Forum für Philosophie und Politik
Von Annette Meinecke

So wie Silke Kirch in der Rubrik „erzählen, leben” über den Trost des Brotbackens in der Zeit der Trauer um ihre Mutter erzählt, so möchte ich über die grobe Leberwurst in der Konservendose erzählen. Über den Genuss, als sie überraschend auftauchte, obwohl sie täglich zu sehen war. Über ihre tröstlich graue Masse, wenn sie einfach da ist, wenn man sie braucht.
Ich verbrachte die letzten heißen Wochen des Sommers in meinem Campingbus und fuhr täglich in die Klinik, genauer gesagt auf die Palliativstation der Klinik, und begleitete einen geliebten Menschen in seinen letzten Wochen.
Eines Morgens kurz vor dem Aufwachen hatte ich einen Traum. Mein Herz pochte, die Bettdecke war zerwühlt, mein Hemd klebte am Körper. „Ich kämpfe auch für Dosenwurst.” Dieser Satz stand in meinem Gehirn, wie der Klappaufsteller vor einer Dönerbude mit den aktuellen Angeboten. Langsam kehrte ich in die Realität des Raums zurück. Die Luft war heiß und stickig im Bus. Mein Kopf brummte. Seit 22 Tagen war ich hier. 22 Tage zwischen Leben und Sterben.
Als ich über drei Wochen zuvor mit meinem Campingbus durch das grüne, knarzende Tor gefahren war, fühlte es sich ein bisschen nach Heimat an. Nach vielen Stunden auf der Autobahn hatte ich endlich einen kleinen Stellplatz gefunden, der mehr an einen Garten erinnerte als an einen Ort für Wohnmobile. Der von großen Tannen beschattete Garten mit bunten Inseln aus Hortensien und Pfingstrosen war in diesen drei Wochen zu meinem Zufluchtsort geworden. Zuflucht vor dem nahenden Tod eines geliebten Menschen.
Ich hatte es versprochen. Ich hatte versprochen, da zu sein, wenn es so weit ist. Ich hatte versprochen, den Weg mitzugehen, solange er zu gehen ist. „Ich bin da”, hatte ich gesagt. Und jetzt dieser Traum von der Dosenwurst. Was für ein blöder Traum! Was war so beunruhigend an ihm, dass mein Herz beim Aufwachen bis zum Hals schlug?
An dem Abend wurde es spät. Es dämmerte schon, als ich von der Palliativstation den kleinen Garten erreichte, meinen Bus aufschloss und nach Essbarem suchte. Da kam sie mir entgegengerollt. Die längst vergessene Dosenwurst. 22 Tage lang war sie bei jedem Öffnen der Schublade nach vorn gerollt. Vorbei an Müsliriegeln, eingesteckten Zuckertütchen des letzten Café-Besuchs und der eisernen Reserve an Tomatenmark.
Schnell hatte ich mit dem neuen, sensationell guten Dosenöffner die flache Dose mit fetter, grober Leberwurst geöffnet. Als ich mit meinem Messer das Innere der Wurstdose abfuhr, ignorierte ich den weißen Fettrand, und ein zunehmend großer Berg von grauer, grobstückiger Leberwurst türmte sich an meinem Messer auf. Mit großer Lust verstrich ich meine Messerbeute auf dem Brot. Mit so viel Genuss hatte ich mich noch nie über grobe Leberwurst in der Dose hergemacht. Sie wurde mir zur Delikatesse.
Dosenwurst. Grob, stückig, manchmal mit fettem Rand. Soweit so gut. Nichts Besonderes. Oder doch? Sie wird immer besser, je unerwarteter sie auf den Teller oder das Frühstücksbrettchen fällt. Dann, wenn sie überraschend in den Tiefen der Vorratsschublade gefunden wird. Wenn alles wichtiger geworden ist, als den Kühlschrank oder den Vorrat aufzufüllen. Wenn Krankheit, Liebeskummer, Tod, Trauer den bisher gewohnten Alltag mitgenommen haben. Wenn Zeit, Kraft und Können abhandengekommen sind. Wenn der „Serrano-Schinken” beginnt, bunt zu schillern, der Käse grünen Pelz ansetzt, das frische Gemüse und Obst aufgebraucht sind, wenn uns die Tube Senf und die angefangene Flasche Worcestersoße aus der Kühlschranktür stumm entgegenstieren, dann ist sie da. Die große Stunde der Dosenwurst. Freudig fliegt dann der Dosenöffner über den Rand der Konserve, und beim Hochbiegen des Deckels lächelt einem der sonst eher verschmähte Fettrand entgegen. Lustvoll fährt das Messer in die graue oder rosafarbene Masse, und nach wenigen Bissen verbreitet sich ein wohliges Gefühl in der Magengegend.
Gut, dass sie da war.
Liebe Annette Meinecke,
ich kenne das sehr gut, ja, mit Dosen-Leberwurst! Etwas Meerrettich gebe ich drauf, ist bei mir immer da, im Glas. Es macht sehr zufrieden. – Danke für diesen schönen Bericht, trotz aller Tragik.
Gesa Ebert