beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik hervorbringen

“Nicht indifferent sein”

Von Antje Schrupp

Einige Menschen haben sich gewünscht, meine Dankesrede zum Luise Büchner Preis für Publizistik noch einmal nachlesen zu können – voilà. Im O-Ton hören könnt Ihr sie auch im Podcast „Büchners Welt“ von Luise und Peter Brunner, ebenso wie einen Großteil von Dorothee Markerts Laudatio (hier im Forum bereits als Text), sowie weitere Eindrücke von der Veranstaltung.

Schnappschuss vor dem Start, rechts die Vorsitzende der Luise-Büchner-Gesellschaft, Bettina Bergstedt. Foto: Edgar Billaudelle

Liebe Bettina, liebe Luise-Büchner-Gesellschaft, danke für den Preis. Liebe Frau Förster und liebe Frauen vom Lions Club Louise Büchner, vielen Dank für die Unterstützung, vielen Dank für diese schöne Feier, für dieses Ambiente. Ich bin völlig gerührt, und liebe Dorothee: Was haben wir schon alles gemacht, Hammer!

Ich freue mich wirklich sehr, sehr, sehr, dass ich als 13. Preisträgerin des Luise-Büchner-Preises heute ausgezeichnet werde, in einer Reihe mit lauter tollen Frauen. Und was wir vielleicht alle gemeinsam haben, ist das, was du, liebe Dorothee, Unerschrockenheit genannt hast, also die Lust und den Mut, – obwohl, ich würde es gar nicht mutig nennen – Meinungen in die Welt zu geben und zirkulieren zu lassen und neugierig darauf zu sein, was zurückkommt.

Ich glaube, Luise Büchner hätte das gut gefallen. In ihrem Buch »Die Frauen und ihr Beruf« schreibt sie nämlich, dass es einen Punkt des weiblichen Lebens gibt, den man gar nicht entschieden genug bekämpfen könne, und zwar den „Indifferentismus“.

Das Wort habe ich gleich in meinen Wortschatz aufgenommen: den „Indifferentismus“, also die Gleichgültigkeit, mit der, wie sie schreibt, „heute noch die meisten (Frauen) nicht allein einer Bewegung entgegenbringen, die sich direkt auf ihr Geschlecht bezieht, sondern mit dem sie überhaupt die Welt an sich vorübergleiten lassen. Auch die Frau“, schreibt Luise Büchner, „soll und muss sich eine Überzeugung herausbilden. Auch sie soll ihre Stellung nehmen zu der sie umgebenden Welt, ganz ebenso wie der Mann. Der große Florentiner“ (damit meint sie Dante) „weist in seinem unsterblichen Werke, in seinem Weltgericht, einen der tiefsten Höllenkreise denen an, die sich zu keiner Partei halten, die keine eigene Meinung haben.“

Das mit dem Höllenkreis finde ich ein bisschen stark, aber im Prinzip finde ich es eine interessante Position, die Frauen aufzurufen – und damit alle Menschen -, nicht indifferent zu sein gegenüber dem, was in der Welt passiert, und die eigene Meinung zu äußern. Aber leider höre ich heute mehr als früher, und zunehmend gerade von Frauen, aber auch von Männern, aber von mehr Frauen als Männern, dass sie sich nicht mehr politisch äußern wollen. Dass sie die Umstände zu gefährlich finden, dass sie Angst vor Shitstorms haben, dass sie oft auch gar nicht mehr wissen, wie sie sich ihre Meinung bilden sollen, weil die Probleme so komplex sind, dass man nicht mehr weiß, wem man glauben soll, denn die verschiedenen Positionierungen sind fast immer auch schon ideologisch gefärbt, sodass man sich eigentlich wirklich in jedes Thema studierend hineingeben müsste, um es wirklich beurteilen zu können.

Dann höre ich auch manche, die sagen: Man kann ja doch nichts tun, der Käse ist gegessen, der Klimawandel kommt sowieso, das alles nützt ja gar nichts mehr. Und manche sagen: Dann ziehen wir uns lieber ins Private zurück, in das, was wir kontrollieren können, wo wir noch einen Einfluss haben können. Und tatsächlich kann ich das ein bisschen verstehen. Die Gefahr ist nämlich real.

Vor einigen Jahren, und das war noch lange vor der zweiten Trump-Regierung, wo das, wie wir vorhin gehört haben, sich noch einmal tausendfach vermehrt hat, hat der Guardian einmal untersucht, welche seiner Autorinnen und Autoren am meisten Hassnachrichten und Gewaltandrohungen im Internet bekommen. Von den zehn Autor*innen, die am meisten angefeindet wurden, waren acht Frauen, und die zwei Männer waren Schwarze. Es ist also nicht so, dass, wenn wir den Verfall von Gesprächskultur beklagen, was ja heute viele tun, alle gleichermaßen von diesem Verfall betroffen sind. Und es sind nicht immer die, die am lautesten über den Verlust der Meinungsfreiheit klagen, auch diejenigen, die am meisten betroffen sind.

Aber aus all diese Gründen kann ich tatsächlich diese Zurückhaltung verstehen, dass man sich dreimal überlegt, soll ich was öffentlich sagen? Aber ich selbst kann nicht anders. Und deshalb empfinde das auch nicht als Mut. Ich habe das Bedürfnis, mich zu äußern, ich diskutiere gerne, ich streite mich gerne, ich habe gerne unterschiedliche Meinungen im Raum und genieße es, wenn man sich darüber auseinandersetzt, wenn man auch neue Gedanken im Gespräch mit anderen ausprobiert, von denen man vielleicht noch gar nicht so genau weiß, ob sie überhaupt stimmen.

Vor vielen Jahren, als ich angefangen habe zu bloggen, habe ich einmal bei einer amerikanischen Bloggerin, Penelope Trunk, an einem Online-Kurs teilgenommen zum Thema „Wie kann man erfolgreich bloggen und eine Followerschaft aufbauen“, und sie hat dabei einen guten Tipp gegeben, den ich seither im Kopf habe. Sie hat gesagt: Bevor man einen Blogpost veröffentlicht, muss man ein bisschen Angst haben vor den Reaktionen. Denn wenn man nicht ein bisschen Angst hat vor der Veröffentlichung, hat man wahrscheinlich nichts Interessantes gesagt.

Und das ist ein Motto, was ich seither beherzige, weil es tatsächlich schon zu viel belanglosen Text in der Welt gibt. Und zu viel von dem, was ich politische Propaganda nennen würde, also Texte, bei denen von vornherein klar ist, was damit bewiesen werden soll, was dann dazu führt, dass man sich auch nur noch die Quellen und Belege raussucht, die einem passen. Das alles ist Gift für politischen Diskurs. Politischer Diskurs muss so sein, dass man so innerlich reingezogen wird, dass man dabei nicht merkt, „dass der Zug hinter einem abfährt“, wie in der Geschichte, die Dorothee in ihrer Laudatio erzählt hat.

Das Ganze zeigt aber auch, dass es nicht ganz so einfach ist mit den Ideen der Frauen und damit, sie in die Welt zu bringen, wie Luise Büchner sich das damals vielleicht gedacht hat. Luise Büchner hat uns Frauen aufgefordert: Sagt eure Meinung, ihr könnt das wie die Männer. Aber wir tun das in eine Gesellschaft und in eine Kultur hinein, in der es eben für uns nicht genauso einfach ist wie für die Männer. Weil die symbolische Ordnung uns Frauen einen anderen Platz zuweist als den Männern. Michelle Obama hat kürzlich einen kontroversen Satz gesagt, vielleicht haben Sie es mitbekommen, sie hat gesagt: Fragt mich bloß nicht, ob ich für die Präsidentschaft kandidieren will, denn ihr seid noch nicht bereit für eine Frau als Präsidentin. Und solange ihr das nicht seid, fragt mich lieber nicht, ich sag sowieso nein.

Für uns in Deutschland klingt das ein bisschen gewagt, weil wir 16 Jahre Angela Merkel erlebt haben, also sollte man doch meinen, wir hätten unter Beweis gestellt, dass wir bereit sind. Aber ich frage mich durchaus: Sind wir bereit gewesen?  Was ist eigentlich heute noch von Angela Merkel übrig geblieben? War sie jemals da? Und die Veränderungen, die sie angestoßen hat in der politischen Kultur, ist davon noch was übrig geblieben?

Bei einem unserer Treffen, von denen Dorothee erzählt hat, hatten wir ein Bild dafür gefunden, denn wir haben uns schon länger über die Frage Gedanken gemacht: Was können Frauen eigentlich bewegen, wenn sie gesellschaftliche Machtpositionen haben? Wenn sie also Bundeskanzlerin sind zum Beispiel? Uns sind viele Fälle eingefallen von Frauen, die durch die Emanzipations- und Gleichstellungsbewegung tatsächlich zu Macht und Einfluss gekommen sind. Denn wir haben ja heute, anders als Luise Büchner, schon Erfahrungen mit Frauen in Machtpositionen. Und als wir darüber nachdachten, ist uns aufgefallen, dass diese Frauen tatsächlich auch Dinge bewegen konnten, sie haben Neues eingeführt und Ideen umgesetzt, aber uns ist eben auch noch etwas anders aufgefallen: In dem Moment, wo sie weggingen, in Rente zum Beispiel, ist die Institution, in der sie tätig waren, wieder zurückgeflossen, wie so ein träger Schlamm, den man mit einem Stock aufwühlt, aber sobald man mit dem Rühren aufhört, geht die Masse wieder in ihren Ursprungszustand zurück und das Rühren hinterlässt keinerlei Spuren.

Deshalb glaube ich, wenn wir heute über den Zustand von Demokratie, Bürgerrechten, Parlamentarismus und so weiter nachdenken, dann reicht es nicht, die Angriffe abzuwehren, die von Rechtsaußen kommen, sondern wir müssen uns auch fragen, ob nicht vielleicht grundsätzlich schon an dem Setting etwas falsch gewesen ist.

Momentan wird ja viel von diesem so genannten „Gendern“ gesprochen, also von dem Bemühen, über die Welt in einer geschlechtsinklusiven Form zu sprechen. Im Zuge dessen haben wir uns auch angewöhnt, das in Bezug auf die Gründungsüberzeugung der parlamentarischen Demokratie zu machen, also „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, das Motto der französischen Revolution. Es hat sich eingebürgert, das klammheimlich zu korrigieren und von „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“ zu sprechen, weil das „Brüderlichkeit“ in Gesellschaften, die gleichberechtigt sein wollen, irgendwie falsch klingt.

Aber ich mache das eigentlich nicht mehr. Ich sage „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, um daran zu erinnern, wo wir herkommen, nämlich aus einer männlichen Welt, die die Frauen von der Politik und aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen hat. Und wir sind ehrlicherweise nicht an einem Punkt, wo man das durch „Geschwisterlichkeit“ ersetzen kann. Das ist momentan einfach noch nicht wahr. Olympe de Gouges, die den Ausschluss der Frauen aus den bürgerlichen Rechten der Demokratie schon ganz am Anfang kritisiert hat und erkannte, dass das kein nachhaltiges demokratischen System ist, sondern eines, das auf inneren Widersprüchen aufbaut, wurde dafür auf der Guillotine hingerichtet. Das war kein Versehen, kein Justizirrtum. Die Männlichkeit unserer Institutionen ist not a bug, it’s a feature.

Und wir, wir Frauen und Queers, wir müssen mehr wollen als nur mitmachen. Wir müssen nicht nur einen Fehler im System beheben, indem wir formal gleiche Rechte beanspruchen, sondern Freiheit, Aufklärung, Demokratie von Grund auf neu denken und fragen: Wie müsste das alles eigentlich beschaffen sein, wenn Frauen wirklich als gleichberechtigte Menschen gelten?

Bisher sind die meisten davon ausgegangen, dass die Frauen sich ändern müssten, dass sie sich anpassen müssten, dass sie den Männern ähnlich werden müssen, zum Beispiel lauter reden, mehr reden und so weiter. Dass sie sich entweder mehr „reinhängen“ müssen oder aber sich nicht über einen untergeordneten Status beklagen dürfen. Carla Lonzi, eine italienische Feministin, die auch die Italienerinnen, von denen wir beeinflusst sind, wiederum sehr stark beeinflusst hat, schrieb schon 1974 etwas sehr Kluges: „Die Frau ist, so wie sie ist, ein vollständiges Wesen. Die Veränderung muss nicht an ihr geschehen, sondern an der Art und Weise, wie sie sich im Universum sieht und wie die anderen sie sehen.“

Und das ist es, was die Frauenbewegung geschafft hat: Dass wir, die Frauen, uns selbst anders sehen. Das schließt sehr gut an das Zitat an, das du, Dorothee, am Ende deiner Laudatio vorgetragen hast. Die Frauen haben sich sehr verändert, und auch ihr Selbstbewusstsein hat sich geändert. Die Frauen fühlen sich heute nicht mehr minderwertig oder untergeordnet oder zweitrangig.

Aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Welt das schon verstanden hat. Manchmal glaube ich nämlich, nicht. Obwohl die Frauen sich bemüht haben. Luisa Muraro hat mal zur Begründung, warum die Frauenbewegung so viele Frauenbuchläden gegründet hat, unter anderem der in Mailand, aber natürlich auch in Deutschland: Die Frauen haben der Welt so lange Kinder und Nahrung und Fürsorge geschenkt, es wird höchste Zeit, dass sie ihr auch Ideen schenken. Deswegen die Frauenbuchläden, deswegen die Frauenbuchverlage, deshalb freue ich mich auch, dass Sina Hauer heute hier ist, die Verlegerin vom Helmer Verlag, in dem schon meine Dissertation erschienen ist und seither viele, viele Bücher. Frauenverlage, Frauenbuchläden, Vorträge und Diskussionen, Frauen die Bücher geschrieben, gelesen, gekauft, verlegt haben, all das, um Ideen in die Welt zu bringen.

Aber erst kürzlich erst gab es wieder eine Untersuchung dass die Bücher der Top-Ten-Bestseller-Autorinnen nur zu 19 Prozent von Männern gelesen werden, und zu 81 Prozent von Frauen. Es kann schon so klar gesagt werden: Frauen interessieren sich für die Ideen von Frauen, aber Männer nicht. Von fünf Büchern, die männliche Sachbuchrezensenten besprechen, sind vier von einem Mann geschrieben und nur eins von einer Frau. Wenn Frauen Sachbücher rezensieren, ist das Verhältnis halbwegs ausgeglichen, allerdings besteht selbst bei ihnen ein leichtes Übergewicht bei den Büchern männlicher Autoren.

Ich frage mich schon lange, woran das liegt, weil es für mich ganz anders ist. Als ich in den 1980er-Jahren Politikwissenschaft studierte, war gerade eine fünfbändige „Geschichte der politischen Ideen“ erschienen, herausgegeben von Herfried Münkler und Iring Fetscher. Ich habe mir damals den Spaß gemacht, den Index durchzuschauen: Von den 5.000 Namenseinträgen waren gerade Mal zwei Prozent von Frauen. Was wir in den 1980er-Jahren im Fach Politikwissenschaft studiert haben, war Männerpolitikwissenschaft plus Hannah Arendt – Hannah Arendt gab es damals schon im Curriculum, aber sie war praktisch  die einzige Frau, die vorkam.

Als ich dann diese Frauenliteratur fand, diese Frauenbuchverlage, war das eine Erleuchtung, zu sehen: Wow, es gibt so viele Frauen, die Bücher geschrieben haben, auf die ich mich beziehen kann. Nicht weil sie mich alle überzeugten, es gibt auch viele Frauen, die Quatsch erzählen. Aber allein, dass es diese Auswahl gab, auf die ich mich beziehen konnte, diese Vielfalt in einem weiblichen Ideenkosmos, hat mich elektrisiert.

Aber meine männlichen Kommilitonen nicht, sie waren gleichgültig. Und ich glaube, das liegt nicht daran, dass sie uninteressiert waren, sondern daran, dass viele Männer bis heute nicht vermuten, dass Frauen etwas zu sagen haben, was sie nicht auch selber sagen könnten. Sie sagen: Es ist doch egal, ob ein Buch von einem Mann oder einer Frau geschrieben wurde. Und ja, sie glauben das wirklich, dass es egal ist.

Und tatsächlich versuchte ich die ganze Zeit zu vermitteln, dass es nicht egal ist, ob eine Welt nur aus Männern besteht oder auch aus anderen Menschen, aber es ist nicht so leicht, wenn wir nicht mit so banalen Ideen kommen wollen, wie: Frauen sind besser als Männer und so weiter. Das alles stimmt ja nicht. Es geht um eine gewisse andere Qualität, die es gerade in der Politik mit sich bringt, wenn man aus verschiedenen Perspektiven denkt. Und die müsste irgendwie in die Welt kommen, aber ehrlich gesagt, ich habe inzwischen keine Lust mehr, es den Männern hinterherzutragen.

Zum Beispiel zu erklären, dass es nicht darum geht, die weibliche Autorin parallel zum männlichen Autor zu profilieren. Ich glaube nicht an den originalen Autor, der schöpferisch am Schreibtisch sitzt und tolle Inspirationen hat aus dem Nichts heraus und dann wie so ein Genie mit einem Werk in die Welt tritt. Aus der Laudatio von Dorothee habt ihr ja mitbekommen, wie Ideen entstehen können im gemeinsamen Denken, in gemeinsamen Gesprächen. Und irgendwann wird da womöglich auch ein Text draus, und unter diesem Text steht ein Name, und das ist auch richtig so. Weil so ein Text muss ja auch geschrieben werden, und jemand muss die Verantwortung dafür tragen. Aber die Ideen selbst, die entstehen im Diskurs. Und ich denke, das ist nicht nur bei uns Feministinnen so, sondern das ist bei allen so. Nur nicht alle geben das zu. Manche reklamieren das, was sie schreiben, für sich, sie denken, dass es ihre alleinigen Ideen sind. Aber ich zumindest kann das für mich nicht unterscheiden, was von dem, was ich zum Beispiel auch hier jetzt sage, meine eigene Idee ist, oder ob ich es irgendwo mit zusammen mit anderen ausgearbeitet habe. Das lässt sich überhaupt nicht voneinander trennen.

Es gibt so viele Gelegenheiten, bei denen ich etwas lerne und verstehe. Manchmal gibt Situationen, wo jemand was sagt und bei mir macht es Klick. Eine dieser Situationen hat sich vor Jahren mal abgespielt, ich glaube, es war in Baden-Württemberg im Vorfeld von Kommunalwahlen. Wir haben über Frauen und Politik gesprochen und darüber geklagt, wie wenige Frauen vor allem in der Kommunalpolitik sind. Hinterher kam eine Frau zu mir und erzählte: Ja, sie hätte sich „breitschlagen lassen“, auf der Liste ihrer Partei zu kandidieren, weil sich von allein nicht genug Frauen gefunden hätten, aber sie hoffe eigentlich, dass sie nicht gewählt wird. Und da habe ich verstanden: Was für eine Energieverschwendung ist das eigentlich? Sollte diese Frau nicht besser irgendwas machen, von dem sie hofft, dass es klappt und nicht, dass es nicht klappt? Etwas, das im Einklang mit ihrem Begehren steht? Und das ist so ein Beispiel für die Grenzen einer Politik, die versucht, die Welt zu verändern, indem sie Frauen dazu einlädt, „mitzumachen“.

Aber das „Mitmachen lassen“ klappt nicht. Man muss, wenn man andere dazu bringen will, bei den eigenen Projekten mitzumachen, ein gemeinsames Begehren finden, das beide haben. Das Problem haben ja nicht nur Männer in Bezug auf Frauen, zum Beispiel Organisationen und Gruppen, die sich wundern, dass keine Frauen bei ihnen mitmachen wollen, sondern das betrifft ja auch zum Beispiel eine bestimmte Schicht von Frauen, die sich wünschen, dass mehr jüngere Frauen oder mehr Frauen mit Migrationshintergrund mitmachen. Aber dieses „Mitmachen“ ist immer ein falscher Ansatz. Wenn man mit anderen zusammen etwas machen will, muss man zunächst einmal Beziehungen aufbauen, die dann ein gemeinsames Begehren entstehen lassen können.

Politik beginnt also viel früher als wir denken. Dazu gibt es noch einen schönen Spruch der Italienerinnen, und damit komme ich an den Anfang zurück und zu Luise Büchners Aufforderung an uns Frauen, nicht gleichgültig zu sein, sondern uns mit unserer eigenen Meinung in die Welt einzuklinken: Ich meine den Satz „Das ist schon Politik“. Es gibt viele Dinge, die wir tun, die vor allem Frauen tun, und die „schon Politik sind“, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.

Eines der Bücher, die Dorothee und ich zusammen übersetzt haben, heißt „Macht und Politik sind nicht dasselbe“. Darin gehen die Italienerinnen der Frage nach, was eigentlich Politik ist. Und sie beschreiben es so, dass Politik überall dort stattfindet, wo Menschen sich um das Allgemeinwohl sorgen, wo sie versuchen, die Welt gemeinsam zu gestalten. Demokratische Politik wäre dann eine Politik, wo genau das passiert, wo man sich also bemüht, dass wirklich alle mit ihren Bedürfnissen und Wünschen an diesem Prozess beteiligt sein können. Das müsste eigentlich unser Leitbild sein, wenn wir die Demokratie retten wollen, wenn wir den Autoritarismus abwehren wollen.

Welche Formen und welche Praktiken brauchen wir, die es möglich machen, dass die Wünsche und Begehren von allen einfließen können in die Gestaltung der Welt? Dafür muss man bereits das Setting ändern und nicht nur die Proklamation. Das, was getan wird, ist ganz oft „schon Politik“, wenn man etwa in Familien darüber nachdenkt, wie man die Hausarbeit aufteilt, wenn man in Büros darauf aufmerksam macht, dass es immer dieselben Leute sind, die den Kaffee kochen oder die die Kaffeemaschine reinigen. Wenn man sich überlegt, wer putzt überhaupt den Platz, an dem ich tagsüber arbeite. Überall, wo man sich über die Gestaltung der gemeinsamen Welt Gedanken macht und sich nicht nur auf die eigene Familie, den eigenen privaten Kreis zurückzieht, sondern den öffentlichen Raum im Blick hat, das Allgemeinwohl, dann ist das schon Politik. Der Ort, an dem Demokratie, Gleichberechtigung und dergleichen eingeübt werden. Zu denken, Politik ist das, was in der Tagesschau kommt oder in Parlamenten stattfindet, ist ein viel zu beschränkter Rahmen. Ich muss nicht in eine Partei eintreten, um Politik machen zu können.

Und um zum Schluss noch einmal den Appell von Luise Büchner aufzugreifen, würde ich sagen: Wir müssen nicht ein weibliches Pflichtbewusstsein entwickeln, wir müssen uns nicht „breitschlagen lassen“, um uns für die Demokratie zu engagieren und sie zu retten, sondern eigentlich brauchen wir mehr Aufmerksamkeit, mehr Liebe also, für die Orte, an denen jetzt tatsächlich schon Politik stattfindet und wo wir selber vielleicht sogar schon Politik machen, ohne das so zu nennen. Diese Aushandlungen zu stärken, die Leute zu würdigen, die das machen, zum Beispiel auch ein Engagement wie Ihres in der Luise-Büchner-Gesellschaft, die Sie mit Ihrem Engagement oder eben auch mit so einem Preis wie heute eine Öffentlichkeit schaffen, die es sonst nicht gegeben hätte, aber auch Leute, die sich sozial engagieren, die Projekte initiieren für Leute, die benachteiligt sind und so weiter. Das alles „ist schon Politik“.

Sich die Qualität dieser Politik bewusst zu machen, das ist aus meiner Sicht schon eine erster Schritt, um die Demokratie zu retten. Und auch dabei können wir uns auf Luise Büchner berufen, die genau für dieses Zusammengehen von Engagement für das öffentliche Leben und dem persönlichen Begehren stand. Politik bedeutet nicht, sich aufzuopfern und breitschlagen zu lassen, sondern mit Lust dahin zu gehen, wo man ein Engagement sinnvoll und befriedigend erlebt. In diesem Sinne hat Luise Büchner uns Frauen zugerufen, aber ich glaube, das könnte man allen Menschen und auch den Männern zurufen:

„Oh, ihr rosigen Kinder, euren Frohsinn und eure Heiterkeit möchten wir um keinen Preis der Welt euch rauben. Ihr sollt Rosen ins Haar flechten und das weiße Gewand tragen, aber darunter die Rüstung der Pallas Athene.“

Damit bedanke ich mich nochmal sehr herzlich bei Ihnen. Dankeschön.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 08.12.2025
Tags: , ,

Weiterdenken

Menü