Forum für Philosophie und Politik
Von Kathleen Oehlke

Das Freibad ist wieder geöffnet. Also fahre ich wieder regelmäßig dorthin und dabei am Städtischen Klinikum vorbei. Über den Parkplatz, dann links, dann an der Zufahrt zum Zentrum für Kinder und Frauen vorbei. Zentrum für Kinder und Frauen? Und es geht los. Da ist mehr als ein diffuses Unbehagen und das geht so:
Zentrum für Kinder und Frauen. Ich bin eine Frau. Ohne Kinder. Da steht zwar ganz eindeutig “Zentrum für Kinder und Frauen” und nicht “Zentrum für Frauen mit Kindern”. Trotzdem fühle ich mich als Frau ohne Kind nur so halb mitgemeint. Schließlich sind da die ganzen Kinder, deren Mutter ich nicht bin und und die vielen Frauen, die gerade im Begriff sind, (nochmal) Mutter zu werden. Natürlich sind da auch die Frauen, die aus weniger erfreulichen Gründen dort sind. So eine Patientin wäre ich dann auch. Und das ist es. Ich würde ja nicht mit einem entzündeten Blinddarm dort auftauchen. Obwohl über dem Eingang steht “Zentrum für Kinder und Frauen” und obwohl sich der entzündete Blinddarm im Inneren eines, meines, Frauenkörpers befindet. Es ist nämlich in Wirklichkeit kein Zentrum für Frauen im Allgemeinen. Es geht letztendlich um Reproduktion und alles, was direkt oder indirekt damit zu tun hat. Ich fühle mich ein bisschen getäuscht. Ausgerechnet die Körperteile und Organe, die ich nicht wirklich benutze (die aber natürlich trotzdem krank werden können), bekommen eine eigene Klinik, die sich dann Frauenklinik nennt, als wäre sie für den ganzen Körper da.
Und dann ist da noch etwas: Es heißt immer, Kinder seien keine kleinen Erwachsenen. Dem stimme ich zu und finde es folgerichtig, dass sie speziell ausgebildetetes medizinisches Personal und passende Gerätschaften und ein “Zentrum für Kinder” bekommen. Was ist dann aber mit Frauen? Sind sie dieser bzw. der Logik des Schildes über der Tür folgend, keine, ja was eigentlich, “normalen” Erwachsenen? Uraltes Thema, Aristoteles lässt grüßen. Dem Lageplan des Klinikums zufolge gibt es verschiedene spezialisierte Fachklininiken für allerhand Köperteile und Krankheiten für “normale Menschen” und dann eben noch das Zentrum für Kinder und Frauen. Eine Männerklinik findet sich nicht. Was müsste denn über dem Eingang stehen, damit ich dort ohne innere Unruhe vorbeifahren könnte? Manchmal heißt sowas “Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe”. Damit käme ich klar.
Nachtrag: Hier geht es ausdrücklich nur um die Bezeichnung der Einrichtung, nicht um Behandlungsansätze oder gar um geschlechtersensible Medizin, deren Wert gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Allen, die es brauchen, wünsche ich eine schnelle und vollständige Genesung.
Danke für den Beitrag. Bei der Überschrift habe ich erst gedacht, das geht mich nichts an ( habe auch keine Kinder), aber ich finde die Bezeichnung auch für überholt.
Da sich immer mehr abzeichnet, dass Frauenkörper nicht nur wegen der Fortpflanzung anders gesund und krank sind als Männer, wäre es schön, wenn eine Frauenklinik das berücksichtigen würde, und sich nicht nur auf die Fortpflanzung zu beschränken.
Da ich chronisch krank bin, bin ich jedesmal verunsichert, ob das ärztliche Gegenüber im Blick hat, dass Frauen anders „funktionieren“ als Männer.