutieren, miteinander leben und schreiben. Zur Geschichte der Projektgruppe Ethik im Feminismus, in: ebd. (Anm. 3) 139-153.

[4] Ladner/Moser (vgl. Anm.1) 41-44.

[5] Ebd. 44.

[6] Vgl. dazu z.B.: Doris Brodbeck (2005), Erwartungen, Experimente, Enttäuschungen – Aufbruchstimmung bei den reformierten Frauen im Kanton St. Gallen, in: Doris Brodbeck u.a. Hg., Neue Frauenbewegung. 145. Neujahrsblatt des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen, 57-72.

https://www.hvsg.ch/njb/NJB-145-FrauenbewegungOstschweiz.pdf

[7] Ausschlaggebend für die Beauftragung des Bundesamtes für Statistik war die Motion 94.3309 (17.06.1994) der sozialdemokratischen Abgeordneten Christine Goll im Nationalrat mit dem Titel «Statistik über gesamtgesellschaftlich geleistete Arbeit von Frauen und Männern».

ps://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=19943309

[8] 2020: https://www.oxfam.org/en/research/time-care?utm_source=chatgpt.com

[9] https://www.ilo.org/topics-and-sectors/care-economy

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission

[11] https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/Expertisen/2010/ex10_de.pdf

[12] https://weall.org/wego

[13] https://www.frauensynode2021.ch

[14] https://www.frauensynode2021.ch/politische-forderungen/

[15] Ladner/Moser 44 (vgl. Anm. 1).

[16] https://bzw-weiterdenken.de/tag/denkumenta/

[17] Uta Meier-Gräwe, Ina Praetorius, Feline Tecklenburg Hgg (2023), Wirtschaft neu ausrichten. Care-Initiativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

[18] https://www.vorsorgendeswirtschaften.de

[19] https://www.iaffe.org

[20] https://lua-carewerkschaft.de

[21] https://www.linkedin.com/school/unpaidcarework/posts/?feedView=all

[22] https://globalallianceforcare.org/en/

[23] Vgl. dazu: Ina Praetorius, Sociedad del Cuidado and Compromiso de Tlatelolco (02.10.2025)

https://tinyurl.com/yc4ptbk3 Vgl. auch: Ina Praetorius, Care ins Zentrum: Die Verabredung von Tlatelolco und ihre Bedeutung für den Rest der Welt, in: bzw-weiterdenken 04.10.2025 https://bzw-weiterdenken.de/2025/10/care-ins-zentrum-die-verabredung-von-tlatelolco-und-ihre-bedeutung-fuer-den-rest-der-welt/

[24] https://repositorio.cepal.org/server/api/core/bitstreams/84439a13-0ff6-4dd1-a3b9-953a4a440ae3/content

[25] David Graeber (2018), Bullshit Jobs. A Theory, New York: Simon & Schuster.

[26] Vgl. Anm. 1.

[27] https://www.malalaka.org

[28] Verena Naegeli, Josée Ngalula, Ina Praetorius, Brigitte Rabarijaona eds. (2015), There is Something We Long For – Nous Avons un Désir, Kinshasa (RDC): Edition Tsena Malalaka.

[29] Vgl. Ladner/Moser (Anm.1), 46-61 und 62-77.

[30] Vgl. dazu: Ina Praetorius (2025), Unterwegs in die Care-zentrierte Zukunft, in: DurcheinAnderBlog 19. Juni 2025 https://inabea.wordpress.com/2025/06/19/unterwegs-in-die-care-zentrierte-zukunft/

[31] In: Wirtschaft neu ausrichten (Anm.19), 278.

[32] Vgl. Ina Praetorius Hg. (2005), Sich in Beziehung setzen. Zur Weltsicht der Freiheit in Bezogenheit, Königstein: Ulrike Helmer Verlag.

[33] Fürsorge: Wir kümmern uns (2026), Heft #26 des Magazins Neue Narrative

https://www.neuenarrative.de/unsere-aktuelle-ausgabe

[34] Vgl. dazu Ina Praetorius (2026), Wirtschaft ist Care. Denken und Handeln für die postpatriarchale Transformation, in: Christian Spieß, Katja Winkler Hg., Gender Studies und christliche Sozialethik. Diskurs und Praxis, Frankfurt/New York: Campus, 271-285.

[1] Nachzulesen in: Gertraud Ladner, Michaela Moser Hg. (1997), Frauen bewegen Europa. Die Erste Europäische Frauensynode – Anstöße zur Veränderung, Thaur – Wien – München:  Verlagshaus Thaur, 33-45.

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 08.08.2026

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Grossartig, vielen Dank für Anregungen und Nachdenkenswertes.
    Weiter so!

  • Elfriede Harth sagt:

    Ich schließe mich Adelheids Kommentar an. Wäre gerne zum Treffen der Frauensynode Reloaded gegangen…. zumal ich damals, besonders in der 2. Europäischen Frauensynode in Barcelona (2004) voll involviert war… Wie schön, wenigstens über Dein Referat, liebe Ina, ein bisschen was davon mitzubekommen.

Weiterdenken

Menü