Forum für Philosophie und Politik
Von Dorothee Markert
Dies ist der dritte Text der Reihe “Ich habe einen Crush auf… eine Frau!” In dieser Reihe feiern wir die Frau, die liebt, was sie tut. Wenn sie uns ansteckt mit ihren guten Gefühlen, wir nicht aufhören können, sie anzuhimmeln, und der Vibe auch Tage später noch beim Gedanken an den Moment in uns schwingt, bemerken wir… wir haben (auch als Hetera) einen Crush… auf eine Frau!
Hier gibt es eine Kurzbeschreibung dieser Reihe. Hier gibt es eine Langversion, in der damit verbundene philosophische und politische Fragen aufgeworfen werden. Hier gibt es von der Langversion eine Audioversion.
Bereits in dieser Serie erschienen ist

Anfang der 1970er-Jahre, als ich begann, als Lehrerin zu arbeiten, waren viele Unterrichtsmethoden, die heute Standard sind – zumindest an Grundschulen – an staatlichen Schulen in Deutschland noch nicht bekannt. Beispielsweise der Morgenkreis, Lese- und Bastelecken, freies Arbeiten mit Materialien zur Selbstkorrektur nach Wochenplänen oder selbst erarbeitete Referate von Schülerinnen und Schülern. Frontalunterricht und Stillarbeit wechselten sich ab, es war schon kühn (und oft nicht gern gesehen), wenn wir jungen Lehrkräfte ab und zu Gruppenarbeit ausprobierten.
In Frankreich war das damals anders. Dort gab es seit den 1930er-Jahren eine breite Bewegung, die sich die Demokratisierung des Unterrichts und der Schulen zum Ziel gesetzt hatte, die Freinet-Bewegung. Eher zufällig erfuhr ich davon und lernte ein paar Leute kennen, die Fahrten an elsässische Schulen organisierten, um mehr darüber zu erfahren, wie das in der Praxis aussah. Nach der Begegnung mit einem elsässischen Schulleiter, der uns seine Schule zeigte, an der alle Lehrpersonen nach der Freinet-Methode arbeiteten, war dann für uns klar, dass wir auch so arbeiten wollten. Vor allem das eigenhändige Setzen und Drucken kurzer Texte der Kinder, die illustriert und als “Zeitung” an eine Partnerklasse irgendwo in Frankreich geschickt wurden, begeisterte mich. Ich staunte über die Kreativität der Lehrerinnen und Lehrer, die viele Materialien selbst entwickelt und gebastelt hatten.
Wir wussten damals noch nicht, wie schwer wir es mit unserem Vorhaben an unseren Schulen in Deutschland haben würden – meistens standen wir allein gegen Schulleiter, Hausmeister, einzelne Kollegen und Schulräte. Doch nichts hielt uns davon ab, uns sofort in die Arbeit zu stürzen. Die Regional- und Bundestreffen der kleinen deutschen Freinetbewegung waren in den folgenden Jahren die lebendigsten Fortbildungen, die ich mir denken kann. Von uns selbst ausgehend, selbst organisiert und meistens sehr vergnüglich.
Irgendjemand aus meinem Umfeld erfuhr in der Anfangszeit, dass in Bordeaux ein Freinet-Kongress stattfinden sollte. Zu fünft quetschten wir uns in einen VW-Käfer und fuhren hin. Ich weiß noch, dass wir unterwegs in einem Hotel alle in einem Zimmer übernachteten, da es das einzige war, das wir bekommen konnten.
In Bordeaux begegnete ich gleich am ersten Abend meinem Crush, einer französischen Professorin. Es war die erste Professorin in meinem Leben. In meinem Studium waren lehrende Frauen höchstens ein- oder zweimal als Lehrbeauftragte vorgekommen. Was diese Frau über die Umgestaltung von Schule und Unterricht sagte, begeisterte mich. Und ich freute mich über ihr souveränes Auftreten. Nach dem Vortrag wollte ich unbedingt zu ihr hingehen und mich bedanken, wahrscheinlich bewegte ich mich auch in ihre Richtung. Aber dann sah ich, wie viele schon um sie herumstanden, da verließ mich der Mut.
Am nächsten Tag besuchte ich noch weitere Veranstaltungen. Dabei war ich ständig auf der Suche nach meinem Crush und übte im Kopf die französischen Sätze, die ich ihr sagen wollte. Meine Mitreisenden machten am Nachmittag noch einen Ausflug ans Meer und verstanden überhaupt nicht, warum ich unbedingt auf dem Kongressgelände bleiben wollte. Ich hoffte immer noch auf eine Begegnung mit “meiner” Professorin, zu der es aber nicht mehr kam.
Dieses Erlebnis fiel in die Zeit meines Coming Outs, in der ich mich ständig in Frauen verliebte. Als wäre ich verliebt, fühlte sich mein Crush ebenfalls an, doch gleichzeitig war ich auch verwirrt und konnte nicht verstehen, was da mit mir passierte. Die Professorin war aus meiner damaligen Perspektive ja schon sehr alt und entsprach in ihrem Aussehen auch gar nicht einer Frau, wie sie mir gefiel. Sie war eher konservativ gekleidet, vielleicht trug sie die Haare sogar in einem Knoten. Schade, dass ich damals noch nicht zwischen “einen Crush haben” und “mich verlieben” unterscheiden konnte!
Wenn ich die Crushs aus meiner Kindheit und frühen Jugend weglasse, die ich mir in meinem Tagebuch später so erklärte, dass diese erwachsenen Frauen aus meinem Umfeld (eine Arztfrau, bei der ich babysittete, eine Tante, eine Lehrerin) halt Vorbilder für mich gewesen seien, dann war das Erlebnis mit der französischen Professorin der erste Crush in meinem Leben. Dass er mich besonders verwirrte, kam daher, dass ich inzwischen das Gefühl der Verliebtheit in eine Frau, dem er so sehr ähnelt, ja kannte und gerade dabei war, mich mit meiner Frauen-liebenden Lebensweise auszusöhnen.
Nun will ich noch von meinem letzten Crush erzählen, den ich kurz nach der Veröffentlichung von Annes Crush-Artikel hatte. Die Unterscheidung zwischen Crush und Mich-Verlieben hatte ich also schon zur Verfügung.
In den Osterferien waren wir dieses Jahr mal wieder auf Sylt. Ich war auf dem Weg zum Palmsonntags-Gottesdienst und hatte die Kirche fast erreicht. Da kam eine Frau auf die Kirche zu gerannt, die so witzig aussah, dass ich einfach lachen musste: Sie trug Sandaletten mit Absätzen, einen langen schwarzen Talar und darüber einen bunten Regenmantel, der zu eng und zu kurz war. Sie schaute etwas irritiert zu mir herüber und rannte weiter, denn die Glocken läuteten schon. Diese Pfarrerin kannte ich noch nicht, die vorhergehende war bei meinem letzten Besuch auf der Insel zwei Jahre zuvor gerade verabschiedet worden.
Im Gottesdienst mochte ich an dieser Pfarrerin einfach alles. Was sie sagte, wie sie es sagte, wie sie das Kyrie mit einer ziemlich wackligen Stimme sang, wie sie davon sprach, dass Jesus “ermordet” wurde, und an anderer Stelle deutlich machte, dass sie mit der Aussage, er sei für unsere Sünden gestorben, nicht einverstanden sei. Sie kündigte sogar einen Gesprächskreis an, in dem über diese und andere strittige Fragen mal gesprochen werden könnte. Wie sie von der Frau sprach, die kostbares “Nardenöl” im Wert eines damaligen Jahreseinkommens über Jesus ausgegossen hatte. Und dass sie zusammen mit der Küsterin winzige Tropfen dieses Öls in kleine Gläschen verteilt hatte, damit es in allen Reihen weitergereicht werden konnte, bis die ganze Kirche danach roch. Wie sie nach dem Gottesdienst an der Tür stand und mit den Menschen redete. Wie sie mich anschaute und meinte: “Dieses Gesicht kenne ich doch! Sehen wir uns gleich noch beim Kirchenkaffee?” Und schon tauchte sie wieder in das nächste Gespräch ein. Sie schien sehr vertraut mit ihren Gemeindemitgliedern, war auch mit den meisten per du.
Und dann kam ich nach Hause und sagte zu meiner Frau: “Heute hatte ich einen Crush”. (Wir hatten schon über Annes Artikel gesprochen, so kannte sie die Unterscheidung zwischen “Sich-Verlieben” und “einen Crush haben” bereits). Ohne Beides unterscheiden zu können, hätte ich wahrscheinlich nichts erzählt von dem, was mir passiert war. Jetzt war ich sicher, dass ich mich nicht in diese Pfarrerin verliebt hatte, sondern mich daran freute, wie sie Pfarrerin war und wie sehr sie offensichtlich liebte, was sie tat. Es war schön, noch zwei weitere Gottesdienste mit ihr vor mir zu haben. Und, wer weiß, vielleicht ist sie ja noch auf der Insel, wenn wir wieder hinfahren!
Also durchatmen und noch einmal (seufz)
Liebe Dorothee, der Text ist an mir vorbeigegangen, deswegen habe ich mich nicht früher gemeldet!
Ich finde so spannend, was du schreibst. Und ich glaube, ich finde jetzt nur eine Synthese von dem, was ich eben geschrieben habe (und wie du das auch kennst, leide ich und langweile ich mich ganz schrecklich, wenn ich nochmal dasselbe schreiben muss und zudem all die schönen spritzigen „Erst-Formulierungen“ von eben eh nicht mehr hinbekomme):
Ich frage mich zum einen, ob diese Differenzierung der Gefühle, die sich im „liebes-nahen“ Bereich abspielen, notwendig sind für monogame Beziehungslandschaften, in der ja Crushs als potentiell bedrohlich angesehen werden. Und ich hatte das dann verneint, denn ich finde, dass die „Crush-Theorie“ Sprachefinden und Kommunikation ermöglicht von Gefühlen, die man vor der Partner*in verstecken musste, eben weil es oft schlechte Gefühle wie Eifersucht usw. geweckt hat. Und ich denke, dass eine solche Ausdifferenzierung und Sprachefinden nur gut sein kann, denn mehr Wissen und Sprache und Zulassen von Liebe und Freude verändern unsere Weltsicht ins Gute.
Dann war der andere wichtige Punkt, dass ich NEUERDINGS auch öfter einen Crush auf Männer bekomme. Und wenn ich länger darüber nachdenke, dann sind es immer Männer, die auch ihre (weiblichen) Energien fließen lassen (also patriarchale Fühl- und Denkmuster hinter sich gelassen haben), die klug, feministisch, offen, neugierig sind, die zuhören und interessiert sind an dem, was andere sagen und es in ihr Denken integrieren, deren Denken unabgeschlossen und wertfrei ist und von innen heraus geschieht. Und ich schreibe „neuerdings“, weil ich diese Männer erst seit Kurzem „finde“, und zwar, seit ich mich mit spirituellen Philosophien und besonders mit der Astrologie beschäftige. Hier ist nichts geschlossen, und alles ist im Flow und in der Entwicklung und unklar, und Männer, die das aushalten können, die faszinieren mich. Es sind Männer mit emotionaler Reife und sehr oft mit kleinem Ego, aber großem Herzen und Seele und einem Drive und Wille zu Wissen von tief innen heraus; denen mittlerweile egal ist, was die Wissenschaftscommunity beispielsweise zu ihrem Forschungsinteresse sagt. Das finde ich sehr crushig ;).
Mein neuester Crush ist der Philosoph, Psychologe und Astrologe Richard Tarnas. Ich lese seine Bücher und höre und schaue Podcasts mit ihm in ähnlicher Verzückung, wie ich z.B. Ekaterinas Tanzschule in „Let’s Dance“ zuschaue (siehe mein Crush-Text).
Ich schreibe das, weil ich Parallelen sehe zu dem, was du schreibst, Dorothee, was das Geschlecht angeht, das auf uns jeweils erotische Anziehungskraft ausübt. Auch ich finde da also neue Sprache und neue Differenzierung.
Und ich finde noch spannend, dass mich übrigens auch nur Frauen crushig interessieren, die diese Offenheit haben, die sich für fehlbar halten, die mutig und riskant und unabgeschlossen in ihrem Denken und Fühlen sind, die sich von ihrer Intuition leiten lassen (ob bewusst oder unbewusst, ist erstmal egal und wäre ja spannend herauszufinden), die irgendeine witchcraft haben und im besten Falle dazu stehen, ja, die allen Aspekten des Lebens – auch den profanen und alltäglichen – eben mit Freude, Neugierde und Staunen begegnen.
Vielleicht ist mein „Crush-Muster“ also gar nicht entlang der Geschlechterlinie. Ich fände das ja noch viel interessanter.
Mir kommen noch mehr, noch zu wenig elaborierte Gedanken jetzt in den Kopf… die Serie geht ja hoffentlich noch eine Weile, sodass sie sich die Gedanken noch weiterentwickeln können.
Danke, liebe Dorothee!!!
oh no, ich habe gerade einen ganz langen Kommentar verfasst, und er ist weg, jetzt muss ich mich erstmal fassen…