Forum für Philosophie und Politik
Von Jutta Pivecka

Frauen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit: “Strolling actresses stressing in a barn” von William Hogarth, 1738
„Das Private ist politisch!“, skandierten die 68er und die Frauenbewegung griff den Slogan auf, um die Herrschaft des Patriachats in den Familienstrukturen offenzulegen. Politisch zu analysieren waren u.a. Geschlechterverhältnis, Fragen von Liebe und Sexualität, Kindererziehung oder Eigentumsfragen in der Ehe. Die Einbeziehung des scheinbar geschützten, privaten Raumes in das politische Denken war zwingend notwendig, um den konkreten Anliegen von Frauen, ihrem Begehren nach Veränderung, Gehör zu verschaffen.
Das Konzept der Trennung von privat/öffentlich war zu diesem Zeitpunkt in dieser Form gerade einmal knapp 200 Jahre alt, ein Produkt der Aufklärung. Die „Innerlichkeit“ der Familie wurde im Laufe dieses Prozesses zum Raum der Frau erklärt, den sie zu pflegen und zu hüten hatte, während der öffentliche Raum dort war, wo Männer miteinander die Diskurse um Macht und Politik führten.
Von Anfang an war diese scharfe Trennung zwischen privat/öffentlich ein Elitenprojekt, realisierbar nur für die obersten Schichten, die sich den Rückzug der Frauen in die Privatsphäre auch finanziell leisten konnten. Dennoch wurde es sukzessiv zum Ideal für alle. Das „So-macht-man-das-nicht.“ auch der kleinbürgerlichen Mutter, wenn ihre Sprösslinge Messer und Gabel nicht korrekt hielten, zielte – wie alle Benimmregeln seit Knigge – darauf, die Kinder auf die Selbstrepräsentation in der Öffentlichkeit vorzubereiten. „Man“ sollte wissen, wie man sich in der Öffentlichkeit anzieht, grüßt, unterhält, speist usw. Und umgekehrt eben auch: Was „man“ „in der Öffentlichkeit“ nicht darf: schlampige, schmutzige Kleider tragen, furzen, laut werden, sich prügeln usw.
Das Konzept ist heutzutage veraltet. Jüngere Menschen verstehen es z.T. gar nicht mehr, scheint es. Man trägt Jogginghose im Supermarkt, schlurft in Adiletten ins Amt, berichtet laut am Smartphone der ganzen Trambesetzung von intimen Beziehungs- oder Darmproblemen. Kürzlich erzählte mir eine Freundin, wie ihr der Kragen geplatzt sei, als in einem ihrer Seminare an der Universität eine Teilnehmerin sich sorgsam die Nägel lackierte. Und plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich mir Zeiten zurückwünsche, in denen „man“ wusste, womit man in einer Welt, in der sich täglich Fremde begegnen, „die anderen“ nicht belästigen darf, in der den meisten bewusst war, dass der öffentliche Raum nicht ihr persönliches Wohnzimmer ist.
Oder ist diese Regung auch bloß „elitär“, rückwärtsgewandte und nostalgisch? Typisch Boomer halt?
Ich meine, das Private ist weiterhin politisch und es bleibt weiterhin aktuell, elitäre Räume, die nicht zur Teilhabe für alle gleichermaßen offenstehen zu problematisieren und berechtigte Geheimhaltungsinteressen von Ausschlusseffekten abzugrenzen. Deine Beobachtungen würde ich eher im Rahmen der Carekrise verorten und als Verwahrlosungserscheinungen bezeichnen, die sich unabhängig vom öffentlichen oder privaten Raum ereignen. Verwahrlosung beinhaltet hier auch Nichtwissen und Vereinsamung/Vereinzelung beim sozialen Verhalten privat und öffentlich, beim “Haushalten” und auch betreffend das Abstumpfen gegenüber Verrohungen und Gewalt. Trotz Wohlstand in einer Bedarfsweckungsgesellschaft sind wir insoweit auf neue Art verarmt. Und das ist kein Probelm von jung, alt, Boomer oder Jugend. Und es heißt auch nicht, dass ich früher alles besser fand. :-)
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Zum Thema: “Jogginghose im Supermarkt” würde ich jetzt nicht als Verfall der Privatsphäre labeln. Es ist eher Ergebnis der 68-er-Kulturrevolution, dass Kleiderordnungen hinterfragt und nicht mehr überall und immer akzeptiert wurden. Die FREIHEIT, selbst zu bestimmen, wie man sich kleidet, ist ja durchaus eine Errungenschaft – finde eher schlimm, dass im allgemeinen Rollback so vieles wieder verschwunden ist, z.B. lange Haare bei Männern und “Casual” Klamotten statt Anzug und Krawatte.
An manchen Stellen vermisst man aber die einstigen “Sekundärtugenden” schon!
Dein kleiner historischer Rückblick gefällt mir, liebe Jutta, und auch die Anregung zum weiterdenken, mit der Dein Blitzlicht endet!