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Rubrik erinnern

Abschied von Lia Cigarini

Von Antje Schrupp

Lia Cigarini im Oktober 2025 bei einem Kongress zu ihren Ehren, unter dem Motto: “Aprire la porta alla parola e alla libertà” – „Die Tür öffnen für das Wort und die Freiheit”

Eine der bedeutendsten Denkerinnen des italienischen Differenzfeminismus, Lia Cigarini, ist am 20. April 2026 im Alter von 89 Jahren gestorben. In ihrem Nachruf auf der Seite des Mailänder Frauenbuchladens schreibt Laura Colombo, mit Cigarinis Tod verliere man eine der politisch klarsten und scharfsinnigsten Köpfe des italienischen Feminismus – eine Frau, die Freiheitsräume zu öffnen wusste, und deren Fähigkeit, tiefer und weiter zu sehen, unersetzlich bleibe. „Ihre Art, Politik zu leben, nahm Gestalt an in den Verantwortlichkeiten, die sie übernahm, und in der Fürsorge für einen Ort, den sie für wesentlich hielt wegen des Wertes, den er für alle verkörpern kann. Lia wünschte sich, dass die Libreria ein Schaufenster zur Straße hin hätte, eine offene Tür für diejenigen, die einen Blick hineinwerfen, und für diejenigen, die eintreten.”

Cigarini wurde 1937 in Süditalien geboren, wuchs aber in Mailand auf. Wie schon ihr Vater trat sie früh der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) bei. Sie studierte Jura und wurde Rechtsanwältin und Juristin. Mitte der 1960er Jahre verließ sie die PCI und gründete 1966 zusammen mit anderen die Gruppe DEMAU (Demistificazione Autoritarismo Patriarcale), die erste feministische Gruppe in Italien. 1975 gründete sie zusammen mit Luisa Muraro und anderen den Mailänder Frauenbuchladen und trug maßgeblich dazu bei, aus diesem Ort einen Bezugspunkt für den italienischen und internationalen Feminismus zu machen.

Lia Cigarini (rechts) Ende der 1970er Jahre in der Libreria.

Hier im Forum haben wir drei Texte von Cigarini übersetzt, die sich weiterhin lohnen, gelesen zu werden.

„Die Politik der Frauen ist Politik” – Dieser Text entstand als Einführung für eine Redaktionskonferenz der Online-Zeitschrift Via Dogana im April 2021. Cigarini zieht darin eine Bilanz von fünfzig Jahren Politik der Differenz: Ausgehend von Zitaten Carla Lonzis und anderer früher feministischer Texte argumentiert sie, dass die Frauenpolitik keine partikularistische Angelegenheit ist, sondern universale Reichweite hat – und dass es darum geht, ihr Anliegen auch Männern zu vermitteln. Dabei reflektiert sie, was die Arbeit an Beziehungen unter Frauen und zur eigenen Mutter in den Jahrzehnten seit den 1970ern bewirkt hat.

„Kairós: Die Gunst des Augenblicks ist ungleich” – hierbei handelt es sich um einen Artikel aus der Nummer 2 der Via Dogana von September 1991. Cigarini entwickelt darin das Argument, dass Frauen den historischen Nachteil ihres Geschlechts nicht einfach aufholen, sondern in einen Vorteil verwandeln sollten. Sie kritisiert das Gleichheitsdenken als männlich in seinem Ursprung und setzt dem die weibliche Autorität entgegen, die durch Beziehungen unter Frauen entsteht. Konkret diskutiert sie am Beispiel eines damaligen Gesetzesvorschlags für parlamentarische Frauenquoten, warum solche Ausgleichsmaßnahmen das symbolische Gewicht weiblicher Politik eher schwächen als stärken.

„Ein Ja und drei Neins. Was wir von Parlamentarierinnen wollen – und was nicht” – in diesem gemeinsamen Text aus dem Jahr 2013 stellen drei Autorinnen, darunter Cigarini, die Frage, wie eine Zusammenarbeit zwischen Frauen aus autonomen feministischen Bewegungen und Parlamentarierinnen aussehen könnte. Der Text benennt eine konkrete Erwartung (das Ja) und drei Formen politischen Handelns, die aus feministischer Perspektive abzulehnen sind (die drei Neins) – und formuliert damit eine praktische Theorie des Verhältnisses zwischen institutioneller und außerparlamentarischer Frauenpolitik.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 23.04.2026

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