Forum für Philosophie und Politik
Von Jutta Pivecka
Magnum Photos ist die schon 1947 gegründete unabhängige und im Besitz ihrer Mitglieder (der Fotografinnen und Fotografen) befindliche Agentur mit dem immer noch weltweit größten Renommée. Zu den Gründerinnen gehörten mit Maria Eisner und Rita Vandivert auch weibliche Fotografinnen. Dennoch wurde der fotografische „Kanon“ bei Magnum durch männliche Sichtweisen geprägt.
Im C/O-Berlin, dem ehemaligen Amerika-Haus, endet am 28. Januar eine Ausstellung, die im Kontext des 75jährigen Jubiläums der Magnum-Agentur kuratiert wurde: CLOSE ENOUGH. Der Titel bezieht sich auf ein Zitat des berühmten Fotografen Robert Capa: „If your pictures aren´t good enough, you´re not close enough.“ Dieser lapidare Feststellung des Meisterfotografen setzt die Ausstellung Bilder von 13 Fotografinnen entgegen, die die Frage danach, was „nah genug“ ist, was überhaupt „Nähe“ aus der Sicht einer Fotografin ausmacht und auch, wo sie sich bewusst Grenzen setzt, um den Objekten der Kamera Raum zu geben, neu verhandeln.
Alle Foto-Serien der 13 Fotografinnen stellen fotografische Projekte vor. Hier geht es nicht um das ganz große, bedeutende, für sich selbst stehende Bild (obwohl einige der Fotografien auch so funktionieren könnten), sondern um jeweils eine Fragestellung, einen Versuch, dem sich die Fotografin mit ihrer Kamera stellt.
Einige dieser Projekte möchte ich hier ein wenig näher vorstellen:
Alessandra Sanguinetti fotografiert und filmt zwei Jahrzehnte lang zwei Cousinen, Guillermina und Belinda, die im ländlichen Argentinien leben. Die Bilder zeichnen die Beziehung der Mädchen und späteren Frauen zueinander nach, ihre Selbstinszenierungen, ihr Ausprobieren von Posen und Haltungen. Es sind keine Schnappschüsse aus dem Alltagsleben, sondern Verhandlungen der Mädchen mit der Kamera, ein langsames Hineinwachsen ins Erwachsensein: erste Liebe, Schwangerschaft und Mutterschaft. Im Zentrum steht in der Bilderfolge „An Everlasting Summer“ immer die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen/Frauen.

Katalog “CLOSE ENOUGH”, Kehrer Verlag, S. 20/21
Sabiha Çimen fotografiert in ihrer Serie „Hafiza“ die Schülerinnen einer Koranschule in der Türkei. Die Fotografin war sich bewusst, dass ihr Projekt möglicherweise gefährlich für diese Mädchen werden könnte, indem es die „Intensität ihrer Beziehungen und ihre Wirklichkeit im Detail“ zeigt. Daher habe sie darauf geachtet, nur so nah zu kommen, wie es die Mädchen selbst zuließen und wie es für diese sicher bleibe. Die Aufnahmen sind dennoch oder gerade deshalb von großer Intensität. Sie zeigen den sonst allen Blicken verborgenen Alltag hinter verschlossenen Türen und bezeugen die Nähe der Mädchen zueinander und die Differenz auch in einer scheinbar so kleinen, abgeschlossenen Welt.
Von Nanna Heitmann werden zwei Serien vorgestellt, die auf der Vorder- bzw. Rückseite eines Leporellos gezeigt werden: „Hiding from Baba Yaga“ dokumentiert das Leben in abgelegenen Regionen des riesigen Russland. Doch seit 2022 hat Heitmann ein anderes Projekt begonnen. Mit ihren Fotografien beschreibt sie die Reaktion im Inneren des Riesenreiches auf den Angriffskrieg gegen. die Ukraine. Die Fotos sind beklemmend, weil sie einerseits belegen, wie das Leben in den Metropolen scheinbar ungerührt weitergeht, aber zugleich die militaristische und nationalistische Propaganda bis auf die Jüngsten hin ausgedehnt wird. Getrauert und gelitten wird in den Randregionen: zertrümmerte Wohnhäuser in Belgogrod und die Reihen frisch ausgehobenen Gräber von Soldaten in den östlichen Provinzen.
Bieke Depoorter ist seit der Revolution 2011 mehrfach nach Ägypten gereist und hat spontan um Unterkunft bei Familien gebeten. Deren Innenräume und Bewohner hat sie für ihr Projekt: „As It May Be“ fotografiert. Doch sie verschob die Veröffentlichung eines Bildbandes zu dieser Arbeit, weil ihr Zweifel kamen: „Was I just another Western visitor that arrived to take pictures of the ´other´?“ Sie ging noch einmal nach Ägypten und bat Ägypter, die sie nicht fotografiert hatte, darum, ihre Kommentare zu den Fotografien direkt auf die Fotos im Buch-Manuskript zu schreiben. Die Fotos sind nun zusammen mit diesen Kommentaren ausgestellt. Zwei Themen stehen dabei besonders im Fokus: Armut und Geschlechterverhältnis. In den Kommentaren geht es immer wieder darum, dass die gezeigten Wohnverhältnisse die Armut in Ägypten hervorheben – manche begrüßen das, weil es der Realität entspreche, andere sehen ihr Land in ein schlechtes Licht gerückt. Die Kommentare, die sich auf das Geschlechterverhältnis beziehen, verweisen auf eine Spaltung in der Gesellschaft: einige stören sich sehr daran, dass Mädchen und Frauen überhaupt öffentlich gezeigt werden und bekräftigen, dass sie selbst das niemals erlauben würden, andere begrüßen gerade das und erkennen sich in den Fotografierten wieder: in deren Einsamkeit, Trauer, Spielspaß.

Katalog “CLOSE ENOUGH”, Kehrer Verlag, S. 112/113
Spannend ist auch das Projekt von Hannah Price. Die 2009 fotografierte Serie „City of Brotherly Love“ zeigt Männer, die Price auf der Straße angemacht haben, durch Pfiffe oder Sprüche (catcalls). Sie hat sie angesprochen, ins Gespräch verwickelt und schließlich um Erlaubnis gebeten, sie zu fotografieren. „I think some who said ´yes´to being photographed saw my invitation as a way to prolong the encounter, and I guess some liked the attention.“ Es ist interessant, wie diese Männer in den Bildern darauf reagieren, dass die Blickrichtung umgekehrt wird. Sie versuchen, sich zu präsentieren, aber in einer entschieden defensiven Weise, keineswegs so, als wollten sie nun selbst zu einem Objekt sexueller Begierde werden.
In eine ähnliche Richtung geht die Arbeit von Cristina de Middel, die für ihr Projekt „Gentlemen´s Club“ (2015-2022) eine Anzeige in Zeitungen veröffentlichte, in der sie anbot, männliche Kunden von Sexarbeitern für eine Stunde ihrer Zeit zu bezahlen. Damit nahm sie als Fotografin die Rolle der „Kundin“ ein, die diese Männer im Verhältnis zu den Sexarbeiterinnen für sich reklamierten. Sie begann dieses Projekt in Rio de Janeiro, weitete es global aus, fotografierte Männer in u.a. Afghanistan, Nigeria, Mexiko, Italien, Frankreich. Sie traf sich mit den Männern in Hotelzimmern oder Autos und fotografiert sie dort. Nach dem Shoot ließ sie die Männer an diesen Orten zurück. De Middel beschreibt, dass das Projekt ihr dabei half, Kontrolle zurückzugewinnen, als Frau und als Opfer sexueller Gewalt. Die Männer in den Fotografien wirken sehr unterschiedlich: selbstbewusst, verstört, schuldbewusst, entspannt. In allen Bildern wird aber sichtbar, dass sie eine Form der Intimität zulassen, die für sie ungewohnt ist und sie verletzlich macht.
Cristina de Middel stellt im Katalog zur Ausstellung die Frage: „Is there such a thing as a ´female gaze´?“ Ich denke, die Ausstellung zeigt, dass es einen ´weiblichen Blick´gibt. Nicht in technischem oder ästhetischem Sinne. Aber der Blick auf weibliche Körper, auf männliche Körper, der Blick auf die Welt kann anders sein, wenn ihn ein Mensch mit Kamera wirft, der eine weibliche Sozialisation erfahren hat. Es geraten Themen, Orte und Beziehungen in diesen Blick, die männlich sozialisierte Menschen häufig übersehen: die engen und intimen, aber nicht unbedingt sexuellen Beziehungen zwischen Frauen, Männer, die von Subjekten zu Objekten der Betrachtung werden, deren Verletzlichkeit, das Geschlechterverhältnis in Haushalten, die kleinen Freiräume, die sich Frauen in patriarchalischen Verhältnissen schaffen. Zugleich wird deutlich: Auch Frauen können und wollen zeigen, was – vornehmlich – bisher Männer in den Fokus rückten – z.B. die innenpolitischen Wirkungen eines Angriffskrieges, die Folgen des Klimawandels (Cristina Garcia Rodero) u.v.m. Der „weibliche Blick“ ist divers – und spannend.

CLOSE ENOUGH. New Perspectives from 13 Women Photographers of Magnum: Alessandra Sanguienett, Myriam Boulos, Sabiha Çimen, Olivia Arthur, Nanna Heitmann, Lúa Ribeira, Carolyn Drake, Bieke Depoorter, Hannah Price, Cristina Garcia Rodero, Cristina de Middel, Newsha Tavakolian, Susan Meiselas.
Noch bis zum 28.1. im C/O Berlin
Katalog: Kehrer Verlag, Heidelberg, 50 Euro
Sehr spannend, vielen Dank!