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Sich wandernd die Welt aneignen

Von Anne Lehnert

Anneke Lubkowitz: Rebellinnen zu Fuß. Auf den Spuren von literarischen Wanderinnen

Weibliche Wanderinnen sind in Literatur und Malerei weniger präsent als männliche. Die Literaturwissenschaftlerin Anneke Lubkowitz macht sich daher auf die Suche und findet, für sie überraschend, zahlreiche Schriftstellerinnen, die auf eigene Faust die Landschaft erkundet und darüber geschrieben haben. Elf davon stellt sie vor: Sophie von La Roche steigt zum Mer de glace-Gletscher am Montblanc auf. Bettina Brentano und Karoline von Günderrode erkunden die Welt in ihrem Briefwechsel vor allem in ihrer Vorstellungskraft. Annette von Droste-Hülshoff schreibt Naturgedichte, die Pflanzen so detailliert beschreiben wie unter einem Vergrößerungsglas. Mary Shelley legt weite Strecken zu Fuß durch das von den napoleonischen Kriegen verwüstete Frankreich zurück. Else Lasker-Schüler und Emmy Hennings sehen sich als Vagabundinnen. Simone de Beauvoir verausgabt sich beim Wandern und genießt dabei abenteuerliche Übernachtungen. Annemarie Schwarzenbach reist in den Iran, nach Afghanistan, Russland, die USA und die heutige Republik Kongo. Zwei weniger bekannte Wanderinnen sind die revolutionäre Sozialistin Mathilde Franziska Anneke und die US-amerikanische Science-Fiction-Autorin Octavia Butler.

Mathilde Anneke, Tochter konservativer katholischer Gutsbesitzer, gründete mit ihrem zweiten Mann Fritz einen kommunistischen Debattierclub in Köln. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie auch durch Reiseberichte. Mit viel Situationskomik beschrieb sie zum Beispiel eine Wanderung im Tal der Düssel, das als Neandertal bekannt ist. Außerdem schrieb Anneke auch politische Texte. In ihrer im Jahr 1847 veröffentlichten Streitschrift Das Weib in Conflict mit den sozialen Verhältnissen rechnet Mathilde Anneke mit dem Frauenbild der Zeit ab. Sie kritisiert, dass die Gesetze nur den Männern zu Nutzen sind und nicht den Frauen, die doch „in Wahrheit gleich berechtigt sind zum Lebensgenusse wie unsere Unterdrücker“. Während der Reichsverfassungskämpfe in der Pfalz und in Baden unterstützte sie 1849 ihren Mann an der Front als Botin. Danach floh sie und ging in die USA ins Exil. Dort kämpfte sie für Frauenrechte und gegen Sklaverei. Sie gründete die Deutsche Frauenzeitung und hielt eine Rede bei der National Women’s Rights Convention 1853 in New York.

Octavia Butler stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Ihre Vorfahren kamen nach dem Ende der Sklaverei aus den Südstaaten nach Kalifornien. In der Schule war Butler eine Außenseiterin, deren Fähigkeiten unterschätzt wurden. Dass sie Schriftstellerin werden will, wurde ihr klar, als ihre Mutter ihr zum zehnten Geburtstag eine Schreibmaschine schenkte. Seitdem verfolgte sie dieses Ziel mit großer Hartnäckigkeit und ließ sich durch zahlreiche Absagen von Verlagen nicht einschüchtern. Material für ihre Texte sammelte Butler während langer Busfahrten und Fußwege in Los Angeles. Dabei hielt sie Beobachtungen in ihren Notizbüchern fest. Ihre Romane thematisieren hellsichtig die politischen Entwicklungen und planetaren Grenzen. In Parabel vom Sämann entwirft Butler 1993 eine Welt, die von einem politischen Rechtsruck und den Folgen des Klimawandels geprägt ist, was die Menschen zur Idee führt, ins Weltall auszuwandern.

Die Schilderungen der Wanderungen und Reisen der Schriftstellerinnen verbindet Lubkowitz einerseits mit der Zeitgeschichte, den Lebensgeschichten und dem Freiheitsdrang der porträtierten Wanderinnen, andererseits mit eigenen Lebens- und Wandererfahrungen. Für sie selbst wie für die porträtierten Schriftstellerinnen ist das Wandern nicht nur ein Ausgleich zur Schreibtischtätigkeit, der Körper und Geist in Bewegung bringt, sondern sie eignen sich auf diese Weise auch die Welt an. Lubkowitz beschreibt Wandern immer auch als Ausweiten von gesellschaftlichen Grenzen. Für Leserinnen ist es ein geistiges Abenteuer, den Wegen und Erlebnissen der Schriftstellerinnen zu folgen. Außerdem macht das Buch Lust darauf, sich selbst auf den Weg zu machen. Ob mit oder ohne „Anleitungen für Abenteuer im Alltag“, wie Lubkowitz die Impulse im Anhang nennt, sich mit den Wanderinnen auf Entdeckungen einzulassen.

Anneke Lubkowitz: Rebellinnen zu Fuß. Auf den Spuren von literarischen Wanderinnen. Kein & Aber Verlag, Zürich/Berlin 2025. 304 S. 26 EURO.

Autorin: Anne Lehnert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 14.03.2026

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Anne,
    der Name Anneke begegnet mir wirklich selten, und hier gleich als Vor- und als Nachname. Erst am Ende verstand ich meine Namensverwirrung :)
    Dankeschön für diese Buchvorstellung, klingt gut!!
    Liebe Grüße, Anne (und schon gibt es 4xAnne… hehehe…)

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