Forum für Philosophie und Politik
Von Antje Schrupp

Die aktuelle Ausgabe der Via Dogana, der Online-Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens, beschäftigt sich mit dem Thema der sexuellen Differenz. Traudel Sattler hat mich zur Redaktionssitzung (über Zoom) eingeladen und dann gebeten, meinen Diskussionsbeitrag auszubauen und zu einem Beitrag zu verarbeiten. Dies ist die deutsche Version, die italienische Übersetzung steht hier.
Lange war die traditionelle Politik von der Vorstellung getragen, die sexuelle Differenz überwinden zu können. Ob Mann oder Frau, so die Erzählung emanzipierter Gesellschaften, spiele im politischen Amt keine Rolle. Doch seit einiger Zeit kehrt die sexuelle Differenz mit großer Wucht in den politischen Diskurs zurück, aus mehreren Gründen.
Zum einen haben die immer erfolgreicheren rechtsextremen Parteien das Thema „Gender“ zu einem ihrer Hauptthemen erklärt: Sie kämpfen gegen Feminismus, queere Praxis, neue Familienformen, sichtbare Homosexualität und wollen wieder etwas etablieren, das sie „die natürliche Geschlechterordnung“ nennen: eine Ordnung, die jede Person aufgrund ihrer Genitalien eindeutig als Frau oder Mann einordnet und ihr dann entsprechende Rollen und Handlungsoptionen zuweist, insbesondere die, dass sie sich zu heteronormativen Paaren zusammenfinden und dann eigene, leibliche Kinder bekommen.
Parallel dazu vollzog sich im vergangenen Jahrzehnt eine Wiedervermännlichung der Politik. Die Akteure der großen weltpolitischen Konflikte – Trump, Putin, Xi, Netanjahu, die iranischen Ayatollahs – sind nicht nur zufällig Männer, vielmehr ist demonstrative Männlichkeit explizit Teil ihrer öffentlichen Erscheinung (wobei durchaus unterschiedliche Vorstellungen von Männlichkeit miteinander konkurrieren). Von Frauen ist auf den weltpolitischen Bühnen heute weniger zu sehen als noch vor zehn Jahren. Auch die extrem einflussreichen Tech-Bros, Multimilliardäre und Oligarchen stellen ihre Männlichkeit deutlich zur Schau.
Die Gleichstellungspolitik offenbart nun ihre Defizite. Nicht nur ist es ihr nicht gelungen, weibliche Perspektiven dauerhaft in allen politischen Strukturen zu verankern, sie ist in der jetzigen Weltlage auch gar kein wünschenswertes Ziel mehr. Niemand kann sich ernsthaft wünschen, dass es neben gewalttätigen und korrupten Autokraten und Oligarchen auch eine entsprechende Menge von Autokratinnen und Oligarchinnen geben soll.
Viele hoffen deshalb, die sexuelle Differenz möge als eine alternative, verändernde Kraft in die Politik zurückkehren. Nicht indem Frauen sich in ein korruptes, gewaltvolles und dysfunktionales System integrieren, sondern als dessen Korrektiv, als Widerstand, als Alternative. Diese Hoffnung ruht nicht auf den wenigen Frauen, die sich noch immer in der institutionalisierten Weltpolitik behaupten und inzwischen überwiegend zum Lager der Rechten gehören, sondern auf den vielen Frauen an der Basis sozialer Bewegungen.
Wahlanalysen zeigen, dass die politischen Präferenzen von Frauen und Männern vor allem bei den Jüngeren auseinanderdriften: Frauen wählen zunehmend links, Männer rechts. Das ist ein völlig neues Phänomen, denn bislang unterschied sich das Wahlverhalten demografischer Gruppen entlang von Regionen, Konfessionen oder sozialen Schichten, aber kaum entlang der Kategorie Geschlecht. Seit Einführung des Frauenwahlrechts wählten Frauen in der Regel mehr oder weniger dasselbe wie die Männer in ihrem Umfeld. Jetzt scheint sich das zu ändern.
Der Trend ist keineswegs auf westliche Gesellschaften begrenzt – besonders groß ist der politische „Gender-Gap“ zum Beispiel in Südkorea. Wie stark die großen Demokratiebewegungen unserer Zeit – Iran, Weißrussland, Polen, Sudan – von Frauen vorangetrieben werden, hat die deutsch-iranische Publizistin Shila Behjat kürzlich in ihrem Buch „Frauen und Revolution“ beschrieben. Auch soziale Bewegungen, die sich den zentralen Herausforderungen stellen wie der Klimakrise oder der Krise der Care-Arbeit, werden maßgeblich von Frauen geprägt und oft auch nach außen repräsentiert.
Die An- und Abwesenheit von Frauen in der Politik hat heute also einen anderen Charakter als in den 1970er und 1980er Jahren. Damals war die Abwesenheit von Frauen noch eine Folge der alten patriarchalen Strukturen, die Frauen explizit durch Recht und Sitten von der Macht ferngehalten hatten. Die Frauenbewegung beschäftigte sich mit dem Problem, dass eine rein formale Gleichberechtigung nicht zu tatsächlich gleichen Handlungsmöglichkeiten von Frauen geführt hatte. Sowohl das gleichheitsfeministische Streben nach Quoten und Gleichstellung als auch die differenzfeministische Idee, Frauen könnten „von der Abwesenheit profitieren“ (so der Titel eines Buches von Diotima) waren Versuche, darauf Antworten zu geben.
Die heutige Abwesenheit von Frauen ist jedoch anders gelagert. Anders als vor fünfzig Jahren bestreitet niemand mehr ernsthaft, dass Frauen „das können“. Selbst rechtsextreme Parteien akzeptieren Frauen als Anführerinnen, Giorgia Meloni in Italien oder Alice Weidel in Deutschland sind dafür Beispiele. Die Abwesenheit von Frauen ist nicht mehr eine prinzipielle, sondern nur noch eine faktische: Sie könnten anwesend sein, sind es aber oft nicht. Reiner Zufall, sagen viele, vor allem Männer, wenn sie darauf angesprochen werden.
Aber Zufall ist es nicht. Wenn sich heute deutliche Geschlechterunterschiede zeigen, etwa eine stark asymmetrische Beteiligung von Frauen und Männern in bestimmten Kontexten, dann liegt das an politischen Entscheidungen. Ein niedriger Frauenanteil weist darauf hin, dass Frauen sich nicht sonderlich für dieses Gremium interessieren, und dass gleichzeitig die dort sitzenden Männer kein starkes Interesse an der Beteiligung von Frauen haben. Im deutschen Bundestag zum Beispiel ist der Frauenanteil unter den Abgeordneten stark davon abhängig um welche Partei es sich handelt: bei Linken, Grünen und Sozialdemokraten sind es um die 50 Prozent, bei den bürgerlich-konservativen Parteien CDU und FDP knapp 25 Prozent, bei der rechtsextremen AfD 10 Prozent.
Die „Wiedervermännlichung“ der Politik, von der oben die Rede war (und über die ich hier im Forum 2009 zum ersten Mal geschrieben habe), bezieht sich also nicht auf alle politischen Räume, sondern nur auf die Spitzen bestimmter Institutionen. An vielen gesellschaftlichen und auch politischen Orten sind Frauen hingegen in großer Zahl anwesend, besonders in der zweiten und dritten Reihe oder auf den mittleren Ebenen. Frauen verfügen über beachtlichen gesellschaftlichen Einfluss: in den Medien, an den Universitäten, in den Krankenhäusern, in Vereinen, in Kirchen und so weiter. Die demonstrative Männlichkeit von Trump, Putin und Co. kehrt nicht trotz, sondern inmitten einer weltgeschichtlich neuen Anwesenheit von Frauen zurück. Sie ist kein Anzeichen für ein Wiedererstarken der alten, patriarchalen Ordnung (wie oft gesagt wird), sondern für das, was ich in meinem neuen Buch „Postpatriarchales Chaos“ nenne.
Eine wichtige Aufgabe für feministische Politik wäre demnach, Praktiken zu finden, die es Frauen ermöglichen, ihren Einfluss auch wirklich im Sinne des eigenen Begehrens zu nutzen und nicht einfach nur zu tun, was ihre Chefs, ihre Partei, ihre Organisation von ihnen erwartet. Tatsächlich herrscht ein großer Konformitätsdruck, und viele Frauen scheuen es, Konflikte einzugehen, sich unbeliebt zu machen – was aber notwendig ist, um etwas zu verändern. Bei dieser Herausforderung könnte es helfen, die sexuelle Differenz wieder ins Spiel zu bringen, doch das ist gar nicht so einfach.
Denn ein Aspekt, der die politische Kultur heute chaotisch macht, ist dass die sexuelle Differenz nicht mehr – wie früher im Patriarchat – eine für alle sichtbare und selbstverständliche Tatsache ist, auf die man Bezug nehmen kann. Was weiblich und was männlich ist, ist schwammig und umstritten. Gleichzeitig sind die abgestorbenen Versatzstücke des traditionellen Patriarchats nach wie vor unterwegs, wie Zombies, als gruselige Hülle ohne Substanz. Die alte Geschlechterordnung hat keine Autorität, und häufig auch keine Macht mehr, wie man am Bedeutungsverlust traditioneller Institutionen /(Kirchen, Universitäten, Gerichte, Parlamente) sehen kann. Eine neue Ordnung der Geschlechter ist aber nicht in Sicht.
In den 1980er Jahren kämpften Feministinnen für eine freie Bedeutung des Frauseins, also darum, nicht mehr auf patriarchal vorgegebene Bedeutungen festgelegt zu werden, die ihnen mit großer Macht aufgedrängt wurden. Heute hingegen stellt sich die Frage, ob das Frausein überhaupt noch eine Bedeutung hat oder haben sollte. Zwar gibt es weiterhin Anforderungen und Rollenerwartungen an Frauen, aber sie sind widersprüchlich und widerstreitend und daher unmöglich zu erfüllen. Im postpatriarchalen Chaos haben auch viele Frauen keine Antwort mehr auf die Frage, was das Frausein bedeutet und ob es überhaupt etwas bedeuten sollte.
Eine Freundin hat kürzlich den Gedanken geäußert, dass dies vielleicht ein Grund dafür ist, warum sich fast alle feministischen Debatten, die derzeit öffentlich verhandelt werden, um Gewalt gegen Frauen drehen – von #metoo bis Gisèle Pelicot, von Debatten über die hasserfüllte „Manosphere“ im Internet bis zum Kampf gegen sexualisierte Fake News und dergleichen. Fast scheint es, als wäre sexualisierte Gewalt inzwischen das einzige Thema, an dem sich die Bedeutung von Geschlecht noch diskutieren lässt, ohne auf Tretminen zu geraten. Ohne Frage sind diese Themen wichtig. Aber wenn nur dort die sexuelle Differenz zum Thema wird, bleibt sie in der Defensive.
Der Queerfeminismus geht anders mit der neuen Situation um: Er vervielfältigt Geschlechtsidentitäten demonstrativ. Das hat die sexuelle Differenz tatsächlich sichtbarer gemacht – allerdings weniger als politische Kraft, sondern als individuelle Möglichkeit, sich keiner binären Geschlechtsidentität zuordnen zu müssen. Tatsächlich sind die Möglichkeiten, die eigene Geschlechtsidentität auszuleben, unendlich. Aber gerade deshalb ist diese Strategie nicht geeignet, eine politische Alternative zum postpatriarchalen Chaos zu schaffen: Unendliche Vielfalt bietet genauso wenig eine Möglichkeit, sexuelle Differenz fruchtbar zu machen, wie reine starre binäre Definition. Zumal die Geschlechterdifferenz inzwischen mit zahlreichen anderen Differenzachsen um Aufmerksamkeit konkurriert und unter dem Stichwort der „Intersektionalität“ oft nur noch ein Faktor neben vielen anderen Aspekten ist, die „Diversität“ markieren sollen.
Im Widerspruch zur Queertheorie schlagen deshalb andere Feministinnen vor, zum Körper zurückzugehen, also zur reproduktiven Unterscheidung zwischen Menschen mit und ohne Uterus.
Tatsächlich existieren ja zwei deutlich unterscheidbare biologische Varianten von Menschen, und nur ein kleiner Teil von ein bis zwei Prozent aller Geborenen fällt nicht eindeutig in die eine oder andere Kategorie. Doch das ist auch kein Ausweg. Wer sich auf den Körper beruft, macht die sexuelle Differenz wieder zu etwas, das ein Mensch hat – ein Merkmal, über das man verfügt, eine Definition, die Klarheit suggeriert. Politische Kraft kann die sexuelle Differenz aber nur entfalten, wenn sie sich im Handeln zeigt. Wir brauchen eine Kultur der weiblichen Differenz, und die ergibt sich nicht automatisch aus biologischen Faktoren, sondern kann nur aus persönlichen Urteilen, Wünschen, Interessen und Anliegen politisch handelnder Personen hervorgehen.
Wie also könnte die Geschlechterdifferenz als politischer Faktor sichtbar werden? Wie ließe sie sich in den Diskurs einschreiben, wie in politischen Debatten fruchtbar machen? Ida Dominijanni hat während der Redaktionssitzung von Via Dogana gesagt: „Die weibliche Differenz spricht – oder sie spricht nicht.“ Ich denke, darin liegt der Schlüssel. Die sexuelle Differenz kann nur dann in Politik und Gesellschaft eingetragen werden, wenn Frauen als weibliche Subjekte in Erscheinung treten, ohne sich dabei auf eine festgelegte und definierbare Identität zu berufen.
Das ist keine Theorie, es ist eine Praxis. Es gilt, das auszuprobieren, zu üben, zu verfeinern: Die eigene Differenz in konkreten Situationen sichtbar und wirksam werden zu lassen, ohne sich dabei identitätspolitischen Normen unterwerfen. Weibliche Autorität zu stärken durch eine Politik, deren Rede sich nicht auf vorhersehbare Formeln und Forderungen beschränkt.
Der Feminismus der sexuellen Differenz tut das seit Jahrzehnten. Diese Praktiken zu teilen, die es möglich machen, aus einer Zugehörigkeit heraus zu sprechen und ihr treu zu bleiben, ohne zum bloßen Sprachrohr einer Gruppe zu werden, sind heute ein wertvolles Angebot angesichts der Polarisierungen der politischen Landschaften und der fruchtlosen Grabenkämpfe gerade auch unter kapitalismuskritischen, linken und auch feministischen Bewegungen. Es ist der wichtige Beitrag, den ein Feminismus der Differenz heute leisten kann – nicht nur für Frauen, sondern für die politische Kultur insgesamt.
Liebe Antje
Auch wenn ich deiner These im Grundsatz zustimme, dass die Begriffe weiblich und männlich schwammig sind, halte ich an dieser Differenz fest. Weibliche und männliche Eigenschaften
zu definieren hilft mir, diese allen Menschen, unabhängig ihres biologischen Geschlechts zuzuordnen. Die weiblichen Stärken werden den männlichen immer noch untergeordnet. Das ist der grosse Mangel in der Führung von Staaten, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirchen.
Liebe Antje,
jedes Mal lese ich Deine Gedanken – egal wo sie gerade erscheiden – mit großem Genuss und starkem Interesse. Jedes Mal werden dadurch Themen für mich klarer. Und auch Dein Stil gefällt mir gut.
Danke!
Herzlichen Gruß aus Bad Boll,
Irmgard