beziehungsweise – weiterdenken

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Rubrik erinnern, erzählen, leben

Ich hatte einen Crush… auf “Eine Dame”

Von Jutta Pivecka

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Dies ist der zweite Text der Reihe “Ich habe einen Crush auf… eine Frau!” In dieser Reihe feiern wir die Frau, die liebt, was sie tut. Wenn sie uns ansteckt mit ihren guten Gefühlen, wir nicht aufhören können, sie anzuhimmeln, und der Vibe auch Tage später noch beim Gedanken an den Moment in uns schwingt, bemerken wir… wir haben (auch als Hetera) einen Crush… auf eine Frau!

Hier gibt es eine Kurzbeschreibung dieser Reihe. Hier gibt es eine Langversion, in der damit verbundene philosophische und politische Fragen aufgeworfen werden. Hier gibt es von der Langversion eine Audioversion.

Bereits in dieser Serie erschienen ist

      *****

      Dr. Irmgard von Lemmers-Danforth

      (1892-1984)

      Mein erster Crush auf eine Frau galt der Kinderärztin Dr. Irmgard von Lemmers-Danforth. Kein Wunder, könnte man denken, denn sie rettete mir das Leben. Kurz nach meiner Geburt nahm ich keinerlei Nahrung mehr auf; meine Eltern gerieten in Panik; der Hausarzt wusste keinen Rat. Ein Auto wurde von der Verwandtschaft organisiert und man brachte mich in die Praxis von Dr. Lemmers-Danforth in der nahe gelegenen Kreisstadt Wetzlar. Sie stellte die richtige Diagnose und veranlasste sofort die Leben rettende Operation. An all das habe ich aber selbstverständlich gar keine Erinnerung – und deshalb hat meine Verehrung, mein „Crush“ auch nichts damit zu tun. 

      Als ich geboren wurde (1965), war die Lemmers-Danforth schon 73 Jahre alt. Trotz des hohen Alters betrieb sie noch ihre Kinderarztpraxis. Ich erinnere mich vage an Besuche dort. Meine Mutter war ihr unendlich dankbar, aber es gefiel ihr nicht, dass die Lemmers-Danforth mich „Hexchen“ nannte.

      In der Oberstufe wechselte ich auf das Goethe-Gymnasium in Wetzlar. Ich weiß nicht mehr genau, was mich veranlasste, das Palais Papius in der Altstadt nach der Schule eines Nachmittags Anfang der 80er Jahre aufzusuchen, in das die Lemmers-Danforth nach der Schließung ihrer Praxis 1975 gezogen war und in dem sie ihre private Möbelsammlung (überwiegend Renaissance und Barock) ausstellte. Sie führte selbst durch die Sammlung. Eine kleine Frau mit einem kantigen, faltigen Gesicht, dünnen dunklen, hochgesteckten Haaren, die sich gegen die Ordnung der Haarnadeln immer sträubten, ein wacher aufmerksamer Blick, dem man sich nicht entziehen konnte. Sie trug eine hochgeschlossene weiße Rüschenbluse und einen schmalen, langen dunklen Rock. Sie verkörperte, was ich mir unter einer „Dame“ vorstellte, eine zeitlos elegante Frau, nicht klassisch schön, aber in ihrer Haltung eine scheinbar mühelose „Grandezza“ ausstrahlend, die mich beeindruckte und nach der ich mich ja offenbar gesehnt haben musste, denn ich interessierte mich überhaupt nicht für alte Möbel. 

      Die Lemmers-Danforth musterte mich unverhohlen, überlegte einen Augenblick und dann sagte sie: „Hexchen.“ Sie hatte mich erkannt. Das bedeutete mir viel, es hob mich geradezu hoch, so empfand ich das. Doch sie hielt sich nicht mit Anekdoten aus meiner Kinderzeit auf, sondern zog mich zu den Tischen und Stühlen, den Vasen und Schränken, die sie gesammelte hatte, wies mich auf die Besonderheiten hin. Ihre knotigen Hände strichen zärtlich über das Holz eines mit kunstvollen Intarsien versehenen Sekretärs, eine Arbeit, die sie begeisterte. Ich habe leider alles vergessen, was sie dazu erzählte. Zum Schluss standen wir vor einem wunderschönen, mächtigen Schrank aus glänzend poliertem Nussbaum und sie strich noch einmal voller Zärtlichkeit darüber: „Eine Frankfurter Nase.“, sagte sie. Frankfurter Nasen heißen die Wellen, die solche Schränke gliedern. Immerhin, das habe ich mir gemerkt. Es gelang ihr nicht, an diesem Nachmittag, ihre Leidenschaft für historische Möbel auf mich zu übertragen. 

      Aber deshalb war ich ja auch nicht gekommen. Ich hatte sie wiedersehen wollen, Irmgard von Lemmers-Danforth, diese „Dame“, die so anders war als alle anderen Frauen, die ich zu diesem Zeitpunkt kannte. Sie unterschied sich durch die Selbstverständlichkeit, mit der sie auftrat, mit der sie ihre Leidenschaften pflegte, ihren Stil gegen die Zeit beibehielt, durch etwas „Aristokratisches“, das aber nie von oben herab wirkte, sondern sich eher wie eine Erhebung anfühlte. Ich hatte, so formuliere ich es mit dem Abstand von über 40 Jahren, in ihrer Gegenwart stets das Gefühl „Jemand“ zu sein. Dass und wie sie einen wahrnahm, verlieh Bedeutung, denn es gab keinen Zweifel, dass sie selbst bedeutend war. Ich kannte damals keinen anderen Menschen, der diese „Bedeutsamkeit“ mit derselben Selbstverständlichkeit ausstrahlte und verlieh.

      Als Anne ihre Idee dieser Serie über unsere „Crushs“ auf Frauen vorstellte, fiel mir sofort Irmgard von Lemmers-Danforth ein. Ich habe seither immer wieder überlegt, was diese „damenhafte“, aristokratische Frau so anziehend für mich machte. Ich selbst bin keineswegs „damenhaft“ und werde es auch sicher nicht mehr werden. Vielleicht liegt gerade darin die Faszination. Für mich strahlte die Lemmers-Danforth das  – so schien es mir – mühelose Selbstbewusstsein einer Frau aus, die nichts werden musste, sondern immer schon „Jemand“ war. Ich kann natürlich nicht überprüfen, ob das stimmt. 

      Was ich damit meine, ist der Vorschein von einer Persönlichkeit, die nicht mühsam gegen die Umstände sich herausbilden und errungen werden musste, die nicht sich erst verwirklichte durch Erfolg nach dem Leistungsprinzip der bürgerlichen Meritokratie. Die Mühe, die Bemühungen, die das kostet, in so einer Gesellschaft „Jemand“ zu werden, graben sich ein in die Gesichtszüge und die Haltung. Das, so schien es mir damals und scheint es mir noch heute, hatte die Lemmers-Danforth nicht nötig gehabt. Es erschien mir unmöglich, dass sie sich jemals als ein „Niemand“ gefühlt hatte. 

      Damit will ich auf keinen Fall ausdrücken, dass sie in ihrem Leben keinen Widerständen ausgesetzt war und sich gegen diese durchzusetzen hatte. Das Gegenteil ist der Fall: Sie war eine der ersten Ärztinnen in Deutschland mit eigener Praxis. Sie hatte im Studium in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sicher mit den Vorurteilen gegen Frauen zu kämpfen. In Wetzlar lebte sie zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Hildegard Pletsch und ich selbst habe noch erlebt, wie empört einige Wetzlar Bürger reagierten, als Pletsch nach Lemmers-Danforths Tod 1984 in der Todesanzeige sich als ihre Lebenspartnerin bezeichnete. Lieber hätten viele damals an der Fiktion festgehalten, dass Pletsch die Haushälterin der Lemmers-Danforth gewesen sei. 

      Die Lemmers-Danforth strahlte für mich die Selbstgewissheit einer Frau aus, die ihren eigenen Wert niemals in Frage stellte. Die gesellschaftlichen Widerstände konnten sie nicht verformen, so erkläre ich mir meinen „Crush“ auf diese Frau, weil sie immer schon privilegiert war: als geliebte Tochter in einer wohlhabenden, aristokratischen Familie. Privilegien wurden in den letzten Jahren im Zusammenhang mit intersektionalem Feminismus viel diskutiert. Meistens richtete sich der Fokus darauf, dass die Privilegierten sich ihrer Vorteile bewusstwerden sollten und den weniger Privilegierten mehr Raum und Sichtbarkeit einräumen müssten. Ich finde diese Überlegungen richtig und wichtig. 

      Mein Crush auf die Lemmers-Danforth führt mich aber auf eine andere Spur: Privilegierte Menschen können durch die Art und Weise, wie sie ihre Freiheit praktisch verwirklichen, etwas Utopisches zum Vorschein und zur Anschauung bringen. Die Lemmers-Danforth war für mich so schön, weil sie so selbstverständlich sie selbst war: eine Kinderärztin, eine leidenschaftliche Sammlerin, die Lebenspartnerin der Hildegard Pletsch. Das alles waren Positionen, die einer Frau ihrer Generation (geb. 1892) nicht selbstverständlich zufielen. Aber sie wirkte nicht so, als habe sie diese mühsam erkämpft. Diese kleine, zierliche, alte Dame stand einfach da und war sie selbst. Vielleicht stimmt das auch gar nicht und sie wurde die Frau, die ich kennenlernte, durchaus mühsam und unter Selbstzweifeln. Es prägte sich aber nicht in ihrer Haltung aus. Sie trug ihre Privilegien stolz und verwandelte sie in ein außergewöhnliches Leben. Für mich brachte sie die Vorstellung einer Welt zur Erscheinung, in der eine „Jemand“ sein konnte und nicht erst „Jemand“ werden musste. 

      *****

      Diese Reihe lebt vom Mitmachen! Wenn ihr einen Crush teilen wollt, schreibt uns: info (at) bzw-weiterdenken.de. Auch philosophisches und politisches Weiterdenken absolut erwünscht!

      Autorin: Jutta Pivecka
      Eingestellt am: 18.04.2026

      Kommentare zu diesem Beitrag

      • Anne Newball Duke sagt:

        Liebe Jutta,
        was für eine wundervolle Hommage an eine Frau, ich bin sehr gerührt von dieser Würdigung einer einprägsamen Erinnerung und wie du diese beschreibst! Ich kann sie total nachempfinden.

        Ich finde sehr interessant, was du schreibst bezüglich der Privilegien. Ich bin da ganz deiner Meinung. Ich habe darüber auch oft nachgedacht in letzter Zeit und auch darüber geschrieben in meinem Substack-Text “Von Superwoman zu Witchyness”. Ich habe da die sehr gegensätzlichen Schwestern- und Freundinnenpaare in den Disneyfilmen “Frozen” und “Wicked” angeschaut, und dabei ist mir aufgegangen, dass diese Paare nur im Zusammenschluss ihrer gegensätzlichen Seiten des symbolischen Weiblichen “das Ganze” im Blick und im Gefühl haben können. Dass es im Grunde nicht in erster Linie darum geht, das Augenmerk auf Privilegien oder Unterdrückung im System zu legen, um gesellschaftliche Veränderungen generieren zu können, sondern dass das In-Anspruch-Nehmen-Können oder Nicht-In-Anspruch-Nehmen-Können von gesellschaftlichen Privilegien für unterschiedliche Erfahrungen sorgt, und dass es um diesen Zusammenschluss von Erfahrungen geht. Und zwar zudem mit Fokus auf die vereinende Liebe zweier Frauen – also auf die Frauenpaare in den Disneyfilmen bezogen – und deren Aufeinander-Bezogensein in Differenz, nicht auf ein spalterisches Misstrauen und gegenseitiges Ausspielen in Hass, Neid und Eifersucht. (Hier ausführlicher nachzulesen: https://annenewballduke.substack.com/p/von-superwoman-zu-witchyness-part-2f0

        Also ich meine: Klar muss ich mir meiner Privilegien bewusst sein, aber wenn ich das Gefühl habe, dass ich meine Erfahrungen verstecken muss, weil sie angeblich nicht wertvoll sind für das Nachdenken über das gute Leben für alle Würdeträger*innen, dann erschaffen wir plötzlich eine Welt ohne das Gefühl von Leichtigkeit und davon, dass Dinge, die für einige sehr schwer sind, für andere sehr einfach und selbstverständlich sein können. Das ist in allen Dingen des Lebens so, nicht nur, wenn wir den Fokus auf Privilegien richten. Wir gehen viel zu oft aus, dass die Dinge, dass das Leben schwer sein muss und “hart verdient” usw., damit es gut und richtig gelebt ist. Dass wir uns auf die schlechten und unangenehmen Seiten fokussieren müssen, diese in allen möglichen Formen ausleuchten müssen, damit wir wissen, wie wir ein gutes Leben leben können. Ich glaube das nicht. Alle Erfahrungen sind wichtig, und die Wiederentdeckung und Nichtunterschätzung der Leichtigkeit und der Freude sind gerade in diesen Zeiten absolut überlebensnotwendig.

        Vielleicht ist das eh so auch eine Idee dieser Crush-Reihe… dass wir uns auf die schönen, guten, singenden und klingenden Seiten in unseren Beziehungen besinnen statt auf die spaltenden, scham-, wut- und angstbesetzten usw. Ich meine, wie soll das überhaupt gehen? Aus Gefühlen der Spaltung, Scham, Wut und Angst heraus gute Gedanken über das Leben zu bekommen? Eigentlich sollten wir uns alle gegenseitig immer darin unterstützen, dass wir so oft wie möglich in unserer Freude stehen können, dass wir uns gegenseitig die Räume öffnen statt sie zu schließen (mit schlechter Laune, Voreingenommenheit, Projektionen, Schubladen, wenn wir Pessimismus über Weltlage auch auf unsere persönlichen Beziehungen ausweiten (“Wie kannst du gerade so gut drauf sein, wo doch das und das in der Welt passiert?!”) usw.), damit wir jeweils tun können, was wir lieben.

      • Margarete Monheim sagt:

        Vielen Dank für diese wundervolle Würdigung. Die Dame ist der Jahrgang meiner Großmutter, und obwohl nicht adelig und obwohl nicht so “erfolgreich” (sie hatte Pianistin werden wollen und durfte nicht), finde ich Züge von ihr wieder in dieser Beschreibung. Und welch blitzende Augen auf diesem Photo!! Schön, daran erinnert zu werden.

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