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Rubrik erinnern, erzählen, heilen, hervorbringen

The Two Queens and the King

Von Anne Newball Duke

Isis, Nephthys, Osiris/Horus, Maria, Maria Magdalena und Jesus feat. Adam und Eva

Bild: ChatGPT

Ich sitze an meinem Schreibtisch, links von mir die große bronzen glänzende Maria mit Klein-Jesus auf dem Arm. Seine Hände berühren ihren oberen rechten Brustbereich; sein rechtes Ohr ist eher im linksseitig, als lausche er ihrem Herzrhythmus. Ich streiche ihr über den Kopf; nicht nur, um den Staub abzuwischen. Ich tue es jeden Tag.

Welche Beziehung habe ich mit Maria? Fühle ich in meine Körperin hinein, so währt unsere Beziehung bereits ewig und unendlich. Schon immer da. Nur vergessen gewesen. Vor zwei Jahren nahmen wir (wieder) Kontakt miteinander auf. Davon erzähle ich ein andermal.

Schon immer da, nur vergessen, vergraben. Immer da in mir, ewig. Wie lange währt ewig? Wieviel Zeit umschließt unendlich?

Foto: Anne Newball Duke

Immer, wenn ich mich in Recherchephasen zu Mythen befinde, stoße ich auf Göttinnen, die alle irgendwie Maria zu sein scheinen, auf sie verweisen, in ihr münden, sie enthalten.

Und immer wieder stoße ich auf Isis, die Göttin aus dem ägyptischen Pantheon, die Göttin mit den tausend Namen. Ihre vielen Namen stehen für ihre Allgegenwart und Vielgestaltigkeit. Isis war nicht nur eine einzelne Göttin mit klarer Zuständigkeit, sondern vereinte unzählige Funktionen: Mutter, Ehefrau, Zauberin, Heilerin, Totenbegleiterin, Himmelskönigin, Beschützerin der Könige, Göttin der Magie. Bekannte Beinamen sind auch „Herrin der Worte der Macht“, „Die Allumfassende“, „Die Eine, die alles kennt“.

„Ich bin Isis, die man in jedem Land mit anderem Namen kennt.“

Es ist Weihnachten; und ich möchte den Blick auf Isis und Maria als Archetypen richten; in ihren Beziehungen zu ihren Kindern Horus und Jesus, und in ihren Beziehungen zu zwei anderen Frauen: Nephthys und Maria Magdalena. Ich bin bei weitem nicht die Erste, die diesen Beziehungen hinterherspürt; aber sie kamen in mir auf in den letzten Tagen, und ich habe mit verschiedenen Quellen und auch mit Hilfe von ChatGPT ein paar Dinge zusammengetragen, die ich faszinierend finde. Auch für jene, die tiefer als ich in der Materie stecken, vielleicht nochmal ein schöner Gedankenausflug hin zum weiblichen Göttlichen.

Beginnen wir mit einem Ausschnitt aus dem Isis-Osiris-Horus-Mythos:

Als Osiris, der gerechte König Ägyptens, von seinem Bruder Seth aus Neid ermordet wird, versinkt die Welt im Chaos. Seth zerstückelt den Leib des Osiris und verstreut die Teile über das ganze Land, damit er niemals wieder auferstehen könne.
Doch Isis, Osiris’ Gemahlin und große Zauberin, gibt die Hoffnung nicht auf. Gemeinsam mit ihrer Schwester Nephthys sucht sie unermüdlich ganz Ägypten ab. Stück für Stück findet sie den Leib ihres geliebten Mannes. Mit mächtiger Magie und den heiligen Klageliedern erweckt Isis Osiris für einen kurzen Moment wieder zum Leben.
In einer geheimnisvollen Vereinigung empfängt Isis ein Kind: Horus.
Da Seth noch immer herrscht und jedes mögliche Erbe Osiris’ töten will, muss Isis ihr ungeborenes Kind schützen. Sie entscheidet sich daher für einen Ort, der zugleich verborgen, unzugänglich und magisch geschützt ist: die Papyrussümpfe des Nildeltas. Diese Sümpfe liegen im Norden Ägyptens, wo sich der Nil in viele Arme verzweigt. Es ist eine Landschaft aus dichtem, meterhohem Papyrus, verschlungenen Wasserwegen, schwankenden Inseln aus Schlamm und Pflanzen, Nebel, Insekten, Vögeln und wilden Tieren. Für Menschen – und selbst für Götter – ist dieser Ort schwer zu betreten und noch schwerer zu durchsuchen. Genau deshalb wählt Isis ihn als Versteck. Es ist mehr als nur ein Ort: Es steht für Chaos, aus dem Ordnung entsteht, für Schwäche, aus der Stärke wächst, für Verborgenheit, bevor sich das Recht offenbart, für Leben, Geburt und Erneuerung. Er gilt als heiliger Schwellenraum: weder ganz im Diesseits noch im Jenseits. Es ist eine Art verborgenes Heiligtum; ein Ort, an dem Tod in Zeugung umschlägt. Isis empfängt Horus am wiederbelebten Leib des Osiris; symbolisch und mythologisch gesehen zwischen Himmel, Erde und Unterwelt, zwischen Vergangenheit (Osiris) und Zukunft (Horus). Deshalb ist die Empfängnis selbst ein Akt der Welterneuerung: Osiris stirbt endgültig als König der Lebenden – Horus wird geboren als König der Kommenden.

In vielen Texten heißt es, Isis habe sich eine kleine Hütte oder ein Versteck aus Papyrus und Schilf gebaut, kaum mehr als ein Nest. Sie zieht Horus allein groß, stillt ihn selbst. Immer wieder wird das Kind von Krankheiten und giftigen oder gefährlichen Tieren bedroht, doch mit ihren Zaubersprüchen und der Hilfe anderer Götter heilt und bewahrt sie ihn. So wird Isis zum Sinnbild der schützenden Mutter und mächtigen Magierin.

Als Heranwachsender erfährt er von seinem Vater Osiris und von Seths Verrat. Er ist dazu bestimmt, das Unrecht zu rächen. Aber erst als er stark genug ist, verlässt er die Sümpfe, um Seth entgegenzutreten. In langen, erbitterten Kämpfen verliert er sogar zeitweise ein Auge, gewinnt aber schließlich die Anerkennung der Götter.
Horus besteigt den Thron Ägyptens als rechtmäßiger König, während Osiris als Herrscher der Unterwelt weiterlebt. Isis aber bleibt als Symbol für Liebe, Mutterschaft, Magie und Treue in der Welt der Menschen und Götter verehrt.

Dieser Mutter-Kind-Archetyp findet sich auch bei Maria und Jesus

Maria empfängt Jesus durch den Heiligen Geist. Das Kind entsteht nicht aus normaler menschlicher Sexualität. Sie wird von Gott erwählt und empfängt aus göttlichem Auftrag. Oft wird ihr der eigene Wille abgesprochen, aber ich sehe in ihrer Zustimmung zur Empfängnis eine freie und bewusste Entscheidung. In einigen feministischen Lesarten wird ihr hier in negativer Konnotation Passivität und Gehorsam vorgeworfen. Passivität hat in vielen mythologischen Archetypen und auch in mystischer Deutung keine so negative Bedeutung, sondern eine wichtige Funktion. Sicherlich komme ich darauf in anderen Texten noch zurück. Aber klar – wenn wir uns Isis anschauen, dann wird diese viel bewusster, aktiver und wissender gezeigt. Sie intitiert mit ihrer mächtigen Magie die Transformation von Orisis und macht ihre Empfängnis im Schwellenraum zwischen Leben, Tod und Wiederauferstehung erst möglich.

Horus sowie Jesus werden im Verborgenen, fern von Machtzentren geboren. Ihr Leben beginnt außerhalb politischer Macht.

Die Papyrussümpfe gelten als heiliger Ort in einem magischen Zwischenzustand von Leben und Tod; es ist kein alltäglicher, eindeutig benennbarer Platz. Die Papyrus-Schilfhütte wiederum erinnert an den Stall in einer Provinz fern von Jerusalem oder Rom, in dem Maria Jesus zur Welt bringt. Maria ist laut der Bibel keine Magierin wie Isis. In dem wundervollen Roman The Madonna Secret (2023) – leider noch nicht auf deutsch erschienen – gibt die Autorin Sophie Strand Maria aber magische Fähigkeiten „zurück“. Magisch allerdings mutet hier im Stall meines Erachtens auch das Erscheinen der Heiligen Drei Könige an. In der Bibel ist nur von „Magiern/Weisen aus dem Osten“ die Rede. Sie symbolisieren u.a. die kosmische Ordnung („Stern von Bethlehem“) und die königlichen, göttlichen und leidvollen Aspekte Jesu. Horus ist auch ein göttliches Königskind, das von Isis versteckt wird und Schutz und Hilfe durch Götter und göttliche Wesen erhält. Und vergleichbar mit dem „Stern von Bethlehem“ wird Horus der Himmelsgott.

Isis und Maria lactans

Eine der auffälligsten Parallelen ist das Motiv der stillenden und schützenden Mutter: Isis lactans und Maria lactans. Isis sitzt frontal oder leicht gedreht mit Horus auf dem Schoß, ihn stillend oder schützend umfassend.
Die Maria lactans des frühen Christentums und Mittelalters stillt ebenfalls Jesus; besonders häufig im koptischen und mediterranen Raum. Ikonographisch gesehen sind die Körperhaltung, der intime Gestus und die Bedeutung der Muttermilch (Leben, göttliche Nahrung) nahezu identisch. Die stillende Mutter betont Nähe, Menschlichkeit und Schutz. Schutz, den ihre Kinder dringend nötig haben: Jesus sowie Horus werden als rechtmäßige Erlöser durch eine tyrannische Macht von Geburt an bedroht und verfolgt: Seth – der Bruder von Osiris – will Horus töten, da er den Thron beansprucht. Und Herodes fürchtet den „neuen König“ Jesus.

Zyklisches Denken

Das Kind gilt als Hoffnungsträger für kosmische Ordnung und steht für die Wiederherstellung der Weltordnung. Horus bringt Ma’at (Ordnung, Gerechtigkeit) zurück, rächt Osiris und wird legitimer König. Er ist Teil eines zyklischen Mythos von Tod und Wiedergeburt. Der Mythos von der kosmischen Erneuerung geht beim biblischen Jesus zugunsten einer Theologie der einmaligen Inkarnation verloren. Er wird linear und als Erlösungsgeschichte erzählt. In The Madonna Secret löst Sophie diese Linearität auf, indem Maria Magdalena trauernd am Grabe von Jeshua liegt, Jeshua aufersteht und die zwei sich in Osiris-Isis-Manier im Schwellenraum zwischen Leben und Tod miteinander vereinigen, bevor Jeshua sie für immer verlässt. Sie selbst verlässt den Ort neben dem nun leeren Grab sodann schwanger mit… ? Na? Der Zyklus kann jedenfalls von vorne beginnen.
Das Zyklische scheint aber immerhin in einer gewissen Gebetspraxis durch: Wenn ich mir die drei Kerngebete des Rosenkranzes anschaue – die freudigen Mysterien, die schmerzhaften Mysterien und die glorreichen Mysterien – dann erkenne und spüre ich auch körperinlich den Kreislauf von Empfängnis, Geburt, Leben, Tod und Wiederauferstehung. Die glorreichen Mysterien, die mit der Krönung Marias im Himmel enden, münden sodann wieder in die freudigen Mysterien, die auf’s Neue mit der Marias Empfängnis von Jesus durch den Heiligen Geist beginnen.

Die Gemeinsamkeiten zeigen einen Archetypen von göttlicher Geburt, bedrohtem Kind und rettender Mutter. 
Die Mutter auf dem Thron verleiht Legitimität, das Kind verkörpert Herrschaft.
Die Schutzmantelmotiv von Maria findet sich ebenfalls bereits bei Isis; diese breitet schützend Arme oder Flügel über Horus. Das Göttliche ist schutzbedürftig – und wird durch die Mutter bewahrt. Isis handelt aktiv, nutzt Magie, Wissen, eigene Macht, erzwingt die Wiederbelebung von Osiris und die Empfängnis. Sie ist Mit-Akteurin des Heilsgeschehens. Ohne sie gibt es keine Erlösung von Osiris und keine Geburt des Retters. Maria in der Bibel handelt zustimmend, aber ihr wird keine Magie und keine eigene göttliche Macht zugesprochen. Sie ist ein Mensch, die aber dann im Himmel gekrönt wird. Das Christentum entmachtet die weibliche Figur, und verlagert alle Wirksamkeit auf den männlich gedachten Gott. Maria trägt das Heilige, aber sie ist es nicht. Das ist keine neutrale Beschreibung, sondern Machtordnung. Starke Göttinnen und eigens Handlungen initiierende Frauen im Sinne von Isis sind in der Bibel nicht zu finden. Das frühe Christentum entsteht in einer patriarchal strukturierten Welt. Eine so mächtige Göttin wie Isis war in die patriarchale Theologie nicht integrierbar.

Aber auch Maria lässt sich nie vollständig „einfangen“; einige Texte selbst widersprechen der Reduktion. Im Magnificat im Neuen Testament, im Lukasevangelium findet sich der Lobgesang Marias, den sie bei der Begegnung mit Elisabeth spricht. Darin heißt es: „Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl und erhebet die Niedrigen. Und Hungrigen füllet er mit Gütern und lässet die Reichen leer.“ Maria spricht hier nicht demütig, sondern revolutionär, politisch, prophetisch und gefährlich. Hier zeigt sich keine passive – im Sinne von gehorsame – Frau, sondern eine Prophetin.

Que soy era Immaculada Councepciou


Was mich aber am meisten fasziniert, ist das, was die Marienerscheinung in der Grotte von Massabielle/Lourdes zur Seherin Bernadette Soubirous am 25.03.1858 sagt: 

„Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“

Die Lady sagt nicht „Ich wurde unbefleckt empfangen“ oder „Ich habe unbefleckt empfangen“, sondern: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Das ist kein grammatikalischer Fehler oder sprachliche Kleinigkeit, sondern eine ontologische Aussage. Sie definiert sich nicht über ihre Funktion als Gebärerin, nicht über Jesus oder sonst eine männlich-göttliche Zuschreibung, sondern über ihr eigenes Sein. Sie ist ein Zustand, ein Prinzip, ein Ursprung, eine Dimension, die sich der Kontrolle entzieht. Sie spricht nicht als Mutter, nicht als Dienerin. Eine solche Selbstbezeichnung, mit „ich bin“ beginnend, ist in der Bibel eine starke identitätsstiftende Formel. So spricht Gott zu Mose am brennenden Dornbusch: „Ich bin, der ich bin“. Eher in diesem Sinne – mit dem Konzept der „göttlichen Frau“ – verstehe ich die Aussage „Ich bin die unbefleckte Empfängnis“, auch wenn die Kirche in der Aussage keine autonome Größe Marias erkennt, sondern „reine Bezogenheit auf Gott“ (laut ChatGPT so sinngemäß formuliert von Papst Johannes Paul II.).

Wenn sich zwei Frauen zusammentun: Isis und Nephthys, Maria und Maria Magdalena

Manchmal binden sich nach dem Lesen verschiedener Bücher bestimmte Fäden zusammen. Ich sehe Zusammenhänge, die ich zuvor nicht kannte, und die vielleicht auch nicht so logisch, nur für mich intuitiv sinnvoll sind. Drei Dinge sind mir aufgefallen:

In Joseph Campbells Occidental Mytholgoy. The masks of God (Penguin Books 1976) las ich von “The Two Queens and the King”. Ich fand danach eher zufällig die dort nachempfundene (oder jedenfalls eine sehr ähnliche) Figur auch in Die Sprache unsrer Ursprungsmutter Ma (erschienen im Christel Göttert Verlag) von Annine van der Meer auf Seite 324. Die Figur wurde 1939 an der Nordmauer des antiken Tempels in Mykene in Griechenland ausgegraben und stammt aus dem 15. Jahrhundert v.u.Z. Annine führt die Deutung aus, dass es sich bei den mykenischen Göttinnen um Demeter und Kore – also Mutter und Tochter – handelt. „Sie umarmen einander und sind auf der Rückseite mit einer kunstvoll gefertigten Stola verbunden; sie halten sich auch an den Händen. Sie wachen über das Kind, das in der Beschreibung ‚Heiliges Kind‘ genannt wird und den Namen ‚Pluto‘ trägt.“ (S. 325)

Joseph Campbell zitiert einen Professor Leonard Palmer (S. 48; meine Übersetzung): „Die Figur von Mykene wird weithin als die schönste Repräsentation der mykenischen ‚Heiligen Familie‘ angesehen. Aber da ist noch ein anderer Hinweis eher schematischer Natur. Einige Terrakotta-Figuren sind bekannt, welche zwei Frauen wie siamesische Zwillinge zeigen, die ein Kind auf ihrer gemeinsamen Schulter tragen. Diese wurden auch gedeutet als Repräsentationen der Zwillingsgöttin mit dem Jungen Gott.“ Joseph fährt fort: „In der ältesten aufgezeichneten Sumerischen Mythologie war der von Toten wieder auferstandene Dumuzi, ‚der treue Sohn des Abgrunds‘, schicksalhaft mit zwei Heiligen Göttinnen verbunden; oder besser, mit einer Göttin in dualer Form. Sie war einerseits die Göttin der Lebenden, und andererseits die Göttin der Toten.“

Und als ich mir nun die Mythos um Isis und Horus anschaute, fiel mir die ständige Erwähnung ihrer Schwester Nephthys auf. Sie sind Töchter der Himmelsgöttin Nut und des Erdgottes Geb. Isis ist Gemahlin von Osiris, Nepthys von Seth, der dann Osiris tötet. Trotzdem stehen die Schwester loyal zueinander, sie sind quasi unzertrennbar. Sie verkörpern ein komplementäres Schwesterpaar: Isis ist mehr mit Leben, Magie, Mutterschaft und Wiedergeburt beschäftigt, sie ist das sichtbare und lebendige Prinzip, Nephthys ist eher mit Tod, Schutz, Übergang und Trauer befasst, sie ist das verborgene, schützende Prinzip. Allerdings bestehen die Unterschiede teils wirklich nur in Nuancen, denn auch Isis ist Toten- und Übergangsgöttin: sie sucht den zerstückelten Körper von Osiris und beweint seinen Tod, gemeinsam mit ihrer Schwester singt sie mächtige Klagelieder. Isis setzt ihn wieder zusammen und überführt ihn durch Magie und Wissen in einen neuen Seinszustand. Nephthys befasst sich im Übergang eher mit dem Loslassen und der Auflösung. Es gibt diese Nähe zur Leere, Nacht und Grenze. Sie schützt in einer Phase, in der die Identität zerfällt; sie ist Begleiterin der stillen, namenlosen Toten. Als zwei Stimmen eines einzigen Rituals ruft Isis, und Nephthys antwortet. Isis sammelt Osiris‘ zerstückelten Körper und belebt ihn, Nephthys bewacht den Körper und schützt den Übergang.

Foto von Anne Newball Duke im kleinen Museum an der wunderschönen Basilika di Santa Maria Assunta in Torcello in Italien; ich denke, es handelt sich hier bei den Trauernden um Maria Magdalena und Maria, aber ich kann mich auch irren

Und dies alles wiederum erinnerte mich an das Maria-Paar: Maria, die Mutter Jesu und Maria Magdalena. (Wie gesagt, ich bin mir sicher, diese Zusammenhänge wurden längst gefunden, aber mir gehen sie erst jetzt auf.) Auch hier stehen zwei Frauen am Rand von Tod und Erlösung. Beide Marias stehen am Kreuz Jesu, begleiten ihn zum Tod. Maria die Mutter hält den toten Leib. Maria Magdalena salbt den Leib. Berührung, Pflege und Leibnähe sind heilig. Sie stehen gemeinsam am Grab. Maria Magdalena ist die erste Zeugin der Auferstehung. Also auch dieses weibliche Paar hält den Raum zwischen Tod und Erlösung. Isis und Nephthys sind göttliche Klagefrauen – ihr Wehklagen ist magisch wirksam. Die treue Präsenz der Marias erfüllt eine ähnliche Funktion: sie halten stand, wo andere fliehen. Weibliche Trauer ist auch hier nicht passiv (in negativ verstandener Bedeutung), sondern heilend und transformativ.

Isis ist der Archetyp der großen Mutter, Magierin, Hüterin der Identität und des Lebensflusses. Sie symbolisiert Transformation mit Sinn und Kontrolle über das Unbekannte. Sie ist aktiv, kreativ, heilend. Nephthys ist der Archetyp der schützenden Schwester, der Hüterin des Übergangs. Sie symbolisiert Loslassen, Nacht, Dunkelheit, Stille, das Unbewusste. Das alles ist essenziell für die Wandlung. Gemeinsam repräsentieren sie die komplementären weiblichen Kräfte, die Leben, Tod und Transformation psychisch abbilden. Im Mythos um Isis und Nephtys finden sich das Zyklische, die Wiederholung von Leben und Tod und der kosmische Rhythmus.

In der christlichen Theologie wird das Ereignis der Jesu-Geburt als einmalig festgehalten. Maria, Mutter Jesu, ist der Archetyp der Mutter, des Mitgefühls, des Nährens. Sie bringt das Leben, verkörpert geduldige Hingabe und Bewahren. Maria Magdalena ist der Archetyp der Seherin, Gefährtin, Zeugin der Transformation von Leben zu Tod. Beide sind am Wendepunkt präsent. Auch hier sind zwei Pole weiblicher Kraft in Aktion, die gemeinsam den Übergang von Leben zu Tod ermöglichen.

Frauen sind Trägerinnen des Übergangswissens. Auf archetypischer Ebene zeigen beide Paare das weibliche Prinzip als Schwelle, das Wissen um Sterben ohne Verlassen, die Kraft von Beziehung statt Herrschaft. Beide Paare verbinden Tod mit Leben und Trauer mit Transformation. Sie lehren, dass Wandlung doppelte Präsenz verlangt, dass es nicht nur um Licht und Dunkel als Gegensatz geht, sondern um die Beziehung zwischen beiden.

Nachklang

Die gnostischen Texte verraten, dass es um die Bibel herum weitaus verwirrend-mystischer und zyklischer zugeht, rational nicht fassbar, auch im Adam-und Eva-Mythos: Ihr Leser*innen, begehret jetzt nicht auf á la „oh no, nicht jetzt auch noch Adam und Eva!“, nehmet stattdessen euren weihnachtlichen Glühwein in die Hand und versinket kurz mit mir in den Worten, die ich in Mystische Sexualität von A.T. Mann und Jane Lyle auf Seite 13 finde, lasset die eventuell aufkommende Verwirrung zu im Singen und Klingen all der soeben vernommenen Mythen übereinander… und in diesem Sinne sage ich schonmal: besinnliche Weihnachten und guten Rutsch!

„Sophia ließ einen Tropfen des göttlichen Lichts über das Wasser treiben, und nach einer Tragzeit von 12 Monaten entstand der erste Mann. Aber er war in einer Frau, Sophias Abbild, geschaffen worden – Eva. Sie war die erste Jungfrau, da sie keinen Ehemann hatte, und ihr Sohn war der spirituelle Licht-Adam, der der Herr ist. Sie sagte von sich selbst:

Ich bin die Frau,

und ich bin die Jungfrau.

Mein Mann ist derjenige, der mich zeugte,

und ich bin seine Mutter,

und er ist mein Vater und mein Herr,

Und ich befinde ich mich in der Entwicklung,

doch habe ich einen Herren geboren.“

(zitiert in dem oben genannten Buch aus: James M. Robinson: The Nag Hammadi Library in English, S. 169)

Dieser Text erscheint ausnahmsweise ebenfalls auf meiner neuen Webseite Chthuluzäne Wegkreuzungen. Dort schreibe ich jede Woche (Ferienzeit ausgenommen) einen neuen Text, in welchem ich Philosophie, Spiritualität, Paranormalität, Wissenschaft und andere Wissenssysteme zusammenbringe, um menschliche Vorstellungswelten aus dem rein rationalen Rahmen zu befreien und für neue und alte lebendige Pfade und Netzwerke zu öffnen. Kommt gern vorbei und besser noch: schreibt euch für meinen Newsletter auf Substack ein! 

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Bari sagt:

    Liebe Anne
    Vielen Dank für die schöne informative „weihnachtliche“ Besinnung.
    Eine Anmerkung zu Maria so passiv ist sie nicht. Bemerkenswerterweise erzählt Lukas, das sie gefragt wurde, ob sie denn Mutter werden möchte. Was ja selbst heute nicht selbstverständlich ist. Insofern sind die beiden Marias Schutzpatroninnen aller Frauen die Gewalt erfahren.
    Maria aus Magdala ist benannt nach einem Ort , der im Krieg gegen die Römer völlig zerstört und die Menschen schlimmster Gewalt und Grausamen Tod ausgesetzt waren.
    In dieser grausamen Zeit der Not ihres Volkes sagt Maria ja zum Leben ja zum göttlichen Plan der heilenden Liebe.
    Allen eine fröhliche und friedliche gesegnete Weihnachten
    Bari

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