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“NICHT AUS SEINER HAUT KÖNNEN” – ein Interview zur (Wieder-) Entdeckung des Paradigmas der sexuellen Differenz mit Andrea Günter

Von Jutta Pivecka

Anfang Juli veröffentlichten wir auf bzw-weiterdenken einen Text von Andrea Günter mit dem Titel „Das Paradigma der sexuellen Differenz endlich entdecken“. Die in diesem Text vertretenen Thesen habe ich als sehr inspirierend empfunden. Daher habe ich ein Interview mit Andrea Günter zu ihren Thesen geführt, um das Denken der sexuellen Differenz mit ihr zu vertiefen und weiterzudenken. 

Jutta Pivečka: 

Ich möchte dieses Interview mit dem Bezug auf eine Redensart strukturieren, die zunächst einmal eine existentielle Einschränkung zu bezeichnen scheint: „Keine/r kann aus ihrer/seiner Haut.“ Damit meint man umgangssprachlich ja, dass jemand eben ist, wie er/sie eben ist: z.B. „unbeherrscht“ oder „hilfsbereit“ und dies nicht ändern kann, also determiniert ist, sich stets zu wiederholen. Was aber, wenn wir diese Redensart schlicht wörtlich nehmen: Keine/r kann in der Tat aus seiner/ihrer Haut, aus ihrer/seinem Körper heraus. So verstanden wäre dies dann keine (diskursive) Einschränkung, sondern eine Daseins-Bedingung, von der aus jede/r in ihrer/seiner Haut einzigartig lebt und sich verändert. Ich habe versucht, mich mit dieser Redensart dem Vorschlag, das Paradigma der Geschlechterdifferenz endlich zu entdecken, zu nähern. Ich werde das Interview entlang dieser Metapher in 5 Kapitel gliedern:

Kapitel 1: Gegensatz und Differenz sind nicht dasselbe: Die Haut ist eine Grenze und  durchlässig

Foto: Ulrike Wagener

Du stellst fest (und das wird sicher von einigen als Provokation gelesen werden): „Das Konzept ´Zweigeschlechtlichkeit´ ist als solches kein Problem. Es muss neu konzipiert werden.“ Im Bild von der Haut bleibend würde ich mir das so übersetzen: Die Haut ist zugleich die Grenze der Gestalt, die das je einzelne Individuum als Einzigartiges hat, und seine Verbindung zum Außen, denn die Haut ist auch durchlässig. „In Körper von Gewicht“ bezieht sich Judith Butler mit einem Zitat von Donna Haraway in der Einleitung auch auf das Bild von der Haut. Hier wird jedoch die Funktion der Haut als Grenze aufgelöst oder -meinetwegen – dekonstruiert, um aufzuzeigen, dass es keine „Natur“ gibt, sondern nur Effekte von Natur. Viele könnten Deine Beurteilung, dass das „Konzept der Zweigeschlechtlichkeit“ kein Problem ist, als Gefährdung von Transmenschen oder anderen verstehen, die sich nicht einem der „zwei“ Geschlechter zuordnen können. Kannst Du noch einmal erklären, warum es kein Problem mehr gibt, wenn Geschlechter nicht als Gegensatz zueinander begriffen werden und wenn Geschlechterdifferenz nicht mehr als Geschlechterunterschied zwischen Mann und Frau gedacht wird? 

Andrea Günter:

Meine Grundannahme ist: „Zwei“ kann in zwei divergierenden Parametern verstanden werden. Einmal in der Logik der Andersheit. Da ist das Zweite nichts als eine Variante des eindeutig Einen, Gleichen und Selben. Als eindeutig Gleiches erweist es sich als ein immer Gleiches. In eine solche Vereindeutigung passt man oder eben nicht. Damit wird es zu einem Absoluten. In einer solchen dualisierenden Vereindeutigung würde auch Haut eine absolute Grenze oder aber absolute Durchlässigkeit, letztlich Auflösung, Nichts darstellen. Dabei besagt das Konzept Haut ja gerade Innen-Außen-Wechselseitigkeit. Die Haut ist ein Organ, ein „Hüllorgan“ ebenso wie ein Sinnesorgan, mit spezifischen Aktivitäten. Sie bewegt Materielles in zwei Richtungen, indem sie atmet und ausscheidet, fühlt und berührt. Dieser Austausch und Stoffwechsel besagt, dass es sowohl Innen als auch Außen etwas von ihr unabhängiges Materielles gibt. Dabei verlässt sie ihr Innen nicht, sondern erfüllt ihre Funktion, den Körper, zu dem sie gehört, zu schützen (etwa vor Schmutz, den sie gerade nicht hineinlässt), und ihn in seiner Form zu bewahren.

Nunmehr auf eine absolute Grenze oder aber reine Durchlässigkeit reduziert zu werden, diese Weise der Dualisierung entspricht einem unterkomplexen Verständnis von „Natur“, braucht es regelrecht. Dabei ist Haut als ein hierzu drittes eigenständiges Phänomen der Natur im Erscheinungsfeld der Natur des Körpers und seiner Beziehung zu seiner Umwelt ein interessantes Phänomen, das das Verständnis von Natur differenzieren ließe. Natur muss dann in ihren unterschiedlichen zeitlichen Erscheinungen, nicht bloß in einem einzigen (kausal)logischen Moment „Effekt“ gedacht werden. 

Die Haut verleiht einem Körper Form, Dauer, Kontinuität, eine Ich-Kontur, sogar Ethik, weshalb wir einen Körper erst als Körper klassifizieren können. Andere Erscheinungsweisen der Natur (ein Planet, die Erde; ein Baum; ein Haus; ein Buch) stellen unterschiedlichen Weisen von Körperlichkeit, Form, Dauer, Kontinuität, Ich-Existenz, Ethik dar.

Es ist schon seltsam, wie ein solch besonderes Phänomen wie die Haut mit ihren spezifischen Eigenschaften auf einmal in ein Alles-oder-Nichts verwandelt wird. Solche Fehlschlüsse zeigen, wie dominant die Logik der Andersheit das Denken regiert. Simone de Beauvoir hat die Dominanz dieser Logik sehr präzise für den Geschlechterdiskurs beschrieben und zusammengefasst, warum das Verständnis des menschlichen Geschlechtlichen keinen Schritt vorankommt:

“Daß die Frauenfrage so ergebnislos geblieben ist, liegt an der männlichen Arroganz, die einen ‚Streit‘ daraus gemacht hat; wenn man sich streitet, argumentiert man nicht mehr gut. Man hat unablässig zu beweisen versucht, daß die Frau dem Mann überlegen, unterlegen oder gleich sei: nach Adam erschaffen, ist sie offenkundig zweitrangiges Wesen, sagten die einen; im Gegenteil, sagten die anderen, Adam war nur ein Rohentwurf, und der vollkommene Mensch ist Gott erst gelungen, als er Eva schuf. Ihr Gehirn ist kleiner als seines: relativ gesehen ist es aber größer. Christus kam als Mann auf die Welt: vielleicht tat er es aus Demut. Jedes Argument ruft sofort das gegenteilige hervor, und oft gehen beide daneben. Um klarzusehen, muß man diese eingefahrenen Gleise verlassen; man muß den verschwommenen Begriffen Überlegenheit, Unterlegenheit und Gleichheit, die alle Diskussionen entstellt haben, eine Absage erteilen und ganz von vorn beginnen.” (Simone de Beauvoir)

Etwas im Dualismus von Ganz-oder-Garnicht, Alles-oder-Nichts, eindeutig-und-absolut oder absolut uneindeutig-und-unbestimmt, also als das „andere Absolute“ („reine Durchlässigkeit“) zum behaupteten Absoluten („undurchlässige Grenze“) zu definieren, dabei handelt es sich um Ontotheologie. Ontotheologie besagt, etwas so zu definieren, wie in den monotheistischen Religionen „Gott“ definiert wird. Hier gilt Gott als etwas absolutes, eindeutiges, ewiges usw., das selbst absolut unbestimmt ist, während es alles andere absolut bestimmt. Einem theologisierenden Dualisierungsregime erwachsen realistischerweise Glaubenskämpfe. So ist es kein Wunder, dass ein solcher im Gender-Diskurs zwischen rechten Fundamentalist:innen („das Geschlechtliche ist eindeutig bestimmt“) und Gendervertreter*innen („das Geschlechtliche ist eindeutig unbestimmt“) in den letzten Jahrzehnten entstanden ist. 

Sowohl logisch als auch politisch braucht es also ein „drittes“ Konzept. Und mit Beauvoirs Erfindung des Konzepts „sexuelle Differenz“ existiert es schon. Vorausgesetzt, man liest Beauvoir nicht im Modus des gleichen Willens zur Vereindeutigung, was ich ständig beobachtet, wenn Beauvoirs Philosophie in den Gender-Sex-Diskurs eingeordnet und dann sogar dem Konstruktivismus zugeschlagen wird. 

Damit nochmals zur Konzeption der Zweigeschlechtlichkeit in der Logik der Andersheit. In dieser ist das Eine immer männlich. Ein Zweites wäre ein Anderes, Weiteres, das weniger, unzureichend, eine bloße Ergänzung zum Eigentlichen wäre, usw. In der Dualisierung „männlich-weiblich“ also ist diese „Andere“ das, was „weiblich“ sei. Jedes geborene Individuum wäre dabei de facto weniger männlich, weil die Individualität eines Geborenen anzeigt, dass sich das (idealisierte) Männliche nicht vollständig, gleich und als das gleiche Selbst durchgesetzt hat. Das gilt schon für einen Sohn, darüber hinaus für eine Tochter, letztlich für Frauen, Intersexuelle etc. Denn keine*r ist mit seinem Vater identisch, sieht ihm vollständig gleich. Ein Vater ist des Gleichen nicht mit „dem Vater“ und „der Männlichkeit“ identisch.

Betrachtet man nunmehr einen konkreten Mann, vergleicht man einen konkreten Sohn mit seinem konkreten Vater, stellt sich heraus, dass sich in der Logik des Einen die Denkfigur „Männlichkeit“ pervertiert. Denn in einem Neugeborenen sieht man nicht das genau Gleiche eines Ideals (vereindeutigt Idealisierten), sondern vielmehr ein Individuelles: mein/unser Kind. Das gilt auch für die Einordnung des Geschlechtlichen. Bei der Geburt lässt sich zunächst ein Neugeborenes der gebärenden Mutter erkennen. Legt man mehrere Neugeborene nebeneinander, verstärkt sich die Wahrnehmung ihrer Individualität: die unterschiedlichen, demnach besonderen körperlichen Eigenarten und Konstitutionen der Neugeborenen, ihre individuellen Gesichter ebenso wie geschlechtliche individuelle Ausstattungen. Die Penisse von Männern sehen sehr unterschiedlich aus, ebenso die Genitalien von Frauen. Um über diese Unterschiedlichkeiten aufzuklären, dazu gibt es schon seit Langem aufklärende medizinische Fachbücher, inzwischen gibt es aufklärende TV-Dokumentationen und sogar Websites.

Beim tradierten Verständnis des Zweigeschlechtlichen handelt es sich um eine idealisierende und dabei dualisierende Typisierung. Das Ideal wird geradewegs auch darum als Maßstab genutzt, um Individuelles, Situatives, Kontextuelles übergehen zu können oder unsichtbar zu halten. Dieses Ordnungsregime wird gerade auch deutlich, wenn man auf die Geschichte des traditionellen Konzepts „Zweigeschlechtlichkeit“ schaut. Mit Parmenides und Aristoteles bis hin zu Freud wird das Geschlechtliche definiert über „die Einheit der Organe“. Das heißt, der geborene Körper wird entlang einer Idee von „Einheit“ betrachtet, dessen Sinnbild der Penis ist: einen Penis haben oder nicht. In dieser Form wird männlich oder nicht-männlich=weiblich identifiziert und der Logik des eindeutig Einen=Männlichen unterworfen. 

Ist eine „Einheit der Organe“ an einem konkreten geborenen Körper nun nicht vereindeutigbar, muss gemäß von Parmenides und Aristoteles ein „Gemischtgeschlechtliches“ konstatiert werden. Dieses entspräche gemäß der Bewertungs-Logik des eindeutig Einen nicht der „wahren Ordnung der Natur“. Die jeweilige Person müsse laut Parmenides leiden. Und sie sei laut Aristoteles moralisch minderwertig.

Die Logik des eindeutig Einen durchbrechend kann „Zwei“ hingegen im Zusammenhang mit Individualität verstanden werden. Dann besagt „zwei“ nicht, dass ein Individuum nur zu zweit auf der Welt ist, gar als Ich und sein Anderes, als DAS Männliche und DAS Weibliche. Um jenseits der Logik des Einen und der Andersheit anzusetzen, werden konkrete Geborene als Ausgangspunkt genommen. Dafür können diese in dem konkreten Zeugungsgeschehen situiert werden. Das führt dazu wahrzunehmen, dass ein konkreter Mensch tatsächlich gezeugt wurde und als einzigartig Geborenes zur Welt gekommen ist. Jedes Gezeugte ist aus Zwei(en) entstanden und bildet ein Drittes zu diesen beiden, die selbst immer zwei konkrete Zwei sind. Dabei waren auch sie jeweils nicht zuerst ein Eines-Erstes, sondern ein Drittes, das aus Zweien besteht: das einzigartige Kind einer konkreten, individuellen Mutter und eines konkreten, individuellen Vaters, deren konkrete Aktivitäten zu einer Zeugung geführt haben. Als ein Gezeugtes ist ein Geboreneses gleichermaßen „weiblich“ und „männlich“, wenn auch unterschiedlich kombiniert. Das gezeugte und geborene Kind changiert auf diese Weise zwischen väterlich(-männlich) und mütterlich(-weiblich).

Foto: Ulrike Wagener

Jutta Pivečka: 

Von dieser Einzigartigkeit ausgehend möchte ich zum zweiten Aspekt überleiten: Der Tatsache, dass das Einzigartige sich nicht gleich bleibt, sondern in seiner Veränderlichkeit gedacht werden muss: 

Kapitel 2: Einzigartig und geschichtlich: In der eigenen Haut stecken, die sich verändert

Besonders wichtig für mich an Deinen Überlegungen war die These, „dass weder in traditionellen Diskursen über die Geschlechter noch in Sex-Gender-Diskursen die Kategorisierung ´Individualität´ vorgesehen ist.“ Tatsächlich ist diese Lücke eine der wesentlichen Ursachen für mein Unbehagen am „Unbehagen der Geschlechter“, wie es vor allem Judith Butler formuliert hat. Um wieder im Bild von der Haut zu bleiben: Man kann tatsächlich nicht „in die Haut eines/einer Anderen schlüpfen“, wie es alltagssprachlich formuliert wird, d.h. man kann in der Tat nicht „eine Andere, ein Anderer sein“. Keine Performanz kann diese Grenze überwinden. Zugleich gilt auch: In der je eigenen Haut veränderte jede/jeder sich permanent. Die Haut selbst verändert und erneuert sich unablässig. Ich frage Dich also: Was werden wir mit Blick auf das „Phänomen der ´Zweigeschlechtlichkeit´“ zu sehen bekommen, wenn wir nicht mehr glauben, uns entscheiden zu müssen, ob wir die patriarchalische Sicht auf den Mann als Norm übernehmen oder die „Fakten des Zweigeschlechtlichen (zu) tabuisieren“? 

Andrea Günter:

Ich halte diese Alltagsformulierungen für mehrfach aufschlußreich. Die Formulierung „in die Haut e i n e s A n d e r e n zu schlüpfen“ ist wie Du auch sagst, unzureichend, sowohl wenn man das Schlüpfen zum Erkenntnisgegenstand macht also auch die logische Formel „ich – ein Anderer“. So hat jedes Kind von Geburt an mit mehreren zu tun. Und das erlebt es auch selbst, etwa wenn es versucht, seine Eltern gegeneinander auszuspielen. Oder aber wenn es nach Hause kommt und seiner Mutter sagt „Die darf aber!“ Eine solche Äußerung dokumentiert, dass ein Kind sich und seine Möglichkeiten mit weiteren Kindern, Eltern und deren Bezugssystemen vergleicht. Es ist damit beschäftigt, die eigene familiale Situation mit der von wenigstens einer weiteren zu vergleichen und hierbei zu erkennen, dass jede Situation durch die persönlichen individuellen Eltern und deren Familienindividualität organisiert ist. Es erkennt, dass es Unterschiede in den Sitten gibt, die in Familien herrschen. Damit erkennt es eigentlich, dass es weder „das Kind“ noch „die Familie“, „die Mutter“, „den Vater“ gibt, sondern Kinder, Familien, Mütter, Väter in ihrer Pluralität und Unterschiedlichkeit. 

Kinder realisieren auf diese Weise schon sehr früh, dass das Zusammenleben der Menschen unter der Bedingung der Pluralität steht. Wie befragen wir nunmehr die Entwicklungsperspektiven eines Kindes? Will es ein Anderes sein? Oder will es andere Möglichkeiten haben, wozu andere Kinder und Familien, Märchenfiguren oder auch Zukunftsversprechen einer Gesellschaft ihm vor Augen führen, was alles möglich sein könnte, diese es aber auch die Grenzen seiner eigenen Existenz erleben lässt bis dahin, dass es erfährt, was es persönlich vielleicht nicht kann, mag und darf.

Die Formulierungen um den Fokus „in der eigenen Haut stecken“, die Du anführst, zeigen folglich, dass selbst dann, wenn wir Individualität zu denken versuchen, diese von der Logik der Andersheit her zu ordnen gewohnt sind. Dazu, das alternative Paradigma der „Zwei“ zu praktizieren, gehört es daher, der Selbstverständlichkeit, das Zusammenleben auf die Logik der Andersheit zu reduzieren, auf der Spur zu bleiben. Das gilt auch für die Formulierung „Die Haut selbst verändert und erneuert sich unablässig.“ Im Laufe seines Lebens selbst „ein anderer zu werden“, unterschlägt das „Sich“ als Bezugspunkt im „sich erneuern und verändern“. Schon rein grammato-logisch betrachtet gilt: Wenn sich jemand verändert, dann bleibt das „Jemand“ im „Sich“ der Bezugspunkt: Das Sich wird kein Anderer. Das Verb „sich erneuern“ ist selbstreflexiv.

Es wird deutlich: Die Erneuerung der Haut beschreibt einen Prozess der eigenen Selbstwerdung und Potentialentfaltung, der mit der Zeugung beginnt und bis zum Tod andauert. Und dabei erneuert sich die Haut nicht auf einen Schlag, sondern nach und nach, in einem monatlichen Rhythmus, bestimmten Stoffwechselprozessen folgend, altersabhängig immer wieder.

Jutta Pivečka:

Besonders wichtig an Deinen Überlegungen zur sexuellen Differenz ist mir auch gewesen, dass die Bedeutung der Fortpflanzung und des Generationengefüges nicht unterschlagen werden:

Kapitel 3: Fortpflanzung und Generationengefüge: Aus der Haut heraus, in der Haut drin

Keine und keiner kann aus ihrer/seiner Haut heraus. Und doch ist die je konkrete Haut des Einzelnen, die jede/r hat, aus der Zweigeschlechtlichkeit des menschlichen Fortpflanzungsprinzips entstanden. Es brauchte dazu ein „bestimmtes Weibliches und ein bestimmtes Männliches“, deren je einzigartige Kombination jenen einzigartigen Menschen hervorgebracht hat; die die Gene dieser Kombination in jeder ihrer (z.B. Haut-)Zellen re-produziert. Dass und wie Menschen entstehen, ist auch eine jener Leerstellen in vielen Gender-Diskursen, scheint mir. Du füllst sie mit Deinen Überlegungen im doppelten Sinne: nämlich indem Du auf die je individuelle Zeugung Bezug nimmst und auf die je individuelle männlich-weiblich Kombination in jedem einzelnen Individuum, die sich über die Generationenfolge reproduziert und individualisiert (auch dies ist eben kein Gegensatz, sondern eine Differenz- ierung). Welche nicht nur theoretischen, sondern auch praktischen Folgen hat aus Deiner Sicht die (weitgehende) Tabuisierung der Fortpflanzung und des Generationengefüges im Gender-Diskurs (gehabt)?

Andrea Günter:

Wie wir gesehen haben, kann ich auch von der Zeugung und Geburt herkommend Individualität aussagen und in der Logik der Andersheit verbleiben. Der springende Punkt ist also, in welchem metatheoretischen Paradigma das Sprechen über Zeugung und Geburt angesiedelt ist: in der Logik der Andersheit oder aber in der der Pluralität. Die Logik der Andersheit verführt dazu, zwar Individuum zu sagen, es aber de facto nicht zu denken. Denn das Ich in der Logik der Andersheit hebt die Individualität wieder auf, indem hier ein Individuum zu dem Einen wird, dem ein Anderes entgegensetzt wird. Damit ist es als ein Abstraktes positioniert, dass nicht als ein Konkretes in Verbindung mit vielen anderen ebenso konkreten Einzelnen verstanden werden muss.

Das ist in der Sichtweise der Pluralität anders. Hier geht es um ein tatsächlich Daseiendes inmitten von Vielen, die Verschiedene unter Verschiedenen und also solches Gleiche sind. Hier meint ein Individuelles ein Konkretes, seine Situation und Lage. Es muss gezeugt und geboren worden sein, in Raum, Zeit und dem konkreten menschlichen Beziehungsgefüge, in das es mit seiner Geburt eintritt. Es implementiert ein Moment von konkreter Dauer – seine Lebenszeit – und konkreter Kontinuität – des Generationengefüges.

Die Sichtweise der Pluralität geht mit einer eigenen Strukturierungsweise einher, deren paradigmenbildende Bedeutung bewusst werden muss, um nicht immer wieder in der Logik der Andersheit zu stranden. In der unendlich sich schon verzweigt habenden Reihe einer Verbindung von zwei Individuen (Eltern), aus der ein ebenso individuelles Drittes hervorgeht (Kind), erweist sich ein Geborenes als ein konkretes Verschiedenes, das ein Einzigartiges in seiner Unterschiedenheit und Verdichtung ist. Hierbei zählt zum Prozess des Neuverdichtens, dass dieses in einem biologischen Prozess entsteht, in dem der Faktor „Individuation“ wirksam ist, etwa im Unterschied zu einer technischen Reproduktion, in der das genau Gleiche hergestellt werden kann, und das überdies geplant (wie beim Klonen). 

In dieser Paradigmatisierung stellt „das Zweite“ nicht das Gegenteil zu einem Ersten dar, um in die Position des Anderen zu rücken. Die Zwei ist ebenso wenig das Gegenteil zu Eins wie Sechs (das sechste Kind) das Gegenteil zu „Drei“ (dem dritten Kind) ist, zumal beide Kinder die gleichen Eltern haben (können). Ist „Zwei“ genealogisch, nämlich in der Betrachtungsweise der Kontinuität eines Stammbaus situiert, verweist „Zwei“ auf die unendlichen Reihen und Kombinationsmöglichkeiten von den konkreten Zwei, aus denen ein Drittes, Viertes, Fünftes hervorgegangen ist und weiterhin hervorgehen kann. Dieser Prozess wiederholt sich in der Grundform Zwei-Drei-Mehrere oder aber endet mit dem Tod einer Person, die aus Zwei hervorgegangen ist und keine eigenen Nachkommen (ein Drittes) hat. 

In diesem Verständnis von „Zwei“ ist ein Eines nicht als ein Erstes positionierbar, denn es gibt ein solches nur durch das Zweite. Damit kann das Zweite nicht sein Anderes sein, weil das Eine ohne dieses weder existent noch identifizierbar wäre. Ein Eines wird über ein Zweites erkennbar, nicht umgekehrt. 

Nun kann gefragt werden, warum die Logik der Andersheit so verführerisch ist. Mir scheint Platon diesen Verführungsgrund richtig analysiert zu haben. Platon hält in seiner Schrift Politeia fest, dass es viele Menschen gibt, die lieber eine Nachtigall oder ein anderer Vogel sein, also eine ganz andere Existenz haben wollen, als zu akzeptieren, dass sie den Bedingungen der Geborenseins und des menschlichen Zeitseins unterliegen. Sie wollen zwar leben, aber nicht unter der konkreten, menschlichen geschlechtlichen Bedingtheit des Geborenseins und Sterbenmüssens. 

Dieser Wunsch nach Andersheit zum Gezeugt- und Geborensein begründet Platon zufolge den Wunsch nach der ganz anderen Existenz und letztlich den Frauenhass. Frauen, genauer gesagt die Mutter als diejenige, die geboren hat und damit die Bedingtheit der individuellen Existenz symbolisiert, wird abgelehnt oder fortdefiniert.

Platon, aber auch Hannah Arendt fangen an, dem Geborensein eine neue Bedeutung zu geben. Arendt entwickelt hierzu eine Philosophie des Bedingtseins und der Pluralität. Mir scheint dies folgerichtig. In meinen Arbeiten ziehe ich die Verbindung zu Beauvoirs Paradigma der sexuellen Differenz und versuche, die feministische Bedeutung dieser zusammenhängenden Traditionen zu explorieren und zugleich eine neue feministische Interpretation der Bedeutung und Funktion einer Mutter zu mitzuentwickeln.

Foto: Ulrike Wagener

Jutta Pivečka:

Den italienischen Diotima-Philosophinnen danke ich vor allem für die Auflösung jener tradierten (auch christlich-protestantischen) Leib-Seele-Dichotomie, die mich und mein Denken so stark geprägt hatten. Den queer-theoretischen Denkerinnen, so empfand ich es, als ich sie erstmals las, war die Hautgrenze, die den Körper umschließt und zum einzigartigen macht, wiederum zu eng. Sie, so glaubte ich zu verstehen, wollten zwar nicht zurück zu Descartes, sondern hineintauchen in den Diskurs, wo nicht – ich polemisiere jetzt ein wenig – einzigartige Körper miteinander sprechen, sondern Texte Texte generieren. Dies führt mich zum vierten Kapitel:

Kapitel 4: Immer wieder den Körper los werden: Zu eng in der Haut

Ist meine Hoffnung berechtigt, dass die (Wieder-)Entdeckung des Paradigmas der Geschlechterdifferenz auch dieser „Entkörperlichung“ des Denkens (mehr noch: der Liebe zum Denken) sich entgegenstellt?

Andrea Günter:

Diese Dimension der Zweigeschlechtlichkeit markiert die Bedingtheit des Gezeugt- und Geboren-Seins und verdeutlicht, dass ein Geborenes als ein geschlechtliches menschliches Individuum in Pluralität in der Welt lebt. Körper und Geist sind derart nicht zu trennen. Denn das Konzept „Genealogie“ besagt die generative Generationenfolge. Zugleich aber auch die Geistige: die geistige Orientierungspraktiken zwischen den Generationen.

Selbst im Zusammenhang damit, das menschliche Leben, und das heißt, die Menschheit zu erhalten, ist die körperliche und die geistige Dimension der menschlichen Existenz miteinander verwoben. Denn wenn es um die Prozesse der „Fortpflanzung“ des Lebens geht, ist das Zweigeschlechtliche eine biologische Bedingung. Doch wenn Menschen Gebärmütter und Spermien zu ersetzen versuchen, handelt es sich um geistige menschliche Ersatzbildungen, die diese Grundbedingungen verarbeiten. Werden sie neu praktiziert (künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, usw.), handelt es sich um neuartige soziale und medizintechnische Praktiken eines zu praktizierenden zweigeschlechtlichen Zeugungsvorgangs. Jedes Paar mit einem unerfüllten Kinderwunsch kennt sehr genau diese Bedingungen im Rahmen der Erkenntnisse seiner Zeit und passt sich diesen an, ohne sie in Verfügung zu haben.[1]

Jutta Pivečka:

Zum Schluss möchte ich Dich zur politischen Bedeutung einer Entdeckung der sexuellen Differenz fragen: 

Kapitel 5: Geschlechterdifferenz und Politik: „Die Haut zu Markte tragen“

Im Kontext der verhärteten Fronten des gegenwärtigen Kulturkampfes, der ja gerade um das Geschlechtliche ausgetragen wird, ist es besonders schwierig, denke ich, das Paradigma der sexuellen Differenz (wieder) zu entdecken. Wie kann es unter den gegebenen Verhältnissen gelingen, Geschlechterdifferenz so zu denken (und zu leben), dass sich die Möglichkeiten individueller Entfaltung und Gestaltung des geschlechtlichen Seins erweitern, statt weiter zu verengen? 

Andrea Günter:

Ist es wirklich besonders schwierig, das Paradigma der sexuellen Differenz zu entdecken? Oder wird es nicht endlich Zeit? 

Der Kulturkampf ist im Zusammenhang mit dem Geschlechtlichen ein Kampf darum, welcher der beiden Positionen im Dualismus „Natur“ (determiniert alles) – „Gesellschaft“ (determiniert alles) ausschlaggebend sei. Will man dualistisches Denken überschreiten, dann muss es in dem umfassenden Sinne geschehen, wie wir es herausgearbeitet haben. Es ist einfach zu verstehen, dass der Dualismus „männlich-weiblich“ gar nicht ausschlaggebend ist, sondern dass dieser Diskurs von einem anderen bestimmt wird: vom Dualismus „völlig bestimmt“ – „völlig unbestimmt“. Und mir scheint auch leicht einsehbar, dass es sich dabei um ein theologisches Konzept handelt: „absolut und eindeutig“ ist eine Eigenschaft Gottes. Diese Eigenschaften Menschen zuzuschreiben, führt zu einem religiösen Gebilde. Und es ist darum kein Wunder, dass totalitäre religiöse Gebilde auf eine entsprechende Geschlechteranthropologie zurückgreifen. Politisch geht also darum, sich für oder gegen ein theologisches Geschlechterkonzept und dem entsprechenden Gesellschaftsbild zu entscheiden. Damit entscheidet man, in welcher Gesellschaft man leben möchte.[2] In meinem Text über die sexuelle Differenz habe ich herausgearbeitet, dass das Konzept der sexuellen Differenz dezidiert a-theologisch ist, weil es per se individuell, prozessorientiert und historisch ansetzt.

Unser Gespräch macht deutlich, dass zentrale Schwierigkeiten mit einer unzureichenden theoretischen Bildung zu tun haben, und das nach nun jahrzehntelanger feministischer Kritik am dualistischen Denken. Feministische Diskurse haben sich gespalten in praktische, vor allem sozialwissenschaftliche Analysen, und in eine Metatheorie, die auf eine unglaubliche Weise verallgemeinert und abstrahiert, ohne das in Betracht zu ziehen und dazu Stellung zu nehmen. So veranschaulichen die parallelen Logiken im Diskurs über die Haut und über die Zweigeschlechtlichkeit, dass die Grundform dieser Verallgemeinerung auf der Logik des Einen und der Andersheit beruht. Da sie der Logik Alles-oder-Nichts, Ganz-oder-Garnicht folgt, kommen überall die gleichen Ergebnisse heraus. Wie Hannah Arendt so schön sagt: Im Licht des Allgemeinen ist alles gleich. Sobald man auf das Konkrete schaut, verschwindet die Gleichheit (hier von: alles ist „absolut bestimmt“ oder „absolut unbestimmt“). Dann wird das Spezifische, Konkrete, Historische und Individuelle sichtbar. 

Eine der zentralen Konsequenzen aus der Pluralitäts-Strukturierungsweise ist, dass historisch konkret gedacht werden muss. Statt etwa ein idealisiertes immer gleiches Konstrukt von „Familie“ und entsprechenden Geschlechterrollen zu reproduzieren, führt der Blick in die Geschlechtergeschichte zum Beispiel dazu wahrzunehmen, dass in den letzten Jahrhunderten sowohl im ländlichen als auch im städtischen Raum durchschnittlich ein Drittel der Mütter nicht-eheliche Kinder hatte. Mehr oder weniger ein Drittel: Das heißt, ein nicht-eheliches Kind zu haben war normal. Es gab und gibt Kulturen und Strukturen des Gemeinschaftlichen für diese Situation. Von „Alleinerziehenden“ zu sprechen, wie wir es heute tun, führt in die Irre! Solange gerade nicht auch die Situation von Müttern mit „unehelichen Kindern“, sondern allein die bürgerliche Ehe-Klein-Familie als ein Normalfall betrachtet wird, solange dieses Generationenbeziehungsgefüge marginalisiert wird, solange versagen Gesellschaften im Hinblick darauf, wie Generationengefüge gestaltet werden können.[3]

Darum hoffe ich, dass deutlich geworden ist, dass das Paradigma der sexuellen Differenz dazu führt, das Historische, Konkrete und Individuelle zu betrachten, von daher das Allgemeine zu denken und dieses immer wieder am Individuellen, Situativen und Kontextuellen weiterzuentwickeln. Dass eine*r jede*r gezeugt und geboren ist, dass hier Individualität und Pluralität beheimatet ist, dass das Geschlechtliche auf die doppelte Weise von Gezeugt-sein und Zeugen-Können bedingt ist, scheint mir für alle nachvollziehbar. Diese Sichtweise kann neue Dialoge eröffnen.

Jutta Pivečka:

Vielen Dank für dieses erhellende und mutmachende Gespräch, von dem aus weiterzudenken mir möglich und notwendig erscheint.


[1] In diesem Zusammenhang sei auch an einen Text von Andrea Günter, der 2014 auf bzw erschienen ist, erinnert: https://bzw-weiterdenken.de/2014/03/biblische-reproduktionstechniken/)

[2] Zugleich muss eine weitere politische Perspektive eingenommen werden: In diesen Ausführungen hier versuche ich, die divergierenden politischen Folgen der zwei Paradigmen herauszuarbeiten, das Geschlechtliche zu situieren. Hierzu muss ergänzt werden, wie unterschiedliche Paradigmatisierungen des menschlichen Geschlechtlichen entsprechend divergente Konzepte von Gemeinschaften und Staaten legitimieren (sollen), vgl. Andrea Günter, Grundlagen einer Feministischen Außenpolitik. Patriarchatskritik und die Politik der Pluralität, Rüsselsheim 2024; Andrea Günter, Jenseits des politischen Backlash. Die Elemente des Politischen neu bestimmen, erscheint: Opladen 2026

[3] Karin Orth: Nichtehelichkeit als Normalität. Ledige badische Mütter in Basel im 19. Jahrhundert, Göttingen 2022; Vollmar, Ida Marie/Tränkle, Karl/Haumann, Heiko: „Natürliche Kinder“ und „wilde Ehen“. Nichtehelichkeit in Yach. Ein Blick auf dörfliche Verhältnisse während des 19. Jahrhunderts, Ubstadt-Weiher 2024. Außen, aber eben nicht als beides gedacht wird. Genauso wie Männlich/weiblich eben als Gegensätze gedacht werden. Ich beziehe mich hier nicht auf philosophische Natur-Diskurse.  

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