Forum für Philosophie und Politik

Diesen Text gibt es hier auch zu hören.
Eine Kurversion dieses Textes gibt es hier (Lesedauer etwa 3-5 Minuten).
Noch ein paar Anmerkungen zur Verwendung der Begriffe Frau und Mann mit und ohne Sternchen etc.: Ich denke beim Schreiben von „Frau“ und „Mann“ auch ohne Sternchen LGBTQIA*-Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen mit. Ich verwende Sternchen einerseits oft intuitiv und andererseits immer dann sehr bewusst, wenn ich Unterscheidungen und Präzisierungen als notwendig für den jeweiligen Gedankenprozess empfinde. Besonders interessiert mich, wenn körper*inliche Merkmale, Entwicklungen, Inzidenzen usw. relevant werden. In dieser Hinsicht mag der Text also politisch inkorrekt sein und ganz sicher kein Beispiel für irgendeine präzise Definitionsanwendung. Dieser Text behandelt aber nun genau dieses Thema „Frau-Weiblichkeit-Menschsein usw.“; und ich werfe auch neue (bzw. gemixt wahrscheinlich mit sehr alten) utopische Fragen – Kategorisierungen betreffend – auf, sodass ich mich traue, mir ein bisschen künstlerische Unklarheit und Freiheit herauszunehmen und hoffe natürlich sehr, dass ich damit keine Person ausschließe oder verletze. Das ist in keiner Weise meine Absicht, und in diesem Fall gern einen Kommentar machen/Hinweis geben; ich überblicke bei Weitem nicht alles und lasse mich gern in blickwinkelerweiternde Lernprozesse verwickeln.
Ich verknalle mich sehr schnell in Frauen, die kompromisslos ihre Liebe zu etwas (oder jemandem, aber das interessiert mich persönlich weniger in dieser Serie) ausleben können.
Das, was andere Frauen mit Freude tun, macht auf mich einen viel größeren Eindruck als das, was Männer tun. Ich erwische mich dabei, dass ich Frauen für ihre Verdienste, für das, was sie erreichen und was sie schaffen – ob für die Öffentlichkeit sichtbar oder unsichtbar ist mir dabei relativ egal – viel mehr bewundere als Männer. Ich bewundere Frauen tatsächlich schon allein dafür, dass sie selbst für sich herausgefunden haben, was sie lieben, und sodann für ihre Entscheidung, in diese Sache ihre Herzensenergie zu stecken.
Ich habe in mir ein tiefes, generationenübergreifendes, schwerwiegendes Gefühl und Wissen, dass wir als Frauen so viel mehr Aufwand betreiben müssen, um Freude zu haben in den Gebieten, die wir lieben.
Bewunderung ist das eine, Verknallen das andere: Ich verknalle mich in das Strahlen, in die Freude von Frauen, wenn sie ganz und gar bei sich sind. Mit Verknalltheit meine ich dieses leichte, herrlich oberflächlich plätschernde Fahrwasser, das für mein Gefühl auch dem englischen „Crush (auf)“ inhärent ist: etwas zerstößt plötzlich in tirilierender Art und Weise meinen gefühlsmäßigen Status Quo; und ein Gefühl der Freude macht sich in mir breit; und das wird ausgelöst durch eine Frau und ihr Tun.
Verknallen ist für mich eigentlich nochmal ein ganzes Stück oberflächlicher als verlieben. Verknallen trägt den (Ur-)Knall in sich, das ist nicht unwichtig… Verlieben trägt bereits die Liebe in sich… Verknalltheit verwende ich eher, wenn es eher um das Gefühl als Konzept geht, VerknaIltsein eher, wenn es um das empfundene Gefühl geht… Ich gebe mir Mühe, mir dieser feinen Unterscheidungen immer bewusst zu sein… aber letzten Endes verwende ich sie wohl eher nach Gefühl und vielleicht auch mal synonym! Ich hoffe, ich verwirre damit nicht unnötig.
Das Gefühl des Verknalltseins baut manchmal eine langjährige Beziehung zu einer anderen Frau auf, die nicht von Neid, Konflikt, Eifersucht und Wettbewerb geprägt ist. Verknalltheit ist ein ungefiltertes Gefühl, das mich zum Lachen und Kichern einlädt, in selige Schockstarre verfallen lässt und Freude ausschüttet: ich muss die Frau nicht mal persönlich kennen, um es zu fühlen. Das Gefühl kann problemlos ein Leben lang einseitig bestehen. Ich verknalle mich sehr leicht in Sängerinnen und Schauspielerinnen, ihr Können und ihre Rolleninterpretationen, und bleibe ihnen dann – auch durch eventuelle Skandale hindurch – ein Leben lang (bisher zumindest) treu; auch fiktiven Charakter.
Zum Beispiel liebe ich „schon immer“ Zimmer mit Aussicht und Helena Bonham Carter, ich begleite sie seitdem durch viele ihrer Filme, ich musste für sie sogar Tim-Burton-Fan werden und Fight Club schauen! Sie war die schönste und tragischste Ophelia ever! Insgesamt habe ich sie viel zu wenig gesehen! Aber vor kurzem die großartige Nachricht: Sie wird in der vierten Staffel von White Lotus mitspielen! Wie geil ist das denn bitte?! Ich bin so voller Vorfreude!!!
Ich liebe wirklich sehr viele Schauspielerinnen! Für Julia Roberts und ihr magisches Lächeln sollten viel mehr Filme geschrieben werden, und wo ist eigentlich Julia Stiles seit 10 Dinge, die ich an dir hasse??! Bourne Identity okay…, und dieser Tanzfilm da wiehießdernoch war auch nett, okay und Mona Lisa Smile… aber ich würde sie so gern noch öfter sehen! Andie MacDowell in der beeindruckenden Kurzserie Maid (Netflix) mit ihrer Tochter Margaret Qualley (in die ich auch sofort sturzverknallt war). Und wie schön und wohltuend, dass Andie nicht dieses gespritzte gefilterte Gesicht hat. Ich verurteile das nicht, ich verstehe den systemischen Druck und Zwang dahinter – gerade in diesem Industriezweig! Aber ich genieße und würdige jeden Mut zum Zulassen der natürlichen Alterungsprozesse umso mehr. Bestimmte Entscheidungen sorgen auch für bestimmte Begegnungen und Erfahrungen, und ich finde Frauen, die diese Erfahrungen zulassen, interessanter, „vorbildlicher“ für mich als die anderen. Was aber nicht heißt, dass ich mich nicht auch in einer Sache in eine Frau verlieben kann, die sich verschiedensten „Schönheitseingriffen“ (Was für ein verrückt falscher Begriff in jeglicher Beziehung und Dimension, oder?) ausgesetzt hat.
Ein anderes Beispiel, mit Absicht provozierend:
Vor zwei Jahren bin ich um die Weihnachtszeit herum in den USA in einen Kanal gefallen, in dem Frauen auf wunderschönen Bauernhöfen wunderschönen Teig auf wunderschönen riesigen Holztischen kneteten oder auf diesen wunderschönen riesigen Holztischen mit durchdachten Blumenarrangements (dafür bin ich sowas von zu haben) immer mal wieder riesige wunderschöne Maschinen zum Bearbeiten von irgendwas Wunderschönem stellten. Die Maschinen waren nicht vollautomatisch, sondern hatten diesen „mechanischen Charakter“, bei dem immer noch viel Hand- und Muskelarbeit (an irgendeiner Kurbel drehen oder so) gefragt war. Die wunderschönen Frauen ernteten wunderschöne Kräuter in ihrem wunderschönen Garten, fütterten frei umherlaufende wunderschöne Tiere im Hof, holten riesige wunderschöne Fleischstücke aus riesigen Kühlräumen, die dann allerdings nie auf den riesigen wunderschönen Tischen landeten… vielleicht wäre das in den nächsten Folgen geschehen, keine Ahnung; ich schaute nicht lang genug, um das Konzept zu verstehen. Diese Frauen machten alles mit einer Freude, die mich Zeit und Raum für etwa zwei Stunden vergessen ließ. Zu diesem Zeitpunkt kannte ich den Begriff „Tradwive“ noch nicht mal, aber ich wusste schon, dass es politische Unruhen um dieses „öffentliche Darstellen von Glück rund um Hausarbeit“ gab. Ungefähr zur selben Zeit sah ich auch einen Bericht über neue Ausbildungsangebote á la „Wie angle ich mir einen reichen Mann?“ Und immer wieder überlegte ich, ob diese wangenrosigen wunderschönen und Glück ausstrahlenden Bauernhof-Frauen irgendetwas zu tun haben könnten mit der Diktatur in Margaret Atwoods Handmaid’s Tale.
Als gute Feministin versuchte ich nun, alles in einem wunderschönen großen feministischen Mixer zu vermischen als Symptome eines enormen und gefährlichen patriarchalen Backlashes, aber… verdammt… ich konnte nichts dagegen tun, wie sehr ich auch mixte: ein seliges Lächeln bei der Erinnerung an die wunderschönen, wangenrosigen Frauen mit großzügigen Blusenausschnitten (schöne Dekolletés weiß ich wirklich sehr zu schätzen!) ploppte immer wieder an die Oberfläche meines Gesichtes, sobald ich mit dem Mixen aufhörte!
Ich erinnere mich… kurz danach kam das Thema „Tradwive“ in einer bzw-Sitzung auf, und Antje – du hast auch erst kürzlich in einem Interview in der taz etwas dazu gesagt.
Nun könnte man vielleicht meinen, dass es mich so glücklich gemacht hat, weil ich halt einfach auch gern koche oder gern auf einem Bauernhof leben würde und es mir deswegen auch gern anschaue. Aber das stimmt nicht. Ich selbst koche nicht gern. Ich bin nicht sonderlich gern in der Küche. Und ich habe es bisher auch erfolgreich geschafft, niemals Urlaub auf einem Bauernhof machen zu müssen, und jetzt sind meine Töchter aus dem „kritischen“ Alter raus, puh, geschafft!
Nein, was mich faszinierte, war ihre pure Freude am Tun. Möglicherweise war es geschauspielert und nicht echt. Aber ich war total verknallt, als ich zuschaute. Und ich weiß, dass wenn es einen Sender (the old fashioned Fernseh-way, ich komme mit vielen Social Media-Angeboten nicht klar) gäbe, der sowas ausstrahlt, ich regelmäßig darin versinken würde.
Ob es sich um eine fiktive Frauenfigur oder eine reale Frau handelt, finde ich übrigens tatsächlich egal, denn in beiden können die Verknalltheitsgefühle wahr sein, und darum geht es.

Letztens habe ich dieses Bild von Jan Vermeer mit dem Titel “Dienstmagd mit Milchkrug” (hier KI-verändert wegen Urheberrechten… an diesem Bild hier hält mich sehr in Atem, ob sie die Milch eigentlich gerade danebenkippt…) auf einem Flohmarkt für 5 Euro erstanden – wahrscheinlich auch ein bisschen in Erinnerung an diese Bauernhof-Frauen; jedenfalls denke ich bei ihrem Ausdruck im Gesicht immer auch an diese zwei Stunden Verzückungszustand – an den der wangenrosigen wunderschönen Frauen beim Tun und an meinen als Zuschauerin. Könnte mich diese Verzückung „in die Nähe rechtsautoritärer Bewegungen“ rücken? Dass das nicht selten die Absicht von Tradwive-Inszenierungen ist, erwähnt Antje auch in dem Taz-Artikel. Never! So viel politisches Bewusstsein sei mir zugetraut. Aaaaber – I am very sorry – ich hatte einen – meinetwegen politisch inkorrekten – Crush auf die Frauen mit dem Dauer-Gesichtsausdruck von Vermeers Magd!
Mein Verknallen hat also rein gar nichts damit zu tun, dass andere Frauen etwas liebend gern tun, was ich liebe. Sondern ich liebe es, wenn Frauen tun, was sie lieben. In gewisser Weise liebe ich hier gerade die Differenz (Zum Differenz-Begriff im Differenzfeminismus gibt es auf www.bzw-weiterdenken viele Texte, z.B. hier oder auch hier oder einfach dort als Suchbegriff eingeben)! Wenn Frauen lediglich tun, worin sie gut sind, aber nicht lieben, was sie tun, verknalle ich mich nicht. Dieses Tun produziert selten gute Vibes. Und gute Vibes sind das wichtigste für das Verknallen.
Mein Verknallen kann in jedem Gebiet geschehen; es ist nicht beschränkt auf Kunst oder Literatur, Philosophie oder Wissenschaft. Ich bewundere, wenn Frauen den Dingen ganz unbeirrt folgen, die sie lieben; und zwar auch gegen alle Hindernisse, die ihnen für die Ausübung dieser Hingabe in den Weg gelegt werden von welchen Seiten mit welchen Intentionen auch immer. Nicht jede Hinderung ist böswillig, aber Hinderung ist Hinderung. Die Welt wäre eine bessere, wenn wir Frauen (und auch Männer!) in die Richtungen treiben lassen, wo sie ihr jeweiliges Begehren hintreibt. Das Begehren ist ein zentraler Begriff im Differenzfeminismus, und er war einer der Gründe, der mein Herz gerade zu diesem Feminismus hinzog. Denn wenn Menschen tun, was sie lieben, sind sie ganz bei sich und gleichzeitig in der Welt angekommen, so empfinde ich das.
Ich weiß dann, dass ich dieser Frau Autorität (zum Begriff der Autorität hat Dorothee Markert z.B. hier oder auch hier geschrieben) schenken kann in dieser Sache, auch wenn sie über keine sogenannte „Expertise“ verfügt. Keine Person kann mir mehr und besseres Wissen und Gefühl über eine Sache vermitteln als jene, die diese Sache liebt. Liebe bedeutet nicht, dass es einfach ist. Ich zumindest liebe nicht nur die Dinge, die mir leichtfallen. Viele Dinge, die ich liebe, kosten mich tagtägliche Arbeit und Mühe. Ich brauche Geduld, Zähigkeit, Ausdauer, Übung, Pausen… aber ich kehre immer zu der Sache zurück. Weil sie Leichtigkeit und Weite ins Herz bringt. Liebe benötigt immer klingende, schwingende, energiegebende Resonanz. Liebe kann durch schwere Zeiten gehen, aber auf Dauer kann sie sich nicht ohne wohlgesinnte Resonanz halten und schon gar nicht entfalten.
Ich finde es einfach faszinierend, wie Menschen mit bestimmten Tätigkeiten resonieren. Ich verliebe mich dann in die Frau für den Moment und für genau die Beziehungsweise, die sie mit einer Sache hat.
Nun ist es ja in unserer Gesellschaft als Frau relativ schwer zu sagen: „Ich bin total verknallt in diese Frau, ich könnte ihr ewig zuschauen, wie sie dieses oder jenes macht, das macht mich total glücklich.“ Andere Worte sind eher im Angebot: Hochachtung, Respekt, Vorbild. Aber all das passt nicht. Denn was ich meine, ist ein Gefühl der Verknalltheit. Ich grinse, ich kichere, ich möchte dabei sein, ich möchte sie umarmen und begleiten in der Sache. Ich liebe sie dafür, dass sie mich teilhaben lässt! Vielleicht weil… von mir ausgehend… es verlangt Mut, mich zu zeigen mit dem, was ich liebe. Vielleicht kann ich es nicht sonderlich gut, und fühle mich verletzlich. Mich kostet es viel. Ich persönlich gehe durch tausend Ängste. Denn ich fühle mich angreifbar. Vielleicht bin ich Frauen deswegen so dankbar, wenn sie offen und ehrlich zeigen, was sie lieben und wie sie es lieben. Es kann mit Albernheit präsentiert werden, es kann um einen gewissen Humor gehen, um die Wortwahl und die Weltsicht, die sich darin zeigt… der Sparkle kann sich aber auch in Wortlosigkeit oder einem Lächeln übertragen. Ich finde Frauen immer schön, wenn sie funkeln. Sparkle gibt es, wenn ich in der Präsentation oder Offenlegung bewusst oder unbewusst ein Einstehen für ihren je eigenen Freiheitsanspruch fühle: HIER enge mich nicht ein! Denn HIER strahle ich! Oder aber auch: Egal wie eng es um mich rum ist oder wird: HIER werde ich immer strahlen!
Und klar: Sie ist dann natürlich in der Sache auch eine Art Vorbild für mich, aber das vorgelagerte Gefühl ist das des Verknalltseins. Und Hand auf’s Herz… oder bin nur ich das?: Wir Frauen können uns tief in andere Frauen hineinversenken, oder? Manchmal, wenn ich einen Film mit einer meiner Lieblingsschauspielerinnen geschaut habe und komplett in ihr Spiel versunken war, dann wundere ich mich, dass mich beim Zähneputzen danach aus dem Spiegel nicht ihr Gesicht anschaut. „Ach, ich bin ja gar nicht sie, stimmt ja!“ Meine Identität scheint noch fluider als gedacht, denke ich dann grinsend.
Das klingt so banal, oder? Ist es aber ganz und gar nicht.
Marge Piercy hat in Frau am Abgrund der Zeit (in meinem ersten Artikel hier auf bzw-weiterdenken schrieb ich schon über Inspirationen aus dem Roman) eine ideale Gesellschaft erschaffen, in welcher nicht immer klar ist, ob eine Figur eine Frau oder ein Mann ist; im biologischen Sinne. Die Menschen sind einfach, wie sie sind; das heißt: sie sind in erster Linie eine menschliche Persönlichkeit, und erst in zweiter oder sogar dritter Linie Frauen oder Männer. Das scheint in unserer kulturellen Bedingtheit immer andersrum zu sein: wir sind zuallererst Frauen oder Männer, und daraus ergibt sich dann die menschliche Persönlichkeit und damit einhergehende „Kategorisierungsnotwendigkeiten“ mit Angaben zu dazwischen und außerhalb (LGBTQIA*).
Ich weiß: momentan denken wir, je mehr Kategorien, desto mehr Gesehenwerden und Freiheiten. Aber diese Kategorisierung wird m.E. nur in einem patriarchalen Gesellschaftssystem hervorgerufen. Das war einer der Gedanken, der mir beim Lesen von Frau am Abgrund der Zeit kam. Ich finde auch die Kategorisierung einschränkend. Wer jetzt gleich widersprechen möchte, der denke sich doch mal für einen kurzen Moment in eine nicht-patriarchale Gesellschaftsordnung, in der Gender und Sex als Identitätsmarker nicht in erster Linie gestellt sind. It’s fun! Ich wette, jede „Imaginateur*in“ hat ein anderes inspirierendes Bild vor Augen.
Mich jedenfalls fasziniert diese Umkehrung von erster und zweiter Linie, das lässt mich buchstäblich atmen und fliegen. Ich erinnere mich an das verwirrende und gleichzeitig so gute Gefühl beim Lesen des Romans, nicht wirklich zu wissen: füttert da gerade ein Mann das Baby oder eine Frau? Und da es nie recht aufgeklärt wird… wie befreiend es war, als ich irgendwann merkte, dass es mir eigentlich total egal ist, ganz nach dem Motto: können wir nicht alle Mütter sein; ja wollen die meisten nicht vom Herzen her Mütter (von was auch immer) sein? Ich liebe produktive Unklarheit, und diese Liebe für „das Geschlecht in zweiter Linie“ habe ich aus dem Roman mitgenommen und ist in mich eingegangen. Es hat meine weibliche Freiheit erhöht, denn ich muss mich nicht fragen, ob das, was ich liebe, irgendwie männlich oder weiblich codiert ist und ob das bedeutsam ist.
In unserer Gesellschaft werden uns so viele Eigenschaften, Attribute usw. nur aufgrund unseres Geschlechts übergestülpt, und es fühlt sich jedes Mal anstrengend an, wenn Teile von und in uns an die Grenzen der Überstülpungen kommen. Ich glaube, wir sind so viel vielfältiger und noch so viel einzigartiger, als wir es uns jeweils erlauben auszuleben. Ich glaube, ich verliebe mich in Frauen, die intuitiv ihrem ureigenen Wesen folgen; und zwar egal, ob das gesellschaftlich weiblich oder männlich codiert ist. (Ich liebe diese Freiheitsauslegung übrigens auch an Männern, aber da das ein größeres Fass aufmacht in mir, dazu vielleicht ein andermal mehr.)
Ich weiß, Marge Piercy wurde von einigen feministischen Seiten dafür kritisiert, dass in ihrem Roman die sich von einer befruchteten Eizelle zum Baby entwickelnden Wesen die ersten neun Monate nicht in weiblichen Gebärmüttern aufwachsen und von dort ihren Weg in die Welt antreten, sondern dieser Prozess ausgelagert wurde in sogenannte „Brooders“ (liebevoll eingerichtete Gebär- und Geburtsstätten).
Nicht falsch verstehen: Ich weiß nicht, ob ich diese Idee der Brooders politisch vertreten würde, ja ob ich richtig fände, sie überhaupt zu debattieren! Aber in Science Fiction geht es eigentlich nie darum, sich mit „pro“ oder „kontra“ möglichst klar zu positionieren. Gute Science Fiction sät neue Ideen in die Körper*innen. Und diese Science Fiction-Brooder-Idee hat mich eben auch zu der Frage kommen lassen, was denn nun eigentlich wirklich weibliche und männliche Eigenschaften sind, und ich denke, der Grund, dass wir darauf nie eine rechte Antwort wissen, ist, weil diese Trennung – wäre sie in unserer Gesellschaftsform nicht so allesübertönend – vielleicht gar nicht nötig wäre. Dann hieße es vielleicht nur, dass diese und jene Person gern dies und das tut und hier und da Begabungen, Talent und hier und da Ehrgeiz und Ausdauer hat usw. Erst, wenn es entscheidend wird, beispielsweise mit der Menarche – jedenfalls in zweiter Linie – wird das Schwangerwerdenkönnen kulturell bedeutsam, aber auch nur für diesen Aspekt selbst (und meinetwegen damit in Berührung kommenden Aspekten). Das würde ganz andere kulturelle, gesellschaftliche und politische Bedeutungen und Bedeutsamkeiten – ja eine ganz andere symbolische Ordnung – hervorbringen.
Antje Schrupp schreibt in Schwangerwerdenkönnen – anders perspektiviert, aber vom Grunde her ähnlich: „Der schwierige Umgang mit der ‚Weiblichkeit‘ des Schwangerwerdenkönnens verweist auf das generelle Dilemma, vor dem wir im Rahmen einer patriarchalen symbolischen Ordnung stehen: Es ist fast unmöglich, Erfahrungen, die vorwiegend Frauen machen, als Erfahrungen zu beschreiben, die von allgemeinem Interesse sind.“ (S.26f.)
Antje geht es ebenfalls darum, dass „weibliche Erfahrungen auch als allgemein menschliche Erfahrungen qualifiziert“ werden sollten, und dass man „über das Schwangerwerdenkönnen und Gebären als eine allgemeine Thematik sprechen (können müsste), ohne zugleich behaupten zu müssen, dass Schwangerwerdenkönnen überhaupt nichts mit Geschlecht zu tun hätte oder eine ganz genauso männliche wie weibliche Angelegenheit wäre. ‚Feminism is the radical notion that women are people‘, heißt es. Dass Frauen schwanger werden könne, bedeutet nichts anderes, als dass Menschen schwanger werden können. Nur eben nicht alle.“ (S.27, Hervorhebung im Original)
Meine Perspektive kommt nochmal aus einer leicht anderen Positionierung; meine Frage wäre eher: welche menschliche Erfahrung – außer der des Schwangerwerdenkönnens – kann überhaupt warum als weibliche Erfahrung gelten, wenn wir die Prägung durch das Gesellschaftssystem einmal kurz außen vor lassen? Gibt es Leidenschaften für Tätigkeiten oder Fähigkeiten, die nicht in erster Linie etwas mit dem Geschlecht zu tun haben?
Worauf ich u.a. hinausmöchte, ist, dass ich mich in Frauen nicht nur für ihre „der gesellschaftlichen Norm entsprechenden“, also mit Weiblichkeit konnotierten Tätigkeiten usw. verliebe, sondern in verschiedenste Aspekte der Person in einer Körper*in, die schwanger werden kann.

Ich frage mich also: Könnten wir das Schwangerwerdenkönnen als Kategorie in die zweite Linie stellen? Oder vielmehr: können wir die Komplexität halten, dass das Schwangerwerdenkönnen einerseits superbedeutsam ist, weil mit ihm die Quelle allen Lebens verbunden ist etcpp.? Und könnte es in dieser Superbedeutsamkeit bitte wieder als „richtige Geschichte“ (im Sinne Tyson Yunkaportas in Right Story, Wrong Story; ich schreibe darüber in meinem Newsletter #7 auf Substack) Einzug in unsere Mythen etc. halten? Und könnten dementsprechend Kopfgeburts-Mythen oder Frauen-aus-Rippen-Formungen bitte geschichtlich und in der symbolischen Ordnung kompostiert werden? Und könnten wir andererseits aber gleichzeitig verstehen, dass diese biologische Bedingtheit kein ausreichender Grund dafür ist, jene Menschen das ganze Leben lang in erster Linie in dieser Bedingtheit wahrzunehmen? Wir können die biologische Bedingtheit nicht ändern (obwohl…), aber wir können durchaus die kulturelle Bedingtheit und die sozialen Übereinkünfte ändern.
Wir können das tun, indem wir uns wie gewohnt mit den Werkzeugen dieser Gesellschaft Rechte erstreiten, vorbildlich sind im Einschlagen ungewöhnlicher Lebenswege usw. Wir können das aber auch ändern, indem wir andere Frauen innerhalb „richtiger“ Geschichten in ihrer Freude egal wie wo wann warum wahrnehmen, emotionale Barrieren fallenlassen und so die Freude auf uns überspringen lassen.
Gefühle der Freude und des Verknalltseins können keinem Backlash zum Opfer fallen. Das heißt nicht, dass wir nicht auch weiter Gesetze und Rechte im System erstreiten müssen. Aber es ist nicht der einzige Weg. Die Befreiung aus uns einengenden, verzerrenden Wahrnehmungen und kulturellen Praktiken schlägt so lange immer wieder auf uns zurück, solange wir uns weiter lediglich andere Plätze im Rahmen des Europatriarchats und somit weiterhin innerhalb der patriarchalen symbolischen Ordnung erkämpfen wollen, also selbst mit den Werkzeugen des Systems am System festhalten.
Ich hatte in letzter Zeit öfter Diskussionen um „Demokratie wahren“ usw. Definitiv bin ich eine große Verfechterin für Demokratie, aber die, in der wir leben, steht auf europatriarchalem Fundament, und auch die ganze Bausubstanz ist europatriarchal durchzogen. Ich weiß, das ist sehr systemisch gedacht, und ich schrecke Menschen damit ab, aber dieser Wassermann-Blick hilft, nicht immer wieder neu erschrocken und empört aufzuspringen, wenn wieder irgendwo irgendwas patriarchal Backlashiges passiert. In einem patriarchal geprägten Gesellschaftssystem haben alle patriarchal ausgerichteten Bestrebungen einfach grundsätzlich immer Rückenwind. Ein patriarchaler Backlash ist im Grunde mit einem besonders starken Rückenwind ausgestattet. Die Erstreitung von Frauenrechten steht hingegen immer im gesellschaftlichen Gegenwind, aber sicher kann auch hier der Wind zeitweise schwächer wehen usw., und gibt es manchmal günstige Routen und strategische Möglichkeiten, um das System tatsächlich auszudehnen und dieses oder jenes Recht in ihm zu verankern. Wenn aber Strategie, Taktik, Intuition, Klugheit usw. auf feministischer Seite einmal nachlassen, kann es mit stark zunehmenden Gegenwind passieren, dass die hart erstrittenen Rechte wieder umgepustet werden. Es ist quasi unmöglich, an jedem notwendigen Spot feministische Einheiten aufzustellen, die jeweils an all diesen Spots immer über all die notwendigen Skills, die Zeit, die Kraft etc. für das Kreuzen gegen den Wind verfügen. Es muss einfacher gehen. Meine Meinung.
Aber klar: vielleicht ist es möglich, das patriarchal geprägte Gesellschaftssystem mit lauter Rechten und Gesetzen zum Platzen zu bringen. Maybe. Nur… ich glaube das nicht.
Ich glaube aber daran: dass in all den merkwürdigen, sich teils backlashig, teils aber einfach nur kollapsig anfühlenden Bewegungen dieser Tage eben auch wahr ist, dass nicht nur das Patriarchat in unseren Bausubstanzen angelegt ist, sondern auch die Kämpfe in ihm und aus ihm heraus. Was wäre also, wenn „Kämpfen“ nicht nur das Kämpfen für Recht und Gesetz bedeuten müsste, sondern der Kampf auch das „Verknalltsein in Frauen“ – egal welche sexuelle Orientierung wir jeweils haben – beinhalten würde? Die Politisierung der Verknalltheit! Wäre das nicht cool? Hier stünden wir Frauen komplett in unserem je eigenen Wind; wir müssen nicht taktisch und klug denken, und anti und gegen irgendwas sein, sondern von uns ausgehend, dem intuitiven Wind vertrauend, uns selbst folgend. Sich als Frau in andere Frauen zu verknallen, sie zu lieben und zu schätzen usw.: all das ist nicht im Europatriarchat vorgesehen (so wie übrigens das Schwangerwerdenkönnen im Kapitalismus eigentlich auch gar nicht vorgesehen ist, wie Antje in Schwangerwerdenkönnen schreibt) und somit schon eine Herausbewegung aus der patriarchalen symbolischen Ordnung. In dieser Form verstandene „wirksame Kämpfe“ sind vielleicht eher bewusste Energienverlagerungen und veränderte Aufmerksamkeiten und kosten nicht viel, sondern schenken sogar Kraft und Schwung. Das Herausdenken aus dem Patriarchat muss nicht hochintellektuell oder wie auch immer schwierig zugängig gestaltet werden. Und wir müssen uns auch nicht immer mit Fackel in den Sturm stellen, „kontra“ und „anti“ sein und dem Gegenwind bis zur totalen Erschöpfung standhalten.
Beim Schreiben der Superwoman/Witchyness-Texte (siehe Newsletter #5 und #6) fiel mir einmal mehr auf, wie wenig popkulturelle Vorbilder für Freundinnenschaften in unserer Kultur existieren (sehr nett diesbezüglich fand ich die Netflix-Serie Immer für dich da/Firefly Lane). Dabei sind Freundinnenschaften integraler Bestandteil von so vielen Frauenleben, oder? Wir Frauen sind untereinander – und das nehme ich immer bewusster wahr – zu so viel „Differenztoleranz“ fähig. Wenn wir ungestört und allein unter Frauen sind – ob beste Freundinnen oder nicht –, sagen wir so oft die schönsten und wertschätzendsten Dinge zueinander. Ich will nicht übertreiben, aber ich glaube, das ist ein wichtiger Kitt, der die Menschlichkeit in ihren Grundfesten zusammenhält. Wir sind uns über die Kraft dieser Verliebtheitsbekundungen nicht ganz im Klaren. Wenn wir nur wüssten und verstünden, dass wir die Resonanzen echt noch in größere Schwingungen versetzen könnten, und dass diese fähig wären, das System zu verändern, im Sinne von… wir bewegen das System aus sich selbst heraus in neue Zustände. Physikalisch ist das auf alle Fälle drin. ;)
Die Frage ist, ob wir lernen, uns herauszudenken und Frauen alles zugestehen, und zwar ohne diese zutiefst patriarchal gefärbte gesellschaftliche und politische Bedeutung dieser Tage.
Die meines Erachtens notwendige Differenzierung ist jene: Die gesellschaftlichen und politischen Bedeutungen und sozialen Übereinkünfte in unserer Gesellschaftsform macht es uns Frauen schwer, alles sein zu können und alles entwickeln zu können, was wir wollen. Manchmal können wir unserem inneren Drängen und Begehren nicht folgen, weil es uns zu viel Kraft erfordert und wir dem Gegenwind nicht standhalten können. Oder weil damit kein Lebensunterhalt zu verdienen ist. Oder weil die Kreativität oder die Fähigkeiten zur Überwindung all der Beschränkungen nicht ausreicht. Wenn Frauen Widerstände nicht überwinden können, fühlen sie sich schwach. All diese Gefühle und Energien sind furchtbar verwirrend und folgen komplizierter Gestalt und und falscher Labelung, z.B. „Du kannst alles werden, wenn du nur willst.“ Ich fühle mich inbegriffen in dieser Verwirrung, und ich selbst verliere in ihr so viel Energie. Lebensunterhalt ist existentiell, also machen viele Frauen Dinge, die sie nicht lieben, um für den Lebensunterhalt zu sorgen. Dafür hege ich innigstes Verständnis. Aber in dieser Serie geht es mir nicht um diese Verwirrung, Verzerrung und Verlagerung, sondern tatsächlich um den maximalen Sparkle! Es geht um die anstandslose, schubladenlose, grenzen- und kompromisslose Bewunderung für Frauen, die ihrem Begehren unbeirrt gefolgt sind/folgen, und die gefunden haben, was sie lieben – wie klein die Sache auch immer sei – und es mit der Welt teilen… oder zumindest mit dir, Leserin, die du darüber Lust hast zu schreiben.
In was verliebt ihr euch? Mein Blickwinkel ist nur mein Blickwinkel. Euer Beitrag in dieser Serie würde mir – uns – ermöglichen, in unsere jeweiligen Faszinationen einzutauchen. Bei welcher Frau bekommt ihr ein verzücktes Lächeln auf die Lippen? Der Anblick welcher Frau reicht euch, um glücklich seufzend zu sagen: made my day? Um welcher Frau zu folgen und mehr zu sehen, würdet ihr euch sogar einen Insta-Account zu zulegen, und das, obwohl ihr diese Art von Social Media hasst?
Vielleicht sind jetzt einige enttäuscht und sagen: „Ach, ich wollte über meine Oma schreiben, weil sie so eine zähe Frau war, die so viel Schreckliches erlebt hat und trotzdem immer ein liebes Wort für mich hatte“. Dazu folgendes: Ich realisierte vor einer Weile, dass ich nicht wirklich wusste – und das trotz all der tief empfundenen Liebe –, wofür meine beiden Omas gebrannt haben. Meine Oma väterlicherseits erzählte mir einmal, dass sie so gerne Opernsängerin geworden wäre. Aber habe ich sie je gefragt, ob sie mir mal etwas vorsingt? Warum hat mich meine kindliche Intuition nicht zu dieser Aufforderung geführt? Oder habe ich sie vielleicht doch gefragt, und sie hat dann vielleicht geantwortet, dass sie es jetzt nicht mehr könne? Oder hat sie einmal angesetzt, und ich habe in meiner kindlichen Grobheit einen Lachkrampf bekommen und sie damit abgewürgt? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich sie nie bewusst singen gehört habe. Wie kann das sein? Ich finde das tatsächlich tragisch. So viel Liebe zwischen uns, und ich habe sie nicht einmal in ihrem vollen Begehren erblühen sehen.
Von meiner anderen Oma weiß ich noch weniger. Aber ich liebte auch sie heiß und innig. Und ich liebte ihre Hefeklöße! Niemals ever again habe ich so gute Hefeklöße mit Heidelbeer-Kompott – selbst im Wald gepflückt und eingemacht – gegessen. Aber ich wusste schon immer, dass sie die Zubereitung hasst: so viel Stress und Druck: was passiert, wenn die verdammten Klöße nicht aufgehen?! Wir Enkelkinder durften nie in die Küche kommen, während sie kochte. Wir hörten sie hinter den verschlossenen Türen oft fluchen. Mein Opa schlich dann manchmal an die Küchentür und fragte sie vorsichtig, ob alles in Ordnung sei. Und sie antwortete genervt, dass „ja“, und dass er sie einfach in Ruhe lassen solle. Erst, als alles auf dem Tisch stand, entriegelte sie die Küchentür. Während wir genossen, genoss sie zwar unser Genießen, aber ihre Anstrengung und Versagensangst standen ihr noch ins Gesicht geschrieben; es war immer klar: sie liebte es nicht, Hefeklöße zu machen. Sie machte es uns Enkel*innen zuliebe. Aber was liebte sie wirklich zu tun? Ich komme auf nichts, ich habe sie nie richtig sparkeln gesehen. Das macht mich traurig.
Und es macht meinen Wunsch stärker, Frauen in ihrer Freude zu sehen. Denn das beste Vorbild ist eine Frau, die liebt, was sie tut. Ich weiß, das ist jetzt ein abgenudelter Klischeesatz, aber die Welt wäre eine bessere, wenn jede Frau suchen und machen kann, was sie liebt, und zwar egal, ob das für den Lebensunterhalt herhält oder nicht.
Frauen, die das schon gefunden haben, können uns Suchende unterrichten. Können unseren Blickwinkel weiten bezüglich dessen, was Frausein, was Menschsein in einer weiblichen Körper*in bedeuten kann. Wenn wir gezielt darauf achten und wertungsfrei wertschätzen, wenn eine Frau ganz bei sich ist und in ihrer Freude steht, dann wird uns das befähigen, auch (un-)gewöhnliche Dinge, die wir lieben und begehren, schamloser für uns in Betracht zu ziehen.

Ich fühle manchmal, dass wir immer noch in unserer über viele Jahrhunderte weitergegebenen „patriarchalen DNA“ haben, dass wir anderen Frauen den Sparkle nehmen müssen; entweder, damit wir selbst scheinen können (es gibt so wenig Plätze für uns an der sonnigen Hierarchiespitze, richtig??!), oder weil wir nicht an „die Sache“ glauben, die sie liebt, oder weil “die Sache” vielleicht in einer “falschen Geschichte” eingebettet ist. Wir Frauen tun das unter uns; manchmal ganz unbewusst; ich beobachte das immer noch hin und wieder. Ich glaube, ich tue es selbst auch manchmal. Wenn meine jüngere Tochter sagt, dass sie Schauspielerin, Sängerin oder Modedesignerin werden möchte, dann fühle ich in mir manchmal den Impuls, ihr den Sparkle austreten zu wollen. ‚Ach Baby‘, denke ich dann, ‚all der Frauenhass, all der Sexismus in dieser Branche in your face, und wenn du nicht ‚erfolgreich‘ bist, dann ein Leben am Existenzminimum!‘ Ist es falsch, das zu denken? Ist es falsch, Zweifel auch nur auszustrahlen? Bin ich nicht die Person, die am meisten an sie glauben sollte? Wer, wenn nicht sie ist „the one“: jene, die fähig ist, mit ihrer Liebe zur Sache alle schlechten Umstände und Zustände ein Stückweit ins Gute zu verändern? Braucht sie dafür nicht all mein „Ja!!! Just do it!!! Go for it!!!“?
Tiefe energiezehrende Widersprüchlichkeit. Ich kämpfe. Erziehung in dieser Gesellschaft ist unangenehm und unnötig kompliziert, weil Lebensunterhalt in ihr verdient werden muss, weil finanzielle Unabhängigkeit von Frauen in ihr einerseits existentiell sein kann und andererseits auch noch Markenzeichen feministischer Politik ist. Ich soll sie einerseits dazu befähigen, dass sie finanziell unabhängig ein gutes Leben in dieser Gesellschaft haben kann, und ihr aber gleichzeitig zeigen, wie sie ihre Flügel ausbreiten kann zum Fliegen. Es läuft nicht immer beides in schicksalhafter Fügung zusammen. „Du kannst alles werden“? Wirklich? Wer würde seiner Tochter beispielsweise guten Gewissens raten, dem inneren Drang und Auftrag als Dichterin zu folgen? Okay… vielleicht „kann sie als Dichterin alles werden“, vielleicht ist sie die eine unter hundert. Und die anderen neunundneunzig… wer lässt sich gern vom hohen Liebesflug unters Existenzminimum fallen?
Dazu schießen mir jetzt interessante Gedanken bezüglich des Films Materialists (erst vor Kurzem im Kino, jetzt auf Netflix) und der dritten Staffel von Bridgerton in den Kopf. Ich folge ihnen vielleicht mal in einem Newsletter auf Chthuluzäne Wegkreuzungen.
Lieber nochmal hochgedacht zu dem gar nicht banalen Klischeesatz: Das, was Frauen zu tun lieben, macht die Welt – ach das ganze Universum! – happy. Ich bin mir sehr sicher, dass Jobs oder Tätigkeiten, die keine tun will, auch nicht gebraucht werden für das gute Leben auf dieser Welt. Dieses Zurechtruckeln wäre eine organische Bewegung in die menschlichen planetaren Grenzen hinein.
Je mehr Frauen ich sehe, die zum hohen Liebesflug ansetzen, desto mehr glaube ich daran, dass es möglich ist für ALLE Frauen, nicht nur für die eine unter hundert.
Ich bin unsättigbar, ich brauche diese Erfolgsgeschichten bezüglich des heilsamen Weges zum Begehren, um selbst zu finden, was ich begehre; und… um eine gute, optimistische All-In-Mutter zu sein. Ich meine das eher im philosophischen Erkundungssinne; weniger erziehungsratgebertechnisch (;).
Vielleicht erkennen wir Dinge in einer anderen Frau, die dieser selbst nicht mal bewusst sind. Sie weiß also nicht mal, dass sie gerade in ihrer Freude steht und damit Freude verbreitet. Und vielleicht geben Verknalltseinsbekundungen Kraft und Bewusstsein; die ihr bisher gefehlt haben zum Durchbrechen alter schmerzender und einschränkender Muster. Wer weiß.
In meinen Träumen stelle ich mir vor, wie das wäre, wenn wir uns alle gegenseitig viel bewusster auf Verknalltheitswellen resonieren lassen. Wie viel mehr wäre jede Einzelne von uns fähig zu sein und zu geben? Ich glaube, nicht nur Liebe, auch Verknalltheit kann Berge versetzen. In der intensiveren Wahrnehmung entsteht im besten Falle ein vibrierendes Netz der Verknalltheit, in welchem sich auch neue Sprachformen entwickeln würden.
Hetero oder LBTQIA*… unterschwellig könnte das noch eine offene Frage sein, oder? Ich glaube zwar, dass es keine Rolle für das Gefühl der Verknalltheit spielt, aber ich kann mich in meiner sehr heterosexuell eingestellten Sichtweise irren. Ich fände es sehr schade, wenn Verknalltheit und auch „Liebe für etwas“ nur so definiert werden würde, wie ich das sage aus meinem ganz spezifischen Blickwinkel und Interesse heraus und mit meiner ganz spezifischen heterosexuellen Ausrichtung. Und ich denke mir, auch heterosexuelle Orientierung hat viele mannigfaltige Ausprägungen! Ich lasse hier vorerst eine kreative Leerstelle. Wenn es tatsächlich eine größere Rolle spielen sollte, können wir da gern noch das Spektrum weiten für andere mögliche Liebe-, Verliebtheits- und Verknalltheitsformen.
Da mein Herz ja extrem fürs Weiterdenken schlägt, freue ich mich sowieso, wenn die ein oder andere Lust hat, eventuell aufploppenden interessanten Spuren denkerisch weiter zu folgen.
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Liebe Dorothee, ach, vielen Dank, so schön, dass dir die Idee gefällt! Ich bin immer so erleichtert, wenn bei irgendeiner irgendetwas zündet, weil es ist nicht einfach, alles, was man so im Kopf hat, in die Worte zu packen, damit es möglichst viele berührt. Vielleicht kannst du mir in einer ruhige Minute nochmal sagen, warum dir das Lesen meiner Texte schwerfällt.
Ja… das Begehren betreffend hatte ich auch das Gefühl, einen “neuen” Zugang gefunden zu haben. Ich weiß auch nicht, ich orientiere mich momentan eher an der Freude, an den guten Gefühlen von Menschen, ich schaue momentan immer hin, wenn Menschen strahlen; auch allgemein. Ich denke, das ist meine Form von Überlebensmodus in diesen Zeiten. Ich denke aber auch, oder ich entdecke dabei, dass hier ungeahnte (Gedanken-)Möglichkeiten schlummern, die es eigentlich gerade in solchen Zeiten zu aktivieren gilt. Ich denke, wir unterschätzen, dass wir uns am meisten in und von dieser Welt fühlen, wenn wir in dem aufgehen, was wir lieben. Bei deinem Text damals… welcher war das, auf den ich mich bezogen habe.. ich schau gleich nochmal, da habe ich schonmal das Gefühl gehabt, dass viele Begriffe des Differenzfeminismus SOFORT in mir klangen und resonierten und Freude und Bejahung ausstrahlten; und zwar, bevor ich mich mit ihnen “theoretisch” befasst habe, was ja immer auch eine Einladung in die Praxis ist. Jedenfalls… empfand ich schon immer, dass viele Begriffe weiter zu ziehen sind, bzw. sie ziehen von sich aus viel weitere und tiefere Kreise als “nur” … das ist jetzt schwer auszudrücken…. sie können nicht nur “wirken” innerhalb einer differenzfeministisch bewussten Frauengruppe. Das meine ich nicht despektierlich, für mich verändert es einfach den Denkrahmen. Es kann auch sein, dass ich das jetzt nur erst alles entdecke in einem sehr langsamen Prozess, und ihr das schon wisst, keine Ahnung. Jedenfalls… ich glaube, so gesehen… Differenzfeminismus ist keine Denknische, und auch nicht nur eine ernste philosophische Praxis zwischen Frauen oder so… sondern trägt Freude in sich, und allein deswegen existiert und gedeiht er überall um uns herum in “grober Form”, in gewissem Sinne, wenn wir hinschauen. Also im Sinne von… wir müssen nicht den Differenzfeminismus zu den Leuten “außerhalb” tragen (das auch!! keine Frage!! es ist immer ein hin und her), aber wir können auch schauen, wo er sich alles “unbewusst” (iSv noch nicht ins Bewusstsein gehoben und von Worten entdeckt) schon befindet, wo wir ihn nicht vermutet haben.
Keine Ahnung… da werde ich einfach immer weiter dran rumdenken und hinterherfühlen.
Danke liebe Dorothee <3
Achso, und das mit dem Buchcover von Luisa, das wusste ich natürlich! Deswegen habe ich das Bild auf dem Flohmarkt überhaupt gekauft. Bzw. … ich stand vor dem Bild und dachte an Luisa und die Bauernhof-Frauen gleichzeitig. Siehst du, das hätte ich auch noch schon in den Text bauen können, weil das sind ambivalente Denk-Spagate, die ich wirklich wirklich liebe, die das Denken überhaupt in Gang setzen bei mir.
Liebe Anne, normalerweise lese ich Texte zum Nachdenken lieber selbst, anstatt sie mir vorlesen zu lassen. Doch letzte Woche saß ich im Zug, hatte noch etwa 6 Std. Fahrt vor mir, und es war schrecklich voll, laut und unruhig. Da hab ich es sehr genossen, deine Stimme direkt in meine Ohren zu kriegen und konnte mich viel besser auf deine Gedanken einlassen als beim Lesen deiner Texte. Das war die erste beglückende Erfahrung. Und dann der Inhalt: Es begeistert mich, neue Unterscheidungen zu lernen. Das Wort “verknallen” mag ich zwar nicht, aber “einen crush haben auf” kannte ich nicht, das übernehme ich jetzt erstmal. Was euch Heteras sicher nicht so schwer fällt, war für mich bis jetzt die Unterscheidung in “mich in eine Frau verlieben” (und eine romantische Beziehung wollen) und das, was du mit dem crush beschreibst: Die Freude beim Zuschauen, wie eine andere Frau etwas tut, was sie liebt. Und das ist zudem ein ganz neuer Zugang zum Wahrnehmen und Wertschätzen des Begehrens. Einfach genial! Die restliche Fahrt über dachte ich über all meine bisherigen “Verliebtheiten” und Beziehungen nach und sah, wo mir diese Unterscheidung gefehlt hat, so dass ich meinte, eine Liebesbeziehung eingehen zu müssen, obwohl ich “nur” einen crush hatte, mich freute, der anderen zuzuschauen, während sie etwas tat, was sie liebte. Ja, und das konnte dann auch dazu führen, dass die Beziehung schief ging und ich die andere Frau oder/und mich unglücklich machte. Übrigens noch was: Das schöne Bild von Vermeer ist auf dem Cover von Luisa Muraros Buch “Vom Glück, eine Frau zu sein”!