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„Wir waren das Ende des Nebenwiderspruchs“ – fünfzig Jahre Courage

Von Sibylle Plogstedt, Antje Schrupp

Vor genau fünfzig Jahren, 1976, wurde die links-feministische Zeitung “Courage” gegründet. Am 22. Juni gibt es zum Jubiläum ein großes Fest in Berlin. Die Journalistin und Publizistin Sibylle Plogstedt gehörte damals zu den Gründerinnen. Antje Schrupp sprach mit ihr über Feminismus, Veränderungen und bleibende Themen.


Foto: Line Tsoj

Liebe Sibylle, du bist eine der Gründerinnen der Frauenzeitung Courage. Für die Jüngeren unter unseren Leserinnen: Kannst du nochmal kurz erklären, was das Konzept war und wie lange es sie gab?

Viele von uns kamen aus linken Gruppen und wir waren nicht damit einverstanden, dass die Frauenfrage warten sollte, bis die Revolution da war. Wir waren das Ende des Nebenwiderspruchs. Die Courage hat sich als links-feministische Zeitung verstanden und wir haben uns bewusst “Zeitung” genannt, weil es damals noch keine aktuelle Frauenberichterstattung gab. In den linken Bewegungen hatte ich gelernt, dass jede Bewegung ihre Zeitung trägt. Und sie tat es acht Jahre lang. Während studentische Zeitungen damals maximal 2000 Exemplare Auflage hatten, erreichten wir eine von bis zu 70.000. Die taz ist ja erst ein paar Jahre später gegründet worden.  

Ihr habt damals viele Tabus über Frauen aufgedeckt, welche vor allem?

Das wichtigste Tabu war die Gewalt gegen Frauen. Schlagen, Missbrauch, Vergewaltigung. Vergewaltigung als Waffe im Krieg, wir entdeckten ein Tabu nach dem anderen, alles Tabus, die es zu brechen galt. Zu ihnen gehörten aber auch die ganz normalen Funktionen des weiblichen Körpers: Menstruation, Gebären, Stillen, die Wechseljahre. Für uns als Redaktion war es unfassbar, wie viele Tabus es gab, die Frauen in ihrer Potenz unsichtbar machten und wie viele dazu beitrugen, Frauen zu erniedrigen.    

Damals ging es auch viel darum, Frauen die Zugänge zu Bereichen zu erkämpfen und darüber zu berichten – die erste Berliner Busfahrerin, die erste Pilotin, die erste Frau bei den Philharmonikern. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Ist die Welt dadurch besser geworden?

Frauen können sich heute sehr viel freier bewegen. Insofern ist das Leben für die Frauen leichter geworden. Damals gab es für die Frauen in vielen Berufen keine Vorbilder. Heute können sie sich mit anderen Frauen vergleichen, weil sie in nicht mehr allein sind. Für viele Bereiche gibt es die Forderung nach Quoten und sogar nach Parität.

Viele Themen sind aber auch gleich geblieben: Gewalt gegen Frauen, Kulturgeschichte, weibliche Körper – wo stehen wir heute als Feminist*innen? Was sind heute die wichtigsten Themen?

Es gibt leider immer noch Gewalt gegen Frauen. Aber der Widerstand gegen sie ist sehr massiv. Und er wird von sehr vielen prominenten Frauen getragen. Das gab es damals erstmals beim Thema Abtreibung, als viele Frauen bekannten: “Wir haben abgetrieben”. Heute sagen auch bekannte Frauen: “Mein Chef hat mich vergewaltigt.” “Mein Ex hat versucht, mich umzubringen”. Das ist ein Quantensprung im Vergleich zu der Zeit, in der wie anfingen, über diese Tabus zu schreiben.  

Über die Courage wird rückblickend oft als Gegenprojekt zur Emma gesprochen, war das so?

In Teilen ja. Wir waren aber als erste da. Insofern kann man auch sagen, die Emma war das Gegenprojekt zur Courage. Wir waren dichter an den Projekten der Frauenbewegung. Sowohl in der feministischen Wissenschaft, in der feministischen Theorie und den Aktionen. Auch die Beratungsarbeit, die  Notrufe und die Frauenhäuser waren bei uns Thema. Wir hatten neben den Artikeln auch Nachrichten aus der Frauenbewegung und Frauentermine. Das erleichterte das Vernetzen innerhalb der Frauenbewegung. 

Auch heute gibt es viele Konflikte unter Feministinnen, zum Beispiel beim Themen wie Sexarbeit, Selbstbestimmungsgesetz und so weiter. Können wir da von eurer Erfahrung damals was lernen?

In der Sexarbeit gibt es gewiss einige sehr selbstständige Frauen. Die gab es immer. Nicht vergessen werden sollte aber, dass der größere Teil der Sexarbeiterinnen während ihrer Arbeit Gewalt erleidet und gezwungen wird, dieser Arbeit nachzugehen. Das ist übrigens eine Einschätzung, die Emma auch vertritt. Wenn Frauen sich überall gegen Gewalt zur Wehr setzen, sollte es einen stutzig machen, dass just aus diesem Bereich so wenig Widerstand kommt. Für mich ist das ein Zeichen extremer Unterdrückung.  

Anders als zur Zeit der Courage gibt es heute in vielen großen Medien Redakteurinnen und Autorinnen, die über feministische Themen schreiben. Wie beurteilst du die Presselandschaft aus feministischer Sicht?

Ich bin Mitglied einer Jury, die jährlich den Courage-Preis des Journalistinnenbunds auswählt. Es ist toll, was heute in den Medien über Frauen veröffentlicht werden kann. Und wie viele Kolleginnen sich dieser Themen annehmen. Aber auch hier: Ein großer Teil dieser Arbeiten befasst sich bis heute mit den Arten der Gewalt gegen Frauen. 

Wenn es Courage heute noch gäbe: Hättet ihr einen Insta-Kanal? Sind Soziale Medien geeignet für feministische Debatten und Vernetzung?

Ja selbstverständlich. Und die Arbeit dort müsste hoch kreativ sein, um eine Strategie zu entwickeln, dem Hass im Netz zu begegnen. 

Vor fünf Jahren habt ihr euch, also die Mitarbeiterinnen der Courage, wiedergetroffen. Was ist aus euch geworden? Wie hat Courage eure persönlichen Leben beeinflusst?

Berührt hat mich vor allem, dass alle gesagt haben, dass die Arbeit in der Courage ihr gesamtes weiteres Leben geprägt hat. Einige sind Journalistinnen geblieben, eine hat für Abgeordnete gearbeitet. Es gibt Historikerinnen, Übersetzerinnen, Künstlerinnen – aber auch eine, die einen Laden für Babysachen betreibt. Für eine andere wurde die Welt des Yoga zentral. Nach diesem Treffen ist eine Homepage der Courage entstanden: https://couragefrauenzeitung.de. Entstanden ist so ein richtiger Schatz an Informationen: Mit allen Heften und Artikel, aber auch Beiträgen, was die Courage-Frauen heute machen. Die Homepage wird seit fünf Jahren fortgeschrieben. 

Im Juni 2026 feiert Ihr das Jubiläum in der Berliner „Bar jeder Vernunft“. Was habt Ihr geplant? Wie kann man sich anmelden und mitmachen?

Der 22. Juni beginnt um 18 Uhr, mit einem Fest des Wiedersehens. Und ein Fest zwischen den Generationen der Frauenbewegung. Wir feiern in Berlin im Spiegelzelt ‘Bar jeder Vernunft’ in der Schaperstraße 24. Tickets gibt es zum Preis von 10-30 Euro. Wir haben drei Podien: eines, auf dem wir Courage-Frauen erzählen, eines, auf dem Frauen berichten, die parallel zu uns über Frauenthemen gesendet oder geschrieben haben, und dann eines, bei dem heutige feministische Journalistinnen zu Wort kommen. Es haben schon viele bekannte Feministinnen ihr Kommen angekündigt und sich Karten besorgt. Wir sind stolz darauf, wer da alles dabei sein wird. Es gibt Musik und mehr, auch eine lustige Hutaktion. Und es gibt noch einmal viele unserer alten Ausgaben der Courage. Wer die Courage damals nicht damals kannte, kann bei dem Fest noch ein paar ergattern. Das Fest ist spendenfinanziert, jede kann sich beteiligen. Und auf der Seite https://couragefrauenzeitung.de kann jedefrau nachgucken, wie viele Tage, Stunden, Minuten und Sekunden es noch dauert, bis es unser 50. Gründungsfest beginnt.

Autorin: Sibylle Plogstedt, Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.04.2026

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Brigitte Leyh sagt:

    (Un)Liebe Courage-Frauen,
    Sie haben alle viel für uns Frauen getan und ich hoffe, Sie sind weiter überall da produktiv wo Sie jetzt sind. Ich hatte damals die Courage – toller Titel übrigens – abonniert und oft gestaunt über Probleme, die mir gar nicht bewusst gewesen waren, die ich aber voll bestätigen konnte.
    Und dazu habe ich heute noch das Bild des kleinen Baby-Mädchens, das mit Gewalt penetriert worden ist…

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