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Von Mara Panther

Es ist immer dasselbe, wenn von ganz früher erzählt wird. Meist erzählen Männer. Männer, häufig aus der Oberschicht, schreiben auf, und die Frauen gehen unter, als gäbs sie gar nicht. Das beste Beispiel ist die Bibel. Besonders, wenns um Jesus geht, wird die Welt fast nur mit Männern bevölkert dargestellt. Es ist ein fast ein Wunder, dass Maria überhaupt erwähnt wird, hat sie ihn doch nur geboren.
Schon der Tatsache, dass eine Hochschwangere in einem Stall einquartiert wurde, muss eine quälende Odyssee vorausgegangen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alle Wirtsleute in Bethlehem hartherzig waren. Es gab wahrscheinlich, anlässlich der verordneten Zählung, eine unglaubliche Überfüllung eines jeden verfügbaren Quartiers einschließlich privater Häuser. Der Gedanke einer Niederkunft mitten in einer Kneipe oder einem überbelegten, womöglich provisorischen Schlafsaal, muss nicht nur Wirtsleute, sondern auch Maria abgeschreckt haben. Der Wirt, der ihnen seinen Stall angeboten hat, wird die Rettung für sie gewesen sein. Möglicherweise, nein, wahrscheinlich war es die Frau des Wirts, die die erlösende Idee hatte, die Hochschwangere im Stall unterzubringen. Wo Tiere sind, ist es warm, der Raum war geschützt. Die Wirtsfrau wird auch gesehen haben, dass es hohe Zeit ist, vielleicht hatte Maria schon Wehen. Sie muss nicht einmal etwas ungewöhnliches bemerkt haben, die Erfahrung eigener Geburten reicht, um tätig zu werden.
Viele Männer bemerken Frauen nicht, sie halten sie für selbstverständlich, daher für keines Wortes wert. Der damaligen römischen oder jüdischen Gesellschaft lässt sich nicht gerade Frauenfreundlichkeit oder gar Aufmerksamkeit für weibliche Vorgänge vorwerfen.
Die Vorstellung, Maria habe in einem Stall, allein, mit Josef, Ochs und Esel, entbunden, als Erstgebärende, ist so absurd, dass es einfach nicht stimmen kann.
Viel wahrscheinlicher ist, dass die eine oder andere wissen wollte, wie es der hochschwangeren jungen Frau geht, für die es nur noch im Stall Platz gab. Dass andere Frauen sie gesehen haben, als sie auf dem Esel mit Josef Unterkunft suchten. Ich kann mir den Zimmermann Josef, nach Überlieferung nicht mal Kindsvater, beim besten Willen nicht als Geburtshelfer vorstellen. Dass Väter bei Geburten dabei sind, ist eine sehr moderne Entwicklung. Kein Mann dieser Zeit wollte einer Geburt beiwohnen. Geburten waren Frauensache, Frauen, Mehrzahl.
Ich denke nicht, dass Maria, eine junge Frau, ihr erstes Kind allein zur Welt gebracht hat. Viel eher war es so, dass solche, die einen Blick für Schwangere hatten, in den Stall kamen, nach ihr schauten und vielleicht Windeln mitbrachten.
Ich stelle mir vor, dass Maria sagte: Josef, es geht los. Josef: Was geht los, wir sind gerade erst angekommen, die Zähler kommen heute nicht mehr. Die Geburt, Josef, antwortet sie, sanft wie zu einem kranken Tier, zwischen Wehen. Oh je, und jetzt? Was sollen wir tun?
Du, Josef, gehst zum Wirt und fragst nach der örtlichen weisen Frau. Wenn es keine gibt, bringst du eine Frau mit, die schon mehrere Kinder geboren hat. Und du bittest den Wirt um heißes Wasser, er soll einen Kessel aufsetzen. Den Rest überlässt du der Hebamme.
Josef, wie vom Donner gerührt, war vermutlich froh, dass Maria, in weiblichen Traditionen aufgewachsen, wusste, was sie braucht. Er ging und kam bald mit der weisen Frau wieder.
Aber wer erwähnt bitte eine Hebamme oder eine Kräuterkundige? Sie werden vergessen, weil es so normal und unauffällig ist, dass sie ihre Arbeit, ohne Männer, einfach tun. Kein Heiligenschein, keine Leiter vom Himmel, einfach eine Frau mit einem Korb, die das Kommando übernimmt. Wahrscheinlich hat sie die Männer weggeschickt, sie machten die Gebärende unruhig und verzögerten den Verlauf.
Dass sowohl Maria als auch ihr neugeborener Sohn besonders waren, fiel ziemlich sicher einer Frau zuerst auf. In ihren Kreisen machte die Nachricht die Runde. Die männlichen Dorfbewohner interessierte das Ganze eher wenig, sie hatten genug zu tun, die ganzen Leute unterzubringen und zu verköstigen. Die Frauen trugen die Nachricht weiter. Den Hirten, damaliges Prekariat, fiel das seltsame Verhalten ihrer Tiere auf.
Wenn die drei Könige, entgegen ihrer damaligen Gepflogenheiten und Annahmen, Frauen Beachtung geschenkt und Hirten zugehört hätten, hätten sie wahrscheinlich weder Herodes alarmiert noch sich verlaufen. Die Nachricht ging bei Frauen und Armen um, nicht bei Männern und schon gar nicht in der Oberschicht.
Es gibt nur zwei Sätze zur Geburt Jesu von den männlichen Chronisten. Sie waren nicht dabei. Sie konnten es sich nicht vorstellen, hatten vielleicht auch Angst vor den Kräften, die wirken, um ein Kind auf die Welt zu bringen, den Schmerz und das Glück, wenn es vorbei und alles gut ist.
Schon mal Frauengespräche über die Geburten ihrer Kinder gehört? Jede weiß noch alle Einzelheiten und erzählen sie, sobald sich Gelegenheit dazu bietet. Wenn Frauen als Chronistinnen zugelassen gewesen wären, gäbe es emotionale, anatomische, minutiöse Berichte der Geburt Christi, jede Wette.
Richtig schön zu Weihnachten, vielen Dank
Frohe Weihnachten
Gestern in der Heiligabend Predigt sprach die Pastorin von dem Wunder, das jede Geburt ist. Besonders erinnere ich den Satz:
„Gott kommt mit der Macht eines schreienden Babys“.
Wie ich finde, eine sehr beeindruckende Macht.
Danke für den Artikel.
Für diejenigen, die sich auch fragen was wahr ist und warum etwas so oder so geschrieben wurde – ich finde das hier gut: Annette Jantzen, … Die Weihnachtsbotschaft – entstaubt, durchgelüftet, neuentdeckt
– als Buch: https://www.herder.de/religion-spiritualitaet/shop/p3/86105-das-kind-in-der-krippe-gebundene-ausgabe/
– und online ins Wort gebracht hier: https://www.youtube.com/watch?v=yN2xZnNg758
(ihr Vortrag letztes Jahr zum Buch in der Kath. Akademie Freiburg); hier braucht es am Anfang ein bißchen Geduld, weil sowohl der Redakteur von Christ in der Gegenwart (Zeitschrift, in der sie ihre Gedanken zuerst entfaltet hat) als auch die Lektorin vom HERDER-Verlag anwesend waren
– wer sucht findet auch podcasts von ihr.
Ich habe Annette Jantzen schon oft gehört und könnte ihr stundenlang zuhören. Sie hat als Frauenreferentin (Aachen) in der Coronazeit angefangen einen feministischen Blog zu schreiben zu den Bibeltexten der Sonntagsgottesdienste – https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/ – und daraus ist immer mehr Interessantes entstanden. Ihr neuestes Buch wird “Die ignorierten Frauen der Bibel – Was im Gottesdienst nicht gelesen wird” heißen. Mittlerweile arbeitet sie beim Hildegardisverein.