beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

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CLOSE ENOUGH – Neue Perspektiven von 13 Fotografinnen der Agentur Magnum 

“Is there such a thing as a ´female gaze´?” – fragt eine Ausstellung des C/O in Berlin, die Fotografie-Projekte von 13 Magnum-Fotografinnen vorstellt. Jutta Pivecka meint: Ja.

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Qual der Wahl

Winter ist die Zeit fürs Romanelesen. Aber welche? Es gibt einfach sehr, sehr viel Auswahl.

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Zeitgemälde des Bauens in Ost und West

Ein offensichtlich spannendes Buch über die Architektenfamilie Henselmann wird hier vorgestellt.

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The Two Queens and the King

Isis und Maria: was haben sie gemeinsam? Eine kleine weihnachtliche Reise hin und her zwischen diesen mächtigen weiblichen Figuren eines Archetyps; von der Geburt ihrer göttlichen Kinder bis zum leidvollen Tode und der Wiederauferstehung… und wieder von vorne. Besinnliche Weihnachten wünsche ich!

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Die vergessenen Frauen

Maria hat in einem Stall allein, mit Josef, Ochs und Esel, entbunden? Als Erstgebärende? Das ist so absurd, dass es einfach nicht stimmen kann, meint Mara Panther.

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“Nicht indifferent sein”

Einige Menschen haben sich gewünscht, die Dankesrede von Antje Schrupp zum Luise Büchner Preis für Publizistik noch einmal nachlesen zu können – voilà.

Das Private ist jetzt öffentlich, total! Und nun? 

Von Jutta Pivecka

Frauen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit: “Strolling actresses stressing in a barn” von William Hogarth, 1738

„Das Private ist politisch!“, skandierten die 68er und die Frauenbewegung griff den Slogan auf, um die Herrschaft des Patriachats in den Familienstrukturen offenzulegen. Politisch zu analysieren waren u.a. Geschlechterverhältnis, Fragen von Liebe und Sexualität, Kindererziehung oder Eigentumsfragen in der Ehe. Die Einbeziehung des scheinbar geschützten, privaten Raumes in das politische Denken war zwingend notwendig, um den konkreten Anliegen von Frauen, ihrem Begehren nach Veränderung, Gehör zu verschaffen.
Das Konzept der Trennung von privat/öffentlich war zu diesem Zeitpunkt in dieser Form gerade einmal knapp 200 Jahre alt, ein Produkt der Aufklärung. Die „Innerlichkeit“ der Familie wurde im Laufe dieses Prozesses zum Raum der Frau erklärt, den sie zu pflegen und zu hüten hatte, während der öffentliche Raum dort war, wo Männer miteinander die Diskurse um Macht und Politik führten.

Von Anfang an war diese scharfe Trennung zwischen privat/öffentlich ein Elitenprojekt, realisierbar nur für die obersten Schichten, die sich den Rückzug der Frauen in die Privatsphäre auch finanziell leisten konnten. Dennoch wurde es sukzessiv zum Ideal für alle. Das „So-macht-man-das-nicht.“ auch der kleinbürgerlichen Mutter, wenn ihre Sprösslinge Messer und Gabel nicht korrekt hielten, zielte – wie alle Benimmregeln seit Knigge – darauf, die Kinder auf die Selbstrepräsentation in der Öffentlichkeit vorzubereiten. „Man“ sollte wissen, wie man sich in der Öffentlichkeit anzieht, grüßt, unterhält, speist usw. Und umgekehrt eben auch: Was „man“ „in der Öffentlichkeit“ nicht darf: schlampige, schmutzige Kleider tragen, furzen, laut werden, sich prügeln usw. 

Das Konzept ist heutzutage veraltet. Jüngere Menschen verstehen es z.T. gar nicht mehr, scheint es. Man trägt Jogginghose im Supermarkt, schlurft in Adiletten ins Amt, berichtet laut am Smartphone der ganzen Trambesetzung von intimen Beziehungs- oder Darmproblemen. Kürzlich erzählte mir eine Freundin, wie ihr der Kragen geplatzt sei, als in einem ihrer Seminare an der Universität eine Teilnehmerin sich sorgsam die Nägel lackierte. Und plötzlich ertappe ich mich dabei, wie ich mir Zeiten zurückwünsche, in denen „man“ wusste, womit man in einer Welt, in der sich täglich Fremde begegnen, „die anderen“ nicht belästigen darf, in der den meisten bewusst war, dass der öffentliche Raum nicht ihr persönliches Wohnzimmer ist. 

Oder ist diese Regung auch bloß „elitär“, rückwärtsgewandte und nostalgisch? Typisch Boomer halt? 

Autorin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 04.02.2026
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… ist ein Internetforum, das, von Beziehungen unter Frauen ausgehend – daher der Titel – , ein philosophisches und politisches Gespräch ermöglicht. Es ist aus dem Wunsch der Initiatorinnen heraus entstanden, eine Plattform für Ideen zu schaffen, die ausgehend von der weiblichen Liebe zur Freiheit die Welt verstehen und Gesellschaft gestalten. Es bietet eine Möglichkeit, Gedanken zu entwickeln und zu diskutieren, unterschiedliche Projekte und Netzwerke miteinander in Kontakt und ins Gespräch zu bringen, Informationen auszutauschen, sich inspirieren zu lassen, neue Ideen zur Welt zu bringen. An diesem Projekt kann sich grundsätzlich jede Frau aktiv beteiligen, die in irgendeiner Weise mit einer der Redakteurinnen oder Autorinnen in Beziehung tritt.

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Illustration: Annekatrin Zint

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