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Rubrik denken

Für Luisa Muraro, verstorben am 13. Juni 2026

Von Traudel Sattler

Zum Tod von Luisa Muraro veröffentlichen wir hier einen Nachruf, den Laura Colombo vom Mailänder Frauenbuchladen geschrieben hat, übersetzt von Traudel Sattler.


Luisa Muraro ist gestorben. Mit ihr verlieren wir eine der großen Denkerinnen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Ich sage bewusst „Denkerin“ und nicht lediglich „feministische Denkerin“, denn ihr Feminismus hat den Ausgangspunkt des Denkens selbst verschoben: Ins Zentrum rückte sie die sexuelle Differenz – die Erfahrung, die Beziehungen, die Muttersprache und die weibliche Autorität.
Der schmerzliche Verlust wird von vielen geteilt. Die Trauer ist tief, denn Luisa war für so viele eine Wegweiserin und ein Maßstab – eine Persönlichkeit, die Denken und Handeln auf eine höhere Ebene zu heben vermochte.

Das Wort „weitermachen“ wollte Luisa nicht mehr verwenden. Das sagte sie mitten in der Pandemie. „Weitermachen“ ist die Sprache des Widerstands, eine Durchhalteparole, letztlich Ausdruck eines blinden Fortschrittsglaubens an die „ glorreiche und fortschrittliche Zukunft“, wie es der Dichter Giacomo Leopardi nannte. Daran glaubte Luisa, die Leopardi zu den bedeutenden Denkern zählte, nicht. Es ist besser, tiefer in die Gegenwart einzudringen, pflegte sie zu sagen.

Gerade dieser Gedanke kommt uns heute entgegen.

Ein so großer Verlust scheint den Blick unweigerlich auf eine Zukunft zu lenken, die von Mangel und Leere geprägt ist. Der Schmerz birgt die Gefahr, der Ohnmacht zu erliegen, als sei mit Luisa auch die Möglichkeit zu denken und zu handeln verschwunden. Doch die Zukunft ist nicht die Projektion der Gegenwart wie bei Leopardi. Ebenso wenig dürfen wir die Gegenwart an dem messen, was nicht mehr da ist. Tiefer in die Gegenwart einzudringen bedeutet vielmehr zu erkennen, dass Luisa bei uns ist, und dass die Gegenwart nicht der Rest dessen ist, was wir verloren haben; sie ist der Raum, in dem das weiterwirkt, was Luisa uns hinterlassen hat. Ihr Denken hat uns befähigt, wirklich da zu sein.

Luisa hinterlässt ein umfangreiches Werk: Bücher, Essays, Artikel, Vorträge und Reden. Dokumentiert ist das in der von Clara Jourdan zusammengestellten Bibliografia 1963–2024, die den zweiten Teil von Esserci davvero (Quaderni di Via Dogana, Libreria delle donne di Milano, 2025) bildet. Das Buch beruht auf einem Gespräch, in dem Luisa Muraro den Weg ihres Lebens und die Entstehung ihrer wichtigsten Werke nachzeichnet. (Anmerkung: Die deutsche Übersetzung dieses Buches erscheint in Kürze unter dem Titel „Wirklich dasein“ im Christel Göttert Verlag.)

Aus diesem Gespräch ging auch die ihr gewidmete Tagung Come quando si accende la luce („Wie wenn das Licht angeht“) hervor, die am 20. September 2025 an der Katholischen Universität Mailand stattfand – an jenem Ort, an dem Luisa ihr Philosophiestudium abgeschlossen hatte. Die Veranstaltung war Teil der Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Bestehen der Libreria delle donne, die Luisa Muraro gemeinsam mit Lia Cigarini und anderen gegründet hatte. Der gleichnamige Tagungsband erscheint im Juni 2026 im Verlag Mimesis.

Luisa war eine Lehrmeisterin – die größte, der ich je begegnet bin. Sie war Lehrerin für ihre Schülerinnen und Studierenden, von der Mittelschule bis zur Universität Verona, an der sie viele Jahre lehrte und gemeinsam mit anderen die Philosophinnengemeinschaft „Diotima“ gründete. Sie war Lehrmeisterin für die Frauen und Männer, die ihre Texte lasen und ihr zuhörten, und für jene, die das Glück hatten, mit ihr gemeinsam zu denken. Ich selbst habe sie vor vielen Jahren in der Libreria delle donne in Mailand kennengelernt. Gemeinsam haben wir das spannende Projekt unserer Website aufgebaut. Dass die Website der Libreria existiert, ist auch ihr zu verdanken – ihrer außergewöhnlichen Intelligenz, für die menschliche Beziehungen der Maßstab aller Dinge waren, selbst im Umgang mit der Technologie.

Wir nehmen Abschied von Luisa Muraro – in tiefer Trauer und mit unendlicher Dankbarkeit.

Autorin: Traudel Sattler
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.06.2026

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne Newball Duke sagt:

    Als ich in den letzten Tagen an Luisa dachte und in ihren Büchern blätterte, war ich erstaunt darüber, WIEVIELE meiner jetzigen Denk- und Fühlrichtungen von ihr initiiert worden waren und mittlerweile in mein ganz gewöhnliches Denk- und Fühlrepertoire aufgenommen sind. Ich war auf der Suche nach einem ganz besonderen Zitat, und erkenne vielmehr, dass so viele ihrer Sätze all die kleinen Verschiebungen in meinem Denken ausgelöst haben. Denn ihre Gedanken sind tief gedacht, und gingen deswegen auch tief in mich ein, aber nicht von einem Moment auf den anderen, sondern in einem langsamen Prozess, in dem sich ihr Denken mit meinen Erfahrungen mischte, in mir resonierte und mir half, Selbstbewusstsein zu entwickeln, um von dieser interessanten Mixtur wiederum eigene Gedanken zu entwickeln.

    An meinen Seitenrandnotizen in den Büchern sehe ich, wo ich beim ersten Lesen stand. Es ist viel passiert seitdem.

    Ich ändere meine Taktik, um ein Zitat zu finden. Ich schließe das Buch „Vom Glück, eine Frau zu sein“, und schlage willkürlich eine Seite auf. Mein Blick fällt auf einen Abschnitt, den ich nicht angestrichen hatte damals, dessen Weisheit aber ebenfalls in mir tagtäglich arbeitet:

    „… mit einer Idee schwanger gehen, eine schwere Geburt, etwas zur Welt bringen usw. (…) Dabei geht es nicht um eine geordnete Reihe von Diskursen, die den gesamten Raum der Wirklichkeit einnehmen, sondern die Einzelnen helfen sich ganz offen auch mit Elementen, die dem diskursiven Denken fremd sind, wie die äußeren Umstände, die Präsenz der Körper, das nach außen drängende Begehren: Nur mit einem solchen Austausch, einem Mix aus Worten, Schweigen, Gesten und Empfindungen hätte es gelingen können, die Idee, die ich erahnt hatte, zur Welt zu bringen.“ (S. 27)

    Ich kenne die Gedanken bereits; heute resonieren sie besonders stark in mir. Denn ich fühle gerade: dasselbe gilt nicht nur für einen kurzen Moment, sondern auch auf lange Sicht gesehen. Ich habe Luisa nie persönlich kennengelernt, ich war nie in einem gemeinsamen physischen Raum mit ihr. Dieser entstehende Mix, von dem sie spricht, zwischen ihren Gedanken und meinen findet aber für mich, in meiner Körperin, unentwegt statt. Er ist so aktiv und lebendig wie eh und je.

    Wie schön, dass sie geboren ist. Ich hätte sie sonst sehr vermisst.

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