Forum für Philosophie und Politik
Von Luisa Muraro
Vorwort der Übersetzerin:
Für einen Buchbeitrag über meine Erfahrungen mit Luisa Muraro und ihrem Denken schaute ich vor wenigen Wochen alle Texte durch, die ich von ihr habe. Da fiel mir dieser Text in die Hände, den mir Veronika Mariaux von “Diotima” 1990 bei einer Studienreise nach Verona gegeben hatte, mit dem Angebot, meine (damals allerersten) Übersetzungsversuche zu korrigieren. Diese sind verlorengegangen, und so beschloss ich, ermutigt durch meine Redaktionskolleginnen, den Text für bzw-weiterdenken neu zu übersetzen.
Es ist die Mitschrift einer Fortbildungsveranstaltung für pädagogisch tätige Frauen in Florenz, bei der Luisa Muraro im Frühjahr 1990 mitwirkte. So konnte ich sie nochmals als Lehrerin erleben, wie sie eine ihrer zentralen Entdeckungen Schritt für Schritt vermittelte, und konnte ihrem Bemühen zuschauen, alles aus dem Weg zu räumen, was die Akzeptanz ihrer These erschweren könnte.

Ich weiß, dass die Zeit etwas kurz ist, aber mein Beitrag ist nicht sehr lang, so dass uns genug Zeit für einen Austausch bleiben wird. Das Thema, das mir gestellt wurde, “Durch Selbstbewusstsein zu Wohlbehagen – Freiheit – Handeln” werde ich von dorther aufrollen, wo es sich mit meinem Forschen überschneidet. Das mache ich immer so, weil es die authentischste Weise ist, um aus einem Gedanken einen gegenwärtigen Gedanken zu machen, denn der liegt mir im jeweiligen Augenblick ja besonders am Herzen.
Der zweite Punkt meiner Vorrede ist, dass die Unverletzlichkeit des weiblichen Körpers nichts mit dem Außen zu tun hat. Wenn es nämlich so wäre, befänden wir uns in derselben Logik wie der Harem oder die Überwachung, in einer institutionellen Logik. Und obwohl wir diese Logik in den westlichen industrialisierten Ländern in eine Logik der Emanzipation, der Gleichheit und so weiter umgewendet haben, wären wir trotzdem in der Logik des Harems. Denn es ist immer noch dieselbe Sache, das heißt, der weibliche Körper wird von außen bewacht und beaufsichtigt, ebenso wie die weibliche Freiheit als etwas gesehen wird, das von äußeren Dingen gewährleistet werden muss.
Die beste Aktivität des weiblichen Körpers hat etwas mit dem Symbolischen zu tun, daher finde ich es sehr passend, dass mir dieses Thema über das Selbstbewusstsein gestellt wurde. Zu der Tatsache, dass die Unverletzlichkeit des weiblichen Körpers etwas mit dem Symbolischen zu tun hat, hat Pia vorhin schon etwas gesagt, als sie über den Zusammenhang mit den Zeichen, mit dem Wort und dem Sich-zu-Wort-Melden sprach.
Ein Selbstbewusstsein, das nicht nur vorgetäuscht, nicht nachahmend oder reaktiv ist, ein Selbstbewusstsein, aus dem die freie Verfügung über die Lebensenergien hervorgeht, über die Intelligenz, den Willen, die Liebe, die starken oder weniger starken körperlichen Kräfte, die wir je nach Alter und Gesundheitszustand besitzen, die wir aber auf jeden Fall besitzen, und ebenso die freie Verfügung über die materiellen Güter, ob es nun wenige sind oder viele, also dieses Selbstbewusstsein, das uns jenes Verfügen-Können schenkt, anbietet, erlaubt, das es freisetzt, dieses Selbstbewusstsein bildet sich und wird geboren zusammen mit der Dankbarkeit gegenüber der Frau, die mich zur Welt gebracht hat. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich gebe euch keine Definition von “Selbstbewusstsein”, nur eine indirekte: Ich bezeichne das als “Selbstbewusstsein”, was mir die freie Verfügung über meine Kräfte, meine Gesundheit, meine Intelligenz ermöglicht, über all das, was ich noch bin außer einer Konsumentin. Ich bin gekommen, um euch einfach nur das zu sagen. Diese Behauptung, in der das Wesentliche dessen zusammengefasst wurde, was ich euch zu sagen habe, verlangt eine Reihe von Erläuterungen, und das wird die Arbeit sein, die wir nun zusammen machen werden. Ich habe euch schon alles gesagt, was ich euch sagen wollte: Dass das Selbstbewusstsein zusammen mit der Dankbarkeit gegenüber der Frau entsteht, die mich zur Welt gebracht hat. Jedoch diese einfache Behauptung, und ich sage nochmals, dass ich sonst nichts Wichtiges zu sagen habe, bedarf der Erläuterungen.
Die erste betrifft die Interpretation meiner Worte. Es sind keine Worte psychologischer Natur. Wenn ich euch gegenüber von Anerkennung oder Dankbarkeit spreche und wenn ich sage, dass nur die Dankbarkeit gegenüber der Frau, die mich zur Welt gebracht hat, mir ein authentisches Selbstbewusstsein geben kann, dann verstehe ich darunter kein psychologisches Gefühl. Manchmal kann auch ein psychologisches Gefühl da sein oder entstehen, aber ich spreche von etwas, das der Entstehung eines solchen oder anderer Gefühle vorausgeht, das ihre Herausbildung vorbereitet. Ich beziehe mich auf die Wortbedeutung. Wenn ich Anerkennung oder Dankbarkeit sage, dann habt nicht das Gefühl im Sinn, sondern die reine Bedeutung dieser Worte. Auch wenn gar kein Gefühl da ist, ja sogar bei negativen Gefühlen voller Ressentiments, Vorwürfen und so weiter, auch in diesen Fällen ist die Bedeutung des Ausdrucks “Dankbarkeit gegenüber meiner Mutter” in meinem Geist präsent, ich weiß, was damit gemeint ist, ich habe die Bedeutung vor Augen, auch wenn ich keinerlei Dankbarkeitsgefühl habe und sogar dann, wenn ich ein feindseliges Gefühl voller Groll und Vorwürfe habe. Auch dann weiß ich, was mit “Dankbarkeit gegenüber der Mutter” gemeint ist, das heißt gegenüber der Frau, die mich zur Welt gebracht hat.
Diese Worte sagen etwas aus. Es spielt dabei jetzt keine Rolle, ob ihr mit meiner Hauptaussage von vorhin einverstanden seid oder nicht, mit der Sache über das Entstehen des Selbstbewusstseins. Es geht jetzt darum, die Bedeutung auf der richtigen Ebene zu erfassen, der Ebene des Symbolischen, der Ebene, die die Sprache uns schenkt. Die Sprache ist jener außerordentliche Reichtum, der uns erlaubt, Bedeutungen präsent zu haben, auch wenn uns die gefühlsmäßige Bedeutung davon fehlt, also dass wir wissen, was mit jener Sache gemeint ist, die “Dankbarkeit gegenüber der Mutter” heißt, ob sie nun von der sozialen Ordnung, in der wir leben, gefördert oder unmöglich gemacht wird. Es genügt, wenn uns Folgendes gegenwärtig ist: Dass eine Bedeutung eine Bedeutung ist, die uns die Sprache präsentiert und die die Gesellschaft uns repräsentiert oder uns hingegen in Wirklichkeit eben nicht repräsentiert, uns vielleicht sogar das Gegenteil davon repräsentiert. Ich unterstreiche das aus einem Grund, den ihr sofort wiedererkennen werdet, zumindest diejenigen von euch, die in der Frauenbewegung politisch aktiv waren.
Ich will nun damit erklären, warum es mir so wichtig ist, dass meine Worte keine psychologische, sondern eine symbolische Bedeutung haben. All das, was unsere Kultur aus der weiblichen Erfahrung nicht adäquat wahrnehmen will, seien es Tatsachen, Erfahrungen, Sehnsüchte, Interessen oder Bedürfnisse, all das, was aus unserer Erfahrung in jenem Aufbewahrungsraum abgelegt worden ist, den ich “wilder Körper” nenne, all das bleibt im “wilden Körper”, was auf Seiten des Subjekts oft wie eine schreckliche Stummheit aussieht. Ihr wisst ja, dass die Gesellschaft sich nur teilweise selbst darstellt, all das, was ihr nicht passt, lässt sie in dem, was ich in meinem Büchlein (“Maglia e uncinetto”) “wilder Körper” nenne. All das, was die Gesellschaft im “wilden Körper” lässt, neigt jedoch dazu, sich auf irgendeine Weise bemerkbar zu machen, es neigt dazu, spürbar zu werden. Und wenn es sich um Frauen handelt, wird das der Psychologie zugeschlagen und wir selbst halten es oder hielten es für ein psychologisches Problem. Gerade habe ich mit einigen Freundinnen beim Dokumentationszentrum Florenz gesprochen, die einen Text über Hysterie herausbringen wollen, und erzählte ihnen von meiner gegenwärtigen Arbeit: das Problem, das als weibliche Hysterie bezeichnet wird, zu einem philosophischen Thema zu machen.
Ich glaube, es ist nicht nötig, dass ich mich damit aufhalte, euch darzulegen, wie es gemacht wird, die weibliche Erfahrung psychologisch einzukleiden. Freud, den wir zweifellos kritisieren müssen, was die beiden von Pia vorhin genannten Frauen, Carla Lonzi und Luce Irigaray, ja bereits getan haben, Freud also kommt in unseren Augen, zumindest von Gabriella und mir und noch von anderen Frauen, darunter Irigaray, das Verdienst zu, die Psychologie entpsychologisiert zu haben, die Psychoanalyse gegen jene Psychologisierung erfunden zu haben, indem er strukturelle Elemente in die psychologischen Tatsachen eingebracht und sichtbar gemacht hat. Und das war für die Frauen eine wichtige Sache, auch wenn Freud später wieder das Bild zusammengeschustert hat, das ja allgemein bekannt ist. Behaltet also im Kopf, dass es jene Tendenz gibt, all das psychologisch zu deuten, was die Gesellschaft aus der weiblichen Erfahrung nicht als etwas Strukturelles anerkennen will, und dass diese Tendenz auch in uns selbst wirksam ist. Denn wir wurden ja in dieser Gesellschaft erzogen. Daher halten wir viel zu oft für ein psychisches Problem einer schlechten Beziehung zur Mutter, was in Wirklichkeit die Auswirkungen einer strukturellen Tatsache sind, nämlich der Tatsache, dass unsere Kultur, unsere Zivilisation, die weiblichen Genealogien nicht pflegt, sondern ihre Hervorhebung im Gegenteil sogar bekämpft, um die männlichen Genealogien zu privilegieren. Das hat Irigaray uns in ihrem Buch “Genealogie der Geschlechter” gelehrt, das sie hauptsächlich diesem Thema gewidmet hat. Es ist ein sehr schönes Buch. Ich weiß, dass es hier in Florenz sogar von Irigaray selbst vorgestellt worden ist. Es war das letzte Buch meiner Übersetzerinnenkarriere. Ich wollte sie in Schönheit beenden.
Also, wie gesagt, es gibt dieses Problem. Es ist eine strukturelle Tatsache unserer Kultur. Wenn wir von einer patriarchalen Kultur sprechen, dann meinen wir genau das, was aus Irigarays Buch hervorgeht. Patriarchal ist eine Gesellschaft, die die männlichen Genealogien pflegt und die weiblichen außer Acht lässt, ja sogar bekämpft. Und daher kommt es, dass die Beziehung zur eigenen Mutter oft schwierig ist. Es kommt daher, und nicht von irgendeinem psychischen Problem, das wir haben oder das unsere Mutter hatte. Das und nichts anderes ist gemeint, wenn wir davon sprechen, dass wir in einer patriarchalen Gesellschaft leben. Wenn ich also die Notwendigkeit der Dankbarkeit gegenüber der Mutter hervorhebe, beziehe ich mich auf eine symbolische Struktur und auf Verhaltensweisen, Darstellungen oder Gefühle, die diese interpretieren. Eine Struktur, Verhaltensweisen, Darstellungen oder Gefühle, die auch dann möglich sind, wenn kein reines Gefühl von Dankbarkeit vorhanden ist.
Klarstellen muss ich an dieser Stelle, dass das Fehlen eines Dankbarkeitsgefühls gegenüber der Mutter keinesfalls etwas Gleichgültiges ist, es ist oft die Ursache von Leiden, von tiefem Leid. Wenn wir darunter leiden, dass wir gegenüber der Mutter nicht dankbar sein können und damit auch nicht zu einer freien Anerkennung dessen fähig sind, was wir von anderen Frauen bekommen haben, dann ist es richtig, dass wir darunter leiden, weil es ein Zeichen ist, dass wir spüren, dass hier eine symbolische Struktur fehlt.
Zwei Worte zur Struktur: Die Struktur selbst ist unaussprechbar, ich könnte euch etwas sagen zu Verhaltensweisen und Gefühlen, ich könnte über Darstellungen sprechen, aber die Struktur selbst ist unaussprechbar. Wir können nur auf sie anspielen, aber sie selbst ist nicht sagbar, denn nur durch die Struktur werden Dinge sagbar, das heißt, es ist eine Struktur, die zur grundlegenden symbolischen Ordnung gehört.
Ich kann euch also nicht sagen, was die Struktur ist, kann euch jedoch etwas Annäherndes dazu sagen, kann euch eine Idee davon geben. Es handelt sich im Wesentlichen um die Struktur, die alles Extreme, alles extrem Gegensätzliche verbindet, es in Beziehung setzt. Das heißt, die symbolische Struktur, die mich an die Mutter bindet, an meine Mutter, ist Teil jener Struktur, durch die sich das extrem weit Entfernte mit dem ganz Nahen verbindet, das ganz tief Innere mit dem, was ganz weit außen ist. Das ist es also, eine Struktur von grundlegendem symbolischen Charakter, über die wir nicht allzu viel wissen müssen, es genügt, wenn wir sie auf die allereinfachste Weise benennen: Beziehung der Dankbarkeit gegenüber der Mutter.
Die patriarchale Gesellschaft ist wie eingerichtet und aufgebaut auf der fehlenden Dankbarkeit der Frau gegenüber der Frau, die sie zur Welt gebracht hat. Aber meiner Meinung nach ist sie nicht die Ursache davon, ich meine damit, dass das Fehlen jener Struktur der Dankbarkeit der Frau gegenüber der Frau, die ihre Mutter ist, nicht von der patriarchalen Gesellschaft verursacht wird. Meiner Meinung nach ist es nicht die patriarchale Gesellschaft, die das bewirkt hat, ich neige eher dazu, das Gegenteil für wahr zu halten, dass nämlich die patriarchale Gesellschaft aus dem Fehlen jener grundlegenden Struktur heraus lebt und sich ernährt, aus dem Fehlen jener symbolischen Struktur, die grundlegend ist für das Selbstbewusstsein der Frauen.
Abgesehen von dieser Frage, die jedoch meiner Meinung nach untersucht werden sollte, gilt jedenfalls Folgendes: Wenn unsere Beziehung zur Gestalt der Mutter von Vorwürfen oder vom Neid vergiftet ist, oder von anderen negativen Gefühlen, kann uns jede Verschiebung derartiger Gefühle auf die männliche Gesellschaft Erleichterung verschaffen, doch dies löst das Problem nicht. Hiermit sage ich beispielsweise etwas über jene sehr männerfeindliche Art des Feminismus, die offensichtlich Erleichterung bietet und die einigen Frauen Erleichterung gebracht hat, auch mir persönlich. Ich war auf diese Weise nur eine Woche lang Feministin, aber voll und ganz, und ich erinnere mich, dass ich in der Abteilung für Soziologie in Trento wegen meiner Vehemenz meinen ehemaligen Freunden unter den männlichen Professoren ziemliche Angst gemacht habe. Jedenfalls ging dieser Feminismus dann immer weiter und besteht auch jetzt noch, und wahrscheinlich ist er, zumindest zum Teil, eine Verschiebung negativer Gefühle gegenüber der Mutter, die auf den Mann übertragen werden. Und das bringt große Erleichterung, denn es ist schrecklich, die Mutter zu verabscheuen, natürlich besonders für eine Frau, die gerade zur Feministin geworden ist. Und deshalb kann die Möglichkeit, den Mann mit dem Gefühl zu verabscheuen und anzugreifen, damit gleichsam die Mutter zu rächen, ein Weg sein, sie gegen die eigenen schlimmen Gefühle zu verteidigen. Ich wiederhole, dass ich nichts gegen solche Verschiebungen habe, solange sie ein Spiel sind, ich habe mich dabei wirklich vergnügt. Wenn wir nur wissen, wie wir danach wieder zur eigentlichen Frage zurückkehren können, bei der es um Beziehungen unter Frauen geht und nicht um Beziehungen mit den Männern. Nur wenn wir zur Wurzel vordringen, jenseits von dem, was die Männer sind oder nicht sind, was sie tun oder nicht tun, nur wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir von einer Frau das Leben bekommen haben, von ihr zur Welt gebracht worden sind, beschäftigen wir uns wirklich mit jenem Problem der fehlenden Dankbarkeit.
Und wie ich vorhin sagte, überträgt sich dieses Problem in das Fehlen eines authentischen Selbstbewusstseins, weshalb wir oft unsicher sind oder zu sehr dazu neigen, anderen Recht zu geben, oder zu abhängig sind von anderen Personen, und das wiederholt sich in unseren Töchtern und Schülerinnen, die wiederum zu unsicheren Frauen werden, die zu leicht zustimmen, dass der andere Recht hat, und auch sie neigen zur Abhängigkeit von Männern oder auch von Frauen. Oder sie müssen sich umgekehrt selbst behaupten, auf diese erbitterte, reaktive, fordernde Art, die immer vom Fehlen oder der Schwäche des Selbstbewusstseins herrührt.
In dieser schnell dahingesprochenen Phänomenologie zeigt sich das Fehlen der Dankbarkeit gegenüber der Figur der Mutter allerdings nicht in Reinform, da sind immer auch noch andere Inhalte, das muss ich betonen, denn wir brauchen hier auch eine gewisse Unterscheidungsfähigkeit. Die sogenannte “Raserei” der Feministinnen hatte und hat zum Beispiel genug eigene Gründe. Jene berühmte “feministische Raserei”, was ein grober und verächtlicher journalistischer Ausdruck ist, kann teilweise von schlechten Gefühlen gegenüber der Mutter herkommen, aber es gibt für sie fast immer auch sehr gute objektive Gründe. Das dürfen wir nicht herunterspielen. Und ebenso ist die Hochspannung, unter der viele Frauen im Zusammenhang mit ihrer Selbstbestätigung stehen, auch ein grundlegender hochheiliger Existenzwille. Ihr wisst ja, dass im menschlichen Leben die Inhalte immer mehrdeutig sind, dass mehrere Dinge zusammenkommen.
Mich interessiert es, zur Wurzel vorzudringen, zur Quelle dessen, was das Selbstbewusstsein ist. Wie das Selbstbewusstsein entsteht und sich bildet. Bis jetzt habe ich noch keine Argumente gebracht, die meine Hauptthese unterstützen, also die, dass ich als Ursprung des Selbstbewusstseins die Dankbarkeit gegenüber der Mutter sehe. Bei einigen von euch bin ich sicher, dass es nicht nötig ist, Argumente dafür zu nennen, auch wenn es das erste Mal ist, dass sie die These von der notwendigen Dankbarkeit gegenüber der Mutter ausgesprochen hören. So war es für mich. Das erste Mal, als ich diese These ausgesprochen hörte (ich weiß nicht, ob es wirklich das erste Mal war, dass ich sie hörte), also das erste Mal, als ich diesen Gedanken begriffen habe, sah ich, dass es ein richtiger Gedanke war. Ich verstand unmittelbar als richtig, dass meiner Unsicherheit, dem mühsam Erzwungenen an meinem Selbstbewusstsein und meinen Schwächen jenes Problem zugrunde lag: Dass ich nicht sicher war in meinem Zur-Welt-Gebrachtwordensein, in meinem Recht, auf der Welt zu sein, darin, dass ich durch irgendetwas auf der Welt war.
Andere brauchen jedoch Argumente, um die These akzeptieren oder zurückweisen zu können bzw. um später allein die notwendige Arbeit zu machen, bei der sie erkennen, ob die These stimmt und für sie annehmbar ist. Es gibt keinen anderen Weg als eine solche innere Akzeptanz. Folglich bringe ich keine Argumente vor, um nachzuweisen, dass die These wahr ist, weil es eine These von der Art ist, die entweder von innen heraus akzeptiert wird oder bei der es nichts nützt, sie von außen als wahr bewiesen zu haben. Meine Argumente werden deshalb die These nur illustrieren. Ich finde sie bei zwei großen Denkerinnen: Jane Austen und Melanie Klein.
Nachwort der Übersetzerin:
Da der Gesamttext sehr lang ist, habe ich ihn in drei Teile aufgeteilt.
Die “illustrierenden Argumente” für diejenigen, die sie vielleicht brauchen können, um für sich herauszufinden, ob sie mit Luisa Muraros These einverstanden sind oder nicht, folgen in einem zweiten Abschnitt.
Im dritten und letzten Abschnitt zeigt Luisa Muraro, welche Rolle das bisher Gesagte in den Beziehungen zwischen Kindergärtnerinnen und den ihnen anvertrauten Mädchen und zwischen Lehrerinnen und Schülerinnen spielt.
Luisa Muraro, Universitá di Verona, Per il senso di sé: Piacere – Libertà – Azione, in: Inviolabilità del Corpo femminile, a cura di Associazione Donne Insegnanti di Firenze, Atti del corso di Aggiornamento 2 marzo – 11 maggio 1990, S. 15-32
Übersetzung: Dorothee Markert
Liebe Dorothee, vielen Dank für den Text. Er kommt genau zur richtigen Zeit. Beim Herumdenken auf dem Wort Dankbarkeit habe ich mich gefragt, ob es im Italienischen wohl mehrere Wörter gibt, die sich mit Dankbarkeit übersetzen lassen. Und falls ja, welches davon für mich stimmiger bzw. leichter anzunehmen wäre. Und siehe da, es gibt la gratitudine und la riconoscenza. Welches davon hat Luisa Muraro denn verwendet? Ist es eine in Richtung Anerkennung gehende Dankbarkeit?
Dass die ‘äussere Ordnung’ nicht alles ist, unterschreibe ich sofort. Mühsam erkämpfte und zu verteidigende Errungenschaften in ihr als weniger ausschlaggebend als die innere Verfasstheit zu betrachten, fiele mir dann zwar nicht ein, aber den Gedanken, dass Gesetze weder Grundlage noch hinreichende Beschreibungen von Freiheit, gerade auch weiblicher, sein können, finde ich sehr einleuchtend, seit ich ihn bei Antje Schrupp gelesen habe.
Ich finde sehr spannend, dass klar gesagt wird, dass es für den Mutter-Dankbarkeits-Gedanken keine ‘überzeugenwollende’ Argumente geben soll. Diese Art des Vermittelnwollens sehe ich, so transparent gemacht, zum ersten Mal: “Schau, wie du dich der Idee annähern kannst, ich werde dich nicht hinschubsen oder locken, es ist ein Angebot”, so jedenfalls übersetzt sich mir das. Und das erlaubt mir wiederum, nicht gleich mit erboster Skepsis drüber herzufallen.
Ich bin jedenfalls sehr damit einverstanden, dass das Verankern von ‘positiven’ Gefühlen wie eben Dankbarkeit eine Bewegung sowohl in der einzelnen Person als auch in Gruppen mehr nachhaltiger Kraft und Richtung liefern können als das Kanalisieren von Verletzungen. Nicht immer gelingt das natürlich, je nach Grad der selben.