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Aus der konkreten Erfahrung in die politische Stärke: Antje Schrupps neues Buch „Unter allen Umständen frei“

Von Anne Newball Duke

Foto: Anne Newball Duke

Meine Lieblingsrevolutionärin war immer schon Rosa Luxemburg. Ich wollte sogar meine Kindheit und Jugend lang meine Tochter Rosa nennen, musste aber den Namen immer wieder seufzend weglegen, denn weder mit einem „…mann“ noch mit einem späteren „…ball“ im Nachnamen macht sich der Vorname gut. Sie war auch mein absoluter Liebling, weil ich wenige Frauen kannte, die so mutig und so klug und redegewandt waren. Vor allem aber staunte ich über diese anscheinend unerschöpflich verfügbare Energiezufuhr und Stärke, ohne die die Kämpfe, in die sie sich wagte, nie möglich gewesen sein können. 

Antjes neues Buch schenkt mir nun drei neue US-amerikanische Heldinnen dieser Art. Das Buch ist nicht dick, 215 Seiten, die Schrift ist angenehm groß. 

Auf dem Buchcover sind die drei Frauen, um die es gehen wird, in schwarz-weiß-Fotos portraitiert; und da ich sie noch nicht kenne, lasse ich Gesichter und Namen auf mich wirken: zwei davon – Lucy Parsons und Emma Goldman – schauen mich direkt an. Victoria Woodhull schaut nicht in die Kamera, aber in ihrem Blick liegt nicht weniger Entschlossenheit als in denen der anderen zwei. Allein die Portraits dieser drei schönen und Selbstbewusstsein ausstrahlenden Frauen übertragen eine empowernde Energie auf mich, im gleichen Maße wie der Buchtitel: Unter allen Umständen frei. Revolutionärer Feminismus bei Victoria Woodhull, Lucy Parsons und Emma Goldman. ‚Und natürlich‘, denke ich, ‚ist die Buchcover-Hintergrundfarbe rot, so rot wie die linken anarchistischen Herzen der drei Frauen.‘

Beim Aufschlagen des Buches suche ich bewusst nach einer Widmung oder einem Eingangszitat. Widmung und/oder Zitat sind meine ersten Atemzüge in einem Buch. Eine Widmung offenbart eine enge Beziehung der Autor*in zu bestimmten Menschen; das rührt mich immer und schafft Verbindung zur Autor*in. Ein Zitat hingegen versetzt mich in die intellektuelle Wolke, die im ganzen Leseprozess über mir mitziehen wird. Wenn ich einmal den Faden verlieren sollte, klettere ich oft auf die Wolke und finde von dort wieder zurück ins Lesen. Ein Eingangszitat ist wie der gute weise oder allwissende Geist eines Buches, denn oftmals lebte und wirkte es schon in der Autor*in lange vor der Buchidee und -geburt. Und nicht selten hat das Zitat durch jahrelanges Einwirken auf das Denken der Autor*in Inspiration und Ideen für die Perspektive im Buch gegeben und somit einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass und wie das Buch in die Welt gekommen ist. 

Unter allen Umständen frei enthält nun keine Widmung, aber ein Eingangszitat von Simone Weil: 

„Es gibt eine schlechte Art zu glauben, man habe Rechte, und eine schlechte zu glauben, man habe keine.“

Nichts weniger habe ich von Antje erwartet: ich verstehe schon das Eingangszitat als Einladung zum Mit- und Weiterdenken. Gemütlich in die Hängematte legen und ohne viel Dazudenken Weisheit in den Kopf eingeflößt bekommen ist mit Antje als Denkerin meines Vertrauens nicht zu machen, denn jederzeit mögliche ruckartige Denkbewegungen lassen mich immer in Gefahr schweben, in einem Umdrehschwung bauchwärts auf den Boden zu knallen. Ich liebe diese schillernd-glitzernde Ambivalenz, die ich mit Antjes Denken halten können muss – oder eher: halten können darf. Ich grinse vorfreudig und entschlossen: I am ready, ich nehme die Herausforderung an!

Dabei ist das Buch von der Art her sehr einfach zu lesen. Über ein romaneskes Storytelling werde ich im Prolog sehr schnell mitten in die sozio-ökonomisch-politischen Kontexte gezogen, in welchen die drei Frauen wirkten. Über die nicht nur hier, aber auch nicht durchweg angewendete personale Erzählweise werde ich in die Gefühle eines sich an seinem Lebensende befindenden Mannes namens Anthony Comstock versetzt, der es zeit seines Lebens als sein Ziel ansah, sich für „Moral und gottgewollte Verhältnisse“ (8), „gegen Laster und Obszönitäten“ (7) einzusetzen. Ich kann mir nun denken, dass diese Comstock Acts – eine Gesetzesreihe, die nach diesem Mann benannt und 1873 vom Kongress verabschiedet wurden – das Leben und Wirken dieser Frauen unmittelbar beeinflussen wird – und zwar sicherlich nicht in erfreulicher und unterstützender Weise. 

In Kapitel 1 wird der Bogen zu Trumps zweiter Regierungszeit gespannt, in welcher Vorschläge für Anti-Abtreibungspläne diskutiert werden, die sich auf eine Wiedereinführung der Comstock Acts stützen würden. Ich fühle hier bereits die frische Brise aus der Eingangszitatswolke: Rechte werden gegeben und Rechte werden wieder genommen; und dazwischen, darauf, darunter, daneben, dahinter und davor geben mehrere Generationen von Feminist*innen viel Schweiß, Zeit, Kraft und sogar ihr Leben im Kampf für Rechte, die ihnen unter allen Umständen Freiheit (für immer?) garantieren sollen. 

Ich ahne, dass diese drei Frauen anders ticken; dass sie nicht nur für Gesetze wie das Wahlrecht kämpfen, sondern dass sie weibliche Freiheit auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen erkämpfen wollen. 

Antje stellt die Frauen nicht in gewohnter Biografie-Form vor, sondern bettet ihr Leben und ihre Kämpfe in den Kontext ihrer jeweiligen Herkünfte, Erfahrungen und Begehren ein, mit dem Fokus auf den historischen Kontext ihrer jeweils größten Kämpfe. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Feministinnen und Anarchistinnen sind. Geboren 1838, 1851 und 1869, überschneiden sich ihre Lebens- und Wirkungszeiten. Sie beeinflussen sich auch gegenseitig in ihrem Denken. Gemeinsam ist ihnen auch, dass jede für sich bis zum Ende vor allem sich selbst und ihrem eigenen wilden Denken treu bleibt. 

Victoria

Zugegeben: Victoria Woodhulls Vorstellung sorgt dafür, dass ich mich Hals über Kopf in sie verliebe, diese crazy witch. Antje weiß viel über diese Frau, und ich fühle sofort, dass sie ihr bereits zuvor viel Zeit und Liebe gewidmet hat. Und ich freue mich, dass ihr Buch Das Aufsehen erregende Leben der Victoria Woodhull von 2002, wie das aktuelle Buch erschienen im Ulrike Helmer Verlag, noch ungelesen in meinem Regal steht.

Hätte ich es mir in einer Hängematte gemütlich gemacht, wäre ich schon nach den ersten Schilderungen über ihre Kindheit das erste Mal aus der Hängematte gefallen vor lauter Excitement über ihre White-Trash-Familie, die Wunderheilerei, ihre Erfahrungen als Prostituierte usw. usf. So angetackert, wie ich gerade von ihren spirituellen Fähigkeiten bin, die ich im Übrigen – im Gegensatz zu Antje – nicht nur für Schummelei oder Scharlatanerei halte, gebe ich mich unverzüglich meinem „esoterischen“ Hobby (Astrologie wird in Deutschland unter „Esoterik“ eingeordnet, oder?) hin und ergoogle mir ihr Geburtshoroskop. Und ha!, siehe da! Unglaublich!: ihre Sonne liegt mit nur einem Grad Unterschied quasi direkt auf ihrem Aszendenten, natürlich! Deswegen gibt sie a f*** shit darauf, was die Gesellschaft sagt zu ihrer Wunderheilerei und Hellseherei, zu ihren Liebschaften, zu ihren zwei (Ex-) Ehemännern unter einem Dach, zu ihr als Börsenmaklerin und natürlich auch zu ihrer Präsident*innenschaftskandidatur, u.v.m. Diese außergewöhnliche Überlagerung von Aszendent und Sonne erklärt auch den „Magnetismus“ (und ihre Fähigkeiten als „magnetische Heilerin“!), den sie auf andere Menschen ausübt und den Antje mehrmals erwähnt. 

Die Kämpfe und Intrigen gegen sie und ihre auf Diversität (auch sie – wie Emma – eine Verfechterin der „freien Liebe“ und sogar Auslöserin einer „Freie-Liebe-Panik“!) angelegte revolutionäre Bewegung sind Victoria nicht egal, keinesfalls, denn sie bringen sie immer wieder ins Gefängnis, mindern ihren politischen Einfluss sowie ihre finanziellen Mittel, wie Antje erzählt. Aber auch das hindert sie nicht daran, sich als erste weibliche Präsident*innenschaftskandidatin aufstellen zu lassen. Während die Feministinnen um sie herum vor allem das Frauenwahlrecht erkämpfen wollen, hält sie diesen Kampf für überschätzt. Wichtiger seien wirtschaftliche Unabhängigkeit und sexuelle Gleichstellung der Frauen; „ein ganz neues Modell von Geschlechterbeziehungen, die gleichzeitig auch neue ökonomische Verhältnisse und ein neues politisches Rechtsverständnis bedeuten“, was u.a. beinhalten würde, dass „normale Ehefrauen auf eine Stufe gestellt werden mit Sexarbeiterinnen“ (71). Ich kann mir sehr bildlich den Aufruhr nicht nur in der Gesellschaft allgemein, sondern auch unter Mittel- und Oberschichts-Feministinnen vorstellen.

Lucy

Lucy Parsons bleibt für mich zunächst als einer Person, von der nicht einmal das Geburtsdatum bekannt ist und welche sich zudem als junge Frau eine neue Identität inklusive neuer Ethnienzugehörigkeit im sogenannten „Passing“ zulegt, erst einmal im Nebel stehen. Während ich ihre Umrisse in den Nebelschwaden einer Chicagoer Straße in einem Armenviertel zu erkennen versuche, lese ich zum einen über die sozio-politischen Umstände ihres Lebens, das in Sklaverei begann, und zum anderen über die sozio-ökonomischen Bedingungen, in denen ihre Politisierung und ihre politischen Kämpfe verortet werden müssen. Kämpfe, mit welchen sie die aussichtslosen Bedingungen der ärmsten Bevölkerungsschichten der USA ändern will. Einer ihrer Kämpfe, den sie maßgeblich prägte und der sie bekanntmachte, ist der Haymarket-Justizskandal. Sie war in diesen auch persönlich involviert, denn einer der durch das Gerichtsurteil zum Tode Verurteilten und am Ende tatsächlich Gehängten ist ihr Ehemann. 

Lucy lehnt Gewalt nicht grundsätzlich ab. Diese Position ist für viele heute vielleicht unverständlich, aber Antje spürt mit ihrem Eintauchen in die „Freiheitskultur“ der USA („Wer per Gesetz geschützt werden muss, kann kein freier Bürger sein“, S.99) und der himmelschreienden Ungerechtigkeiten zwischen „Kapital“ und „Arbeit“ die Gründe für diese Position auf. Was bleibt einem, wenn keine andere Form des Aufbegehrens und schon gar keine Rechte, die für die meisten Unterprivilegierten eher Repression als Schutz bedeuten, zu Veränderung hin zu einem guten Leben für alle führen kann? Für Lucy ist der Griff zur Waffe eine logische Konsequenz aus all den fehlgeschlagenen Versuchen ohne bewusste Gewaltanwendung: „Die Unterprivilegierten müssen so stark werden, dass sie bei einem Vertragsabschluss nicht mehr in der schwächeren Position sind.“ (S.99)

Emma

Durch die Form von Antjes Präsentation bewahre ich zunächst eine kühle Distanz zur dritten im Bunde, Emma Goldman. Ein bisschen rassistisch und ein bisschen Vorurteile gegen Unterklassen und Werktätige, ein bisschen zu narzisstisch…, puh, alles Dinge, die ich erstmal nicht so mag. Auch sie mischte sich – Lucys Kampf unterstützend – in den Haymarket-Justizskandal ein. Aber weitaus mehr Aufmerksamkeit schenkte sie dem 1893 ausbrechenden Arbeiterstreik im Stahlwerk der Carnegie Steel Company in Homestead, einem kleinen Städtchen in Pennsylvania. Es ist einer der größten Arbeiterstreiks dieser Zeit, der am Ende mit vielen Toten auf beiden Seiten niedergeschlagen wird. 

Ich komme Emma – auch Antje nennt die drei Frauen bei ihren Vornamen – wieder näher, weil ich mag, wie sie zuhören kann und lernt, ihre politischen Überzeugungen aus den unmittelbaren Erfahrungen von Menschen zu formen. So wird auch sie – wie die anderen zwei – zu einer Denkerin, die in keine Schublade passt und welche bald gar keine Schablonen – beispielsweise in Form von Ideologien – mehr vor ihre Wahrnehmungen und Erfahrungen schiebt.

Aus dem Buch wird mir allerdings nicht ganz klar, wie nahe sich die drei Frauen standen. Sie waren sicher keine Freundinnen, auch wegen der Altersunterschiede, und sie haben – wenn ich nichts überlesen habe – auch nie zusammen in einem Verbund gekämpft. Deutlich wird, dass sie sich als Anarchistinnen und Feministinnen gegenseitig respektierten und anerkannten, auch wenn sie nicht selten unterschiedliche Meinungen vertraten. Antje versteht es ausgezeichnet, die Gründe für diese Unterschiede aus den unterschiedlichen Herkünften und Erfahrungen o.ä. herauszuarbeiten. Warum stand Lucy Parsons nicht hinter den Proklamationen vieler Anarchist*innen jener Zeit von „freier Liebe“ wie z.B. Emma Goldman, obwohl sie selbst nach dem Tod ihres Ehemanns (und vielleicht auch schon davor) „freie Liebe“ praktiziert? Diese Ablehnung hat mit ihrem Schwarzsein zu tun, mit ihrer Herkunft aus der Sklaverei und mit dem Rassismus, durch welchen gerade Schwarze Frauen immer damit rechnen müssen, vergewaltigt zu werden. Zudem stellen für Lucy „Verbindlichkeit und Dauerhaftigkeit von Liebesbeziehungen einen hohen Wert dar“, denn „sie bedeuten Solidarität und Freiheit für Communities, die von Mächtigen verfolgt und unterdrückt werden“ (S.126). (Lucys ablehnende Haltung gegenüber „freier Liebe“ erinnert mich an die ablehnende Haltung einer Protagonistin aus Jacinta Nandis Roman Single Mum Supper Club gegenüber dem Konzept Regretting Motherhood. Diese sagt, dass Schwarze und PoC-Frauen es sich nicht leisten können, Regretting Motherhood im Diskurs beizupflichten. Denn sie würden sofort ihre Kinder vom Jugendamt entzogen bekommen. Regretting Motherhood sei also ein rein weißes Mittel- und Oberschichtsprivileg.) Für Lucy ist der Kampf für andere Besitz- und Produktionsverhältnisse viel wichtiger; und der entscheidende Hebel für politischen Aktivismus muss für sie die Unterdrückung der Arbeiter*innen als Klasse sein (S.121). 

Antje vermutet, dass also aus dieser Erfahrung heraus für Lucy das Sex- und Liebesleben etwas Privates ist und nicht Teil des politischen Aktivismus. Ich verstehe absolut, warum Lucy diesen Kampf nicht aufnehmen kann und will. Aber in mir kommt dennoch unweigerlich die Frage auf, ob dann aus diesen unterschiedlichen Erfahrungen heraus doch immer „irgendwas Privates unpolitisch bleiben muss“ (und „irgendwas“ kann für jede Frau* ja immer etwas anderes beinhalten). Oder ob nicht auch hier der Kampf in intersektionaler Form aufgenommen werden muss. Die unterschiedlichen Einstellungen zur Politisierung von „freier Liebe“ kann aus so unterschiedlichen Erfahrungen resultieren wie bei Lucy und Emma, und doch machen – wie ich finde – sowohl die Forderung nach „freier Liebe“ als auch die Ablehnung dieser Forderung auf real existierende weibliche Unfreiheiten aufmerksam. 

Es ist die Stärke von diesem Buch, diese unterschiedlichen Positionen zu erklären und nebeneinander stellen zu können, ohne eine davon zu präferieren oder eine unter den Tisch fallen lassen zu müssen. Sklaverei und Rassismus sind nicht wegzuradieren; weder aus der Geschichte noch aus den Schwarzen Körper*innen, die jeden Tag  rassistischer, sexualisierter und geschlechtsbezogener Gewalt ausgesetzt sind. Und deshalb müssen wir aushalten können, dass die Positionen nur nebeneinanderstehen können, ohne sich dabei jedoch gegenseitig auszuschließen.

Diese Erkenntnis lässt mich unweigerlich in unsere heutigen feministischen Kämpfe schauen. Wir können mit dem Buch verstehen, dass wir – um als Feminist*innen gemeinsam stark zu sein – unbedingt Vielfalt in feministischen politischen Positionen halten können müssen. Worauf wir achten und vertrauen müssen, um eine Position ernst zu nehmen, ist, dass das Denken – so wie bei Victoria, Lucy und Emma – auch bei jeder anderen Person aus der konkreten Erfahrung entsteht. Wichtig zu verstehen ist dabei, dass es sich nicht nur um die jeweils eigene Erfahrung handeln muss. Victoria beispielsweise trägt die Erfahrung von tausenden von Frauen in sich, und sie übersetzt sie u.a. direkt in ihre politischen Kämpfe und Forderungen in ihrem Präsident*innenschaftswahlkampf.

Inspirierend sind diese drei Frauen auch, weil sie nur so lange in irgendwelchen Verbänden oder Zusammenschlüssen waren – so habe ich das jedenfalls herausgelesen –, wie ihr freies und wildes Denken es zuließen. Sie entwickelten ihr eigenes Denken konsequent aus ihren Erfahrungen, und wenn eine Gruppe oder ein Mann nicht mehr dazu passte, dann setzten sie das Denken ebenso konsequent und selbstbewusst allein fort. Auch das kann inspirierend und befreiend für heutige Feminist*innen und ihre Kämpfe sein, denn manchmal entsteht Unfreiheit mitten im Kampf, wenn konkrete Erfahrungen in irgendeinen Diskurs oder eine Ideologie eingepasst werden müssen. 

Gerade in Deutschland wurden und werden noch harte Kämpfe zwischen queerem und materiellem Feminismus ausgetragen; als zöge sich zwischen den beiden Feminismen und ihren multiplen Unterformen die eigentliche „feindliche“ Grenze. Immer kleinere Verkapselungen in Safe Spaces und Ausschlüsse verschiedenster Art haben den eigentlich doch gemeinsam zu führenden Kampf geschwächt.

Ich möchte – wie Antje – vielmehr wissen und verstehen: unter welchen Umständen ist ein Weltbild gereift, welche Erfahrungen und Personen haben diese Person geprägt? 

Vielleicht müssen wir lernen, dass jede Person nur da kämpfen kann, wo sie Strom draufhat (und in diesem Sinne hat Lucy beispielsweise einfach keinen Strom auf dem Kampf für “freie Liebe”). Und dass wir unter allen Umständen solidarisch miteinander sein müssen, solange sich eine Person nicht als komplettes Arschloch outet, das unter keinen Umständen mit sich reden lässt. Über unsere Unterschiede müssen wir offen, frei und wild diskutieren können; nur so erweitern wir unsere jeweiligen Erfahrungen und weiten unsere Herzen und unser Denken. Weder bestimmt das Sein komplett das Bewusstsein, noch bestimmt das Bewusstsein komplett das Sein. Kulturelle wie materielle Aspekte spielen für alle immer eine Rolle; für die einen sind nur die einen mehr und die anderen weniger wichtig. Was dabei für wen wichtiger ist, liegt u.a. in unterschiedlichen Erfahrungen begründet. 

Es gibt noch viele weitere Diskussionsanregungen in diesem Buch, z.B. zur Gleichstellung (keine der drei Frauen ist davon besonders überzeugt) oder auch zur Notwendigkeit des Zusammenkommens von symbolischem und konkretem Aspekt in einer “direkten Aktion” oder einer “Propaganda durch die Tat” (Schlagwörter jener Zeit im Anarchismus) (v.a. ab S.181, aber auch schon davor). Wer jetzt nicht genau weiß, was es damit auf sich hat, nehme das Buch in die Hand und benutze danach für Fragen oder Diskussionsweiterführung gerne die Kommentarfunktion unten, wir freuen uns.

Kommen wir am Ende zurück auf das Eingangszitat und auf die Bedrohung, die von den Vorhaben der jetzigen Trump-Regierung ausgeht. Weder Der Report der Magd von Margaret Atwood, ja noch nicht einmal Suzette Haden Elgins Romantrilogie, beginnend mit Amerika der Männer (Originaltitel Native Tongue), in welchen Frauen gar keine (Bürger-)Rechte mehr haben, scheinen noch komplett außerhalb der Möglichkeiten eines düsteren Zukunftsszenarios.

Aber was können Frauen dann tun? Antje schreibt:

„Was sich aber nicht so leicht ändern lässt, ist das Bewusstsein über die Würde und die Freiheit von Frauen, das eine unermüdliche feministische Kulturarbeit im Wissen der Gesellschaft verankert hat. Diese tiefe Überzeugung lässt sich nicht mit einem autoritären Federstrich ausradieren. Sie lässt sich nicht ausmerzen, indem man ihre staatliche Finanzierung entzieht. Sie ist das, worauf sich die Freiheit der Frauen und letztlich die Freiheit aller Menschen gründet. Und somit auch die Grundlage für feministisches Engagement.“ (S.211)

Das Buch schließt mit dem Eingangszitat von Simone Weil. Während ich das Buch zuschlage, fühle ich: diese inspirierende Denkwolke wird mir noch eine ganze Weile frische Brisen zusenden. Jetzt gönne ich mir aber erstmal eine Denkpause in der Hängematte mit Blick auf Sand, Sonne, Meer und Buch im herrlichen Spätsommerseptember an der Ostsee.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Anne, hab herzlichen Dank für deine schöne Rezension zu Antjes Buch. Ich hab’s noch nicht gelesen, freue mich nun aber noch mehr darauf.

  • Anja Boltin sagt:

    Wow! Das ist eine tolle, sehr anschauliche Rezension. Vielen Dank dafür!

  • Monika sagt:

    Eine sehr ausführliche und informative Buchbesprechung – macht richtig neugierig Lust darauf das Buch zu lesen – und am liebsten dort am Strand – “mit Blick auf Sand, Sonne, Meer und Buch im herrlichen Spätsommerseptember an der Ostsee” …

  • Juliane Brumberg sagt:

    Jetzt endlich habe ich Antjes Buch gelesen – und nebenbei ganz viel gelernt über spannende Details der US-amerikanischen Geschichte. Annes weiterdenkender Rezension ist nicht viel hinzuzufügen. Es ist einfach ein gelungenes Sachbuch, das sich sehr vergnüglich liest.

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