Forum für Philosophie und Politik
Von Jutta Pivecka

Über Antje Schrupps Essay „Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern“
Zuerst, sagt die junge Feministin[1], mit der ich über Antje Schrupps gerade erschienenes Buch „Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern“ spreche, sei sie etwas irritiert gewesen: über die Sprache, die so anders sei, als sie es aus feministischen Texten kenne, und ein wenig auch über das Postulat: „Man kann das Frausein unmöglich definieren…“ Sie hätte sich wohl hier eher ein klares Bekenntnis gewünscht wie „Transfrauen sind Frauen.“ Aber dann, sagt sie, habe die Lektüre sie „abgeholt“. Am schönsten fand sie das Kapitel „Beziehungen“ und am besten habe ihr gefallen, dass das Buch Mut mache, statt den gegenwärtigen Zustand nur zu beklagen.
Ich habe dieses Gespräch gesucht, weil ich meine eigene Leseerfahrung um die Perspektive einer Leserin erweitern wollte, die anders als Antje Schrupp und ich nicht geprägt wurde durch die Lektüre von Chiara Zamboni, Luisa Muraro und den anderen Philosophinnen der Diotima-Gruppe und den italienischen Differenzfeminismus. Dass für meine Gesprächspartnerin, Anfang Dreißig, das Kapitel „Beziehungen“ so bedeutsam war, hat mich sehr gefreut. Antje Schrupp erzählt darin davon, was sie in Frauengruppen als neue Form der Politik erlebt hat: „Frauen, die in einer Gruppe, einem Buchladen, einem Bildungsprojekt oder auf einer Party andere Frauen kennenlernten, entdeckten neue Qualitäten von Freundschaft und Liebe, die sie zurück in ihre Familien trugen (…). Ganz ohne einheitliches Programm sorgte diese Neuverhandlung privater Lebens- und Geschlechterverhältnisse für eine gesellschaftliche Revolution. Wenn heute von ´Mikrofeminismus´die Rede ist – ein Trend, der ursprünglich auf TikTok startete und kleine Handlungen und Gesten meint, die sexistische Strukturen heraufordern und Geschlechterungleichheiten sichtbar machen – , dann ist das ganz etwas Ähnliches, nämlich die Erkenntnis, dass feministische Aktionen im Alltag, so klein sie auch sein mögen, eine politische Bedeutung haben.“
Anders als wahrscheinlich für viele Leserinnen und noch mehr vielleicht für Leser des Buches war für meine Gesprächspartnerin der Titel und die darin enthaltene These, dass das Patriarchat zu Ende ist, kein Stein des Anstoßes. Dabei wirkt diese These zunächst mal angesichts von Typen wie Donald J. Trump, Elon Musk oder Jeff Bezos, die die Bühnen der Macht derzeit bespielen, angesichts des Aufstiegs rechtsradikaler Parteien in den europäischen Demokratien, deren Markenzeichen es geradezu ist, Frauenrechte abzuschaffen, sexuelle Freiheiten einzuschränken und ein schlichtes, binäres Geschlechterverständnis zu propagieren, in dem alles noch „seine Ordnung“ hat, durchaus kontraintuitiv. Kehrt das Patriarchat nicht in seiner primitivsten Form gerade überall zurück? Antje Schrupp kann ihre These jedoch gut belegen.
Erstens: Wir sollten die Erfolge der Frauenbewegung in den letzten 150 Jahren nicht kleinreden und kleinmachen. Es geht nicht nur um eine veränderte Gesetzeslage, obwohl auch diese Fortschritte nicht zu verachten sind. In der Bundesrepublik Deutschland muss heutzutage keine Frau mehr ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie einen Arbeitsvertrag abschließen will. Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar. Auch das Abtreibungsrecht wurde liberalisiert (wenn auch nicht so, wie es die Menschenrechte erfordern würden). Die Ehe für alle wurde durchgesetzt. Für viel wichtiger als diese Veränderungen des Rechts hält Antje Schrupp aber die Veränderungen im Bewusstsein der Frauen: „Die entscheidende Veränderung am Anfang des 20. Jahrhunderts war nicht die Gleichberechtigung, sondern dass Frauen ein neues Verständnis von sich selbst entwickelten. Ein e i g e n e s Verständnis. Frauen hörten auf, sich selbst durch die männliche Brille zu betrachten. (…) Das Ende des Patriarchats ist nicht ein einzelnes historisches Ereignis, sondern ein innerer Erkenntnisprozess von Frauen in ihrer Beziehung zur Welt, zu sich selbst und zu anderen Menschen. (…) Das Ende des Patriarchats wird überall dort eingeläutet, wo Frauen erkennen, dass sie in ihrem Denken und Handeln nicht an bereits gegebenen Erklärungen und Definitionen gebunden sind, nicht an Traditionen, nicht an von Männern verwaltete Heilige Texte, nicht an vermeintliche Wahrheiten, Sitten und Gewohnheiten.“ Dieses Ende des Patriachats, wie Antje Schrupp es hier auffasst, lässt sich überall weltweit beobachten, darin sind meine Gesprächspartnerin und ich uns einig, ungeachtet der Tatsache, dass das Patriarchat seine Rückstände selbstverständlich nach Tausenden von Jahren noch hier und da hinterlassen hat. Aber überall auf der Welt gibt es Frauen, die sich nicht mehr vor allem auf Männer beziehen, nicht mehr über männliche Bewertungen definieren, sondern über ihre Beziehungen zueinander, die die Wertschätzung der anderen Frau suchen und ihre Autorität aus der wechselseitigen Anerkennung beziehen. Dieser Wandel ist umfassend: er findet sich in popkulturellen Phänomenen (z.B. Taylor Swift), in Computer- und Handy-Spielen, in denen Frauenfreundschaften im Mittelpunkt stehen, in literarischen Werken, in populären Filmen u.v.m. Antje Schrupp zeigt sich in ihrem Buch überzeugt: Diese Veränderung des Selbst-Bewusstseins von Frauen in aller Welt wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen. Meine Gesprächspartnerin bestätigt es mit Vehemenz: die Bedeutung der Beziehungen zu Frauen in ihrem Leben und die Kraft, die sie daraus zieht.
Antje Schrupp untermauert ihre These, dass das Patriarchat zu Ende ist, aber noch mit einer anderen Beobachtung: Die alten Patriarchen gibt es nicht mehr. Trump, Musk, Bezos, das sind keine Patriarchen hergebrachten Typs mehr, die über ihre Untertanen herrschen, aber auch Verantwortung für ihren Machtbereich übernehmen. Die Essayistin nennt die neuen Machthaber, mit denen wir es jetzt zu tun haben, „Piraten“: „Die Organisationsform dieses männlichen Dominanzgehabes ist nicht das Patriarchat, sondern die Bruderschaft. Der Begriff ´Bro-Culture´ hat sich inzwischen eingebürgert, er bezeichnet eine Kultur, die auf sozialen Bindungen von Männern untereinander basiert, die sich von anderen abgrenzen, sich gegenseitig unterstützen und deren Männlichkeitsperformance auf der Abwertung freier Weiblichkeit beruht, von queeren Geschlechtsidentitäten ganz zu schweigen. (…) Im ebenfalls inzwischen etablierten Begriff der ´Broligarchs´kommt außerdem zum Ausdruck, dass es auch um die Anhäufung von Reichtümern auf Kosten anderer und einer damit verbundenen Machtausübung geht.“ Die Autorin erklärt, was diese Broligarchen von althergebrachten Männernbünden im Patriarchat unterscheidet: „Neu ist heute, dass die Brüder zwar die Väter vom Thron stoßen, aber dann nicht etwa eine neue Ordnung etablieren, also nun ihrerseits eine verantwortungsvolle Rolle einnehmen. Sie bleiben vielmehr betont jugendlich und lehnen jede Verantwortungsübernahme ab. Ihre mit dem Sturz der Väter gewonnene Macht nutzen sie, um alles abzuschaffen, was sie am Ausleben ihres Mottos ´Nimm was du kriegen kannst, gib nichts zurück´ hindern könnte. Die Bro-Culture steht nicht für Solidarität, sondern für Korruption, Machtgier und Skrupellosigkeit.“
Antje Schrupp bleibt bei dieser Diagnose der Gegenwart nicht stehen. Sie fordert vielmehr, dass wir Feministinnen aus dieser veränderten Situation Konsequenzen ziehen müssen im Hinblick auf unsere politischen Strategien. Gegenüber den „alten Patriarchen“ konnte Appelle und Argumentation wirksam sein, um die eigenen Anliegen durchzusetzen. Widersprüche in ihrer Argumentation konnten offengelegt und Lösungen ausgehandelt werden. Gegenüber den „Piraten“ ist das zwecklos. Dies und das Wünschenswerte von ihnen zu fordern, hat nur noch selbstbestätigende Wirkung in die eigene Blase hinein. Die „Piraten“ scheren sich nicht um Widersprüche, sie verzichten offensiv auf eine moralische Rechtfertigung ihrer Macht- und Ausbeutungsansprüche.
Was also tun?
Antje Schrupp plädiert dafür, uns zunutze zu machen, wie sehr die neue Kultur der Bros das Gender-Thema in den Mittelpunkt gerückt hat. Frauen-Hass, aggressive Verachtung von anderen Formen von Männlichkeit als der ihren, Kampf gegen queere Menschen sind d a s Bindemittel, das diese Brüderschaften eint. Das macht es einfacher, sie zu erkennen, sich von ihnen zu distanzieren und echte Bündnispartner im Kampf um Freiheit zu finden: „Im Patriarchat war es noch möglich, liberaler Freidenker und sogar Revolutionär zu sein und gleichzeitig Vorbehalte gegen Frauenemanzipation zu haben. Heute nicht mehr. Denn Antifeminismus und Hass auf Frauen und Queers sind zu einem identitätsstiftenden Marker geworden, an dem sich die marodierenden Brüder untereinander erkennen. (…) Die trennende Linie verläuft nicht zwischen Frauen und Männern, sondern zwischen Menschen, die für eine gemeinsame Welt aller Menschen eintreten, und jenen, die das nicht tun. Aber es kann niemand auf der freiheitlichen Seite dieser Linie stehen, der die Freiheit von Frauen und anderen Menschen, die sich dem klassischen Stereotyp der Mannosphäre entziehen, für nachrangig erklärt.“ Für Feministinnen, so verstehe ich das, muss das heißen, dass es keinen „Kredit“ (weder z.B. kulturell, religiös noch klassenbezogen) für Gruppierungen geben darf, die nicht uneingeschränkt die Freiheit der Frauen unterstützen wollen oder können. Mit diesen kann es keine Bündnisse (mehr) geben. Die Zeiten des „Nebenwiderspruchs“ sind endgültig passé. Die Solidarität von Feministinnen sollte dagegen gleichermaßen den Frauen (und ihren männlichen Unterstützern) im Iran gelten, die sich gegen eine abscheuliche Theokratendiktatur wehren, wie den Frauen (und ihren männlichen Unterstützern) in Minnesota, die sich zusammenschließen, um gegen die Übergriffe von ICE vorzugehen.
In einer solchen Zeit, dafür plädiert Antje Schrupp in ihrem Essay, kommt es darauf an, dass diejenigen, die für die Freiheit aller Menschen einstehen wollen, dass Feministinnen, sich nicht untereinander heillos zerstreiten. Auch meine Gesprächspartnerin und ich haben Differenzen. Während sie offensiv für das Selbstbestimmungsgesetz eingetreten ist, betrachte ich einige seiner Auswirkungen mit Skepsis. Wir sprechen über das Kapitel „Geschlechterdifferenzen“, in dem Antje Schrupp schreibt: „Um die Diskriminierung von trans Personen zu verhindern, hätte es genügt, den Geschlechtseintrag aus staatlichen Dokumenten ganz zu streichen und das Namensänderungsgesetz zu lockern. Ein Staat, der nicht vorhat, Menschen nach Geschlecht zu diskriminieren, muss das Geschlecht seiner Bürger*innen nicht kennen.“ Die junge Frau findet die Idee zunächst „charmant“. Es leuchtet ihr ein, dass es illusionär und auch potentiell gefährlich sein kann, seine Selbstbestätigung (vor allem) aus staatlicher Anerkennung zu beziehen. Wie leicht diese entzogen werden kann, zeigt sich täglich seit der Machtübernahme Trumps in den USA. Beide denken wir pragmatisch darüber nach, in welchen Situationen die Kenntnis des „biologischen“ Geschlechts durch Institutionen sinnvoll wäre, z.B. bei der Einlieferung in eine Klinik mit einem Herzinfarkt. Aus ihrer beruflichen Tätigkeit weiß die junge Frau andererseits, wie schmerzhaft es z.B. für Betroffene ist, den falschen Namen zu tragen und wie symbolisch wichtig auch die formale Änderung in offiziellen Papieren sein kann.
In unserem Gespräch, so hoffe ich, praktizieren wir beide, über unsere Differenzen hinweg und durch sie hindurch, was Antje Schrupp fordert: “Feministische Politik nimmt ernst, dass Menschen in wesentlichen Dingen nur formal, aber niemals tatsächlich gleich sind. Sie geht bei der konzeptionellen Arbeit an politischen Formen und Prozessen von der realen Beschaffenheit menschlichen Lebens aus, statt sie auf Phantasievorstellungen darüber zu gründen, wie ´normale Menschen´angeblich sind.“ Feministische Praxis kann niemals darin bestehen, das macht Antje Schrupp in ihrem Essay sehr deutlich, ein gemeinsames „Programm“ zu erstellen, sondern bedeutet stets, wie sie in einem anderen Zusammenhang formuliert, „die Perspektive weiblicher Subjektivität in allen Lagern und Debatten stark zu machen“.
Was können wir also tun, um in diesem postpatriarchalen Chaos die Freiheit am Horizont zu halten?
Auch zwischen Antje Schrupp und mir gibt es selbstverständlich Differenzen. Sie – wie sie in einem Interview mit „taz“ sagte – versteht sich als Anarchistin. Ich mich nicht, vielleicht weil mir die nötige Portion Idealismus dazu fehlt. Wo wir uns aber finden können, Antje Schrupp und ich, ist die von ihr zitierte „Arbeit der Aufmerksamkeit“ (Iris Murdoch: The Sovereignity of Good), die wir in unseren Alltag, unsere Umgebung, unser Leben stecken können. Aus ihr entsteht eine Verantwortung für das eigene Handeln, die nicht bloß auf vernünftigen Abwägungen beruht, sondern darauf, dass etwas getan werden m u s s, nicht weil ein gesellschaftlicher Zwang besteht, sondern eine persönliche Notwendigkeit. Antje Schrupp hält fest: „Aber in einer Welt, die von postpatriarchalischem Chaos bedroht wird, ist es eher das persönliche Handeln, das etwas bewirken kann. (…) Als politische Menschen können wir tun, was wir für richtig halten, auch wenn es nicht leicht ist und uns etwas kostet. Wir sind dabei nicht allein. Wir können uns einbinden in feministische Beziehungen, Traditionen, Geschichten, es gibt Vordenker*innen, Vorbilder, potentielle Verbündete. (…) Es kommt nicht darauf an, wie viel oder wie wenig das ist. Es kommt darauf an, dass wir damit beginnen.“
Meine Gesprächspartnerin erzählt mir davon, wie sie auf der Station in einer psychiatrischen Klinik, wo sie arbeitete, für Unruhe sorgte, weil sie sexistische und rassistische Sprüche nicht einfach hinnahm, sondern widersprach, weil sie nicht mitlachte, wenn diskriminierende Witze gerissen wurden, sondern auf deren menschenverachtende Wirkung hinwies. „Die“, sagt sie, „denken bestimmt immer noch öfter: Wenn die noch da wäre, dann könnte man das nicht sagen. Und vielleicht sagen sie sogar das eine oder andere nicht mehr.“ Jede von uns kann das: In ihrem Umfeld für Aufmerksamkeit sorgen, eine helfende Hand ausstrecken, wo sie gebraucht wird, eine Kollegin unterstützen, wenn sie von Vorgesetzten gemobbt wird, sich nicht gemein machen mit menschenverachtenden Worten und Handlungen, mit anderen zusammen etwas organisieren und aufbauen, Partnerschaften eingehen, in denen es fair zugeht. Ich denke an die Frauen im Iran, die so viel für ihre Freiheit riskieren. An die Frauen in Minnesota, die Kerzen in ihre Fenster stellen, damit Migrantinnen und Migranten wissen, wo Hilfe zu finden ist. Und an viele andere Frauen (und einige Männer), die sich Antje Schrupps Fragen gestellt haben: „Was ist mir was wert? Was kann und will ich tun? Wo bin ich bereit, mich unbeliebt zu machen? Kann ich über meinen Schatten springen, um dieses Bündnis einzugehen?“
Es lohnt sich dabei zu sein, die Freiheit zu erobern. Antje Schrupp schließt ihren Essay mit der Feststellung: „We are in charge.“ Und meine Gesprächspartnerin zititiert zum Ende unseres Gesprächs Tara-Luise Wittwer, eine feministische Autorin und Webvideoproduzentin mit den Worten: „…weil ich Frauen liebe.“ Genau, darum!
Antje Schrupp: Postpatriarchales Chaos und wie wir mit Feminismus die Freiheit erobern, Aufbau-Verlage, 2026 20€
[1] Mein Gesprächspartnerin ist mir vertraut; sie zieht es aus beruflichen Gründen vor, hier nicht mit ihrem Namen genannt zu werden.