Forum für Philosophie und Politik
Von Antje Schrupp
Winter ist bei mir die Zeit fürs Romanelesen. Aber welche? Es gibt einfach sehr, sehr viel Auswahl.

Anders als bei einem Sachbuch helfen mir bei Romanen die Klappentexte nicht weiter, denn worum es in der Geschichte geht, lässt keine Rückschlüsse darüber zu, ob mir das Buch gefallen wird. Da kommt es drauf an, wie es geschrieben ist.
Praktischerweise habe ich im September (also kurz vor Winter) Geburtstag, und meistens sind ein paar Romane unter den Geschenken. Wenn das nicht ausreicht, fragte ich herum nach Empfehlungen. Allerdings mit gemischtem Erfolg. Denn die meisten Menschen empfehlen mir vor allem Bücher, die ihnen gefallen, ohne groß darüber nachzudenken, ob sie auch mir gefallen würden. Zum Beispiel bekomme ich – da als Feministin bekannt – oft Bücher empfohlen, die von Frauen handeln, die unterdrückt werden oder sonstwie „frauenspezifische“ Probleme haben. Als ob ich das nicht sowieso wüsste, ich muss das nicht auch noch zum Entspannen haben.
Diesen Winter habe ich es daher anders gemacht und die so genannte „künstliche Intelligenz“ gefragt, also digitale Sprachmodelle. Diese LLMs sind schließlich nie um eine Antwort verlegen.
Kürzlich etwa hatte ich den neuen Roman des schottischen Schriftstellers Ian McEwan gelesen und für sehr gut befunden, deshalb beauftragte ich die KI: “alle romane von Ian McEwan und Empfehlung, ob ich sie lesen soll bitte in der Reihenfolge von bester bis schlechtester“. In Sekundenschnelle kam die Antwort: „Hier ist eine subjektive Rangliste von Ian McEwans Romanen (vom besten zum schwächsten), mit Empfehlungen speziell für dich“: vier Bücher, die ich „unbedingt lesen“ soll, vier „sehr empfehlenswerte“, weitere sechs, die mit Vorbehalten empfohlen werden und zwei, die ich eher überspringen sollte. Danach noch der Hinweis, welche beiden Bücher gerade für mich passend wären, weil sie „literarische Brillanz mit philosophischer Tiefe verbinden“.
Eins davon hab ich mir gekauft und bin schon gespannt. Und weil ich schon dabei war, fragte ich noch allgemein hinterher „Basierend auf allem, was du über mich weißt: Welchen aktuellen Roman soll ich lesen?“ Es kamen prompt zwei Empfehlungen von Neuerscheinungen heraus, die ich noch nicht kannte: “Dream Count” von Chimamanda Ngozi Adichie und “Halbinsel” von Kristine Bilkau. Mal sehen, was ich diesen Winter noch schaffe.
Und Ihr so? Wie entscheidet ihr, welches Buch Ihr als Nächstes lest? (Kommentieren)
Liebe Antje,
mir geht es ähnlich wie Dir, es gibt einfach so viele interessante Bücher. Ich habe aber entdeckt, dass mir das Lesen am besten gefällt, wenn ich mich darüber mit jemandem austauschen kann. Dadurch entsteht ein interessanter Austausch, in den auch die unterschiedlichsten Lebenserfahrungen einfließen.
Mit KI-Empfehlungen habe ich mittelmässige Erfahrungen gemacht. Einmal habe ich nach zeitgenössischen chinesischen Romanen gefragt. Da wurde mir einer aus Hongkong in höchsten Tönen gelobt, den ich dann nicht mal zur Hälfte gelesen habe, weil er so eklig und gleichzeitig langweilig war. Aber es gab auch schon gute Empfehlungen. Zum Glück gibt’s auch noch die Klassiker*innen. Letztes Jahr habe ich endlich Tolstoi “Krieg und Frieden” gelesen, das entbindet eine Weile von der Romansuche, einfach weil es so ein megadickes Buch ist. Und dann Joseph Roth, Radetzkymarsch und Hiob. Genial.
Liebe Antje,
das ist ja mal ein interessanter Ansatz. Bin gespannt, ob die KI Recht behält.
Ich nehme ja z.B. gern deine Empfehlungen auf – Stichwort “Antje las ein Buch” :-) Gerade liegt z.B. besagter Roman von Ian McEwan auf meinem Nachttisch und gefällt mir bislang sehr gut. Also danke schon mal dafür.
Ansonsten gucke ich gern in die Empfehlungen in der ZEIT, filtere nach potenziell interessanten Inhalten bzw. Geschichten. In der Bibliothek / im Buchladen lese ich dann eine beliebige Seite Probe. Da geht’s mir wie dir: Wenn mir der Stil nicht gefällt, bleibt es liegen. Und weil eh nicht alles gleichzeitig vor Ort verfügbar ist, dezimiert sich die Liste dann auch wieder.
Und dann das Gegenteil von so einer strukturierten Suche: Manchmal gibt es ein Zufallsfundstück aus einem Bücherschrank, da hatte ich auch schon Glück mit mir gänzlich unbekannten AutorInnen und Romanen.
Als nicht mehr aktive Buchhändlerin finde ich es schwieriger, meine Bücher auszuwählen, seit sie mich nicht mehr täglich umgeben.
Was mich leitet, ist ähnlich geblieben: Ich hab die Bücher am liebsten in der Hand. Wenn ich dazu in eine Buchhandlung gehe, hat die schon eine Vorauswahl getroffen. Idealerweise passt die zu meinen Vorlieben. Bibliothek geht auch, nur gibt es da eine kleinere und eher nicht so zu mir passende Auswahl.
Dann: mal gucken, was es von Lieblingsautor*innen und -verlagen Neues gibt. Cover und Klappentext angucken, reinlesen. Außerdem Bücher angucken, die mir empfohlen wurden oder über die ich Rezensionen gelesen habe. Und einfach stöbern. (Digital geht es ähnlich, da fällt nur leider die Vorauswahl weg.)
Gerade lese ich alle meine alten Romane von Anne Tyler nochmal und finde diese kleinen Mittelstands-Ehe- und Familiendramen tröstlich.
@Antje: Die beiden hab ich noch nicht wieder gelesen, damals mochte ich sie. Ob Anne Tyler deinen Geschmack trifft und was ein guter Start für dich ist, weiß ich nicht. Es ging mir mehr drum, dass ich gerade alte Bücher nochmal lese statt neue zu suchen.
Da hat Antje mit ihrem Streiflicht ja eine feine Diskussion in Gang gesetzt, an der ich mich nun auch beteilige. Früher habe ich gern und viele Romane gelesen, aber in letzter Zeit langweilen mich die vielen preisgekrönten Romane zunehmend, egal, ob von den etablierten Herrschaften des Literaturbetriebs oder schreibtalentierten Newcomerinnen. Vor Jahren sagte mir eine ältere Freundin (deren damaliges Alter ich inzwischen erreicht habe), sie läse keine Romane mehr, sondern nur noch Biografien. Das konnte ich damals nicht verstehen, inzwischen geht es mir ähnlich. Das “echte” Leben ist so eindrucksvoll und vielseitig, was brauche ich da diese ganzen ausgedachten Geschichten? Antjes neues Buch über die drei amerikanischen Anarchistinnen zum Beispiel ziehe ich den Phantasieschicksalen in einem Roman unbedingt vor. – Aber Ausnahmen gibt es natürlich auch: Meine Buchtipps wären “Lichtungen” von Iris Wolf (es spielt in Rumänien, ein Land, von dem ich vor meiner ersten Reise dorthin gar nicht wusste, dass es so schön ist) und “Vom Aufstehen” von Helga Schubert, das aber eher in Richtung Biografie geht.
Jetzt bin ich gespannt, ob die sogenannte KI wirklich den persönlichen Geschmack getroffen hat. Neulich nannte eine Teilnehmerin an einem online Philosophieseminar KI: künstliche Interaktion. Dieser Begriff passt meines Erachtens besser als künstliche Intelligenz.
Frohes Lesen wünsche ich und ein friedensreiches 2026!