Forum für Philosophie und Politik
Von Antje Schrupp

Kürzlich machte eine befreundete Feministin eine Beobachtung, die mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Ihr war aufgefallen, dass fast alle feministischen Debatten und Themen sich seit geraumer Zeit mit dem Thema der sexualisierten Gewalt beschäftigen. Die feministischen Heldinnen heißen Gisèle Pelicot und Collien Fernandez, wir sprechen über Femizide und Vergewaltigungen, über die sexistische Manosphere im Internet, über häusliche Gewalt, über Identitätsklau und mit Hilfe von KI hergestellte Deepfakes, über KO-Tropfen in Drinks.
Und ja, ganz unbestreitbar sind Frauen, die sich gegen sexualisierte Gewalt wehren, Heldinnen, und ganz ohne Frage ist Gewalt gegen Frauen weiterhin ein wichtiges Thema, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann und gegen das wir als Gesellschaft noch viel mehr unternehmen müssen.
Aber: Feminismus ist doch noch so viel mehr als das!
Feminismus, das sind Ideen dafür, wie eine Gesellschaft ohne Geschlechterhierarchien aussehen könnte. Praktiken, wie Menschen miteinander umgehen können, sodass ihre Unterschiede fruchtbar werden statt lähmend. Eine Welt, in der Frauen als freie, schöpferische, inspirierende Menschen in Erscheinung treten, die Vorbilder sind und an denen andere sich orientieren können.
Feminismus ist nicht in erster Linie ein Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung, sondern eine Vision von Freiheit und gutem Leben für alle.Aber irgendwie, so scheint mir, ist dieser Aspekt heute fast unsichtbar. So schade!
Habt Ihr Ideen, woran das liegt – und wie wir das vielleicht ändern können?
Liebe Antje, danke für die Erinnerung an “die Vision von Freiheit und gutem Leben für alle”.
Zu den Ursachen der vermeintlichen Unsichtbarkeit dieses Aspekts hab ich folgende Ideen: Könnte es sein, dass viele der Meinung sind bzw. waren, Frauen hätten doch im Grunde schon alles erreicht und es braucht Feminismus eigentlich gar nicht mehr? Und weil nun in der Berichterstattung über die schrecklichen Gewalttaten zunehmend die Geschlechterverhältnisse thematisiert werden, sieht es so aus, als wäre der Kampf gegen Gewalt halt das, wofür wir den Feminismus jetzt doch nochmal brauchen (etwas überspitzt formuliert).
Und während ich das schreibe, drängt sich noch ein Gedanke auf: Für viele gibt es ja anscheinend sowieso nur einen Feminismus. Könnte es sein, dass dann “der Feminismus” in der breiten Wahrnehmung auch immer nur für eine Hauptaufgabe zuständig ist oder sein kann?
Und noch was: Du schreibst “Aber irgendwie, so scheint mir, ist dieser Aspekt heute fast unsichtbar.” War das früher mal anders? Bzw ist die absolute Menge an Beiträgen, Aktionen etc. mit Visionen fürs gute Leben für alle ungefähr gleich geblieben, wird aber durch die Debatten über Gewalt an Frauen mengenmäßig gerade überlagert? Meine Hoffnung ist ein bisschen, dass das gute Leben für alle schon noch thematisiert und bearbeitet wird (hier auf bzw wäre ja so ein Ort). Und für alle, die eigentlich dachten, sie haben mit Feminismus generell nichts am Hut, könnte der Kampf gegen Gewalt und Unterdrückung ja ein Einstieg für eine Beschäftigung damit sein.
Liebe Antje,
vielen Dank für Deinen Text. Ich habe nachgedacht, woran es liegen könnte, dass feministische Debatten sich so oft um sexualisierte Gewalt drehen: Ich glaube zum einen, dass sexualisierte Gewalt gerade in unterschiedlichen Kontexten aufgearbeitet und besser verstanden wird. So geht es zumindest mir selbst, ich bin auf viel mehr Texte, Filme und Podcasts gestoßen, die mich sehr beeindruckt haben. Zum Beispiel auf einen ganz tollen Text von Rava Katz hier im Blog. Auf Matthias Katsch und die Arbeit des Eckigen Tischs. Auf den Podcast Ein bis zwei. Auf Filme wie Spotlight oder Morgen ist auch noch ein Tag. Und auch das Buch von Gisèle Pelicot gehört dazu. Ich habe plötzlich einen für mich guten Zugang zu diesem Thema gefunden.
Zum anderen ist das Thema vielleicht auch in der momentanen polarisierten Stimmung ein klares Argument pro Feminismus. “Sexualisierte Gewalt richtet sich häufig gegen Frauen und ist schlimm.” Das kann man im Fall Pelicot nicht bestreiten oder relativieren. Es ist ein eindeutiger, krasser Fall.
Wie man den Fokus ändern könnte – ich weiß es nicht. Ich glaube nur, dass es andere, vielleicht auch neue alte Räume für inspirierenden feministischen Diskurs braucht. Meine “feministische Sozialisation” hat fast ausschließlich über Social Media stattgefunden, erst über YouTube-Videos von Antia Sarkeesian oder Franchesca Ramsey, tumblr-Blogs und später dann über Twitter und Instagram. Ich halte mich an diesen Orten im Netz nicht mehr auf, weil es sie nicht mehr gibt oder weil sie sich verändert haben. Ich bin jetzt bei Bluesky und Mastodon, habe die beiden Apps aber gar nicht mehr auf meinem neuen Handy installiert, weil die Posts der Menschen, die mich früher sehr bewegt haben, oft so einen Freund-Feind-Dualismus an sich haben. Ich abonniere inzwischen Newsletter und habe einen Feed für interessante Blogs, dort finde ich viel mehr interessante und konstruktive Ideen. Das sind aber natürlich kleinere Öffentlichkeiten und teilweise auch Nischen – und es führt dazu, dass ich mich selten über das Gelesene mit anderen austauschen kann. Als ich noch Social Media genutzt habe, kam es viel öfter vor, dass es mit Freundinnen oder im Büro zu Gesprächen kam im Sinne von “Hast du auch mitbekommen…?” Das ist für mich ein Nachteil an diesen Formaten.
Gewalt gegen Frauen ist ein wichtiges Thema, das ist unbestritten, da muss etwas geschehen!
Vor allem erregt es die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums.
Und doch beginnt alles bei einem selbst. Wenn man darüber sprechen würde, wie man Selbstreflexion übt und innere Wahrnehmungen so kommuniziert, dass man sich treu bleibt, wäre das viel weniger spektakulär. Obwohl das eigentlich der Schlüssel ist, um sich besser zu verständigen zwischen Mitmenschen. Emotionale Ruhe zu bewahren, könnte auch helfen. Am besten wäre es, schon im Schulfach “Empathie” zu vermitteln, wie das geht. Das sind Methoden, die nicht so einfach zu bewältigen sind, denn sie beginnen bei einem selbst und erfordern Aufmerksamkeit nach innen, sowie eine ständige Übung (lebenslang).
Gewalttaten kann man verurteilen und sich echauffieren – und somit Verantwortung von sich weisen –, das ist wesentlich leichter. Viele Grüße Uta-Maria