beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken, erzählen, heilen

Weiterdenken nach dem Bzw-Redaktionstreffen: Über gut und böse

Von Anne Newball Duke

ChatGPT auf die Bitte, mir ein Bild zu erstellen, welches die philosophische Frage enthält, ob es das Böse im Menschen gibt, eingebettet in der Welt.

Ein Traum

In der Nacht nach unserem bzw-Redaktionstreffen am 02. November 2025 hatte ich einen Traum. Erst als ich ihn am nächsten Morgen aufgeschrieben hatte, formte sich langsam ein Sinn aus all den absurden Traumbildern. Momentan zeichnen sich meine Träume dadurch aus, dass sie das Geschehen in mir völlig unbekannten Architekturen und Zusammenhängen stattfinden lassen, und dass ich oft von Menschen umgeben bin, die ich – nach dem Erwachen feststellend – nicht kenne, die aber im Traum „meine Freund*innen“ sind oder „meine Familie“.

Anyways.

Ich bin in einer Stadt. Sie mutet „mittelalterlich“ an; also „mittelalterlich“ im Klischee-Sinne. In dieser Stadt mit tiefen Holzdächern, Pflastersteinwegen und jahrhundertealten Steinbrücken sind alle Menschen verkleidet. Es ist Fasching oder so etwas in der Art. Auch ich bin anscheinend verkleidet, aber ich weiß nicht, als was. Und die ganze Stadt spielt ein Spiel: wir müssen gut von böse unterscheiden. Das Spiel ist aber nicht wirklich ein Spiel; es scheint gleichzeitig auch irgendwie ernst zu sein. Einmal schauen wir – meine ebenfalls verkleideten Freund*innen („Freund*innen“ im Sinne von oben beschrieben) und ich – in eine Art alte dunkle holzige Wirtsstube rein, und da murksen sich grad zwei Gruppen ab. Man kann an der Kleidung nicht erkennen, wer gut und wer böse ist (nicht „Teufel“ oder „Engel“-Verkleidungen oder so), aber ich weiß sofort, wer gut und wer böse ist. Warum ich das weiß, weiß ich nicht, ich weiß es halt einfach. Es gibt kein Blut, es ist ja ein Spiel, aber ich bin mir nicht sicher, ob die, die da am Boden liegen, nicht doch wirklich tot sind. Jedenfalls entscheiden meine Freund*innen und ich, dass das nicht unser „Fight“ ist (im Sinne von „pick your fight“), und wir gehen. Wir kommen auf eine der kleinen, aber massiv aus dicken Steinen gebauten Rundbrücken. Das Geländer ist – entgegen der sonstigen festen, stabilen Struktur – aus morschen, brüchigen runden, etwa 10cm dicken Holzbalken. Um an solchen teils auch nur halben Holzbalken schlängeln sich wie Schlangen zwei (menschliche) Gestalten, die in einer Art grau-weißem Feenkostüm stecken. In diesem Schlängeln um die Balken herum erschaffen sie Eis; sie vereisen also das Geländer mit einer etwa 5cm-dicken, sehr glatten Eisschicht. Sie grinsen mich so komisch an. Ich weiß bzw. spüre sofort, dass sie böse sind. Denn das Geländer vereisen, das tut man einfach nicht. Ich gehe direkt hin und schubse sie ohne das geringste Wimpernzucken einfach vom Geländer. Und es ist wirklich einfach, es kostet mich keine Mühe. Sie fallen tief, sicherlich 20 Meter auf harten Boden. Ich schaue hinterher. Und bin doch etwas erleichtert, als ich in diesem schummrig-feuchten Laternenlicht sehe, dass sie sich aufrappeln und sich warum auch immer gegenseitig anschimpfen. Wahrscheinlich darüber, dass sie sich so leicht überrumpeln haben lassen vom „Gegner“. Sie gehen weg. Ich bin durchdrungen von Zweifeln: habe ich das Spiel richtig gespielt? Sollten sie nicht tot sein? Kommen sie wieder und sind wieder böse und bringen dann vielleicht mich um? Ich wundere mich auch, dass ich so einfach Menschen töten konnte. Es hätte ja sein können, dass sie wirklich tot sind. Ich kenne in der Traumlogik ja dummerweise nicht alle Regeln; also: ob sie wirklich tot sind oder sein sollten oder ob und in wieweit es nur ein Spiel ist und was überhaupt daran ein Spiel ist und was echt. Ich gehe dann mit meinen Freund*innen noch Bier trinken auf einer bayrisch anmutenden, auch sehr holzigen Kneipen-Terrasse; die Stimmung ist ein bisschen wie Fasching beim Aprés-Ski. Ich fühle nichts. Ich bin wie ein Neutrum. Ich wundere mich nur über alles. Ich wundere mich auch kurz beim Anstoßen, ob ich eigentlich gut oder böse bin; immerhin habe ich gerade zwei Menschen vom Geländer in die Tiefe gestoßen. Stoßen wir an aufs Gutsein? Darauf, das Böse überwunden zu haben? Ist es überwunden? Oder kommt es gleich um die Ecke, um uns abzumurksen? Könnte es uns überhaupt töten oder ist diese Option im Spiel gar nicht inbegriffen? Das Spiel selbst hinterfrage ich allerdings nicht.

Während ich diesen Traum aufschrieb, dämmerte es mir, dass er zu tun haben könnte mit unserem Gespräch beim Redaktionstreffen über das Böse im Menschen. Ich kam in diese Diskussion nicht gut rein, weil ich aus noch nicht sprachlich formulierbaren Gründen davon überzeugt bin, dass eine wie auch immer geartete Definition des Bösen keine Lösung (für die Probleme dieser Welt) bringt. Ich habe beispielsweise schon oft versucht, Hannah Arendts Banalität des Bösen zu verstehen. Und klar, ich verstehe etwas daran, aber es hilft mir nicht weiter. Im Sinne davon, dass es mich nicht in ein für mich produktives Weiterdenken bringt, sagen wir so. Ich halte auch nichts von der Aussage, dass der Mensch etwas Ur-Böses in sich hat á la jeder Mensch ist im Grunde ein einsamer Wolf, der – wenn ihm wer blöd kommt oder es um Leben und Tod geht – alles um sich rum zerfetzt und zerfleischt usw. usf. Ich glaube auch nicht, dass es Menschen gibt, die „das Böse in Gestalt“ sind. (Ich kann sogar eher etwas damit anfangen, dass eine Person „eine dunkle Seele“ hat, weil es mir persönlich eher Lösungen im Umgang mit der Person gibt.) Ich wusste nicht, wie ich es in unserer Runde formulieren sollte, denn natürlich vollführen viele Menschen absolut schreckliche Taten. Natürlich gibt es Menschen, die einen Genozid planen und durchführen oder auch „nur“ verteidigen beispielsweise. Es gibt also das Böse im Menschen. Warum konnte ich dann weder zustimmen noch irgendetwas beitragen zum Thema? 

Ich fühle, dass das Böse für mich als Kategorie keine hilfreiche ist, um Dinge – also vor allem das menschliche Handeln – zwischen Himmel und Erde zu verstehen oder Konflikte zu lösen. Und was machen wir dann mit dem Bösen? „Er ist böse, also soll er Buße tun und Strafe bekommen.“ „Er ist so böse und damit so anders als ich.“ „Das Böse/den Bösen zu verurteilen hilft den Angehörigen der Opfer.“ Usw. 

Sicherlich ist das so. Sicherlich unterstützt so eine gerichtliche Verurteilung und Strafe den Trauer- und Heilungsprozess von Hinterbliebenen und Opfern usw. Und es gibt vor allem Sicherheit, dass ich – wenn ich Teil einer Minderheit wäre, deren Mitglieder immer wieder gezielt Opfer von Gewaltaktionen werden – zukünftig hoffentlich besser vom Staat gesehen und geschützt werde vor Attacken auf mein Leben. (Ich belasse es jetzt mal so unspezifisch.)

Ich sage: Die Zivilisation ist schuld

Ich denke nur, dass das Böse uns etwas über die Gewalt lehrt, die unserem (europatriarchal geordneten) zivilisatorischen Zusammenleben inhärent ist. Die Gewalt, zu der wir fähig sind, sagt mir nichts über irgendein imaginär Urmenschliches. Und jetzt erst – mit dieser denkerischen Ausrichtung – komme ich ins Weiterdenken. Ich denke nicht, dass das Böse individualistisch gedacht werden kann. Wir stecken in Gesellschaftsrahmen, deren Ausrichtungen uns auch in unserer jeweiligen individualistischen Ausprägung formen; sie lenken uns zu Eigenschaften, Handeln und Denken, mit denen – gemäß den Vorstellungswelten, die in der Gesellschaft vom guten Leben kursieren – gutes Leben angestrebt werden kann. Wenn zum Beispiel eine bedeutsame Vorstellungswelt im Gesellschaftsrahmen insinuiert, dass Macht über Land und Menschen und Reichtum an Gütern usw. glücklich macht, dann wird das eben angestrebt. Dumm daran ist nur, dass genau diese Vorstellungswelt – eine zentrale in unserem Gesellschaftskonzept – eben schon „böses“ Handeln und Denken in sich trägt (z.B. andere austricksen, (aus Versehen) nicht sehen, überbieten, vernichten usw. usf.).

Wenn ich das äußere, dass dieses „Böse“ besonders gut im Europatriarchat gedeihen kann, kommt immer das (sorry, aber billige) Gegenargument: „Jaaaa, aber wir wissen ja nicht wirklich, ob es je eine andere Gesellschaftsform gab, und Matriarchat (oder wahlweise beinhaltet die Vorstellungswelt von einer „ganz anderen“ Gesellschaftsform noch „Kommunismus“) ist sicher auch nicht die Lösung. Und vielleicht sind wir ja im Europatriarchat, weil der Mensch eben böse ist und wir Menschen eben nur das können, weil wir halt eben durch das urmenschlich Böse in uns nichts anderes können.“ 

Ja okay, ist mir alles klar, wissen wir nicht mit totaler Sicherheit. Meine Intuition und mein Wissen sagen mir nur, dass das Urmenschlich-Böse eine Erfindung dieser Gesellschaftsform ist. Ich glaube vielmehr, alles ist in Bewegung. Und kann wieder in Bewegung gebracht werden. Das Böse festzuschreiben in einer Person und als was auch immer, enthält für mich hingegen die „weltfremde“ Stagnation (Dieser Mensch ist so. Alle Menschen haben das irgendwo in sich. Punkt.). Ich glaube, in einer Welt, die immer in Bewegung ist oder zumindest sein sollte, kann das Böse nicht lange an einem Ort, in einer Person verharren, und könnte immer in Schach gehalten werden, sodass es sich nie auf Dauer in einem Menschen niederlassen kann. In meiner Lesart (und auch vieler anderer Denker*innen im Übrigen) ist es die Zivilisation, die versucht, alles anzuhalten und das Angehaltene mechanistisch-rational auszulegen. Somit trägt die europatriarchal ausgerichtete Zivilisation das Böse seit dem Entstehen und Formieren in sich. Stagnation, Bewegungslosigkeit ist Gewalt an dieser Welt. Und Gewalt trägt das Böse oder auch Falsche, Inadäquate, Unterdrückerische wie das Herz in sich. 

Ich bin der festen Überzeugung, dass es menschliche Seinsformen gibt und (jahrzehntetausendelang) auch schon gegeben hat, die fähig waren, das Böse so in Schach zu halten, das es sich nicht dauerhaft in Menschen einnisten konnte. Und ja, I know, wir können es nicht wissen, aber ich nehme es für mein Denken an, weil es für mich Sinn macht, und weil mir die Belege, die es dafür gibt, ausreichen. Die, die sagen, wir können es nicht wissen, und wahrscheinlich lebten Menschen schon immer Patriarchat, nehmen das ja auch nur an. Und diese Annahme beruht lediglich auf der Feststellung, dass wir jetzt im Patriarchat leben. Ich bin da also auf der anderen Ansatz-Seite, weil sie mir auch intuitiv viel eingängiger ist. Und das hat übrigens gar nichts mit eventuell ebenfalls gewaltvollen Matriarchatsvorstellungen oder sowas zu tun, aber das zu erklären führt hier und jetzt zu weit. Unsere Vorstellungswelten von möglichen Gesellschaftsformen und Weltsichten ist einfach zu reduziert und klein, wenn wir in rationaler Art und Weise nur „Matriarchat oder Patriarchat“ oder „Kapitalismus oder Sozialismus/Kommunismus“ denken können.

Ich nehme einfach an, dass frühere Gesellschaften – ab 5000 Jahre vor uns – ganz anders aufgestellt waren, und sich beispielsweise nicht über komplizierte intellektuelle Kopf-Dialektik einen direkten Zugang zur Welt verunmöglicht haben. Sondern einfach in einem lebendigen Austausch mit der Welt innerhalb eines animistischen Weltbilds standen. Sie hatten Sprache mit Pflanzen und Tieren und anderen Seinsformen und haben sich nicht – wie wir jetzt – für eine Spezies gehalten, um die sich alles Sein dreht und welche allein über Leben und Tod anderer Spezies entscheidet, und die sich sogar herausnimmt zu definieren, was überhaupt lebt oder als tot wahrgenommen wird. Auch hier pure Gewalt: denn als leb- und fühllos, nicht „richtig lebendig“ erklärte Wesen, mit denen wir nicht mehr als Gleiche kommunizieren, sind für das viel wertvollere Leben des Menschen tötbar, einsetzbar, ausbeutbar usw. Wir Menschen, so geil, so groß, so göttlich, ganz allein im Universum, im Plurimultiversum oder worin auch immer. Aber lassen wir auch das Thema beiseite. 

Ich möchte darauf hinaus, dass eine gewinnbringendere Frage sein könnte, wie wir das Böse in Bewegung halten und nicht sesshaft werden lassen, anstatt es immer und immer wieder intellektuell durchzudefinieren. Bildlich gesprochen: Ins Gefängnis wegsperren (im Sinne meines Traumes wäre dann die Frage: ist es dann wirklich weg? Oder ploppt es woanders und wannanders einfach wieder auf?), was mit unseren geistig-intellektuellen Definitionen als „Böses“ deklariert wird, ist natürlich einfacher und „schneller“, weniger aufwändig usw. Vielleicht wirkt es aufwändig (Leute zerbrechen sich monatelang die Köpfe), und vielleicht haben wir komplizierte zivilisatorische Verfahren erstellt, aber diese werden in ihrer Kompliziertheit dennoch der Komplexität der Welt nicht gerecht.

Natürlich – merken wir dann relativ schnell beim gedanklichen Durchspielen – spielt sich die Frage des „In-Bewegung-Haltens“ nicht in unserer Zivilisationsform ab. Es bräuchte ganz andere Formen des menschlichen Zusammenkommens, des Wirtschaftens usw. Zeit und Ressourcen müssten völlig anders eingesetzt werden. 

Nun kann man sagen: okay Anne, aber das ist nunmal nicht der Weltentwurf, in dem wir Menschen aktuell stecken. Wir brauchen Lösungen jetzt hier und anwendbar. Ähnliche Forderungen wie in der Klimabewegung. 

Müssen wir uns hochrüsten und militarisieren, müssen auch wir wieder das Morden und Töten anderer Menschen in unsere Kinder als reale Option pflanzen (verpflichtender Militärdienst), aber dabei bitte möglichst liebevoll (Erziehungsauftrag: sie sollen schon töten können, aber bitte lass sie keine Soldat*innen werden, die irgendwann irgendwo „unethisch“ und „unmenschlich“ Dorfbewohner*innen massakrieren)? Sollen die anderen sterben und nicht wir? Weil wir die Guten sind? Was verteidigen wir? Unsere Freiheit, die momentan sechzig anderen ihre Freiheit nimmt und somit genau besehen eh keine Freiheit ist? Oder verteidigen wir die bessere Version unserer Zivilisation? Wohl wissend, dass autoritäre Staatsformen Teil des Spektrums dieser Zivilisation sind, in das wir auch ganz schnell rutschen können? Wenn wir wieder rechte Diktatur sind, sind wir dann auf der richtigen Seite, sind wir die Guten, wenn wir – ja für was eigentlich – kämpfen und Horror erleben, der wieder für viele Generationen nicht die Körper*innen verlassen wird? Hat diese „bessere Version unserer Zivilisation“ verhindert, dass wir die Welt in diesen bedrohlichen, in die Zerstörung kippenden Zustand gebracht haben? Hat die „bessere Version“ keine „bösen Taten“ (gegen andere Menschen und andere Spezies) mit vollem Bewusstsein und sich auf der guten Seite wähnend ausgeführt? Braucht die „bessere Version“ nicht immer auch die „schlechtere Version“? Um sich einerseits für die bessere zu halten, und gleichzeitig aber auch in die schlechtere kippen zu können? Hat uns die „bessere Version“ Ehrfurcht vor unserem Sein auf dieser Welt gelehrt? Oder eine erdverbundene Sprache gelehrt (oder vielmehr ebenfalls gewaltvoll abtrainiert), welche die einzige ist und sein wird, die uns ein wie auch immer geartetes gutes Leben in den planetaren Grenzen ermöglicht? Hat sie uns beigebracht, dass wir als menschliche Spezies nur auf dieser Welt leben können? Dass wir uns in eine andere Spezies verwandeln, wenn wir den Mars besiedeln? Dass wir dann Aliens für die Erdbewohner*innen werden – vorausgesetzt, unsere zutiefst mit der Welt verwurzelten Körper*innen sind überhaupt an einen anderen Planeten adaptierbar? Wirklich: unsere Vorstellungswelten sind reduziert und klein, und gleichzeitig verzerrt und größenwahnsinnig. 

Warum also arbeiten wir nicht lieber an unseren Vorstellungswelten, und holen „das Böse“ raus aus seiner rational-statischen Intellekt-Isolation?

Vorstellungswelten weiten durch Mythen und Märchen

Ich liebe Synchronizitäten: Einen Tag nach dem Treffen las ich hungrig weiter in Sophie Strands neuem Buch The Body is a Doorway und gelangte just an diesem Tag zu dem Kapitel, wo sie über das Böse sprach, ohne es das Böse zu nennen. Sie brachte das Beispiel von Scheherazade. Scheherazade heiratet den grausamen König Shahryar. Dieser wurde so bitter und grausam, weil seine Frau ihn betrogen hatte. Aus Schmerz und Misstrauen beschloss er, dass keine Frau treu sein könne. So nahm er sich jeden Tag eine neue Ehefrau, und ließ sie am nächsten Morgen töten, bevor sie ihn ebenfalls verraten konnte. Das ganze Königreich war in Angst, denn es blieben bald kaum noch Frauen übrig, die sich ihm stellen wollten. Die kluge, belesene und natürlich auch wunderschöne Scheherazade aber traute sich, sie hatte einen Plan. Sie erzählt ihm in der Hochzeitsnacht eine Geschichte; eine Geschichte voller Abenteuer, Magie und Geheimnisse. Aber kurz vor dem Ende brach sie ab, an der spannendsten Stelle. Der König war neugierig und wollte unbedingt wissen, wie es weiterging. Also verschob er ihre Hinrichtung um einen Tag. So vergingen 1001 Nächte. Scheherazade gebar in dieser Zeit drei Kinder, und der König war am Ende völlig verändert. Ihre Liebe gedieh in dieser Zeit. Nach 1001 Nacht hob er das Todesurteil gegen sie auf. Man könnte auch sagen: nach 1001 Nacht war er nicht mehr böse. Wodurch? Durch Geschichten, die seine Vorstellungswelt vergrößerte und vertiefte, und damit auch sein Herz weitete.

Und war nicht nur durch ihren Cliffhanger-Trick, die Geschichten jedes Mal an der spannendsten Stelle abzubrechen. In vielen Geschichten verhandelt sie das Thema Klugheit von Frauen und Underdogs, und dass wahre Liebe auf Vertrauen und Verständnis aufbaut. Sie handeln von Gerechtigkeit und Geduld, und davon, dass Grausamkeit und Willkür immer Unheil bringen. Und davon, dass Glück und Unglück oft wechseln: wer heute arm ist, kann morgen reich sein usw., und dass dahinter meist ein göttlicher Plan steht. Die Geschichten sind zudem voller Magie und Wunder; Stichwort fliegender Teppich. Das größte Thema aber ist ihre eigene: Geschichten können Leben retten. 

Darum fühle ich immer mehr, dass wir mehr als alles andere – auch mehr als jede rational abgesegnete Vernunftseinforderung – lebendige, magische Geschichten brauchen. Das wäre mein Gesprächsangebot gewesen beim bzw-Treffen, aber es ist auf so einer anderen Ebene angesiedelt. Und es klingt so klein und unbedeutend gegen „ja, aber was können wir politisch tun? Wir brauchen einen politisch verordneten Katastrophenplan“! Märchen-Geschichten verschwinden im Reden über die „große Politik“ unter dem Teppich. Und Teppiche fliegen nicht in der Realität, das ist die Realität. Oder? 

Sophie Strand schiebt alle feministischen Kritiken an Scheherazade beiseite (ihre Anpassung ans Patriarchat etc.pp.), um einen neuen ökofeministischen Blick auf sie zu erhalten, und um der Frage nachzugehen: Wie lenkst du deinen Henker von der Hinrichtung ab? Wie deeskalierst du Gewalt? Wie stoppst du das Narrativ, das dich zerstört? Scheherazade antwortet, indem sie nicht nur ein ganz anderes Narrativ anbietet, sondern exakt tausendundeins, also eine Vielfalt von Geschichten. Geschichten auch von Tieren und Pflanzen und anderen Königen. In Sophies ökologischer Lesart ist Scheherazade keine junge Jungfrau, sondern die Erde selbst: eine ineinander verflochtene Versammlung von verschachtelten Ökologien, die alle kollaborieren und eine dynamische Homeostase der Biosphäre kreieren.

Sie schreibt: 

„Wir haben unsere Ökosysteme – unseren Schmutz (dirt) und unser Tier, Insekt, Pflanze, Pilzverwandtschaft – in einen Notzustand versetzt. Wie König Shahryar haben wir inkorrekterweise angenommen, dass die Ressourcen unendlich zu Verfügung stehen. Dass es immer Jungfrauen geben wird, die wir töten können: Jungfrauen-Wälder, Jungfrauen-Land, sogar Jungfrauen-Kosmos. Lächerlicherweise glauben wir, dass es niemals fehlen wird an fruchtbarem Boden, Medizinpflanzen, alten Bäumen und Biodiversität. Aber unser Narrativ ist schrecklich flach. Was, wenn die Erd-Biosphäre Scheherazade wäre, die auf ihre bedrohten Seinsformen schaut und ein lebenserhaltendes Geschichtenerzählen beginnt? Ich habe begonnen, das zunehmend unvorhersehbare Verhalten des Klimasystems als eine Art Storytelling zu verstehen: ein Storytelling, das auf einer Skala geschieht, zeitlich sowie räumlich, das sich nicht in anthropozentrische Paradigmen einschreibt. Ein Storytelling, das Waldbrände als Verb nutzt, schmelzende Gletscher als Protagonisten und zunehmende Temperaturen als narrativen Antrieb. Wir treten ein in eine ökologische Tausendundeine Nacht. Wir treten in Geschichtenserien ein, die verzweifelt versuchen, ihre Erzähler*innen zu retten: die Erde, Gaia, die Biosphäre, die Große Mutter, welches Wort auch immer für dich die Summe alles sphärischen, gravitationsgebundenen Lebens am besten umfasst. Werden wir – wie König Shahryar – die Gewalt stoppen und beginnen, einer neuen, nicht-menschlichen Geschichte zuzuhören? Werden wir zulassen, dass diese Geschichten uns ändern und transformieren? Letzten Endes ist es tatsächlich egal, ob wir es tun oder nicht. Diese Geschichtenserien werden nicht von einer menschlichen Schreiber*in abhängen. Sie werden in den Steinmantel der Erde selbst eingeschrieben werden.“ (S. 93, meine Übersetzung)

Was ich so mag an dieser Idee ist, dass hier niemand böse bleibt. Shahryar wird gut, indem er zuhört. Es gibt also Hoffnung auf Gutwerden des Bösen in einem erdgebundenen Gutwerdprozess, sagt mir das verheißungsvoll und mutmachend.

Again and again: Was ist Politik?

Was unser bzw-Redaktionsgespräch über das Böse angeht, so habe ich wieder mehr verstanden, warum ich nicht mehr gern an den „politischen Tagesdebatten“ teilnehme. Sie spielen sich immer innerhalb des flachen Narrativs ab. Wir finden immer nur „Lösungen“, die die fundamentalen Grundprobleme – falsche Annahmen von der Welt und unserem Sein in ihr – nicht ankratzen. Und somit bringen uns die „Lösungen“ auch nicht raus aus der Gewalt. Wenn ein Brand gelöscht ist, flackern drei neue irgendwo anders auf. Das Vertrauen in die „große Politik“ verlischt eben auch – so meine ich, weil unsere Körper*innen längst wissen, unser Unterbewusstsein längst weiß, dass wir unsere Lösungen auf falschen Annahmen über die Welt und unsere (Nicht-)Vernetzung in ihr aufbauen. Nur unser rational ausgerichteter Kopf rennt und rennt und rennt immer weiter, ganz ohne unsere lösungslosen Burn-Out-Körper*innen. Der Kopf regiert und schreibt das Böse fest, indem wir über das Böse weiter und weiter sinnieren, anstatt neue Geschichten zu finden, die das Böse durch Liebe, Geduld, Vertrauen und – ja, auch, why not – Glauben „in Luft auflösen“. 

Das, was ich meine, ist nicht gut in eine politische Debatte zu integrieren. Ich bin dahingehend in vielen Belangen sehr unsicher. Soll ich, weil ich die Gewalt des flachen Narrativs mittlerweile körperinlich spüre – nicht mehr an Gesprächen teilnehmen? Ist es nicht schade, wenn ich mich damit ausschließe und so „sensibel“ werde? Zum Glück gelang es in diesem Gespräch meinen einfühlsamen Mitredakteur*innen, meinen erst schweigsamen und dann emotionalen, noch wort- und argumentenunsicheren Pfad nachzuvollziehen und zu integrieren in die großen Fragen von Krieg und Frieden und Militärdienst ja oder nein und die Integration von Katastrophenschutz jeglicher Art in Gemeinwohl-Ideen. Allerdings… bleibt eine Unsicherheit: Ob es überhaupt integrierbar ist? Es ist so anders.

Ich erinnere mich an eine Parents-Sitzung; ich glaube, ich habe sogar schon einmal darüber geschrieben: wir beginnen unsere Sitzungen seit einer Weile immer mit einer „Befindlichkeitsrunde“ ähnlich wie bei den bzw-Treffen: wie geht es uns, was macht was mit uns in der Welt usw. Meist entstehen daraus Ideen für Aktionen. Aber manchmal ist es einfach zuviel. Ist ein Erlebnis zuviel. Ist eine Person zuviel. Dann müssen wir das Zuviel halten können. Eine alleinerziehende Mutter aus dem Iran hat so viel zu verstehen, an Rassismus zu verdauen und gewaltvolle Bürokratieanforderungen zu meistern in diesem Deutschland, dass wir in unseren Sitzungen manchmal im Helfen und Unterstützen, im Bürokratiedeutsch durchackern, im Reden und Händehalten verbleiben. Und nicht oft durchzuckt es nach etwa 90 Minuten plötzlich eine Person von uns und sie springt auf: „Aber wir haben noch gar nichts getan in der heutigen Sitzung! Wir müssen politische Aktionen planen!“ Dann sagt Die Mitstreiterin, die gerade „zuviel“ ist (es ist übrigens nicht nur sie! Es sind immer andere! Aber von ihr habe ich die Erlaubnis, darüber schreiben zu dürfen): „Aber warum begreift ihr nicht, dass das, was wir heute getan haben, was ihr getan habt mit eurer Unterstützung für mich, auch Klimaarbeit ist? Dass unser offenes Reden, das ausgedrückte Mitgefühl durch konkrete Hilfe usw., dass es die Basis ist für alles andere? Wenn ich kaputt und verletzt und im Burnout bin und mein Wohngeld nicht reicht, kann ich keine Aktion planen! Klimaarbeit ist so viel mehr!“ Wer also, welche Gruppe ist jemals „heil“ genug, um wirklich gute, sinnvolle Aktionen zu planen? Welche Gruppe ist „gut“ oder „heil“ oder „klug genug“ ;), ist ausgeruht genug, hat alles im Blick, die Erde in ihrer Bewegung und was sie wirklich braucht, um uns Menschen irgendwie in ihr halten zu können? 

Oder müssten Aktionen nicht vielmehr aus und im Sinne von „gebrochenen“, zweifelnden, zerrissenen Körper*innen entstehen? Müssen nicht unsere Wunden und Zweifel und all die Unklarheiten Ausgangpunkt jeder politischen Aktion sein, und nicht unser Bestehen auf Klarheit und vermeintlicher Gesundheit und emotionaler Distanz und rationalem Wissen? Müssten wir aus allem, was wir schon wissen, nicht eigentlich das Ende der Zivilisation herbeisehnen, anstatt verzweifelt zu versuchen, all das zu halten, was das Zuviel und die Zerstörung produziert? Warum haben wir vor einem solchen Zusammenbruch so viel Angst? Ich denke: weil es uns an Vorstellungswelten mangelt. Also nochmal: was ist eine „politische Aktion“? Wer definiert, dass dafür auf der Straße Slogans gerufen, Kriege gekämpft, Soldat*innen ausgebildet oder Verträge unterschrieben werden müssen? 

Ich finde es oft sehr schwer zu unterscheiden, wann wir uns in einem Gespräch im Bereich der Politik erster (Herausstellen, Infragestellen und Untergraben der herrschenden Ordnung) und zweiter (traditionelle Politik, Parteienpolitik usw.) Ordnung befinden. Ich denke, das verunsichert mich öfter in Gesprächen. Wir als Differenzfeministinnen wissen ja, dass Politik eben ein relationales Geschehen ist und es wichtig ist, wie wir mit Menschen in Beziehungen treten und dass das Differenz-Denken eine Ressource ist in gewisser Hinsicht, um das System selbst herauszufordern. Denn wir wollen uns keinen Zugang zu bestehenden Machtstrukturen verschaffen. Oder doch? Frage ich mich manchmal. Und ich glaube, manchmal setze ich beim „Untergraben, Infragestellen usw.“ nochmal ganz woanders an. Und vielleicht – frage ich mich gerade und stelle ich hiermit ganz offen zur Diskussion – hinterfrage ich, ob das Ausgehen von der Tagespolitik und von den Kriegen und Schrecklichkeiten in der Welt anschließende Gespräche ermöglichen, in denen gut im Sinne der ersten Ordnung nach- und weitergedacht werden kann. Oder ob man dann nicht bereits in der zweiten Ordnung verfangen ist wie eine Fliege in einem Spinnennetz. 

Geschichtenerzählen ist Politik

Und in meinem Verständnis ist eben auch Geschichtenlesen und -erzählen von Scheherazade oder was oder wem auch immer Politik. Und ganz konkrete Klimaarbeit. Oder die ganz aktive Arbeit am Bösen. Wenn kein Dialog mehr möglich ist auf allerhöchster politischer Ebene, wenn alle Verbindungen und alle Dialoge abzubrechen drohen – so fantastisch dargestellt in Arrival mit den sich verdunkelnden Bildschirmen, dem Abschalten der internationalen Zusammenarbeit – was hilft? Abbrechende Beziehungen erzählen immer eine Geschichte von einer zu flachen Geschichte. Sie sagt: ihr habt nicht weit und tief genug und anders genug gemeinsam gedacht. Dann müssen wir eigentlich erst recht ganz nah zusammenrücken und den Geschichtenfaden vielleicht ganz woanders wieder aufnehmen oder bereits gewobene Netze wieder verwerfen und Knoten lösen, und eine ganz neue Geschichte erzählen, die Liebe, Vertrauen und Geduld den Personen gegenüber ausdrückt, mit denen man gerade brechen will. Und das sogar, wenn man die Person in der Hölle schmoren sehen möchte und alles unendlich anstrengend und aussichtslos wirkt. Und das kann es ganz sicher auch sein. Es kann Generationen dauern, bis das Böse aus einer Person vertrieben ist. Ich meine es poetisch und transgenerational, wie es für leser*in am besten lesbar ist. Aber man kann sich das ja durchspielen: Shahryar hat 1001 Nacht gebraucht (wie viele Leben sind das in Menschenleben? ;), um von Hass, Misstrauen und.. ja… vom unvorstellbar Bösen in die wahre Liebe, Gerechtigkeit und Verbundenheit zu finden. Wie lange und was braucht ein Mensch, um vom Bösen (Misstrauen und Hass) ins Gute (Vertrauen und Liebe) geführt zu werden?

Was liebst du an der Person, die du am meisten hasst?

Es gibt ein Kinderbuch – genauer gesagt eine Reihe mit drei Bänden – die ich gerade mit meiner 10-jährigen Tochter zu Ende gelesen habe, die solche anderen Geschichten offerieren und uns beiden unzählige neue Geschichten ermöglicht haben, sozusagen unsere gemeinsame Mutter-Tochter-Sprache und -Gefühle erweitert haben. Im zweiten Band muss ein etwa dreizehnjähriges Mädchen – sogar ähnlich wie Scheherazade, merke ich gerade – irgendwo in sich einen Funken Liebe für ihren Lehrer/Direktor der Schule aufbringen, der ihr und ihrem jüngeren Bruder den schulischen Alltag zur Hölle macht. Nur so – sagt das magische Wesen (ich glaube, es ist ein Cherubim), das sie durch die fremden Planeten und Körper*innenwelten (Planeten oder Körper*innen, das ist dasselbe, sagt das Wesen ;) begleitet  – kann sie ihrem Bruder helfen, der noch ein paar Jahre in dieser Schule vor sich hat und wirklich übel gemobbt wird – von Mitschüler*innen und vom Direktor. 

Das Mädchen aber versteht die Notwendigkeit der Liebesbekundung nicht und kämpft das halbe Buch lang dagegen an: Versteh doch, liebes Cherubim, es gibt wirklich nichts Liebenswertes an diesem Menschen!! Ein anderes magisches Wesen (oder ist es dasselbe? Ich weiß es nicht mehr) kommt irgendwann zur Hilfe und holt ihr eine verschüttete Erinnerung an ein Ereignis aus den Tiefen ihres Unterbewusstseins, das Jahre her ist: darin erzählt ihr ihr bester Freund (und sie erinnert sich in dieser Erinnerung auch daran, dass sie ihm damals nicht gut zugehört hat, weil sie versunken war in ihrem eigenen Groll und Leid gegen den Direktor und deswegen nichts Gutes über ihn hören wollte), dass dieser Direktor ihm ein paar neue Schuhe besorgt hat, für die seine Mutter kein Geld hatte. Dieser Freund ist total sportlich und megabeliebt in der Schule, im Gegensatz zu dem Mädchen und ihrem Bruder, die immer nur Ärger machen mit ihrem Anderssein, mit dem sie im Grunde das harte und gewaltvolle Schulsystem in Frage stellen und damit natürlich anstrengend für den Direktor sind. 

Aber auch diese Schuhgeschichte, in welcher der Direktor nett zu ihrem Freund ist, kann ihr den Groll nicht nehmen. Im alles entscheidenden Moment nun, wo sie entweder „Liebe ihm gegenüber äußert“ oder es keine Rettung mehr gibt (nicht für ihren Bruder und auch nicht für das ganze Universum, versteht sich), sagt sie das einzige, was sie fähig ist zu sagen, und was der Wahrheit entspricht: ich liebe ihn dafür, dass er so voller Fehler ist. Der Direktor, der in diesem magischen Moment auch anwesend ist, fühlt sich von ihr gesehen in seinen Fehlern und kann sie dadurch das erste Mal erkennen. Und mehr als das: Er kann dadurch seine Fehler auch einsehen und sein Verhalten verändern.

Zurück zu meinem anfangs geschilderten Traum: ist das Böse weg, nur weil ich es vom Geländer stoße und es damit eigentlich wirklich tot sein muss? Oder ist es weg, wenn ich es wegsperre? Oder wenn ich es benenne als dieses oder jenes? Oder wenn ich es kategorisiere? Oder wenn ich mich frage: „Wie genau zeigt sich das Böse“ oder „Wer ist aktuell die krasseste Inkarnation oder Personifikation des Bösen“ oder wettbewerbsmäßig: „Wer ist böser“ usw. usf. Wenn ich mir also Wissen gegen oder über das Böse, die verschiedenen Grade und Kategorien des Bösen usw. aneigne? Wissen, das bedeutet hier wieder mal: rational angeeignetes Wissen. Rational, das ist gleichbedeutend mit „gut“ und „ausreichend“. Also: Kopf, bitte arbeite alleinig gegen das Böse!! Mein Kopf – das muss ich sagen – ist davon komplett überfordert und verweigert die Arbeit. Mein Kopf war es auch nicht, der mir den Traum geschickt hat, der mich zum Weiterdenken angeregt hat. Es war viel eher ein Traum-Cherubim wie das des Mädchens, das mein Nichtwissen und mein Gefühl der Einengung und Wortlosigkeit gespürt hat, und mir zur Hilfe kam. Ein Cherubim, das weiß, dass die Arbeit des rationalistisch ausgerichteten Kopfes das Böse nicht aus der Welt schafft. Das weiß, dass mein Kopf zwar gerne arbeitet, aber ganz sicher nicht mehr allein, sondern nur umgeben von Erfahrungen, Märchen und Mythen, Träumen und Körperingefühlen, anderen Menschen und Seinsformen usw. usf. Das weiß, dass das Alleinarbeiten des Kopfes eh noch nie der Wahrheit entsprochen hat. Und dass die Nichtintegration all der Mythenwesen und Emotionen nur dazu führt, dass diese sich dann in elenden und fehlgeleiteten Sturzfällen irgendwohin ergießen (gefährlich!) oder in Versteinerungen irgendwo verstecken (Trauma!) und dass das alles das menschliche Wesen anfällig macht für … ja genau… das Böse. 

Ich denke also vielmehr, dass das flache zivilisatorische Narrativ (egal wie intellektualisiert) über das Böse ausgeweitet und ergänzt werden sollte beispielsweise durch jahrtausendealte Mythen, Sagen und Märchen-Geschichten, in denen die Weltverbundenheit zelebriert wird. Weil das Böse sonst weiter und weiter zementiert und pervertiert wird. Auch davon erzählen Mythen. Mythen enthalten überhaupt das ganze Drama des menschlichen Seins und können viele weise Antworten und Fragen geben, die wir vergessen haben, die aber tief in unseren Körper*innen gespeichert sind. Auch zum ganzen riesigen Spektrum von gut und böse. Wir müssen wieder märchenhaftere Fragen stellen wie: Wie besiegen wir das Böse? Und dann genauso märchenhafte Antworten finden. Und klar wird es jetzt die meisten durchzucken, nachdem sie kurz ins Schwelgen geraten sind und sich auf einem Pferd mit schwingendem Schwert haben sitzen sehen: Hallo!! Zurück zur Realität!! Zum Tagesordnungspunkt! Bitte!! Keine Zeitverschwendung!! Denn als Amazone oder Ritter durch den Märchenwald reiten und die Welt retten, indem man einen Brunnen sucht, in den man steigen muss, um dann dies und das da zu erleben, aber um überhaupt den Brunnen zu finden, muss man noch drei Jahre bei einer Waldhexe in Dienst gehen und diesen Baum oder jenes Tier befragen, denn nur sie kennen den Brunnen-Ort…, Hallo! Aufwachen! Das ist keine echte Politik!! Hmmm. Aber war Shahryar nicht Politiker? Und war Scheherazade eine Poltikerin? Oder hä, wer war was? Was war was? Was genau ist Politik? Was ist politisches Handeln?

Was enthält Gemeinwohl?

Ich möchte noch einen weiteren Gesprächsfaden aus der Redaktionssitzung dazubinden, und vielleicht habt ihr ja dann auch nochmal Lust, am so entstehenden Netz weiterzuspinnen. 

Ich bin mit dir, Jutta, komplett d’accord, dass nicht jede menschliche Beziehung in der Gesellschaft und auch nicht in einer Gemeinschaft von Tiefe geprägt sein muss. Zusammengelebt wird nicht nur in Freundschaft und Liebe. Sondern natürlich auch in weniger tiefen Gefühlen und Verbindungen zueinander. Als Beispiel brachtest du Katastrophenschutz in einer Nachbarschaft oder einem Stadtteilgebiet, und dass es ruhig verpflichtend sein sollte; auch, um das Gemeinschaftsgefühl wieder zu stärken. Ich habe mich im Moment des Gesprächs dadurch eingeengt gefühlt. Und konnte nur recht pauschal sagen warum. Nun habe ich mehr Worte gefunden: Aus unseren jetzigen Erfahrungen heraus glauben wir zu wissen, welche Arten von Katstrophenschutz es geben sollte. Ich glaube das aber nicht. Ich glaube nicht, dass wir von heute aus überblicken können, was wir brauchen werden, und was uns im Ernstfall schützen wird. Klar, Hochwasser, Sturm, Krieg, wir haben Erfahrung. Aber was genau wie kommen wird, und wie es uns und unsere Gesellschaft wann verändern wird, ich glaube, davon haben wir teils noch nicht mal ein Gespür. Wir wollen momentan noch viel rational begreifen und angehen und eintüten; als „gute“ Menschen „vorausschauend handeln“ usw. Und im Grunde wollte ich mit meiner Klimaarbeit all die Jahre auch nichts anderes erreichen, als dass alle mitmachen, verpflichtend. Politik da oben, zweite Ordnungs-Politik zugehört, mach Hokus Pokus, sorge dafür! Lass uns nicht wissentlich sterben! Bis ich merkte, dass viele Forderungen, für die ich auf der Straße stand, vielleicht gar nicht in die planetaren Grenzen führen. Sondern uns nur einen inhaltlich vielleicht minimal anders ausgelegten Kapitalismus bringen würden, der aber genauso in die Zerstörung führen wird. Ich beruhigte mich dann immer: egal erstmal, Hauptsache etwas wird getan, Hauptsache, das Denken und die Dinge kommen in Schwung und dann weitersehen. Denn jedes Denken und Handeln wird neues Denken anregen. Aber fuh, ich habe keine Energie mehr für den „alten“ Klimakampf, für den, der rational geführt wird und alleinig die Wissenschaft sprechen lässt. Ich bin müde davon. Es fühlt sich nicht mehr wie mein Kampf an. Dafür wuchs meine Energie an anderen Denk-Orten wie Unkraut. Ich merkte: ich kann andere Netze knüpfen; ich knüpfe mich hinein in andere Netzwerke dieser Welt; vielleicht welche, die erstmal 5 oder 10 oder 50 Jahre (scheinbar) noch unbrauchbar sind und in denen außer mir und ein paar Verrückten niemand einen Nutzen sieht, aber dann… dann werden sie Leben retten. Vertraut mir.

Also sage ich, ich möchte meine „Verpflichtung für das Gemeinwohl“ in Arbeit stecken, die ich als sinnvoll empfinde. Und unter dieser Prämisse kann ich einer Verpflichtung zu Gemeinwohl unter Reduzierung von Lohnarbeitspflichten durchaus beipflichten. Ohne Reduzierung sehe ich das nicht. Dann ginge ja das ganze Geburn-Oute weiter. Dem Vier-Stunden-Frigga-Haug-Vorschlag kann ich beispielsweise was abgewinnen. Aber ich bitte zu beachten, dass wir uns dann nicht mehr im Kapitalismus befinden, wenn wir solche Modelle in Erwägung ziehen. 

Für manche mag Katastrophenschutz die absolut sinnvolle Gemeinwohlarbeit sein. Da bin ich froh! Go for it! Have fun! 

Aber ich, ich möchte andere Gemeinwohlarbeit tun. Ich bin überzeugt davon, dass nur Pluralität im Verständnis davon, was Gemeinwohlarbeit ist und beinhaltet, unsere Gesellschaft in neuen Gesellschaftsformen, die sich sicherlich ergeben werden, resilienter machen wird. Katstrophenschutz in bisheriger Form wird nicht ausreichen. 

Vielleicht – wir wissen es einfach nicht – wird eine Gemeinschaft dadurch gerettet, dass eine Person fähig ist, die Sterne zu lesen ohne technische Geräte. Dann werden wir im gegebenen Moment die Hände vor Freude zum Himmel strecken: Zum Glück haben wir damals die Begabung und das Talent dieser Person gefördert!, und schon damals – als das noch verpöhnt und als lächerlich und Zeit- und Energieverschwendung angesehen wurde – ihre Autorität anerkannt, auch wenn wir es nicht verstanden haben! 

Ich bin überzeugt davon, dass wir Künstler*innen und Poet*innen, die in lebendigem Kontakt mit der Welt stehen, brauchen, die uns ein Gefühl dafür geben können, in was wir gleiten, worin wir uns eigentlich befinden, die Ausdruck all dem verleihen, was wir (vielleicht) fühlen und selbst nicht ausdrücken können. (Ich entwickle diese Idee u.a. in meiner „Kunst auf der Spur“-Reihe.) Wir müssen in Bewegung bleiben in unseren Denk- und Fühlwelten, auch wenn uns die Angst und das Elend auffrisst. Weil sonst immer die Gefahr besteht, dass in uns das Böse – in welcher spezifischen Form auch immer – übernimmt. 

Sophie schreibt in The Body is a Doorway

„Patriarchat und Heteronormativität und Kapitalismus und menschliche Überlegenheit sind Geschichten. Und sie wurden ursprünglich einmal verfasst von jemandem mit einer sehr spezifischen Voreingenommenheit. Und es passiert in genau diesen unmerklichen und doch umfassenden narrativen Strukturen, dass wir oft wie Fliegen gefangen in einem Spinnennetz feststecken. Der einzige Weg raus ist, dieses Netz auseinanderzunehmen und neu zu weben, und zwar so eingespannt wie möglich, bis auch du zu einer Spinne geworden bist, verantwortlich für das Zusammennähen alternativer Netze komplexer Verbindungen.“ (S. 90, meine Übersetzung)

Wer oder was ist eigentlich böse?

Interessant: Auf die Bitte, mir ein Bild zu erstellen, das die philosophische Frage “Was ist das Böse?” enthält, ging es sofort in die Kopflastigkeit. (Ich musste CHatGPT nach dem ersten Bildversuch auch bitten, eine DenkerIN darzustellen und das Böse nicht als Teufel.)

Während ich das Wort „böse“ schreibe, frage ich mich auch immer, was das Böse eigentlich ist. Die sieben Todsünden? Ich denke und fühle mich nochmal in meinen Traum hinein. Es ist Fasching. Es ist ein Spiel… zumindest höchtwahrscheinlich „ohne ernsthafte Konsequenzen“. Es ist eine Stadt, die symbolisch Fake/Klischee/Kulisse darstellt. Kann in diesen verzerrten Zusammenhängen irgendetwas echt sein? Ist die Binarität Gut und Böse im „wahren Leben“ “echt”?, also außerhalb von Fasching, Klischeestadt und Spiel? Ist sie sinnvoll? Vielleicht ist es viel sinnvoller, gerade in das Böse, das uns so viel Angst macht, mehr Grautöne und Übergänge in die Betrachtung mit hineinzunehmen und so die menschliche Komplexität zu erhöhen. Nicht nur fragen: Wer oder was ist böse, sondern: Wie können wir die Person vom (jeweils ganz spezifisch) Bösen befreien. Das Böse Shahryars äußert sich im täglichen Tötenlassen von Frauen. Seine Vorstellung von Vertrauen war zerstört nach der Erfahrung mit seiner ersten Frau. Worin bestand ihr Betrug an ihm? Was hat ihr gefehlt in der Ehe? Und was an ihrem Betrug hat ihn bloß so ruiniert, was hat ihn derartig erschüttert? Warum findet er von sich aus keine anderen „Lösungen“ als das Töten von Frauen?

Ich bin mit Sophie der Meinung, dass es ihm vor allem an körpereigenen vorstellbaren anderen Welten mangelt. Dass es an heilsamen (entpatriarchalisierten, enttoxifizierten, nicht manipulativen, nicht hierarchischen usw. usf.) Kommunikationsformen und -erfahrungen mangelt. Und daran mangelt es uns allen!! Scheherazade tut, was eigentlich Mutterfiguren (darin inbegriffen auch Väter oder andere Bezugspersonen) tun sollten: dem Kind eine Sprache voller Vorstellungswelten und Worte für ihre eigenen Erfahrungen und Gefühle schenken. Shahryars Gewaltexzess entsteht, weil er sich gefangen im Spinnennetz fühlt und von sich aus nicht weiß, wie er zum Spinnenweber werden kann. 

Sprache als Hindernis

Man sagt ja immer so schön, Gewalt ist das letzte Mittel, das zum Einsatz kommt, wenn Worte nichts mehr erreichen. Nun leben wir in einer Welt voller machtpolitischer (Überlebens-)Interessen und Positionierungen von Staaten usw., in denen Worte eher eine Hürde sind, denn das friedliche, vertrauensvolle Zusammenleben von Gleichen ist nicht das Ziel, war in den meisten Fällen vielleicht auch noch nie das Ziel. Die einzig mögliche Vorstellungswelt, um sich selbst und vielleicht auch noch das Land zu „retten“, zu vergrößern o.ä., ist die Unterjochung oder Auslöschung des Anderen. Um diese Vorstellungswelt Realität werden zu lassen, sind Worte unnötig, muss man nur Gewalt einsetzen. Es geht in keinster Weise um Gespräche „von Herz zu Herz“ auf Augenhöhe. 

Ist diese Gewalt vergleichbar mit der von Shahryar? Ich habe darauf keine Antwort, aber gehen wir doch nochmal zu ihm. Was will Shahryar? Er will die Frauen eigentlich nicht auslöschen. Er will nur, dass sie ihn nie wieder verletzen. Man müsste ihm jetzt noch beibringen, dass dieser Wunsch nicht garantiert werden kann, aber vielleicht ist die Lektion ja auch in Scheherazades Geschichten enthalten. Shahryars Härte kann gebrochen werden, weil er ja eigentlich wahre Liebe und Vertrauen begehrt. Er braucht im Grunde „nur“ Hilfe und Anleitung, wie er seinem Begehren näherkommen kann. Also wären hilfreiche Fragen: Welche Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken, welcher Mangel an Vorstellungswelten, welche Unsicherheiten und Traumata hindern ihn – hindern uns – am Erreichen unseres Begehrens? Wie gesagt; manches kann in einer Lebenszeit nicht erreicht werden, aber für manches braucht es „nur“ die perfekte Heilerin und 1001 Nächte.

Ich muss auch immer an den Übersetzer*innenwettstreit zwischen Louise und ihrem Kollegen in Arrival denken: Sie – wie eine „kluge Bauerntochter“ – gibt dem Oberst, der noch nicht sicher ist, ob er sie oder einen ihrer Kollegen von einer anderen Uni für die Kommunikation mit den Aliens betraut, eine nahezu märchenhafte Frage mit auf den Weg zum Kollegen: „Fragen Sie ihn nach dem Sanskrit-Wort für ‚war/Krieg‘ und dessen Übersetzung.” Kurz darauf kommt der Oberst zu ihr zurück und überbringt ihr die Antwort: „‘An argument‘. Und was ist deine Übersetzung?“, fragt er sie. Und sie antwortet: „Der Wunsch nach mehr Kühen.“ Der Übersetzungsunterschied ist signifikant und alles entscheidend. Denn mit ihrer Übersetzung ist eine neue Vorstellungswelt eröffnet, der Lösungswege des Konfliktes in sich trägt. Mit der Antwort/Übersetzung des Kollegen hingegen bleibt einem nur, zu den Waffen zu greifen. 

Im Grunde ist die Frage ja auch nur: Was wollen wir? Wollen wir das Böse in der Welt haben und uns am intellektuellen Feuer, dass das Nachdenken in uns entfacht, wärmen? Wollen wir durch heftige Emotionen hindurch, die das Böse in uns auslöst – gefangen im Spinnennetz –, immer und immer wieder? Durch Aufzählung von Horror, Tragödien, Unmenschlichkeiten aller Arten, Benennung eines Schuldigen und Bösen usw. usf.? Und gleich ist die Spinne da, um uns zu fressen. 

Wie gesagt: natürlich gehört das Ordnen und Sortieren und Rationalisieren in einer funktionierenden Erinnerungskultur und Einordnung von Ereignissen, Trauerarbeit usw. usf. auch dazu. Aber es reicht eben nicht. Mit der Benennung und Verurteilung des Bösen verschwindet das Böse nicht. In der Klimabewegung gab es vor einigen Jahren den schönen Spruch: „Klimaarbeit ist Handarbeit.“ Sie meinten sicherlich vieles damit. Ich habe den Spruch für mich so verstanden, dass es mühselige „Kleinstarbeit“ bedeutet: nicht abbrechende Gespräche zwischen zwei oder mehr Menschen, auf Augenhöhe; ein In-Prozess-Gehen über Monate und Jahre, sogar für das ganze Leben und darüber hinaus, in denen gemeinsame Vorstellungswelten gedeihen, die alle Beteiligten verändern werden. 

In diesem Sinne kann ich mir vorstellen, mich sofort in jene verpflichtende Gemeinwohlgruppe einzuschreiben, die lernt, eine Spinne zu werden und die dann auch andere zu Spinnenweber*innen ausbildet. Und klar, wenn Hochwasser ist, lasse ich natürlich all meine Spinnennetze fallen und eile der Hochwassergemeinwohlgruppe zur Hilfe und akzeptiere ihre Autorität und bin dankbar für ihr Wissen, ihre Expertise und ihre eingeübte Praxis in der Not. Ich verbleibe dort, so lange ich gebraucht werde und nützlich bin. Dann kehre ich zu meinen Spinnennetzen und meiner Spinnennetzgruppe zurück. Denn ich weiß, es wird eine Zeit kommen, wo meine Spinnengruppe Leben retten wird, so wie Scheherazade ihr eigenes und das unzähliger weiterer Frauen mit ihren Geschichten gerettet hat.

********

Ich hatte übrigen vor ein paar Tagen noch einen Traum, den ich euch nicht vorenthalten möchte (an abolsuter Kurzform), der auch mit dem Thema zu tun hat.

Ich muss mit meiner Familie fliehen, über Wasser, in einer kleinen Holz-Gondel, ähnlich denen in Venedig (wir waren „in real life“ gerade in Venedig im Urlaub… so… no wonder). Es scheint uns bei der Flucht niemand gesehen zu haben, ein Glück, und wir leben eine Weile relativ sicher auf der anderen Uferseite in einem kleinen „Asyl“-Zimmer, das direkt ins Wasser führt. Eines Tages gehe ich zum Hafen, und da sehe ich ihn: einen Mann, der uns sucht. Neben mir sitzt plötzlich eine Person (ich weiß nicht, wer das ist) mit einem nackten weißen Baby auf dem Schoß. Ich weiß in dem Moment: das ist mein Baby, und das dort ist der Bruder von dem Baby. Das heißt – analysiere ich weiter –, dieser Mann dort ist (auch) mein Kind, mein Sohn. Und in mir bildet sich die folgende Frage: Bin ich unsagbar böse, weil ich einen unsagbar bösen Menschen geboren und erzogen habe – auch im Sinne von: “Ich habe das Böse in die Welt gesetzt” (und „böse“ ist er ja wohl, weil er uns jetzt sucht, um uns – seine eigene Familie! – zu töten), oder ist nur er unsagbar böse, oder sind wir beide unsagbar böse?

Ich habe das Gefühl, dass ich im Traum noch eine Antwort auf die Frage bekommen habe, aber tja, auch falls es sie gab, war sie leider beim Erwachen und Erinnern hinfortgeflogen. ;)

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elmerin sagt:

    hallo Anne
    mich würde interessieren, was der Anlass war an der Sitzung der Redaktion über gut und böse zu diskutieren.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Hallo Elmerin, ehrlich gesagt weiß ich das nicht mehr ganz genau, es war ein langes Gespräch, und die Weltlage mit all den Bedrohungen lädt dazu ein zu fragen, wie wir dem Bösen noch “Herr” werden können sozusagen. Und wir hatten auch das Thema, ob man Menschen (auch im Freundes- und Bekanntenkreis) vertrauen kann, die politisch ganz woanders stehen und etwas gutheißen, das man selbst zutiefst ablehnt. Ich habe hier auch verschiedene Gesprächsstränge vermischt – vielleicht ein bisschen schwer nachzuvollziehen…, zum Gemeinwohl zum Beispiel, und wie Menschen wieder mehr zusammenfinden.

  • Anne Lehnert sagt:

    Liebe Anne, vielen Dank für deine spannenden Gedanken. Vielleicht erfasse ich noch nicht alles.
    Mir gefällt deine Idee, dass Sprache, echter Austausch, Geschichten wichtig sind, um das Böse oder generell die Welt in Bewegung zu halten. Und dem Begehren auf der Spur zu bleiben, gegen alle Hindernisse und Beschränkungen.
    Ich überlege noch, was das für meine Lohnarbeit bedeutet, bei der es mir gerade an Kunst und Geschichten mangelt. Und ich glaube, dass das auch der Grund ist, warum mir das politische Engagement meiner Elterngruppe “gegen rechts” zu eng ist.
    Nun überlege ich, wie und mit wem ich mehr in Kontakt, in Geschichten, ins Erzählen kommen will….

  • Juliane sagt:

    Das ist ein sehr nachdenkenswerter Artikel, vielen Dank, liebe Anne. Viele der von Dir aufgeführten Gedanken gären noch in mir und vielleicht wird daraus noch ein Kommentar. Vorab möchte ich mitteilen, dass das Thema auf unserer Redaktionskonferenz durch den Eingangsartikel in Antje Schrupps aktuellem Newsletter https://steady.page/de/antjeschrupp/posts/ee1e5f2e-e173-4b8e-85d2-e0300043030f in unsere Runde kam. Ich denke, das ist eine gute Ergänzung zu Deinem Artikel.

  • FidiBogdahn sagt:

    Also, Anne,
    wenn ich nicht glauben würde, dass ein Teppich fliegen kann,
    könnte ich nicht leben.

  • Elmerin sagt:

    Hallo Anne, mir gefällt sehr gut, das Böse in Bewegung zu halten, wie du beschreibst. Das würde auch das Schwarz-Weiss-Denken verunmöglichen und so etwas monströs-patriarchales wie die “Achse des Bösen” entlarven. Es würde bedeuten, zu fragen, wo das Böse sich befindet, woher es kommt und wohin es sich bewegt. Es würde eine Geschichte, Geschichten ergeben. Dann könnten die Menschen dazu übergehen, was es braucht, um das Böse in Schach zu halten und Frieden herzustellen. Das ist Politik. Friedenspolitik.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Anne, Danke für deinen Kommentar. Ja, das ist eine spannende Frage, wie dem Mangel an Geschichten beigekommen werden kann. Ich glaube, indem man sehr viel Zeit in Suche und “unmögliche” Verknüpfungsmöglichkeiten steckt. Also ganz abseitige Gedanken und Geschichten – beispielsweise zu einem anderen Thema – können plötzlich auch in Abwandlung Sinn machen für den Ort des Geschichtenmangels. Es ist zeitaufwändig. Aber es macht Spaß und wach. Viele Dinge werden interessant, an denen man zuvor kein Interesse hatte. Ich persönlich nutze Träume sehr ausgiebig: ich stelle abends vor dem Einschlafen Fragen an meine Träume. (Im Falle von den oben geschilderten habe ich das nicht gemacht, die kamen einfach) Innerhalb von 2 Wochen kommen oft sehr spannende Antworten in Form von “Traum-Geschichten”. Aber dafür muss man ein Traumtagebuch schreiben, und auch das ist zeitaufwändig und auch morgendliche Aufwach- und Routineveränderungen zieht das nach sich. Aber ja, Träume bringen mich in ungeahnte und sehr “andere” Denkprozesse mittlerweile, auf die ich “allein” nicht gekommen wäre. Und das, was du sagst zu der “Gegen-rechts”-Gruppe… ja, das fühle ich auch so sehr in der Klimabewegung. Es ist alles sehr hart und pro und Kontra und Anti… alles in gut und böse eingeteilt, ne. In dumm einerseits und “fähig zum rationalen Denken” andererseits. “Warum verstehen die nicht… man muss doch nur seinen Verstand anmachen und alles wird Licht.”Das ist für mich eben eine “flache Geschichte”. Auch die Menschen, die wir für dumm halten, sind komplexe Wesen. ich hatte das schon in der bzw-Sitzung gesagt, aber ich glaube, oftmals ist es ein “Gesehen-Werden”-Problem: Du willst dich in meinen Standpunkt nicht einfühlen, also fühle ich mich in deinen auch nicht ein.” Wenn man sich die Zeit nimmt und das macht, dann kommt oft raus, dass die Gründe der Verhärtung nicht in “zuviel Migration” liegen, sondern in ungelösten Stress-Faktoren im eigenen Leben, für die Menschen keine Lösung und/oder auch keine Formen der Kommunikation haben. Und die “Vernunftbegabten”, die sagen, “nun, ich habe auch Stress, aber hasse ich deswegen gleich andere Menschen? Falle ich deswegen auf rechte Propaganda rein?” Das ist jetzt bissn vereinfacht alles natürlich… aber ich meine nur, ich glaube, vieles würde sich schon lösen mit einem ehrlich gemeinten “Wie geht es dir?” Ich meine damit natürlich nicht rechte Vordenker*innen, die ja genau diese Stresspunkte, den Lösungsmangel und Kommunikationsmangel und -unfähigkeit für ihre Zwecke nutzen und füllen. Wie äußert sich denn die Enge in deiner Elterngruppe genau?

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Juliane, das wäre spannend! Und danke für Antjes Artikel, das war mir komplett entgangen. Ich habe ihn gleich mal gelesen. Zu Lilith habe ich mir in letzter Zeit auch viele Gedanken gemacht. Irgendwie kommt der Archetyp der wilden monströsen Göttin, des Weiblichen, das in keinster Form ins Patriarchat integrierbar ist, momentan durch, oder? Medusa begegne ich auch gerade überall, nicht nur in Form von Heidi Klum im Halloweenkostüm, aber ja, auch da. :) Ansonsten ergänzen sich die Texte gut, ja, sehr schön!

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Elmerin, mir kam jetzt noch spontan der Gedanke, dass das Böse vielleicht immer da ein leichtes Spiel hat (im Sinne von Antjes Text, “verführen kann”), wo die Person nicht nahe am eigenen Begehren ist. Also da, wo sie sich weit weg von dem befindet, was ihr eigentlich gut tut oder was ihr helfen würde, um dem eigenen Begehren näher zu kommen. Wenn ich einen Menschen in meinem Leben halten will, weil ich denke, wenn ich ihn verliere, verliere ich alles, was mir wichtig ist… dann traktiere ich ihn mit Eifersucht usw…. dann komme ich ja weder meinem Herzbegehren näher (wahre Liebe in Vertrauen, in meinem einfachen Beispiel hier), noch finde ich den Grund für meine Angst, meine Partner*in zu verlieren. Sobald ich fragen würde, oder ich gefragt werden würde… woher resultiert die Angst, wovor hast du solche Angst? Was nährt die Angst?, und mir dann beim In-Sprache-bringen geholfen wird, dann komme ich der Entstehung des “Bösen” (in Form von einer Eifersucht, welche die andere Person in ihrer Freiheit einschränkt) zuvor… oder kann “das Böse” besiegen. In diesem Sinne müssten wir alle immer daran interessiert sein und darauf achten, dass jede Person ihrem Herzbegehen näherkommt. So einfach ist das. ;)
    Im Falle von “großer Politik” also zwischen Staaten usw…. da bin ich wie gesagt unsicher. Weil es oft nicht das Ziel ist, sich auf Augenhöhe zu begegnen, eben um ein Land zu unterjochen. Aber ja… wer weiß… vielleicht müssen auch einsame Herrscher einfach nur mal in den Arm genommen werden und die ernst gemeinte Frage “Wie geht es dir?” gestellt bekommen und in ihre Körper lassen, und schon würden sie ihre Weltpolitik ändern, who knows.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Ich hatte das schonmal irgendwo geschrieben, aber es ist grundsätzlich fürs Weiterdenken auch von Gesellschaften wichtig mitzudenken, dass “das Böse” aktuell systemimmanent ist. Wenn eine Person sagt, ich mach den Job nicht, der ist mir zu schmutzig, dann muss ihn eine andere machen. Irgendwer muss lebendige Landschaften in tote Produkte umwandeln in einer Gesellschaftsform, deren Fundament wirtschaftliches Wachstum ist. Und es ist auch systemimmanent, wenn das System pervertiert, denn das Wahlversprechen nicht nur in Deutschland ist “Wohlstand um jeden Preis”, und es gibt immer Personen, die sagen, “ich kriege noch mehr raus ‘für uns'” (MAGA zb), was gleichbedeutend ist mit “ich mache noch größere Schweinereien”. Und “die Schweinereien” (sry Schweine… das ist auch so falsche Sprache…) laufen immer auf Kosten anderer Lebenswelten auf einem begrenzten Planeten (z.B. auf Kosten der Schweine). Es ist also im Grunde nur eine Frage der Entscheidung, wer den “bösen Part”/die dreckige Arbeit übernimmt, damit der Rest mit geschlossenen Augen “gut” bleiben kann innerhalb dieses “Es gibt kein richtiges Leben im Falschen(, aber ich versuche es eben trotzdem – mit schlechtem Gewissen etc.pp. – so richtig wie möglich zu leben)”. Es gehört in die Arbeitsteilung mitgedacht. Und hier ist der wahre Kern an dem ganzen “Trump spricht nur in direkter Sprache aus, was davor auch schon immer getan wurde” (z.B. andere Länder “untertan” halten). Alle Lügen funktionieren nur, weil es immer wahre Bestandteile gibt, die verzerrt etc. werden, und um die in großen Massen Lügen geklebt werden. Das ist der Grund, warum wir manchmal fühlen, dass die andere Seite (die Demokraten in den USA zb, aber auch hier) tatsächlich ihre moralische Überlegenheit auf dünnem Eis aufbaut.

Weiterdenken

Menü