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Rubrik handeln, leben

Beginen – ein attraktiver Lebensentwurf

Von Uta-Maria Freckmann

Die Beginen in früheren Zeiten

Die Beginen sind eine über 900 Jahre alte Frauenbewegung mit spirituellem und sozialem Hintergrund. Ungefähr ab dem 11. Jahrhundert taten sich viele Frauen in Konventen zusammen, um gemeinsam – möglichst abseits patriarchaler Strukturen – ein freieres Leben zu führen.

Damals herrschte die Munt­schaft. Das heißt, Frauen mussten ihren Vätern, später dem Ehemann oder männlichen Verwandten Gehorsam leisten. Die beiden Alternativen, die sie wählen konnten, waren entweder Kloster oder Eheleben. Zur Ehe gehörte das ständige Kindergebären, möglichst männlicher Nachkommen. Kinder waren wichtig für das Überleben im Alter oder für den Fortbestand des Adels (daher kommt die Bezeichnung Stammhalter). Mägde oder Frauen aus den unteren Schichten waren Eigentum der Lehnsherren oder Fürsten. Was das bedeutete, kann man heute kaum ermessen – sicherlich war es mit viel Leid für die Frauen verbunden. Viele Frauen wollten aus diesen einengenden Verhältnissen ausbrechen und flohen in die Beginen-Konvente. Dort gab es Hausregeln die befolgt werden mussten, um keinen Anstoß in der Bevölkerung zu erwecken. Man lebte „keusch“, Männer waren dort nicht erlaubt.

Der Name „Beginen“ entstand, ohne dass man heute genau weiß, welchen Ursprung er hat. Die Beginenhäuser waren ein europaweit auftretendes Phänomen.

Beginen waren sozial engagiert:

  • Sie arbeiteten in Leprosen- und Seuchenhäusern.
  • Sie unterrichteten Kinder von Adeligen.
  • Sie waren in der Sterbebegleitung tätig und organisierten Bestattungen.
  • Sie waren im Handel, in der Landwirtschaft sowie als Weberinnen und Stickerinnen erfolgreich.

Dafür ernteten sie Akzeptanz bei den Mitbürgern, aber auch Missgunst und Konkurrenzdenken, beispielsweise bei den Zünften.

Der damalige Zeitgeist

Im 13. und 14. Jahrhundert gab es viele Umbrüche. Diverse Seuchen suchten die Menschen heim, wodurch sich eine Atmosphäre von Angst und Schrecken verbreitete. Auch die Inquisition tat das ihre dazu, um die Bevölkerung zu verunsichern. Päpste lagen im Clinch mit Landesherren und Königen und umgekehrt. Viele Machtkämpfe der Herrschenden untereinander brachten Ungewissheit und Krisen in der Bevölkerung mit sich. In diesen Zeiten musste man – ganz besonders als Frau – überaus behutsam vorgehen, um nicht in das Fadenkreuz der Inquisition zu geraten. So erging es auch den Beginen. Einige gingen in die Klöster, wie es später von der Kirche verlangt wurde, andere flohen vor der Inquisition. Beginen liefen Gefahr der Häresie angeklagt zu werden, denn es gab viele Mystikerinnen unter ihnen, die die Massen anzogen. Sie gaben ihre spirituellen Erfahrungen weiter, besuchten sich in den Konventen und unterhielten gute Kontakte zu anderen spirituell Interessierten, zum Beispiel zu Meister Eckhard.
Zwei Beginen, deren Schriften überliefert sind:

  • Marguerite Porete, die wegen Häresie hingerichtet wurde.
  • Mechthild von Magdeburg, die in ein Kloster ging.

Die Beginen heute

Beginenhof Nordhastedt. Foto: privat.

Das moderne Beginenwesen in Deutschland ist wegweisend und weltweit einzigartig durch die Neugründung von Beginenhöfen. Die Bewegung wurde um 1985 von der Theologin Gertrud Hofmann-Starz (geboren 03.12.1925, verstorben 25.12.2025) wiederbelebt, indem sie eine Gruppe Frauen leitete, die sich aktiv sozial engagierten und zwei Bücher über Beginen schrieb. Ihr Versuch in Essen mit der Katholischen Kirche einen Beginenhof zu errichten, wurde am Ende nicht realisiert. Die neuen ersten Höfe waren in Bremen (Erika Riemer- Noltenius, Initiatorin, EXPO Projekt, Agenda 21 ) und Tännich (Projekt der Frauenberatung Brennessel Erfurt mit Privat-Investorin Gisela Pohl). Ein Dachverband für Beginen wurde von engagierten Frauen ins Leben gerufen. Derzeit gibt es 22 Beginenhöfe in denen Vielfalt großgeschrieben wird, zwei davon befinden sich in Gründung. Jeder Hof setzt eigene Schwerpunkte, ausgehend von den Interessen der Bewohnerinnen. Oft gibt es ein gewähltes Thema, für das sich die Frauen starkmachen, denn gemeinschaftliches Engagement ist wesentlich für die Beginenhöfe und unterscheidet sie von gewöhnlichen Wohnprojekten.
Beispielsweise finden sich dort:

  • politisches Engagement (z. B. zum Orange Day),
  • Kultur und Kunst,
  • soziale Projekte und Hospizarbeit,
  • gegenseitige Fürsorge im Alter,
  • spirituelle Interessen – meist in Form der freien Spiritualität nach Beginenart. Dabei kann man an eine Religion angebunden sein, muss es aber nicht.

Die freie Spiritualität der Beginen

Auch in der heutigen Zeit ist es für manche befremdlich, wenn man sich seinem Glauben zuwendet und eine Freundschaft mit Gott anstrebt, ohne sich gleichzeitig in eine der bekannten Religionen einzuordnen. Es gibt nur einen Gott, und er gehört niemandem allein – auch wenn ihn jede Religion gerne für sich beanspruchen würde. Deshalb ist die spirituelle Gemeinschaft der Beginen, die einem alle Freiheiten lässt, seine Spiritualität außerhalb patriarchaler Strukturen so zu leben wie man mag, unglaublich wertvoll.

Seit 2013 fühle ich mich dem historischen Beginenwesen sehr verbunden. Ich habe viele Recherchen zum Thema zusammengefasst, die Zeitschrift „Beginen heute“ herausgebracht und Erkenntnisse über die Geschichte dieser interessanten, spirituell orientierten Frauenbewegung gesammelt. Mittlerweile gibt es überregionale Kontakte zu Interessierten in Flandern, der Wiege des Beginenwesens, bis hin nach Australien.

Wenn man mich fragt, wie ich zu den Beginen gekommen bin, kann ich das gar nicht genau benennen. Mindestens drei weitere Frauen sind mir bei meinen Recherchen begegnet, die ebenfalls einem inneren Ruf folgten. Man hat das Gefühl, man gehört dazu und lässt sich immer weiter auf das Thema ein, weil man gar nicht anders kann. Man erkennt recht schnell, dass die Spiritualität der Beginen und ihr Wirken in der Welt dem eigenen Lebenskonzept entsprechen – und fühlt sich zugehörig. 

Foto: privat.

Der Beginenhof Nordhastedt zu dem ich gehöre, liegt im Bundesland Schleswig-Holstein, im Landkreis Dithmarschen, im zentral-südwestlichen Bereich von Schleswig-Holstein, dort gibt es zurzeit drei Beginen; eine vierte ist vor Kurzem verstorben. Wir arbeiten fokussiert an unseren Projekten, tauschen uns regelmäßig darüber aus und geben uns Feedback. Das hilft uns, weg von der Persönlichkeit mit ihren Mustern, auf das Ziel hinzuwirken und immer wieder einen Konsens zu finden. Der Beginenhof Nordhastedt hat einen sehr intensiven Gottesbezug, ist dabei jedoch frei-spirituell und nicht religiös.

Wir arbeiten seit über 20 Jahren zusammen und haben stets Lösungen für Probleme gefunden. Gemeinschaft ist nicht mit Leichtigkeit zu bewerkstelligen – Herausforderungen gibt es auf jeden Fall. Aber zusammenzuhalten und Lösungen zu finden, scheint mir wichtig zu sein, um ausgehend von Gemeinschaften mehr Gemeinwohl in der Gesellschaft zu erreichen. Viel zum guten Gelingen hat sicher unsere spirituelle Leiterin Manuela Schindler beigetragen.

Zudem ist es mir wichtig, Werte, Tugenden und Ethik zu leben – ein lebenslanger Prozess der sich vertieft und der mehr und mehr in die seelische Freiheit führt. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen, man erfährt Geborgenheit und höhere Hilfe und gewinnt so an Vertrauen. Dazu gehört auch Misserfolge anzunehmen, sie dienen dazu, Standhaftigkeit zu entwickeln und am gewählten Ziel dranzubleiben. Das Leben ist ein Auf und Ab – so wie ein Diagramm unseren Herzschlag anzeigt. Nur so ist Entwicklung möglich.

Quellen:
YouTube Kanal:
www.youtube.com/@beginenheute
Der Beginenhof Nordhastedt: www.beginenhof-nordhastedt.de
Beginen heute Blog: www.beginen-heute.blogspot.com
Dachverband der Beginen: www.dachverband-der-beginen.de

Autorin: Uta-Maria Freckmann
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 06.04.2026
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    kleine Nachfrage:
    ” Der Beginenhof Nordhastedt hat einen sehr intensiven Gottesbezug, ist dabei jedoch frei-spirituell und nicht religiös“ – Ist unter ´Gottesbezug…nicht religiös´ gemeint, er ist bzw. ihr seid weder evangelisch noch katholisch…?

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