Forum für Philosophie und Politik
Von Dorothee Markert

Am 23. November 2025 wurde in Darmstadt der Luise-Büchner-Preis für Publizistik an unser Redaktionsmitglied Antje Schrupp verliehen. Wir veröffentlichen hier die Laudatio von Dorothee Markert.
Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Jury, liebe Antje,
Ich freue mich sehr, dass Antje Schrupp heute den Luise-Büchner-Preis verliehen bekommt. In meiner Laudatio möchte ich, anhand von Erfahrungen aus unserer langjährigen Zusammenarbeit und politischen Freundschaft, über zwei Themen sprechen. Vor allem werde ich natürlich unterstreichen, dass Antje Schrupp diesen Preis mehr als verdient hat, indem ich zu Ihrer Begründung, verehrte Jury, noch Beispiele erzähle und sie durch einige weitere Punkte ergänze. Und außerdem möchte ich vermitteln, wie produktiv Differenz sein kann, wenn zwei oder mehrere Personen sich gegenseitig immer wieder Autorität zusprechen und wenn es – wie in unserem Fall – ein starkes gemeinsames Begehren gibt.
Meine erste Begegnung mit Antje Schrupp hatte ich 1998 bei einer Tagung der Gruppe „Weiberwirtschaft“, zu der Andrea Günter eingeladen hatte. Diese bemühte sich, ebenso wie ich, aber in anderen Kontexten, schon etwa 10 Jahre lang um die Vermittlung des Denkens der Differenz-Philosophinnen aus Mailand und Verona. Gerade hatte ich mein Referat gehalten, in dem ich aus meiner Arbeit mit benachteiligten Kindern berichtete. Vermitteln wollte ich wohl, dass die Probleme dort nicht mit Geld allein gelöst werden könnten, sondern dass sich an der Erziehungsarbeit etwas ändern müsste. Ich war sehr erschrocken, als ich damit bei den Zuhörerinnen einen Shitstorm auslöste. Mehrere von ihnen warfen mir vor, mich abwertend über Mütter geäußert zu haben. Da meldete sich eine junge Frau zu Wort – es war Antje Schrupp – und sagte, völlig unbeeindruckt von der aggressiven Stimmung, sie fände das eigentlich ganz interessant, was ich gesagt hätte, worauf sie einige Punkte nannte, die ihr einleuchteten. Die Unerschrockenheit, mit der Antje Schrupp sich damals in die Diskussion einbrachte, hat mich sehr beeindruckt.
Hier haben wir also schon zwei Punkte, die Sie, liebe Jury, als Gemeinsamkeit zwischen Luise Büchner und der Preisträgerin genannt haben. Während der erste auch Antje Schrupp und mich verbindet – die Offenheit gegenüber Veränderungen und die Bereitschaft, Überkommenes in Frage zu stellen –, haben wir im zweiten unsere wahrscheinlich größte Differenz: in ihrem Mut, klar Stellung zu beziehen, auch wenn das möglicherweise einen Shitstorm auslösen könnte.
Nachdem Antje Schrupp sich dem Vorhaben von Andrea Günter und mir angeschlossen hatte, das italienische Geschlechterdifferenz-Denken im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, begann eine ungeheuer produktive Zusammenarbeit. Bis Ende 1999, also in nur eineinhalb Jahren, übersetzten und veröffentlichten wir zwei Bücher mit Texten aus vier Sammelbänden der Philosophinnengruppe Diotima aus Verona und Artikeln aus der Zeitschrift des Mailänder Frauenbuchladens. Zu viert entwarfen wir ebenfalls in dieser Zeit die Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn“. Als wir nach mehreren Wochenenden intensiver Denkarbeit angesichts von zwei sehr unterschiedlichen Textvorschlägen von Andrea Günter und mir etwas ratlos waren, übernahm Antje Schrupp mit beeindruckender Nonchalance die mir als beinahe unlösbar erscheinende Aufgabe, daraus einen publizierbaren Text zu machen.
Ich wusste damals noch nicht, dass Antje erst vor etwa einem Jahr Feministin geworden war. Feminismus, so hatte sie bis dahin gedacht, sei für manche Frauen sicher eine gute Sache, doch sie brauche ihn nicht, sie sei ja schon emanzipiert. Als sie bei einer Tagung für eine Radiosendung Chiara Zamboni interviewte, eine der Diotima-Philosophinnen, geschah etwas Unerwartetes: Chiara stellte ihr ihrerseits auch Fragen, die Antje so sehr ins Nachdenken brachten, dass sie verstand, dass Feminismus etwas Größeres sein kann als Emanzipation und Gleichstellung. Dieses Gespräch setzte bei ihr eine unermüdliche Arbeit in Gang, angetrieben von dem Begehren, dem eigenen Frausein Sinn zu verleihen und sich für Freiheit und Würde von Frauen einzusetzen. Für eine Welt, in der am guten Leben für alle gearbeitet wird, brannte sie als Anarchistin, die gerade über Revolutionärinnen aus der Zeit vor 150 Jahren promovierte, ja sowieso schon.
Nach unserer dritten Flugschrift-Tagung 2001 wäre unsere Zusammenarbeit vielleicht schon zu Ende gewesen, wenn Antje Schrupp mich nicht immer wieder eingeladen hätte. Zunächst zu einer Gruppe, die einfach nur miteinander denken wollte. Wir treffen uns immer noch einmal im Jahr zu einem Wochenende „Kultur-Schaffen“, wie wir unser Anliegen genannt haben, wobei unsere Themen aus dem hervorgehen, was uns jeweils auf den Nägeln brennt. Über dieses Von-sich-selbst-ausgehende Denken hat Chiara Zamboni später ein Buch geschrieben, „Denken in Präsenz“, sie nannte diese Praxis ihrer Philosophinnengemeinschaft auch „mündliche Philosophie“. Wir wollen bei unseren Treffen nichts gemeinsam produzieren, unsere Erkenntnisse fließen jedoch in die Kontexte ein, in denen wir jeweils arbeiten. Dazu gehört auch das Projekt bzw-weiterdenken, das 2006 begann. Die Verlegerin Christel Göttert hatte Antje Schrupp als erfahrene Journalistin eingeladen, eine Zeitschrift herauszugeben, die an ihrem Frauen-Verlag angesiedelt sein sollte. Antje fragte zunächst unsere ganze Denkgruppe, ob wir das mit ihr gemeinsam angehen wollten. Drei von uns machten schließlich dauerhaft mit. Es stellte sich als kluge Entscheidung heraus, ein Internetforum daraus zu machen. Inzwischen findet sich auf bzw-weiterdenken ein riesiger Fundus an Artikeln, Übersetzungen, Buch-, und Ausstellungsbesprechungen, Tagungsberichten und vieles mehr.
Kein Verständnis hatte unsere Preisträgerin übrigens für ältere Feministinnen, die sich weigerten, all die neuen Möglichkeiten des Internets zu nutzen, wie sie das tat. Sie beklagte sich bitter darüber und sprach davon, die Frauen würden damit eine „künstliche Selbst-Veralterung“ betreiben. Ich fand es anfangs auch etwas übertrieben, wie wichtig es Antje war, die Zahl ihrer Follower in den sozialen Netzwerken in die Höhe zu treiben. Doch irgendwann verstand ich, dass ja auch unser Internetforum bzw-weiterdenken von der großen Reichweite profitierte, die sie sich und damit auch uns erarbeitet hatte.
Ein weiterer Kontext, zu dem Antje Schrupp mich einlud und in dem wir eine Zeitlang intensiv zusammenarbeiteten, war die Gruppe „Gutes Leben im ausgehenden Patriarchat“ mit Frauen aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und den Niederlanden. In dieser Gruppe lag der Schwerpunkt darauf, wie wir unsere vielen guten Ideen am wirkungsvollsten in die Welt bringen könnten. Wir schrieben schließlich das „ABC des Guten Lebens“ und veranstalteten 2013 in Vorarlberg eine große Tagung, die wir „Denkumenta“ nannten. Dort stellten wir unser ABC zur Diskussion. Eine zweite und eine dritte „Denkumenta“ folgten bis jetzt, bei der zweiten entschieden sich in einem Workshop von Antje Schrupp gleich drei jüngere Frauen zur Mitarbeit in der Redaktion von bzw-weiterdenken, worüber wir sehr froh sind. Erwähnen möchte ich noch, zu welchen der 56 Stichworte unseres ABCs Antje Schrupp die Texte schrieb: Es ist „Autorität“, „Differenz“, „Freiheit“, „Konflikt“, „Liebe“, „Verhandeln“ und „Vermitteln“. Ich finde, dass diese Texte zu den klarsten und schönsten gehören, die sie geschrieben hat.
Von einer weiteren Situation aus unserer Anfangszeit möchte ich noch erzählen. Schon zum zweiten Mal waren wir nach Südtirol eingeladen worden, um bei einer Fortbildungstagung zu sprechen, diesmal nach Meran. Für uns war es immer besonders schön, wenn mehrere Differenzfeministinnen zu einer Tagung eingeladen wurden. Diesmal waren wir sogar zu dritt. Wir wurden in einem edlen Hotel mit Pool verwöhnt und genossen das sehr. Als Antje und ich vor unserer Rückfahrt auf dem Bahnsteig auf unseren Zug warteten, äußerte ich anhand der Rückmeldungen unserer Zuhörerinnen den Verdacht, dass diese unser Anliegen wohl nicht wirklich verstanden hätten. Wir überlegten gemeinsam, wie eine bessere Vermittlung gelingen könnte. Antje erzählte dann von den Frauen der ersten Internationale, wie diese pausenlos herumgereist waren und Reden gehalten hatten. Ich weiß nicht mehr, ob wir damals schon die Gedanken der Philosophin Simone Weil kannten, über die Antje Schrupp später, in der Anfangszeit unseres Onlineforums, den Artikel „Neue Gedanken in die Welt bringen“ schrieb. Ich denke aber, dass unser damaliges Gespräch, das uns ungeheuer faszinierte, in eine ähnliche Richtung ging.
Simone Weil schrieb, es sei anstrengend und bedürfe großer Aufmerksamkeit, eine neue Idee aufzunehmen. Man werde nicht auf eine Person hören, die versuche, etwas Neues darzulegen. Denn weil die anderen diese Wahrheit nicht kennen, würden sie sie nicht als solche gelten lassen; sie könnten nicht begreifen, dass das, was man ihnen da vortrage, wahr sei, – sie widmeten dem nicht genug Aufmerksamkeit, um es zu merken, denn nichts treibe sie, diese Anstrengung der Aufmerksamkeit zu leisten. Die Freundschaft aber, die Bewunderung, die Sympathie oder jedes andere Gefühl des Wohlwollens würde sie ohne weiteres zu einem gewissen Grad der Aufmerksamkeit veranlassen. Eine Person, die etwas Neues zu sagen hat, könne also zuerst nur bei denen Gehör finden, die sie lieben oder ihr zumindest Wohlwollen entgegenbringen.
Unser Gespräch war so intensiv, dass wir nicht merkten, dass hinter unserem Rücken unser Zug schon längst angekommen und wieder abgefahren war. So mussten wir in halsbrecherischem Tempo mit einem Taxi zum nächsten Bahnhof fahren, um wenigstens unsere weiteren Anschlusszüge noch zu erreichen.

An diese Situation habe ich oft gedacht, da unsere Preisträgerin – im Gegensatz zu mir – tatsächlich zu einer solchen Vermittlerin wurde, wie wir sie uns in diesem Gespräch vorgestellt hatten. Sie reist herum (obwohl die Bahn es ihr in letzter Zeit immer mehr erschwert), hält Vorträge, führt Diskussionen und meldet sich auf viele andere Weisen und an ganz unterschiedlichen Orten öffentlich zu Wort. Ich habe immer wieder Antjes Geduld und Ausdauer bewundert, mit der sie sich bemühte, anderen Menschen dieses andere feministische Denken, das Denken der Geschlechterdifferenz, zu vermitteln. Und dabei lernte sie überall Menschen kennen, in ganz unterschiedlichen Kontexten. So entstanden an vielen Orten neue politische Freundschaften, die die Bereitschaft, sich für Neues zu öffnen, erleichterten. Und das galt natürlich für beide Seiten, denn auch Antje Schrupp war und ist ja bereit, anderen zuzuhören und immer auch damit zu rechnen, dass diese sie mit einem Gedanken oder einer Position, die ihr zunächst fremd waren, überzeugen könnten.
Ein weiterer Punkt, den ich hervorheben möchte, ist neben Antjes großem Fleiß auch ihre außergewöhnliche Großzügigkeit, beides ebenfalls eher in Differenz zu mir. Als wir uns kennenlernten, hatten Frauen gerade erst begonnen, ihr „geistiges Eigentum“ zu schützen, und das taten manche auch gegenüber anderen Frauen. Die Frauenbewegung hatte nämlich das Ausmaß aufgedeckt, in dem die geistige Arbeit von Frauen in den vergangenen Jahrhunderten von Männern als ihre eigene ausgegeben worden war. Ich fragte Antje Schrupp damals sogar, ob sie ihre Vortragstexte, die sie alle auf ihre Internetseite gestellt hatte, nicht schützen wolle. Doch das hätte nicht zu ihr gepasst. Im Gegenteil. In den folgenden Jahren kamen immer mehr „Geschenke“ hinzu, für alle, die sie haben wollten: Sie stellte nicht nur all ihre Vorträge zur Verfügung, zunächst auf ihrer Website, dann auf mehreren Blogs. Bei Radiobeiträgen, Vortrags- und Diskussionsmitschnitten, Podcast-Einladungen und ihren Print-Kolumnen verhandelte sie sogar über eine Aufhebung der Bezahlschranke oder regte Veranstalterinnen zu Video-Mitschnitten an. Wer Antje Schrupps Newsletter abonniert hat, bekommt regelmäßig eine Fülle solcher „Geschenke“ zusammen mit den Informationen über ihre nächsten Vortragstermine. Inzwischen schreibt sie jedes Mal einen Text über ein aktuelles Thema, das sie gerade beschäftigt. Zudem bekommen wir Links zu allem, was irgendwo von ihr veröffentlicht wurde oder wo sie teilgenommen hat. Und dann gibt es auch noch die YouTube-Videoreihe „Antje las ein Buch“, wo sie einfach so über die Bücher spricht, wie sie es einer Freundin erzählen würde, die sie gerade danach gefragt hat.
Die Buchveröffentlichungen unserer Preisträgerin waren für mich ebenfalls Geschenke. Keine Angst, ich werde jetzt nicht im Einzelnen erzählen, welches Buch mich womit überrascht hat, wie anfängliche Skepsis sich auflöste, wie ich mich beim Lesen als unzureichend informiert oder vorurteilsbeladen ertappte, was ich plötzlich begriff und wie sich manche meiner Einstellungen beim Lesen veränderten. Nur zu dem Buch „Methusalems Mütter“ möchte ich noch etwas sagen, denn ich befürchte, dass es in Vergessenheit geraten könnte. Ich würde mir dazu etwas Ähnliches wünschen, wie Antje Schrupp es nach „Schwangerwerdenkönnen“ mit dem kleinen Buch „Reproduktive Freiheit“ verfasst hat. Entgegen der allgegenwärtigen Klage über eine „Überalterung“ unserer Gesellschaft ist es für Antje Schrupp nämlich ein Grund zu Freudensprüngen, dass wir heute die Chance haben, viel älter zu werden als frühere Generationen. Sie schreibt, es könne nur gut für unsere Gesellschaft sein, wenn sie sich so umgestalte, dass alte Menschen besser hineinpassen, und macht einige Vorschläge dazu.
Eine weitere Differenz zwischen der Preisträgerin und mir wurde mir eigentlich erst beim Schreiben dieser Laudatio bewusst. Außer zu unseren gemeinsamen philosophischen Lehrmeisterinnen hatte Antje immer auch noch einen starken Bezug zu revolutionären Feministinnen aus früheren Zeiten. Schon in dem ersten Artikel, den ich von ihr las, bevor ich sie persönlich kennenlernte, schrieb sie von „affidamento“, sich anvertrauen, zwischen Frauen über Generationen hinweg. Erst jetzt verstehe ich, dass dieser größere Rahmen, in dem sie sich verortete, ihr einen Weitblick gab, der mir fehlte, weshalb mich Rückschritte eher resignieren ließen. Antje Schrupp schreibt dagegen am Ende ihres zuletzt erschienenen Buches „Unter allen Umständen frei“, wir könnten aus dem Beispiel der drei Aktivistinnen, von denen das Buch handelt, auch Hoffnung schöpfen:
„Gesetze und Institutionen, die sich geschlechtlicher und sexueller Freiheit verschrieben haben, können leicht wieder abgeschafft werden, […] Was sich aber nicht so leicht ändern lässt, ist das Bewusstsein über die Würde und die Freiheit von Frauen, das eine unermüdliche feministische Kulturarbeit im Wissen der Gesellschaft verankert hat. Diese tiefe Überzeugung lässt sich nicht mit einem autoritären Federstrich ausradieren. Sie lässt sich nicht ausmerzen, indem man ihr staatliche Finanzierung entzieht. Sie ist das, worauf sich die Freiheit der Frauen und letztlich die Freiheit aller Menschen gründet (S. 211).“
Herzlichen Glückwunsch Antje Schrupp!
Und danke für diese differenzierte und humorvolle Laudatio.
Antje Schrupp bringt mich mit ihren Texten immer wieder zum anders bzw. neu Denken – das bewundere ich ganz besonders :)
Herzliche Glückwünsche an Antje Schrupp, für mich eine der wichtigsten Feministinnen, mit der ich das Glück haben, in Zeitgenoss:innenschaft zu leben. Und immer wieder werde auch ich beschenkt mit ihren Texten. Diese sind für mich oft entscheidender Anstoß zum weitermachen in meinem eigenen Frauenleben mit Denken, Schreiben und Wirken :-)
Ein ausführlicher Bericht von der Preisverleihung mit Antjes Dankrede im Wortlaut findet sich im Podcast BuechnersWelt, online in Kürze auf allen podcastkanälen – Spotify, apple Podcast usw.
Infos und Bilder unter http://www.geschwisterbuechner.de
Laudatio domina(m) !