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Care ins Zentrum: Die Verabredung von Tlatelolco und ihre Bedeutung für den Rest der Welt

Von Ina Praetorius

Beim 10. Jubiläum der Regionalgruppe Rhein-Main für ein Bedingungsloses Grundeinkommen am 27. September 2025 in Frankfurt am Main hielt Ina Praetorius den Festvortrag. Zum Nachlesen hat sie uns das Manuskript für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Ina Praetorius bei ihrem Vortrag in Frankfurt. | Foto: Antje Schrupp

Doch, es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Eine kam kürzlich aus Lateinamerika und heißt Compromiso de Tlatelolco.

Worum es dabei geht, werde ich gleich skizzieren. Danach denke ich darüber nach, was das Tlatelolco Commitment für den Rest der Welt, also zum Beispiel für Europa, und speziell für die europäische Care-Bewegung und die Neuausrichtung der Bewegung für ein Bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet oder bedeuten könnte.

Mexico City, August 2025

Tlatelolco ist ein Stadtteil von Mexico-City. Dort haben am 15. August 2025 dreiunddreißig Staaten Lateinamerikas und der Karibik, die Mitgliedsstaaten der CEPAL (“Comisión Económica para América Latina y el Caribe) eine «Dekade der Aktion für tatsächliche Geschlechtergleichheit und eine Care Gesellschaft (2025-2035)» ausgerufen. Ziemlich genau fünfzig Jahre nach der ersten UNO-Frauenkonferenz, die im Jahr 1975 ebenfalls hier stattfand.

Ein paar Tage vorher, am 7. August 2025, hat der lateinamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte Care – Cuidado, Fürsorge – als eigenständiges Grundrecht anerkannt, und zwar in einem dreiteiligen Verständnis: als Recht, Sorgearbeit zu leisten, als Recht, Care in Anspruch zu nehmen, und als Recht auf Selbstfürsorge (Link). Und pünktlich zum Beginn der Dekade hat die CEPAL ein etwa 150 Seiten starkes Grundsatzpapier herausgegeben, das «The Care Society» («Sociedad de Cuidado») heißt. In diesem Dokument, das auf eine Jahrzehnte lange Debatte zurückblickt, erscheint Care, also die Sorge für sich selbst, für andere und für den Lebensraum Erde, als übergreifendes gesellschaftliches Organisationsprinzip und als Motor für sozial-ökologische Transformation. Bis ins Detail wird erklärt, welche Maßnahmen es auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen braucht, damit eine Gesellschaft caring – sorgend, vorsorgend, sorgfältig – wird. Vorgeschlagen werden zum Beispiel Investitionen in sozialrechtlich abgesicherte und gut bezahlte Arbeitsplätze im Pflegesektor, Unterstützung von pflegenden Angehörigen, Bildungsmaßnahmen zur besseren Sichtbarkeit von Care-Arbeit, genauere Statistik, angepasste urbane Mobilität, Unterstützung zivilgesellschaftlicher Caring Communities, Rücksicht auf die Fürsorgepraxen indigener Kulturen und vieles mehr.

Es gibt da also im Raum Lateinamerika und Karibik eine Konzentration von zusammenhängenden Entwicklungen, Denkprozessen und Ereignissen, die in Richtung auf eine care-zentrierte Zukunft weisen. Dazu gehört auch, dass die UNO-Vollversammlung am 23. Juli 2023 den 29. Oktober zum International Day of Care and Support erklärt hat. All das war aus europäischen Medien – mit Ausnahme einiger kleiner spanischsprachiger Publikationen – bisher nicht zu erfahren, was ein Fehler ist und sich ändern sollte.

Was bedeutet der Compromiso de Tlatelolco für Europa und die Care-Bewegung hierzulande?

An den Ereignissen rund um das Tlatelolco Commitment lässt sich erkennen, dass die so genannte «Erste Welt» auf dem Weg in eine Gesellschaft, die die Sorge füreinander und für den Planeten in die Mitte rückt, nicht voraus geht. In der Alten Welt der Kolonialherren neigen ja viele noch immer dazu, Europa und den «Westen» stets als Spitze des Fortschritts zu sehen und «die Anderen», vor allem die im Süden, für arm, zurückgeblieben und entwicklungsbedürftig zu halten. Wenn wir Mitteleuopäer*innen Vorbilder für eine gute Care-Politik suchen, dann schauen wir meist bewundernd – und auch nicht ganz ohne Grund – nach Norden, nach Skandinavien, aber eher nicht nach Süden. Diese Attitüde sollten wir uns abgewöhnen.

Die Denk- und Handlungswerkstatt WiC (Wirtschaft ist Care), die ich vor zehn Jahren mitbegründet habe, ist seit 2023 Mitglied der Global Alliance for Care (GAC). Auch die GAC hat ihren Sitz in Mexico City. Wir haben durch dieses Engagement schnell gelernt, dass die Bewegung für eine care-zentrierte Zukunft längst global ist. Es ist seltsam, dass wir das nicht schon vor unserem Beitritt zur GAC wussten. Aber wir werden eben hierzulande, wie gesagt, schlecht informiert, wenn es nicht um Fußballweltmeisterschaften, Präsidentschaftswahlkämpfe und andere Katastrophen geht, sondern um die Frage, wie die Menschheit auf dem verletzlichen Planeten Erde gut zusammenleben kann.

Von den genannten Entwicklungen in Lateinamerika lässt sich lernen, dass es möglich ist, in Care-Diskursen die vom Patriarchat vorgegebene Fokussierung auf Hetero-Kleinfamilien aufzugeben. Mir fällt immer wieder auf, wie schnell bei uns Alltagsgespräche über Care-Arbeit schnell zu Klagen über Hetero-Zweierkisten werden. Zum Beispiel so: Männer sollten sich endlich mehr an Familienarbeit beteiligen, Frauen sollten Männern nicht im Wege stehen, wenn sie endlich im Haushalt «helfen» (?). Selbstverständlich habe ich und hat auch die CEPAL nichts gegen hilfsbereite Männer einzuwenden. Aber im Compromiso de Tlatelolco ist klar gesagt, dass die Sorge füreinander eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und nicht Sache von Ehepaaren und Kleinfamilien ist: Care geht alle an, weil alle Menschen fürsorgeabhängig sind. Care hat zwar eine weibliche Geschichte, aber die care-zentrierte Zukunft ist eine allgemeinmenschlich-ökologische Angelegenheit.

Care wird in den lateinamerikanischen Texten durchgehend als eine Dimension gesehen, die Soziales und Ökologie gleichermaßen umfasst: Es geht um Sorge für mich selbst, für andere Menschen und fürden Planeten. Hierzulande ist die Bewegung für eine care-zentrierte Zukunft dagegen oft noch getrennt von der Umweltpolitik, in diesem Sinne: den Einen geht’s um Kitas, Altersheime, Pflegepersonal und Hausarbeit, den Anderen um erneuerbare Energien, Plastikvermeidung und Veganismus. Vom Compromiso de Tlatelolco lässt sich lernen, dass Care-Krise und Umweltkrise ursächlich zusammenhängen: Beide beruhen auf mangelnder Sorgfalt.

Ein weiterer Aspekt ist in den lateinamerikanischen Texten zwar nicht eigens reflektiert, mir aber sehr wichtig: Mit dem Begriff Care rücken Realitäten und Begriffe ins Zentrum, die in der Frauenbewegung beheimatet sind. Postpatriarchales Denken rückt damit programmatisch vom Rand in die Mitte: Was traditionell Frauen tun, wird transformiert in ein Kriterium für alles, was alle tun – wie Caroline Krüger hier im Forum geschrieben hat. Das ist für mich ein Grund zum Feiern, denn jetzt verlassen postpatriarchale Denker*innen/Aktivist*innen die Position als Bittsteller*innen am Rand und stellen sich als Autoritäten in die Mitte. Aus der Perspektive der Fürsorge für Menschen und die Erde definieren wir das Ganze der Wirtschaft neu, oder geben ihm vielmehr seine alte, seine traditionelle Bedeutung zurück. Denn der Begriff «Ökonomie» leitet sich von den beiden altgriechischen Wörtern oikos (Haus, Haushalt) und nomos (Gesetz, Theorie) ab, bedeutet also nicht Lehre von Profit und Geld, sondern Lehre vom guten Haushalten: Wirtschaft ist Care.

Und schließlich können wir von der globalen Care-Bewegung lernen, dass jede und jeder jederzeit Anfänge setzen kann, überall. Zum Beispiel könnten jede Stadt, jede Region, jedes Land auch in Europa zum Vorposten der care-zentrierten Gesellschaft werden. Nachdem der Compromiso de Tlatelolco jetzt in der Welt ist, ist das einfacher als vorher. Denn jetzt können Städte oder Regionen öffentlich proklamieren, dass sie sich von nun an ausdrücklich diesem Commitment anschließen und damit am lateinamerikanischen Leitbild der Sociedad de Cuidado (Care Society, Care Gesellschaft) orientieren. Das würde bedeuten: Statt Profit für wenige werden diese Städte, Regionen oder Länder in Zukunft ausdrücklich Care und damit das Wohlergehen aller in die Mitte rücken. Solchen Grundsatzerklärungen würden dann Taten auf vielen verschiedenen Ebenen folgen: Raumplanung, Finanzplanung, Gesundheitspolitik, Bildungspolitik, Kulturpolitik und so weiter. Und die Idee, dass Care nicht ein «weiblich» konnotierter Sektor, sondern ein Kriterium für alles ist, was alle tun, würde dann ausstrahlen über die Stadt- oder Landesgrenzen hinaus.

Die Care Society und das Bedingungslose Grundeinkommen

Eines der Konzepte, die als Ausweg aus dem bevormundenden Sozialstaat und als Weg in die wirkliche Freiheit schon lange diskutiert werden, ist das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Auch ich bin schon seit Jahrzehnten eine Befürworterin des BGE, allerdings nur, wenn es ausdrücklich eingebettet ist in eine care-zentrierte politische Ökonomie, also in eine Weltsicht, die sich grundlegend unterscheidet von der profitorientierten patriarchal-kapitalistischen Dogmatik, mit der wir es heute noch im medialen, wissenschaftlichen und polit-ökonomischen Mainstream zu tun haben. Deshalb habe ich im Dezember 2015, wenige Monate vor der Abstimmung über die «Eidgenössische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen» die Denk- und Handlungswerkstatt WiC (Wirtschaft ist Care) mitbegründet, deren Ziel es ist, ein postpatriarchales Denken zu entwickeln und bekannt zu machen, das Sorgetätigkeiten vom Rand in die Mitte rückt.

Ich erinnere mich: Als ich im Januar 2012 zum ersten Mal in Zürich im Komitee der BGE-Volksinitiative auftauchte, traf ich auf Leute, für die klar war: Ein Bedingungsloses Grundeinkommen zu bekommen, bedeutet im Wesentlichen, dass alle tun können, was sie wollen. Denn die Pflicht, bestimmte Dinge zu tun, weil wir damit unseren so genannten «Lebensunterhalt» verdienen müssen, fällt dann ja weg. Irgendwann in Randnotizen war zwar in dem Komitee, in dem ich dann vier Jahre lang für die Sichtbarkeit der Haushaltsproduktion kämpfte, zuweilen noch von «unbeliebten Arbeiten» wie zum Beispiel Kloputzen oder Müllentsorgung die Rede, die weiterhin jemand würde tun müssen. Die Patentlösung für dieses bleibende «Problem» war dann aber schnell gefunden: Wir werden diese Arbeit so weit wie möglich an Maschinen delegieren, besser bezahlen oder dann eben friedlich gemeinsam tun.[1]

Inzwischen ist vielen klar geworden, dass die Vorstellung, man könne mit einem BGE einfach tun und lassen, was man will, den Köpfen und Herzen von Leuten entstammt, die es gewohnt sind, Herrschaft auszuüben. Etwa den Köpfen und Herzen von Vätern, Söhnen und Ehemännern, die meinen, Ehefrauen und Mütter würden auch künftig natürlicherweise dafür sorgen, dass der Alltag funktioniert, dass also das Essen auf dem Tisch steht, die Betten bezogen und die Klos benutzbar sind. – Heute, nach der Corona-Pandemie, wissen viel mehr Leute als im Jahr 2012: Menschliches Leben ist und bleibt Teil der Natur und damit bedingt: Alle müssen früher oder später essen, scheißen und schlafen. Jemand muss also Nahrung anbauen und zubereiten, Betten beziehen, Klos funktionsfähig halten und viele andere notwendige und auch noch in Zeiten von KI zeitraubende Dinge tun. Und vielleicht wird er oder sie dann auch noch finden, dass die Menschheit als Ganze Bestand haben sollte, und wird deshalb Kinder in die Welt setzen und großziehen, und wird Leute pflegen, wenn sie krank oder alt sind.

Wenn wir nun das naiv-herrschaftliche Vorurteil streichen, bestimmte Sorten von Menschen – Frauen, Migrant*innen – seien für die notwendigen Tätigkeiten jenseits der Bullshit-Sektoren[2] von Natur aus zuständig – und genau dies tut der Compromiso de Tlatelolco -, dann wird deutlich: Das Bedingungslose Grundeinkommen ist bedingungslos nur auf der sekundären Ebene der Geldverteilung. Was getan werden muss und was nicht länger von Natur aus der liebe Gott oder Mutti oder Oma oder der Müllmann oder die Migrantin aus den Philippinen erledigen, wird weiterhin getan werden müssen. Und das ist viel mehr unabschaffbare Arbeit als verwöhnte Mannsbilder, die keine Statistik zum un- und unterbezahlten Sektor lesen, sich vorstellen mögen. Allerdings ist es Arbeit, die zum Glück nicht per se «unangenehm» oder gar «Dreckarbeit»[3] ist, sondern so real wie jede andere Arbeit und wie das ganze Leben auch: manchmal lästig, und manchmal schön und sinnreich.

Obwohl das BGE auch in Lateinamerika schon lange bekannt ist und diskutiert wird, kommt es in den Texten rund um den Compromiso de Tlatelolco nur ganz am Rande vor. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die globale BGE-Bewegung das Grundeinkommen noch immer zu patriarchal, zu herrschaftlich denkt, was dazu führen könnte, dass seine Einführung die binäre Geschlechterordnung und andere Herrschaftsverhältnisse eher zementieren als aufheben würde. Dennoch bietet der Compromiso de Tlatelolco für die notwendige Verknüpfung von postpatriarchalem Denken und BGE neue Möglichkeiten. Denn da steht ja nun in einer von vielen Staaten offiziell anerkannten Absichtserklärung, menschenrechtlich untermauert von einem interstaatlichen Gerichtshof, dass Daseinsfürsorge für alle viel Arbeit ist, für die in Zukunft nicht mehr Ehefrauen und Mütter, sondern alle gemeinsam als Staaten und Gesellschaften die Verantwortung übernehmen werden. Genau diesen Orientierungsrahmen braucht auch die BGE-Bewegung, um jetzt endlich ausdrücklich zu einem Teil der globalen Bewegung für eine care-zentrierte Zukunft[4] zu werden.

[1] Vgl. dazu z.B. Christian Müller, Daniel Straub , Die Befreiung der Schweiz. Über das bedingungslose Grundeinkommen, Zürich (Limmat Verlag) 2012

[2] Vgl. David Graeber, Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit, Stuttgart (Klett-Cotta) 2018.

[3] Vgl. Ina Praetorius, Dreckarbeit – eine Spurensuche, in: Hans Jörg Fehle, Andrea Langenbacher (Hg.), Dass die Welt wohnlich für alle wird. Klartexte, Anfragen, Perspektiven. Ina Praetorius zum 65. Geburtstag, Ostfildern (Matthias Grünewald-Verlag) 2021, 104-118.

[4] Vgl. Ina Praetorius, Wirtschaft ist Care. Denken und Handeln für die postpatriarchale Transformation, in: Christian Spieß, Katja Winkler (Hg.), Gender Studies und christliche Sozialethik, Frankfurt, New York (Campus Verlag), erscheint Februar 2026  https://tinyurl.com/32byux9x

Autorin: Ina Praetorius
Eingestellt am: 04.10.2025

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